Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1908)
- Date
- 1908-01-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Jje wart Uom Kriegsschauplatz des Darwinismus. Bon Dd. I. Wohlgemuth in Berlin. Eine ganze Reihe von Büchern haben sich wieder auf meinem Schreibtisch angesammelt, Bücher, die uns in die Höhe tragen wollen, dorthin, wo die Antwort gesucht wird auf die. letzten Fragen, die die Menschheit beschäftigt. Es wird schwer, mit der Besprechung allen Neuerscheinungen zu folgen. Eines ist klar, und es würde, wenn nicht aus gewichtigeren Momenten, schon aus der Fülle der diesbezüglichen Schriften sich ergeben, daß die Zeit der spezialisierenden Einzelforschungen ein wenig müde geworden und das Streben hat nich zusammenfassenden Heber» blicken über das Ganze der Erscheinungen. Auch das ist zweifellos, daß eine religiöse Flutwelle, wenn wir das Wort brauchen dürfen, sich über die Menschheit ergießt, daß ein Suchen und Tasten nach einer neuen Religion sich überall kundgibt, ja daß die religionsfeindlichen Bestrebungen, wie sie sich in der Agitation des Monistenbundes kundgeben, letzten Endes auch dem Sehnen nach einem festen Halt, einer sicheren Stütze entspringen, nachdem in den rein materialistischen und frivolen Expektorationen der ver- Snen Periode das heiligste Anliegen der chheit so lange verspottet worden ist. Es liegen mir hier vor: Schriften von Bölsche, Peters, Plate und Wasmann.*) <. Alle diese Schriften haben es mit dem Gegensatz zu tun, der heute mehr denn je die Gemüter erregt, mit dem Gegensatz zwischen der naturalistischen und religiösen Weltansicht. Wenn man freilich die Gegner der religiösen Weltansicht fragt, auch die streitbaren Verfasser der erwähnten Schriften Bölsche und Plate, so werden sie sich sehr energisch gegen diese Formulierung verwahren. Ultramontane Weltanschauung und moderne Lebenskunde, und vor allem Orthodoxie und Monismus, tzas hört sich viel schöner an als naturalistische und religiöse Weltanficht. Und rl besonders das Wort Monismus, diese seltsamste Blüte am Baume der „Ismen"! Welche Perx *) Was ist die Natur? von Wilhelm Bölsche. Berlin 19Ö7. Georg Bondi, 188 S. Glauben und Wissen tm ersten biblischen Schöpsunüsbericht von D. Norbert Peters, Pros. d. Theol. an der B. theolog. Fakultät zu Paderborn. Paderborn 1907. Ferdinand Lchöningh Xll u. 80 S. Mkramontane Weltanschauung und moderne Lebenskunde, Orthodoxie und Monismus. Die Anschauungen des Jesuitenpaters Erich Wasmann und die gegen ihn in Berlin gehaltenen Reden, herausgegeben von Pros. Dr. L. Plate, Berlin. Jena 1907. Gustav Fischer. Der Kamps um das Entwickelungsproblem in Berlin. Ausführlicher Bericht über die im Februar 1907 gehaltenen Vorträge und Über den Diskusfionsabend von Erich Wasmann S. I. Fretburg i. Breisgau, Herdersche Verlageha.idlung 19J7. XU u. 162 S. spektive eröffnet sich da beim Klange dieses Wortes! Freiheit des Denkens, hochgesteckte Ziele des Wollens, Seligkeit des Fühlens! Ich muß die Charakterisierung dieses Wortaberglau- < bens durch einen Mann, der sonst ein Gegner der religiösen Weltanschauung ist, wie an anderer Stelle auch hier zitieren: „Für Häckel und seine Gefolgschaft ist das Wort Monismus ein Schibboleth und zugleich ein Panier geworden, eine Art Zauberformel, geeignet, alle Gebrechen und Unvollkommenheiten der kranken Menschheit zu heilen. Aller Fortschritt im Geistigen und Sittlichen, alle gesunde Entwickelung in Wiffenschaft und Leben, in Staat und Gesellschaft ist für ihn an eine monistische Weltansicht oder was er dafür ausgibt, gebunden. Und ebenso, ist ihm „Dualismus" das Kennwort für alles Unvernünftige, Verkehrte, Rückständige auf den gleichen Gebieten, der große Hemmschuh in der fortschreitenden Kulturentwickelung der Menschheit. Dabei macht sich Häckel die Sache insofern leicht, als er nach dem Grundsatz: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich," einfach alle Nichtanhänger seines Monismus in das große Sammelbecken des Dualismus wirstwer nicht Monist im Häckelschen Sinne ist, der ist Dualist." Ganz so schlimm treiben es ja Bölsche und Plate nicht. Aber schon der Titel der Schrift bei Plate ist eine Irreführung, gegen die nicht scharf genug Protest eingelegt werden kann. Auf das Buch von Plate näher einzugehen, erscheint unnötig. Den Lesern des „Israelit" ist aus meiner Artikelserie: „Die Vorträae des Paters Erich Wasmann in Berlin" der Inhalt dieser Borträge bekannt und ebenso der Eindruck, den die an die Vorträge sich anschließende Diskussion hinterlaffen. Plate gibt einen Auszug aus Wasmanns Vorträgen, die Reden der Opponenten in erweiterter Form, hierauf Wasmanns Schlußrede mit starken Kürzungen und dann einige Schlußbetrachtungen. Die Schrift Plates ist trotz des pomphaften Titels gegenüber der von Wasmann wertlos. Sie ist in der ganzen Anlage parteiisch gehalten und über die „Schlußbetrachtungen" kann ich nur dasselbe Urteil fällen, d a's Wasmann in seiner Schrift S. 157 gibt. „Sie sind nicht vom Standpunkt objektiver Wiffenschaft, sondern vom kirchenfeindlichen Parteistandpunkt aus gehalten. Auf sie trifft in noch höherem Maße als auf die Rede Plates das Urteil des protestantischen Kritikers Dr. M. Senff zu, welches in dem Satz ausklang: „Lieber etwas weniger ^kirchenpolitische Entrüstung und etwas mehr wissenschaftliche Wahrhaftigkeit!" Wasmanns Schrift: „Der Kampf um das Entwickelungsproblem in Berlin", ist für diejenigen, die sich eingehend über die Vorgänge am Disrufsionsabend unterrichten wollen, von Bedeutung. Sie gibt zunächst die drei Vorträge wörtlich wieder, dann aber auch die Reden der Opponenten mit Ausnahme derer vom Grafest Hoensbroech und Privatgelehrten Jtelsohn, die beide nicht zur Sache sprachen, und das Schlußwort Wasmanns. Wasmann gibt in seinem Buche dann eine eingehende Widerlegung der Gründe und Beweise, die die Opponenten vor» gebracht haben, in streng sachlicher Weise. Es ist natürlich unmöglich, hier aus diesen ins Einzelne gehenden Ausführungen etwas mitzuteilen. Nur oas will ich betonen, daß Wasmann hier feurige Kohlen auf das Haupt seiner Gegner sammelt. Ich erinnere mich noch genau des unerhörten, geradezu unparlamentarischen Tones, in dem Prof. Hansemann seine Entgegnungen vorbrachte. Er war es auch, der in mehreren Artikeln der Boff. Zeitung sich zum Worte meldete und den Jesuitismus und die „Charlatanerie" Wasmanns fortwährend betonte. Wasmann erwähnt nicht das Geringste von diesen Dingen. Er widerlegt nur im Einzelnen all das in der Tat Unhaltbare, das v. Hansemann vorgebracht hat. Besonders interessant sind feine Mitteilungen über den Wurmfortsatz des Blinddarms, auf S. 95, der in der Theorie von der tterische« Abstammung des Menschen eine so große Rolle spielt. Im Nachwort gibt Wasmann eine kleine Blütenlefe aus den über 500 Artikeln und Aufsätzen, die im Anschluß an seine Borträge geschrieben worden sind. Er kann dabei mit Genugtuung konstatteren, daß die allerwenigsten sich auf den Standpunkt Häckels und feiner Gefolgschaft gestellt haben. Die Leser des „Israelit" wird seine Bemerkung auf S. 149 interessieren: „Das vernichtendste Urteil über das Verhalten eines großen Teils der sogenannten liberalen Presse hat wohl der „Israelit", Zentralorgan für das orthodoxe! Judentum, (Nr. 13 vom 28. März) in einem Berliner Briefe gefällt, den die „Germania" kurz mitteilte. Jener „Israelit" schließt aus der Preßfehde, die schon vor meinem ersten Berliner Bortrage am 12. Februar besann und dann namentlich im Anschluß an den Diskussionsabend in jenen Blättern weitergesührt wurde, nicht mit Unrecht: „Liberalismus und Intoleranz in religiösen Dingen sind identische Begriffe". Meine Artikelserie war z. Z. Wasmann noch nicht bekannt. Ich habe, wie den Lesern erinnerlich sein wird, dem Nachweis von der Intoleranz des Liberalismus in religiösen Dingen den ganzen dritten Teil meiner Ausführungen gewidmet. Sie sind, inzwischen von verschiedenen Seiten, auch von einem so völlig unbefangenen und unparteiischen Beurteiler wie Karl Jentsch durchaus gebilligt worden. Das Buch von Bölsche: „Was ist die Natur?" ist wie alle Bücher Bölsches geschrieben. Bestrickend in der Form, das Werk eines großen Dichters, aber zugleich mit dem Anspruch auftretend, das Produkt streng wissenschaftlicher For-