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Der Israelit · 1908-01-23 · Heft 4 (23.1.1908) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 4 (23.1.1908)
Date
1908-01-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 12. Nr.' 4. schung ru sein. Die Logik, das ist bei Bölsche immer das zweite Wort. Und das ist das so Gefährliche an allen seinen Schriften. Es ist mir ganz unbegreiflich, wie Bölsche in unseren Blättern hier als Zeuge für die Schöpfungsgeschichte hat beigebracht werden können. Er ist Häckelianer durck und durch.*) Seine vier Borträge, die er kürzlich in Berlin über die Entwickelungslehre gehalten, sind wohl das stärkste, was dem Bekenner der positiven Religion geboten werden konnte. Im letzten z. B. verbreitete er sich — man kann kaum die Blasphemie niederschreiben — über Affenkindschaft und Gotteskindschaft und stimmte einen begeisterten Hymnus an über die Affenkindschaft, die den Menschen aus sich selbst stelle, die ganze Entwickelung als Ergebnis der eigenen Kraft lehrte, während im anderen Falle der Mensch immer am Gängelbande erscheine, geführt und geleitet von einer ihm fremden Macht. Das vorliegende Buch enthält eine Schilderung des Weltbildes, wie es sich im Kopfe der griechischen Naturphilosophen von Thales bis Empedokles malte. Empedokles steht natürlich im Vordergrund, wird er ja heute auch sonst als ein Vorläufer Darwins angesehen, man sieht in seinen seltsamen Phantasieen über die Entstehung der Tiere, daß zuerst allerlei Gliedmaßen entstanden, die dann durch Zufallskombinationen zu grotesken Gebilden sich gestalteten, bis die lebensfähigen Kombinationen übrig blieben, man sieht in diesen Phantasieen ja eine grandios intuitive Vorahnung der Entwickelungslehre. Wie Bölsche freilich auch das Seltsamste plausibel macht, wie er es verstehe, seine-wiffenschaftlichen Auseinandersetzungen in wunderbar-poetische Naturschilderungen eiuzuflechten, das ist geradezu ein ästhetischer Genuß. Aber dieser Genuß ist nur dem zu empfehlen, der über all das Problematische, das die moderne Naturphilosophie enthält, ein sicheres Urteil hat und Dichtung von Wahrheit stets zu scheiden weiß. Es scheint, als ob Bölsche selbst das Problematische seiner Lehre zum Bewußtsein käme. Denn er schließt sein Buch mit den Worten: „Siehst du das Boot kommen mit seinen singenden Ruderern, starke Männer, die das Sirenenlied vom Glück nicht singen, um dich zu beirren in deinem starken, ehrlichen Kampf um Forschung und Liebe? . . . Ist es ein Traum? Wer hat recht?" Schade, daß Bölsche nur selten so bescheiden ist. Das Buch von Norbert Peters gibt uns, wie schon der Titel besagt eine Auseinandersetzung über das Verhältnis der Entwickelungslehre zum biblischen Schöpfungsbericht vom Standpunkt des Katholizismus. Ich habe in meiner Schrift über Wasmann (S. 47 f.) geschildert, welche Stellung der Katholizismus zur Bibelkritik einnimmt. In dieser Schrift von Peters wird diese Stellungnahme noch genauer formuliert. Wer sich darüber eingehend orientieren will, dem ist das Buch dringend zu empfehlen.' In klaren und vor allem kurzen Auseinandersetzungen wird die Auffaffung der Katholiken von der Inspiration und der Offenbarung gegeben. Das gesetzestreue Judentum freilich kann mit diesen Theorien nicht viel anfangen, da sie eine Konzession machen an die sogenannte Quellenscheidung in der Genesis, wie sie die Bibelkritik behauptet. Das gesetzestreue Judentum muß in der Erörterung des biblischen Schöpfungsberichtes vom naturwissenschaftlichen Standpunkt vielmehr seinen eigenen Weg gehen, der früher bereits an dieser Stelle angedentet wurde. *) Der Berfaffer des betreffenden Artikels hatte nur zeigen wollen, wie selbst der eingefleischte Häckelianer Bölsche genötigt ist, die Reihenfolge der Schöpfungsvorgünge im Großen und Ganzen übereinstimmend mit dem Bericht der Bibel anzugeben. Es wurde auch zu der gegenüber Bölsche gebotenen Vorsicht in einer redaktionellen Note gemahnt. D. Red. Der JSraciit. 23. Januar 1908. Geschichte Israels von W. Jawitz. (Berlin, Artilleriestr. 28) 6. Band, 2 Teile- Die Zeit der Tannaim. ücherschau Bon dem Historiker Wolf Jawitz, dessen Namen b:i allen des Hebräischen Kundigen guten und vollen Klang besitzt, ist der sechste Band seiner Geschichte Israels er-, schienen. Aus einem Bande sind strenggenommen zwei gewordendie Periode, welcher dieser Teil seines groß angelegten Geschichtswerkes gewidmet ist, ließ sich offenbar nicht so kurz wie die vorhergehenden behandelnunter der Hand schwoll der Stoff dem Verfasser mehr und mehr an und machte die Teilung in zwei Halbbänden nötig. Es ist die Zeit der Tannaim, von Jochanan ben Sackai bis Jehuda Hanaffi's Generation, also die Zeit nach der Zerstörung des zweiten Tenipels, der Zertrümmerung des jüdischen Staatswesens, der Konstituierung und Schaffung des extlischen Judentums» Mit vollem Recht hat der Berfaffer diesem Abschnitt unserer Volksgeschichte seine besondere Aufmerksamkeit zu Teil werden lasten. Denn sie ist für die jüdische Weltanschauung, für den Begriff des Judentums von grundlegender, ausschlaggebender Bedeutung. In „der Philosophie der Geschichte" dieser Jahrhunderte liegt der Angelpunkt unseres Seins und Wesens. Denn das ist das Wesentliche, was wir von der jüdischen Geschichtsforschung erwarten: nicht die Aufzählung der äußeren Erlebnifsnisse und Schicksale unseres Volkes, sondern vor allem eine Antwort auf die Frage: was lehrt uns die jüdische Geschich e für unser Leben, welche Aufklärung giebt sie uns über das Wesen, über die tragenden Kräfte des Judentums'? Alle äußeren Ereignisse sind nur Material, um aus ihnen eine Antwort auf diese schweren und für jeden Juden bedeutungsvollen Fragen zu finden. Es liegt auf der Hand, daß in dieser Hinsicht die Tannaimzeit uns vieles zu lehren hat. Damals ward Israels nationale Existenz im gewöhnlichen Sinne vernichtet, alle die mit dem Blute von Millionen gemachten Versuche sie wiederzuerringen, scheiterten an der schrecklichen Macht der politischen Verhältnisse. Jetzt mußte sich zeigen, worin die. Existenz und die Erhaltung des Judentums ihren Grund hatob es die realen Machtfaktoren wie bei anderen Völkern sind o?er nicht. Die Antwort, die die Geschichte dieser Periode giebt, ist eine so merkwürdige, zeigt so deutlich daseigentliche Wesen und Fundament des Judentums, daß ohne sie dieses nicht verstanden werden kann. Mit gewaltiger Sprache hebt Jawitz dieses Phänomen der rein geistig religiösen Existenz des jüdischen Volkes hervor, mit zwingender Gewalt lührt er den Leser zu der Erkenntnis, was das Band und die Lebensbedingung des jüdischen Volkes ist. Aber noch mehr weiß uns diese Periode zu lehren - und cas ist etwas, was gerade für unsere Zeit von höchster Wichtigkeit ist. Die meisten in unsrem Volke sind heute mit vollem Bewußtsein Juden, die Erkenntnis, daß die Zusammengehörigkeit mit der Vergangenheit sich garnicht aufheben lasse, dringt n ehr und mehr durch. Man steht es ein, wir sind und bleiben Juden. — Daher ist die Frage, ob Jude oder nicht, heute fast verstummt. Heute fragt es sich' was heißt das, Jude sein, welches ist der Begriff: Jude? Ist er wandelbar oder ist er fich gleich gebliebenhat er seine Entwicklung, seinen Fortschritt, seinen Werdegang gehabt, wie alle sonstigen Begriffe in der Welt, oder war und ist er invariabel, in aller Zeit feststehend, sodaß, wer auch nur das kleinste Merkmal ihm streitig machen will, sich damit mit der ganzen Geschichte in Widerstreit setzt? In dem einen Fall kann jede, also auch unsere Zeit sich diesen Begriff um- und neuschaffenim anderen Fall ist das Band mit der Ewigkeit gerissen, sobald dre Integrität jenes Begriffes angewstet wird. Diese Frage kann nur aus der Periode der Tannaim beantwortet werden. Haben diese eine Halachah „geschaffen", haben fie selbstständig dem Judentum eine neue Charakteristik gegeben, oder haben fie nur das bereits Ueberkommene, seit Urbeginn unserer Weltgeschichte feststehende weiter gelehrt und eingeschärft dem ins Exil wandernden jüdischen Stamme? An diesem Punkte setzte dahier die „Kritik" ein, allen Scharfsinn wandte fie darauf, nachzuweisen, daß die Haiachah eine Etgenschöpfuna,. ein absolut Neues, ein selbftgeschaffenes Werk oer Tannaim sei, daß unter ihnen das Judentum eine neue Gestalt entsprechend den veränderten Zettverhältnisien angenommen, daß sie, wenn auch nrit AntHnung an bereits vorhandene Traditionen, eine „zeitgemäße" neue Lehre, um nicht zu sagen, eine neue Religion geschaffen haben. Und, so wird logisch weitergeschloffen, wie die Tannaim zur Umgestaltung des begriffenen Inhaltes beS Judentums das Recht hatten, so har jede Zeit Pflicht und Recht, in ihrem Sinne und nach ihrer Lage sich ihr Judentum neu zu konstruieren. Mit subtilem Scharfsinn wurden Hvpothesen und Scheinmaterialien zusammengehäuft, um diesen Nachweis . su erbringen. Es bedurfte erner ungeheuren yisiortsthm und philologischen Kleinarbeit, um diedestruktive Gebäude als unhaltbar, Stein für Stein desselben als geschichtliche Fiktion nachzuweisen. Schon S. R. Hirsch hat in seiner Besprechung von Grätz' GeschichtSwerk tausenderlei Postti e Momente herbetgebracht, die übersehen oder verschwiegen oder gefälscht waren und die die Verkehrtheit und Willkür demonstrieren, die in jener Konstruktion der Tannaimzeit und ihrer Ideenwelt liegtviele andere sind Hirsch darin gefolgt, endlich hat Halevy mit seinen Doroth-Rischonim den vernichtenden Schlag ausgeführt und ein weitschichtiges Material gehäuft, um bis ins kleinste den Nachweis der ungeschichtlichen Methode von Grätz zu vervollständigen. Auf Grund aller dieser Vorarbeiten und eigener f gründlicher uns selbständiger Talmudforschung hat Jawitz nun die Tannaimzeit behandelt, mit Vermeidung aller Polemik, rein objektiv erzählend den Charakter, daS Wirken und Denken unserer Weisen dargestrllt, aber auf Schritt und Tritt die Stellen und Belege angeführt, durch die der Leser fich über die Richtigkeit seiner Auffaffung orientieren und vergewiffern kann. Und so gibt das Jawitzsche Werk gleichzeitig einm großartigen Ueoerblick über das ganze im Talmud und Midrasch zerstreute Material, das uns unsere Lehrmeister verstehen lehrt: ihre Aussprüche rücken bei dieser Darstellung und zugleich bei dem exegetischen Geschicke des Verfassers in ganz neues Licht und die Größe der Alten wird uns so verständlich, ihr ganzes Sein und Wesen tritt uns so lebhaft vor das Gemüt, daß wir in ihrer Mitte zu leben, im Lehrhause und int Privatleben sie beobachten und belauschen zu können vermeinen. Manche Charakteristiken wie die Jochanan bm Sackais und Jehuda HanasstS find geradezu mit plastischer Meisterschaft geführt. Jawid' D.erk ist hebräisch geschriebenich möchte eS gerade deshalb besonders zur Leküre empfehlen. Wer nur einige Kenntnisse des Tnach und der Mischnah besitztder kann sich leicht darin Hineinlesen - der Stil hält sich glücklich in der Mitte zwischen dem ganz modemen und dem klassischen Hebräisch, sucht überall mit dem Lexikon des letzteren auszukommen. Gerade die Lektüre dieses Werkes kann in die jetzt lebende Sprache einführen. Und weil dies Werk mit seinem reichen Inhalt, nrit dem Schatz literarischen Wissens, den es bietet, in mannigfachster Wei,e Anregung zu geben vermag, so kann sein Studium nicht dringend genug empfehlen werden. Das Werk ist mit Unterstützung der „Jüdischliterarischen Gesellschaft" in Frankfurt a. M. gedruckt, die sich dadurch von neuem ein großes Verdienst um die jüdische Wissenschaft erworben hat. Auch eine Widmung trägt das Werk, an ten Altmeister jüdischer GeschichtSfortschung, Professor A. Berlinet. I. C—ch. Das Problem der Willensfreiheit. Von Heinrich Gompertz. Jena 1907, Eugen DiederichS. 165 S. 8°. Das erhebliche Interesse, das bie jüdische Ethik von jeher an der Lösung des Freiheitsprobftms genommen hat, rechtfertigt auch an dieser Stelle den Hinweis auf die vorliegende Schrift, die verniöge der Klarheit und Ueberstchtlichkeit ihres Aufbaues, der Schärfe ttefeindringenöen Denkens und der ruhigen Objektivität des Urteils sicherlich zu den besten philosophischen Arbeiten des letzten Jahrzehnts gehört. Der Verfasser orientiert zunächst gründlich über die Grenzen der Bedeutung, die der alten Streitfrage des Determinismus oder Indeterminismus innewohnt. Er weist überzeugend nach, daß historisch wie begrifflich mir beiden Theorien (sofern sie nur vernünftig sormulierr werden) sowohl die lauterste gottesgläubige F.ömmigkeir als titanenhafte Fretgeisteret vereinbar seien, daß es sich überhaupt nicht darum handle, ob im menschlichen Geiste freie Willkürentscheiöungen oder notwendige Determinationen stattfinden, sondern nur darum, ob die faktischen Willensentscheidungen — deren relative Freiheit jedermann bewußt ist — besser durch den Begriff der Freiheit oder durch den der Notwendigkeit gekennzeichnet werden Den. eigentlichen Angelpunkc der Schrift aber bildet der' Hinweis auf die durchgreifende Wandlung, die der Begriff der Ursächlichkeit, der Kausalität, in der neuesten Philosophie durchgemacht hat, eine Wandlung, die den alten Streit um die Willensfreiheit im Grunde gegenstandslos macht. Solange man an das Vorhandensein einer Notwendigkeit (im strengsten philosophischen Sinne) in der äußeren Weit glaubte, hatte es eine gewisse Berechtigung, wenn die Deterministen auch die menschlichen Wtllensakte dieser ausnahmlos wirkenden Kausalitär zu unterordnen, die Jndeterministen für das m e n s ch l i ch e Wollen in Gestalt der bloßen Gesetzmäßigkeit einen letzten Rest von Freiheit zu retten wünschten. Wenn aber — und das ist der Fall — die fortschreitende psychologische Analyse der Begriffsbildung zu der Erkenninis führt, daß es mit Ausnahme der von außen erzwungenen passiven Bewegungen eines Körpers überhaupt keine notwendigen Wirkungen im N..turgeschehen gibt, sondern lediglich eine periodische Gesetzmäßigkeit, dann kann der menschliche Wille im Sinne eines vernünftigen Indeterminismus sehr wohl frei sein, o h n e die allgemeine Aehnlichkeit der natürlichen Vorgänge im Weltall zu durchbrechen. Wir sagen jetzt mit Vorbedacht „Aehnlichkeit" und nichtGesetzmävigkeit-- denn der Berfaffer geht noch einen Schritt Wetter: er spricht es mit dem Freimute echter Wissenschaftlichkeit' aus, daß für die Erscheinungen des psychi sch e n Lebens nach dem Stande unserer Erkenntnis nicht einmal der-

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