Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1908)
- Date
- 1908-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Kr. 4. 23 Januar 1908. Der JSraelil. Sette 7. Hierauf erstattete Dr. Bodenheimer den Bericht äer Nationalfondsverwältung. Dieselbe hat beschlossen, sich an einer Land-DeveloPMrent-Company und einer Häuserbaugesellschaft in Palästina mit Mitteln des Nationalfonds zu beteiligen. Der Festlegung von Nationalfondsgeldern bei der Hauserbaugesellschaft wird Ursprünglich widersprochen, schließlich werden aber die Beschlüsse des Nationalfonds-Direktoriums einstimmig angenommen. Im Verlauf der Debatte erstattete Prof. Marburg ein eingehendes Referat über die Tättgkeit des Palästinaressorts. — Im Anschluß an die Sitzung des Aktionskomitees fand eine von der Berliner Zionistischen Vereinigung einberusene, stark besuchte öffentliche Versammlung statt. Würzburg, im Januar. Aus der letzten Zeit ist über eine Reihe von Vereinsgründungen in unserer Gemeinde zu berichten. Der Versuch eines Eingriffes in die jüdische Bestattungsweise durch die beabsichtigte Beisetzung von Aschenurnen in die Reihe der Gräber hatte bei einem großen Teil der Gemeindemitglieder lebhafte Erregung hervorgerufen. Man richtete nach dem Vorgang des Distriktsrabbiners einen entschiedenen Protest gegen diesen Versuch an die höchste Staatsbehörde. Und im Anschluß an diese Abwehr der Verletzung unserer heiligen Ueberlieferuugen bildete sich ein „Verein zur Förderung und Wahrung religiöser Interessen innerhalb der Kultus-Gemeinde," an dessen Spitze Herr Seminarlehrer Weißbart steht. Sogleich bei der ersten Aufforderung zum Beitritt schloffen sich über 60 Mitglieder dem Vereine an.— Als Abteilung des seit 38 Jahren bestehenden „nvtt 'am**" hat sich ein Verein junger Leute zur Pflege von min “ilö^ und jüdischer Lektüre konstituirt. — Von der Begründung einer „Bereinigung jüdischer Akademiker" (B. I. A.), haben Sie schon berichtet. — Endlich ist noch der in jüngster Zeit, vom jüdischen Frauenverein gegründete Kinderhort, der armen jüdischen Eltern eine Erleichterung bringen will, zu erwähnen. Würz bürg, 19. Januar. Die Tierschützler in der unterfränkischen Metropole Würzburg leisteten sich am jüngsten Freitag, den 17. er. einen wohlvorbereiteten Angriff auf die Schechita, nach dem schon 1902 der Stadtmagistrat ein Schechitaverbot abgelehnt hatte. Diesmal wurde verlangt, ein Schächtverbot für die christlichen Metzger zu erlassen! Es war ja einigermaßen vorauszusehen, daß das neuerliche Ansuchen das gleiche Schicksal ereilen würde wie vor 6 Jahren. Trotzdem setzen unsere Gegner die Minierarbeit frisch-fröhlich fort. Aus den Magistrats-Verhandlungen sei folgendes hervorgehoben: Der Schlachthausreferent Rechtsrat Körbel tritt dem Gesuch des Tierschutzvereins als Jurist entgegen. Er wies ferner die eventuellen geschäftlichen Unzuträglichkeiten (Austausch der Vorder- und Hiriterviertel zwischen jüdischen und christlichen Metzgern) hin, sodann auf die rechtlichen Bedenken. Ein „partielles" Schächtverbot dürfe nach den Gesetzen nichterlassenwerden. Uebrigens könne eine partielles Verbot dadurch umgangen werden, daß christliche Metzger aus Grund von Privatabmachungen auf den Namen der jüdischen schlachten. Persönlich ist der Referent kein Freund des Schächtens, er halte es aber für rituell nicht zu umgehen. Würde man es im städtischen Schlachthose verbieten, so könne die Bestimmung vom Schlachthauszwang nicht aufrecht erhalte nwerden. Die Erhebungen, die Rechtsrat Körbel anstellte, ergaben, daß nur in H o f in Obersranken ein Schächtverbot bestehe, dafür existierten dort aber auch keine jüdischen Metzger und nur 74 Israeliten, die ihr Fleisch von außen beziehen. (Der Herr Referent ist hier wohl im Irrtum, da jenes Schächtverbot längst aufgehoben ist). In Augsburg z. B. dürfen die christlichen Metzger nur schächttn, wenn sie jüdische Kundschaft haben. Wie leicht Gnne man sich, wenn man Mächten will, da ' “' Kunden schaffen I In der Debatte trat Magistratsrat Frey ganz entschieden für Erlassung des Schächtverbots ein, nicht aus konfessionellen, sondern aus angeblich rein humanitären Gründen. Magistratsrat Schmitt hingegen erklärte sich mit dem Antrag auf Ablehnung einverstanden, und zwar zunächst deshalb, weil die Metzger geschäftlich geschädigt würden. Dann aber auch würde erjede.r Abmachung oder Verordnung, die einer staatli cha ne rkanntenReligionsgemeinschaftin Ausübung ihres Kultus hinderlich sei, nie seine Zustimmung geben. Magistratsrat Kahn nannte das Schächten gerade die Methode, die Vorz'ge vor jeder anderen besitze. Nicht als Jude, sondern im allgemeinen steht Redner auf dem Standpunkt, daß das Schächten, zu dem übrigens die Juden auch durch das Reliaionsedikt gezwungen seien, keine Tierquälerei bildet. Herr Kahn zitierte noch verschiedene Gutachten von fachmännischer Seite zugunsten der Schechita. Magistratsrat Frey brachte gegenteilige Anschauungen vor. Bei der Abstimmung traten für den tierschützlerischen Antrag nur zwei Stimmen ein. Mannheim, 17. Januar. Die Anhänger des überlieferten Judentums in Baden sind auf die Herausforderung der neuen freiwilligen Oberrat-Schutztruppe erfreulicherweise die Antwort nicht schuldig geblieben. Ihre Vertretung, der Verein zur Wahrung der gesetzestreuen Interessen, verbreitet vielmehr folgendes Flugblatt, dessen würdige und doch kraftvolle Sprache Freund und Feind Achtung abnötigt: Seitens einiger Karlsruher Herren wird an maßgebende Persönlichkeiten rm ganzen Lande ein Aufruf verschickt, der zur Gründung einer „liberalen Bereinigung" in der badischen Landessynagoge auffordert. Die unberechtigten Vorwürfe, die in jenem Aufruf den Anhängern der gesetzestreuen Richtung gemacht werden, zwingen uns zu einem Worte der Abwehr und der Aufnärung. Irr jenem Aufruf ist bezeichnender Weise von der Gebetbuchfrage, die allein augenblicklich die badische Judenheit auss lebhafteste beschäftigt, mit keinem Worte die Rede. Die Herren haben wohl gefühlt, daß der bloße Hinweis auf diese Frage allen ihren Behauptnugen den Boden entzieht. Die Orthodoxen waren wahrlich lange genug schweigsam und gefügig. Jahrzehnte lang duldeten sie, die Religiösen, ruhig, daß kein Gesinnungsgenosse ihre .Ansprüche in der obersten Religionsbehörde des Landes vertreten konnte. Erst die Gebetbuchfrage war die nächste Ursache, daß die Gesetzestreuen sich zusammenschlossen und sich mit allen anderen Gegnern des Reformgebetbuchs zu gemeinsamer Mwehr vereinigt haben. Dieses Gebetbuch ist nicht aus einem Bedürfnis weiter Volkskreise hervorgegangen, es ist mir eine Liebhaberei Einzelner, welche ihre bevorzugte Stellung innerhalb der Landessynagoge zur Verwirklichung ihrer Ideen benutzen und damit Zwietracht und Unfrieden stiften. Gegen diese Uebergriffe haben wir unsere heiligsten Ueberzeugungen verteidigt. Wir haben in Flugblättern und Versammlungen auf die Gefahren, die allen echt jüdisch Empfindenden durch dieses Gebetbuch drohen, nachdrücklich hingewiesen. Diese Abwehr gegen den gewaltsamen Angriff ans unsere innerste Ueberzeugung wagt man zu verunglimpfen und als Friedensstörung hinzustellen. Mit unwahren Behauptungen sucht man die Gegner des neuen Gebetbuches zu verdächtigen. Es ist nicht wahr, daß wir den Liberalismus beschimpft haben. Wir haben uns lediglich dagegen gewehrt, daß man unter dem Deckmantel des Liberalismus uns nicht zu Worte kommen ließ. Es ist nicht wahr, daß wir Zwietracht und Unfrieden in die Gemeinden getragen haben. Der Oberrat war es, der in Gestalt seines Gebetbuchentwnrfs den Zankapfel unter die badischen Juden geworfen und alle Erregungen und allen Streit der! Meinungen herausbeschworen hat. Oder sollen viel- } leicht jüdische Väter ruhigen Auges zuschauen, wenn die Gefahr droht, daß dies radikale Werk der Reform allgemein in den Schulen als Religionslehrbuch eingeführt wird und dadurch ihre Kinder gewaltsam der Reform in die Arme getrieben werden? Es ist nicht wahr, daß wir gegen die staatliche Organisation der Landessynagoge anftürmen. Auch wir erkennen an, daß diese Organisation, nachdem sie einmal 100 Jahre besteht, nicht ohne Gefahr aufgehoben werden könnte und daß sie nur mr't dem Geiste der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit erfüllt werden muß, um Heil und Segen zu stiften. Daß aber die oberste Religionsbehörde offen die Ziele der extremsten Reform propagiert, das ist es, was wir bekämpfen. Das kann doch nicht als Gerechtigkeit gelten, daß seit 30 Jahren kein Anhänger der grsctzestreuen Richtung mehr in den Oberrat berufen wurde. Trotzdem haben die Orthodoxen geschwiegen, bis — der Oberrat das unglückselige Ge« betbucbprojekt brachte und uns oamit den Kamps für unsere Gewissensfreiheit aufgezwungen hat. Klingt es da nicht wie ein Hohn, wenn die Herren des Ausrufs noch die Kühnheit haben, zu behaupte»!, diese völlig vor» der Verwaltung der Landesfynagoge ausgeschaltete Orthodoxie nehme für sich, die Alleinberechtigung in Anspruch? Es ist nicht wahr, daß wir die Autorität der «ynode untergraben wollen. Auf ihr gerade beruht ja unsere Hoffnung. Sie soll uns dazu verhelfen, daß, um mit Worten des Aufrufs zu reden, „nicht Spaltung, sondern Einigung, nicht Vergewaltigung der einen oder anderen religiösen Richtung sondern, entsprechend den» Geiste des Judentums, Frieden und Gerechtigkeit für alle in der Landessynagoge vereinigten Richtungen geschaffen wird. Oder haben wir Unfriede in die Gemeinden der Landessynagoge hineingetragen, wenn der Oberrat urit allen Mittel» danach strebt, das neue Reforingebetbuch zur Einführung zu bringen, das nicht nur von den Orthodoxen, sondern auch von allen jüdisch Fühlenden, ja von allen gerecht Denkenden unbedingt verworfen wird? Will man es uns zum Borwurf machen, wenn der Oberrat den mißglückten Versuch gemacht hat, seine Ziele durch eine reaktionäre Verschlechterung des Wahlrechts zur Synode zu fördern, so daß »ich sogar die gewiß nicht orthodoxe „Frankfurter Zeitustg" in ihrem 4. Morgenblatt vom 14. März 1907 genötigt sah, den neuen Wahlentnmrf des badischen Oberrats aufs schärfste zu brandmarken? Wir warnen nach atteden» diejenigen, welche es mit de»n Judentum ernst meinen, vor dem Beitritt zu dem neu zu gründe»»den Bunde. Ein Verein, der mit solchen falschen Behauptungen und grundlosen Verdächtigungen auf den Klan tritt, kann nimmermehr dem Frieden und der Eintracht dienen. Während unsere Bereinigung nicht dem Kampf, sondern nur der Mwehr dienen soll, kann der neue Bund nichts anderes bedeuten als eine Kampforganisation, die lediglich dazu dient, bei den bevorstehenden Synodalwahlen die Geschäfte der Gebetbnchfreunde zu besorgen. Leihe keiner feine Mithülfe einem Werke, das nur die Gegensätze verschärfen und die Bestrebungen derer unterstützen tvird, welche es auf die Unterdrückung der Orthodoxie abgesehen haben! Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden. Aron Ettlinger-Mannheim, Vorsitzender. Jakob Daube, Samuel Jeselfohn, Freiburg t Br. Neckarbischofsheim. Dr. med. M. Latte, Jakob Machol, Arzt in Mannheim, Ettlingen. Bankdircktor S. Rosenbaum, Dr. med. A. Würzburger, Mannheim. Arzt in Bad Rappenau. Bon der Entwicklung und der Taktik der „Liberalen Bereinigung" wird unseres Erachtens für die Gestaltung der Dinge vieles abhänaen. Hoffentlich bewährt sich diese Vereinigung als Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Posen, 19. Januar. Der Magistrat hat erst in diesen Tagen vom Bezirks-Ausschuß die Bestättgung für das Ortsstatut in Sachen der Sonntagsruhe erhalten, mit dem Bemerken jedoch, daß der von der Ortsgruppe des „Verbandes der Sabbathfreunde" beantragten Ausnahmebestimmung aus juristischen Gründen Bestättgung versagt werden müsse. In der gestrigen Stadt-- verordnetenversammlung kam, nachdem der Magistrat beschlossen hätte, den Beschwerdeweg zn beschreiten, die Angelegenheit zur Sprache. Ein Referent hielt die vom Bezirksausschuß angeführten juristischen Bedenken für zutreffend. Der zweite Referent jedoch empfahl der Versammlung dringend, die Beschwerde zu beschließen^ Nachdem noch drei Herren im Sinne des zweiten Referenten gesprochen hatten, wurde fast einstimmig der Beschluß gefaßt, Beschwerde gegen die Versagung der Bestättgung zu erheben. Wie wir hören, besteht die Absicht, bei Zurückweisung der Beschwerde auch die letzte Instanz, das Streitverfahren im Verwaltungswege, anzurufen. Inzwischen tritt natürlich das ganze Ortsstatut vorläufig nicht in Kraft, sodaß es fürs erste bei der fünfftündigen Arbeitszeit verbleibt. (Der Vorgang beweist aufs Neue, daß nach Lage der Gesetzgebung nur auf dem Wege einer Abänderung der gesetzlichen Bestimmungen selbst und nicht im Rahmen des Ortsstatuts die Interessen der am Sabbath geschlossen haltenden Geschäfte gewahrt werden können. Red.) Straßburg, 20. Januar. Der Präsident des' israelitischen Konsistoriums des Unterelsaß, Sanitätsrat Dr. med. Gustav Levy, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Unser Konsistorium weist mithin zur Zeit nur zwei Mitglieder auf: Oberrabbiner Ury und das Laienmitglied Julius Klein aus Bisc^ heim. Fünf Mitglieder fehlen, da drei freiwillig ausgetreten sind und die Wahl zweier annulliert