Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1908)
- Date
- 1908-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Rr. 4 lich, als vielmehr jene zahllosen Artikel, aus deren harmlos hingestreuten Wendungen ein fremder Geist zu uns spricht. Religiös gesinnte Ellern und Lehrer werden in tausend Fällen die sorgeerregende Beobachtung gemacht haben, wie die Tageslitteratur die Geisteswelt der Heranwachsenden Jugend mit einer kaum zurückzudämmenden Flut von irrigen Vorstellungen, von pathetisch vorgetragenen sogenannten „Lebensweisheiten", von vielgepriesenen, aber fragwürdigen „Zeitidealen",' von „wissenschaftlichen" Resultaten zweifelhaften Werts erfüllt und somit das Reifen und Erstarken einer echten jüdischen Lebensauffassung verhindert. Unmerklich, aber stetig spinnt die ungeeignete Lektüre eine Hülle um die ganze Seele, die im Lause der Jahre sich zu einer gegen den Thorageist sich verschließenden eisigen Rinde verhärtet. Was eine fromme Erziehung im Herzen des Kindes Jahre hindurch gepflegt und gegen den vorzeitigen Rauhreis des Zweifels und der Entweihung zu schützen gesucht, das zerstört gar oft und gar' schnell das unbewachte Einströmen einer fremdgeistigen Litteratur. Die Klage ist wohl berechtigt: nVsn o^n DW '3 „Gar zahlreich sind die ihr Erlegenen!" - Und wo das Bollwerk des Thorastudiums aufgerichtet ist, läßt sich ein Zurückweisen der dunklen Mächte noch erhoffen. Aber die überwiegende Mehrzahl unserer jungen Leute — —?! Und das religiöse Leben in den Provinzgemeinden! Fern von beu Centren, in denen reges jüdisches Leben herrscht, haben sie nur schwachen Anteil an dem Herzschläge der religiösen Bewegung. Was in der fernen Großgemeinde eine erregte Brandung geschlagen, dringt nur als leise Welle zu ihnen, und was in leitenden Kreisen geschieht, schwächt sich zu einer verspäteten Kunde ab, ehe es zu den Fernen gelangt. Denn die Worte unserer Führer erreichen sie nicht. Wie könnte diesem Uebelstande abgeholfen, wie könnten die entfremdeten Kreise wieder zurückgewonnen und das Interesse der Jugend für unsere heiligen Angelegenheiten wach erhalten werden?!— Der immer wieder eindriirglich ertönende Wunsch nach einer zulänglichen Bereicherung unserer Jugendbibliotheken bleibt eben ein frommer Wunsch. Die tiefgründigen wissenschaftlichen Werke unserer Gelehrten hinwiederum kommen zunächst nur den Erlesenen zu Gute. Hier setzt der eingangs erwähnte Antrag ein und wagt einen Vorschlag, nach dem Grundsätze: mo 1322 mo „Maß gegen Maß!": Die Flut ungeeigneter Zeitungs-Litteratur müßte durch eine Fülle geeigneter Zeitschriftenlektüre zurrickgedrängt und mit Hilfe dieser Gcgenwüroiger Gesellschafter geradezu gesucht war. Nur in einem Falle paßte er nicht zum Adlersteinschen Hause bezw. zu den dort Verkehrenden und zwar bezüglich seiner religiösen Ansichten, denn Osener war streng religiös erzogen und hatte sich diese seine religiöse Gesinnung auch im. Laufe der Jahre bewahrt, obwohl -sie ihm oft große Entbehrungen auferl-gte. Bela Ofener unterhielt sicht oftiano gerne mir der reizenden Helene und bewunderte den Scharfsinn der jungen Dame, mit dem sie -nanche neue Erscheinung auf dem Gebiete der Kunst und des Wissens besprach und beurteilte, nicht weniger gefiel ihm ihr Talent in der Repräsentation des eigenen Heims, wie der Takt, mit dem sie sich in der Gesellschaft bewegte. Eines Tags hatten mehrere junge Herren und Damen einen Ausflug zu Pferd in die reizende Umgebung der österreichischen Hauptstadt verabredet und' auch Dr. Ofener erschien auf einem prächtigen ungarischen Gestütshengst, den ihm fein Vater, der ein bedeutender Pferdezüchter und -Kenner war, überlassen hatte. Die ganze Gesellschaft bewunderet sowohl das edle Tier, wie auch den tadellosen Sitz des Reiters und unterwegs gab es mehrfach Gelegenheit, sich von dessen Vollkommenheit in der Beherrschung seines Rosses zu überzeugen. Helene richtete an Dr. Ofener die Frage, wo er seine Reitkunst erlernt habe,. Dieser. erzählte in schlichten Worte, wie er seine Jugend auf dem Pachtgute der Eltern verlebt und sich mit den ungarischen Pserdehirten, den Czikos, tagelang auf der Pußta Herumgetrieben. In der besten Wirtschaft des Ausflugsortes wurde eingekehrt, um die Pferde etwas ruhen zu lassen und die Gesellschaft bestellte sich ein solennes Frühstück, vom besten was die Restauration bieten tonnte. Dr. Osener entfernte sich inzwischen von der Gesellschaft und f.'brte erst kurz vor der Der A-raeltt. wehr auch positiv auf die Gesinnungsbildung weite st er Kreise eingewirkt werden! --- Wir besitzen in den vielen lesenswerten, zum Teil herrlichen Aussätzen, aktuellen Aufklärungen, apologetischen Ausführungen, wohlgelungenen Beschreibungen, erwecklichen Vorträgen, die in unseren Zeitungen und Zeitschriften erscheinen, einen reichen Fonds geistiger Werte. Dieser Geistesschatz bleibt jedoch, wegen seiner flüchtigen Fornr als Artikel einer jüdischen Zeitschrift, fast unserer gesamten Jugend (und auch den meisten Alten) völlig verborgen. Es giltzunächst, diesen vorhandenen und durch die Tagesereignisse stetig neu erzen gten geistigen Bildnngsstosf der Verborgenheit und Vergessenheit zu entreißen und systematisch in Umlauf zu setzen!Eine zentrale Leitung bewirkt in Verbindung mit den betreffenden Redaktionen nach Drucklegung der Zeitung oder Zeitschrift die Vervielfältigung (eventl. den Neudruck) der als geeignet bezeichneten Artikel, die im Lause der Zeit, nach Themen geordnet, zu Büchern gestaltet werden. Die Religionslehrer benützen die Bücher als Stütze beim Unterricht, übermitteln^'ie den Schülern in deren entsprechendem Alter und kontrollieren ihre Lektüre —, sie erheben sie in den Rang von Hülfsbüchern. Doch auch Jugendverbänden, Gemeindebibliotheken rc. werden die Bücher zugestellt. Uebrigens soll hier nicht auf Einzelheiten eingegangen werden. Es wurde bereits aus Schwierigkeiten materieller, technischer und pädagogischer Art hingewiesen. Allein, derüberausbeklagenswerte Zustand, daß breite Schichten unserer Religionsgen offen voll der in neu ester Zeit (namentlich seitens der „Freien Vereinigung") entfalteten Tätigkeit zur Hebung des jüdischreligiösen Sinnes in Folge litterarischer Isoliertheit kaum berührt werden und die damit verbundene Gefahr der zunehmenden Entfremdung weiter Kreise - njn;*?33 'öy 1Q13 — legen uns heilige Verpflichtungen auf,-die ein Abwägen der Opfer nicht zulassen. Wir sollten ein Mittel nicht unversucht lassen, das, wenngleich vorerst in bescheidenen Grenzen angewandt, wohl nur heilsame Erfolge zeitigen dürfte. Wir müssen trachten, die Macht des modernen Schriftwortes zu Gunsten llnseres alten Schriftwortes, des heiligen, auszunützen. Wir müssen durch das gedruckte Wort beit Weg zu den Gemütern uns bahnen, wo die Verbindung lebendiger Beeinflussung unterbrochen ist. Die so gedachte litterarische Zentrale zum Aufbruch bestimmten Zeit zu derselben zurück, nachdem er sich anderwärts an einigen Früchten gelabt hatte. Auf dem Heimwege blieb Helene mit Dr. Osener etwas hinter der übrigen Gesellschaft guriicf und fte vertieften sich, indes die Pferde in langsamen Schritt gingen, in ein Gespräch, das schließlich aus religiöses Gebiet überging. Dr. Ofener fand die Dame in Bezug auf Geschichte und Literatur des Judentums besser unterrichtet,, als er glaubte, aber bezüglich der Gebote und Verbote wies sie infolge ihrer häuslichen Erziehung große Lücken auf, die ihr Begleiter nun gesprächsweise auszufüllen strebte. Er tat es in begeisternden Worten, die sie mit größtem Interesse vernahm. „Es wird mir nun manches in Ihren: Benehmen klar, was mir bisher rätselhaft geblieben war", sprach sie zu ihrem Begleiter, „ich kann mir jetzt lebhaft denken, warum ich Sie an Samstagen und israelitischen Feiertagen nie in unserer Gesellschaft traf, warum 'Die beharrlich jede Einladung zu Tafelfreuden in unserem Hause ablehnten und auch Ihre heutige längere Abwesenheit von unserer Gesellschaft werde ich wohl auf das Konto Ihrer rituellen Führung setzen dürfen." Als er alle diese Voraussetzungen bejahte, sagte sie, sie habe nie geglaubt, daß sich so innige Religiosität mit soviel geistiger und seelischer Ueberlegenheit, wie sie ihr Begleiter besitze, vereinigen ließe und er erwiderte, daß es ihn freue, wenn er sie von etwas überzeugt hätte, was so Viele in unserer Zeit für unmöglich hielten. Sie setzten nun ihre Pferde in Trab, holten rasch die Gesellschaft ein und da sie inzwischen in der Hauptstadt angelangt waren, trennten sie sich in der Ueberzeugung, einen in jeder Beziehung genußreichen Tag verlebt zu haben. In der Folge führten die Beiden öfter Gespräche auf religiösem Gebiete. Mit größtem 88. Januar 1906 dürfte dann allmählich zu einem geistigen Brennpunkt werden, in dem das litterarische Können aller unserer Getreuen, die der Oeffentlichkeit etwas zu sage» haben, sich sammelt, um in reichen Strahlen hinauszuströmen zur geistigen Befruchtung der Gottesgemeinde Jisroöls! ' Efroas über die „Judenscbul.“ Von Bar Meuachem. (Schluß.) Das jüdische Gotteshaus zeigt schorr in seiner äußeren Anlage eine bestimmte Ordnung. Nach Osten zu liegt das Allerheiligste, der Araun-Hakaudesch mit den Thorarollen. Wo noch strenge Gesetzestreue das Recht behauptet, da findet sich der sogen Almemor, d. i. der Pult zur Thoravorlesung, stets in der Mitte des JMenraums. Die sämtlichen Beter sind also veranlaßt, ihren Blick nach Osten zu richten, nach der Väter Heimat, nach dem Lande unserer Sehnsucht. Betreten wir die „Judenschul" bei ihrer Benutzung durch die Gemeinde. Man könnte kurz sagen: die alte Synagogenordnung hat nur einen Paragraphen, und dieser einzige Paragraph nurfünfWorte. Es sind jene, die wir in fast jedem Gotteshause hochragend leuchten sehen: ,,-TDiy nn# 'v '2L^> )H, wisse, vor wem du stehst." Aus dieser Mahnung fließen alle übrigen Anordnungen von selbst. Keine moderne Synagogenordnung darf sich mit ihnen messen. Sowohl m ästhetischer Hinsicht wie nach der praktischen Wirkung hat hier die alte „Judenschul" Mustergiltiges aufzuweisen. Ernst und würdig sei der Eintritt ins jüdische Gotteshaus. Unterwegs zwar beflügle man seinen Schritt, wie zu jeder Mizwa-Ausführung. Die Schwelle des nD33n n'3 indes überschreite man ntn'21 HD**<3, in ehrfürchtiger Scheu. Wir besitzen eigens hierzu bestimmte Eintrittsgebete. ,/33133115 no, wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel." Oder D'noiiO 'nnötf '131 „ich freue mich, so man zu mir spricht, lasset uns ins Gotteshaus gehen." Der gottesfürchtige Jude beugt sich mehrmals und begibt sich an seinen Platz. Der Schulchan Aruch will, daß jeder sich ein bestimmtes Gotteshaus zum täglichen Gebete auswähle, darinnen aber auch einen bestimmten Platz. (Sch. Ar. ß 90.) Aller Blicke sind nach Osten gerichtet. Zu dieser äußeren Einheitlichkeit tritt' beim Gebete die innere. Wer der Pflicht der H3X3 n?Bn wirklich^genügen will, der muß nicht nur räumlich sich bei der?betenden Gemeinde befinden, sondern audj* seineI Andacht eingliedern in die der Ge- Jntercsse folgte das junge Mädchen den begeisterten Auseinandersetzungen ihres überzeugten Lehrers und war nicht nur eine aufmerksame Schülerin, sondern bald auch eine treue Anhängerin der alten Lehre. Der Vater ließ sie ruhig gewähren, wenn sie allmählich die Institutionen des jüdischen Glaubens im Haushalte etnführte, wiewohl er selbst zu gleichgültig war, um dieselben wie früher zu beobachten, und der Spott der Brüder kümmerte sie nicht; ebensowenig die satirischen Unspielungen derer, die schon länger im Hufe verkehrten. Dr. Ofener aber schloß sich noch inniger an das herrliche Mädchen an, das er schon längst im Stillen verehrte und dem er schon längst seine Liebe erklärt hätte, wenn sie und ihr Vater eine weniger bevorzugte Stellung in der Gestllschast eingenommen hätte. So aber widerstrebte es ihm in seiner angeborenen Bescheidenheit, sich um die Hand des reichen und vielbegehrten Mädchens zu bewerben, obwohl er ahnen konnte, daß auch er ihr nicht gleichgültig sei. Wenn er einige Zeit dem Hause des Bankdirektors ferne blieb, so eilte sie bei seinem nächsten Erscheine,: ihm freudestrahlend entgegen und machte ihm Vorwürfe über sein langes Ausbleiben. Aus alle mögliche Weise suchte sie rhu auszuzrichnen, so überraschte sie ihn eines Tages damit, daß sie ihm einen Abschnitt aus der Bibel vorlas und geläufig übersetzte, sie hatte, ohne daß er es wut'te, in diesem Fache Unterricht genommen. (Schluß folgt.)