Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1908)
- Date
- 1908-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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PH SS. Januar 1908. Brr 3*rattt Recht und die Pflicht aller jüdischen Körperschaften in angemessener Form dauernd um die Erhöhung der betr. Etatsposition bemüht zu sein. Allein eine immerhin anzuerkennende und erfreuliche Bewilligung auf Grund von rechtlich und sachlich falschen Voraussetzungen mit unfreundlichen Bemerkungen über „Almosen" und ähnlichem zu begrüßen — das scheint uns denn doch ganz und gar nicht gut jüdische Art zu sein! Wir wenigstens — und, wie wir glauben, die esetzestreuen Juden überhaupt — möchten an ieser Form der politischen Arbeit keinen Anteil haben. Biel bedeutuiiasvoller wäre es, wenn der andere von der Regierung gemachte Zusatz zur Resolution, die Worte nämlich: „in solchen Fällen, in denen dauernd 12 jüdische Kinder vorhanden sind", nachträglich beseitigt werden könnte. Zwar entspricht diese Einschränkung durchaus den für die Gewährung der staatlichen Zuschüsse auch an nichtjüdische Schulverbände überhaupt geltenden Grundsätzen. Vom Standpunkt der vielgepriesenen formalen „Gleichberechtigung", die ja unter geschätzter Mitwirkung des,Verbandes der deutschen Jud«n" beinahe auch den jüdischen Volksschulen daL Lebenslicht ausgeblasen hätte, wäre also nichts gegen diese Vnschränkung einzuwenden. UmsoMeh^-sber vom Standpunkte der Billigkeit und vor allem vom Standpunkte der Resolution selbst. Gehören doch mehr alsechszig Prozent der preußischen Gemeinden zu der ausgeschlossenen Gruppe mit weniger als zwölf Schulkindern, und sind es ja gerade die leistungsschwächsten, also zu allermeist auf die staatliche Hilfe angewiesenen Gemeinden, die jetzt um eines formalistischen Prinzipes willen leer ausgehen sollen! Gerade well die Subventtonierung des jüdischen Religionsunterrichtes nicht ein selbstverständlicher Ausfluß hergebrachter staatlicher 'Rechtspflicht ist, sondern eine aus freier Erkenntnis des Bedürfnisses hervorgegangene Bewilligung, dünkt es uns unlogisch, lediglich um der formalen Gleichheit willen, den weitaus größten Teil der in Betracht kommenden Synagogengemeinderr — bei den christlichen Konfessionen sind die Kleingemeinden mit weniger als 12 Kindern verschwindende Ausnahmen — von vornherein unberücksichtigt zu lassen. Wenn der Finanzminister gegenüber dem Wunsche des Landtages die grundsätzllchen Bedenken, die sein Vertreter anfänglich gegen die Resolution äußerte, aus Billigkeitsgründen fallen ließ, so sollte man meinen, daß bei der Ausführung oes Beschlusses nun auch der letzte Rest von Formalismus zurücktreten könnte gegen die sachliche Notwendigkeit, den Schwächsten zuerst zu Hülfe zu kommen. Oder ist etwa das Unglück weniger groß, wenn dreihundertmal acht Schulkinder durch unzureichenden Religionsunterricht der heiligsten Lebenspflicht entfremdet bleiben, als wenn es zweihundertmal zwölf find? Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. An dem Willen der Staatsregierung nach bestem Vermögen zur Förderung echter Religiosität beizutragen, ist nicht zu zweifeln. Es wäre also wahrhaftig des Schweißes der Edlen wert und vor allem eine Pflicht unsrer jüdischen Juristen hier einen Weg j ausfindig zu machen, der es der Regierung ermöglicht, auch jenen kleinsten Gemeinden die dringend notwendige Hilfe angedeihen zu lassen. Dar bäuerliche Srieöertsfdilufj. Wie uns aus Nürnberg berichtet wird, ist nun auch dort über die Grundzüge einer Vereinbarung zwischen der neologen Majorität und der orthodoxen Minorität in der Nürnberger Kultusgemeinde eine Einigung erzielt worden, nachdem die dorttge Verwaltung jenen Paragraphen des Entwurfs, welcher den Orthodoxen eine Kündigung der Vereinbarung für den Fall in Aussicht stellt, daß diese von neuem betreffs der Revision des Judenedikts an die Regierung herantreten, zurückgezogen hat. Unter diesen Umständen dürften wohl die Friedenspräliminarien zwischen den Orthodoxen und Neologen in München und Nürnberg in den nächsten Wochen endgülttg festgestellt und zur Sanktion dem Bayerischen Ministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiken vorgelegt werden. Wir behalten uns vor, alsdann eine ausführliche Würdigung dieses Friedensinstrumentes, sowie der nunmehr für die Orthodoxen in München und Nürnberg geschaffenen neuen Sttuatton aus der Feder eines der bayerischen Führer in dem nunmehr beendigten Kampfe in unsern Spalten zu veröffentlichen und im Anschlüsse hieran auch von Redakttons wegen unsern bereits früher dargestellten prinzipiellen Standpunkt zu den bayerischen Angelegenheiten nochmals eingehend zu begründen. Zm Plane der Schaffung einer Zeitbibliotbek. Bon Rabb. Dr. A. Liebermau», in Königsberg i.Pr. Gelegenllich der jüngst in Berlin stattgehabten Tagung der „Freien Vereinigung" hat der Schreiber dieser Zellen in der Abteilung für Schulwesen beantragt: „Die „Freie Vereinigung" möchte den Plan _Sette 8. Kr. 4 erwägen und eventuell verwirklichen, daß aus den zerstreuten Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, die sich bei der religiösen Belehrung der Jugend und bei ihrer Erziehung zur Mitarbeit an den Aufgaben des gesetzestreuen Judentums mit Nutzen verwerten lassen könnten, durch das Sonderabdruckverfahren eine in entsprechenden Zeitabschnitten fortlaufend sich ergänzende Bibliothek angelegt und diese in Zukunft jedem Religionsschüler auf der geeigneten Altersstufe zum Eigentum gemacht werde." Die beifällige Ausnahme der dem Anträge zu Grunde liegenden Idee sowie ein seitens der verehrlichen Red aktton des „Israelit" an mich ergangenes Ansuchen veranlassen mich, jenen Antrag einer bretteren Oeffentlichkeit vorzulegen und ihn zugleich näher zu beleuchten. Der Vorschlag entspringt aus der Erkenntnis, die die Presse als eine „Großmacht auf Erden" bezeichnet hat, und er beabsichtigt, eine raschere und systematische Zirkulation der geistigen Erzeugnisse im Sinne und zum Wohle unseres religiösen Lebens herbeizuführen. Für den modernen Menschen bildet das geschriebene Wort die ergiebigste Quelle der Selbstbelehrung. Neben den Büchern find es die Zeitschriften aller Art, wie Tagesblätter, Wochen- und Monatsschriften, die die Zuführung der geistigen Nahrung an die breiten Bolkskreise bewirken. Während jedoch die Bücher, namenllich die groß angelegten Werke, als der Mederschlag der geistigen Bewegungen erscheinen, stellen die Zeitungen gleichsam den öffentlichen Sprechsaal dar, in dem eine vielstimmige lebendige Diskussion über die zeitbewegenden Fragen gehalten wird. Dieser Reiz des Aktuellen ist einer der Gründe für die gesteigerte Nachfrage nach den Zeitungen und Zeitschriften. Zufolge ihrer Stellung ist nun gerade die Zeitschriftenliteratur oft von entscheidendem Einfluß auf die Bildung des Urteils in Einzelftagen und schließlich auf die Gestaltung und Abrundung der Lebensanschauung. Daß das Geistesleben der Juden in der Gegenwart ebenfalls dem Einflüsse der Tageslttteratur ausgesetzt ist, versteht sich von seLst. Daß ihm jedoch dies wahllose Bekanntwerden nett allerlei Schrifterzeugnissen überall zum Heile gereiche, muß bezweifelt werden. Denn ein beträchtlicher Teil der Tageslitteratur führt — zumeist frellich unbeabsichttgt — einen Ansturm auf die Grundveste unserer religiösen Ueberzeugungen und'Gefühle aus. Mcht Mein oder nicht so sehr die offen als religionsfeindlich sich präsenttereuden Schriften sind gefährkommt, da begrüßt er herzlich die geliebte Frau und stimmt ihr zu Ehren das Salomonische hohe Lied von dem wackeren Weibe an, das immer jugendlich, immer schön bleibt, weli es ein gottessürchttges Weib, weil es eine Esch et chajil ist, und dann legen die Ettern segnend die Hand auf das Haupt der Kinder und wünschen, baß sie einst de« großen Männern und Frauen der Vergangenheit gleich werden mögen, die ein Seyen geworden sind für ihre Zeitgenossen und durch rhr mustergültiges, beispielgebendes Leben ein Segen "für alle Zeiten. Das fröhliche, durch Kiddusch eingeleitete Mahl versammelt nun die Familie am Sabbattische, fröhliche Reden wechseln miteinander, ernste, belehrende Worte würzen das Mahl, Lieder, die den Schabbos verherrlichen, ertönen in der Runde, und das Tischgebet hebt die Tafel auf. Ist der Wend nocfy nicht so weit vorgerückt, daß es Schlafenszeit ist, so weiß inan sich noch mit ernster Lektüre aus einer der jüdischen Schriften zu beschäftigen. Alsdann tteffen wohl Hausfreunde ein, Familienglieder kommen zusammen, Erfrischungen werden gereicht, heitere Unterhaltung beginnt und diese währt, bis endlich die vorgerückte Zeit zum Ausbruch mahnt und das Ruhebedürfnis seinen Anspruch gellend macht. So ist der Freitag Abend zu einem wahren heiteren uno gemütlichen Familienfest geworden; allwöchentlich kehrt er wieder und entschädigt reichlich für alle Unrast und alle Sorgen, die die arbeitsvolle Woche bringt, und — was das höchste — hebt durch die heilige Weihe, die ibm innewohnt, den Menschen hoch hinaus über das Niedrige und Gemeine hinauf zum Idealen, das das Leben mcht nach dem materiellen Gewinn, den es bringt, wertet, sondern nach, dem, was an geMgcm Gat, Liebe zu Gott und seiner Lehre und Lieve zu den Menschen, ihm abgewonnen wird. v Ein Stück Heben. Von Jlo« Werad. Kennst du sie, lieber Leser, die Kaiserstadt an der „blauen Donau", kennst du das prächtige, sonnige Wien? Nicht das heutige, das, was Gebäude und Anlagen betrifft, noch viel herrlicher ist als jenes, von dem einst^jeder seiner Bewohner mit Stolz sang und sagte: „Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wien", nicht das heutige, von der Pest des Antisenntismus verseuchte Wien, sondern jenes, welches fast bis zum Schlüsse des vorigen Jahrhunderts der Sitz der Gemütlichkeit, des fröhlichen Jndentaghineinlebens und der Toleranz gewesen ist. Zu xener Zeit war es hauptsächlich das Haus des Bankdirektors Adlerstein, das an seinen Empfangstagen alles vereinigte, was Anspruch aus Rang, Bildung und Wissen machen konnte. Man sah hier den hohen Offizier in glänzender Uniform neben dem bescheidenen Gelehrten, den ahncnstolzen Adeligen neben dem fröhlichen Studenten und Künstler, und der gediegene Luxus des Hauses befriedigte den an noch größeren Gewöhnten und rief bei den in bescheideneren Verhältnissen Ausgewachsenen kein Gefühl des Neides und der Mißgunst hervor. Auch die Bewohner des gastlichen Hauses verstanden es, den Gefühlen ihrer Gäste Rechnung zu ttagen, keiner konnte sich über Zurücksetzung oder über Bevorzugung besser Situierter beklagen. Der HauSberr Julrus Adlerstein, ein woblkonservierter Fünfziger, feine Gattin war ihm bereits vor 10 Jahren durch den Tod entrissen worden, war der Sohn eines einfachen, aber sehr wohlhabenden Kaufmannes in Prag, er hatte sich durch seine kaufmännische Tüchttgkett und anerkannte Reellttät zum ^Direktor ein« der angesehensten Kreditinstitute der Hauptstadt emporgcschwungen, dem er nicht nur keine ganze Kraft widmete, sondern auch keine ansehnlichen Barmittel.' zur Verfügung stellte. Der ältere Sohn Adolf, ebenfalls Kaufmann, war schon in einem Alter, in welchem andere noch einfache Kommis sind, im Besitz einer Prokura des väterlichen Institutes, während der zweite Sohn Ignatz, der von Kindesbeinen an schon für das Mttitär schwärmte, als Leutnant bei den Radetzki-Husaren stand, deren lleidsame Uniform er mit ganz besonderem Stolze trug. Beide Brüder waren Lebemänner, wie sie die Großstadt zu Tausenden hervorbringt. Ganz anders war die einzige Tochter des Hauses geartet. Helene war das geistige und körperlich Ebenbild ihrer früh verstorbenen Mutter, sie besaß deren milden Sinn und sonnige Heiterkett, man hörte sie me laut lachen, aber em mildes Lächeln verschonte stets das ohnedies reizende Gesicht, mit seinem geistreichen Ausdrucke. Sie besaß nichts von der Oberflächlichkeit ihrer Brüder und war, von trefflichen Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet, eine kleine Gelehrte geworden, ohne deshalb Blaustrumpsgepflogenheiten zu zeigen. Mit neunzehn Jahren repräsentierte sie schon in dem umfangreichen Haushalte mit einem Geschick und einer Grazie, die alle Besucher in Erstaunen setzte und entzückte. Unter den häufigen Besuchern des Adlersteiuschen Hauses war auch ein junger Arzt, — zur Zeit Assistent eines wett über Wien's Mauern hinaus berühmten Professors. — Dr. Lela Ofener war der Sohn des Administrators der Baron H.'fchen Güter in Ungarn und dadurch mit dem Bankhaus, bezw. dessen Leiter in Verbindung gekommen. Außerdem befaß er ttotz seiner Jugend einen Rui. in der medizinischen Wissenschaft, der ihm eine glänzende Zukunft verhieß und seine Umgangsformen waren so tadellos, daß er Zutritt in oeu besten Kreisen der Gesellschaft fand, ja als liebend-