Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1908)
- Date
- 1908-01-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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14. Aanuar 1906 Sette 19. Nr. 3. wenn sie es wollten. Man denke: Es war dem Huden-Staate verboten, den ihm aus nicht jüdischen Kreisen zugelaufenen heidnischen Sklaven an seinen Herrn auszuliefern. Vielmehr mußte er ihn in seiner Mitte in zartfühlendster Weise aufnehmen und sich sein Wohlergehen angelegen sein lassen. Mit dieser an einen vielleicht absichtlich anormal gewählten Fall geknüpften Bestimmung sollte uns nichts anderes ans Herz gelegt werden als: Wo immer Ihr Gelegenheit habt, werfet die Saat göttlicher Gedanken in die Menschenherzen aus, und gelte es das Wohl des niedrigsten heimatlosen Bettlers. Wohl schicken wir keine Missionare in fremde Lande, wir besteigen auch nicht die Kanzel, um salbungsvolle Bekehrungspredigten zu halten. Aber wenn sich Jemand zu uns verirrt, so treiben wir zwar keine Proselytenmacherei, aber es öffnet sich ihm froh und willig die Schatzkammer der jüdischen Familie und gehört von Stund an dem Nichtjuden mit. Und wir möchten den Herrn Bibelkritiker fragen: Welches System der Erziehung der Menschen halten Sie, für angebrachter, für wirkungsvoller, Ihr äußerliches theoretisches oder unser in die Mitte des Lebens führendes System? und ihn mahnen: Geben Sie es auf, das Ewigkeitsgestirn des jüdischen Gesetzes von dem matten Lichtkreis ihrer Studierzimmerlampe aus zu betrachten. Uns selbst übrigens kann die hehre Auffassung dieses Lau Sasgir nicht tief genng eingeprägt werden, bezeugt es doch die Jnternationalität der Humanitäts-Idee in ernstester Weise. Wir Juden vermissen diese Anschauung uns gegenüber heute allenthalben noch schmerzlich. Dagegen wissen wir, daß auch nichtjüdische Dienstboten unsere Menscheu- Geschwister sind, und das Wort „du sollst ihn nicht kränken", hat auch für sie Geltung. Daher sollen Kränkungen, verletzende Beinamen, Benachteiligungen, ungerechte Zumutungen irgend welcher Art in einem jüdischen Hause keine Stätte haben. Ein anderer Kreis hält uns so häufig den Mantel seiner Nächstenliebe vor, wir müssen beweisen, daß unsere Nächstenliebe ein Königs- Her m e l i n i st. Wie jüdisch die Liebe auch zu Nichtjuden ist, beweist ja auch das Gebet des Königs Salomo anläßlich der Einweihung des ersten aus Stein gebauten jüdischen National-Heiligtums. Salomo betete, daß auch des Nichtjuden Opfer im jüdischen Heiligtume von Haschem wohlgefällig ausgenommen werde. Das jüdische Mikdosch sollte eben die Inkarnation des M e n s ch h e i t s - Z u - kunfts-Zieles darstellen, in der Haschem von Allen als Einziger anerkannt wird. Das Mikdosch ist zwar gefallen. Unsere Füße können nicht hinaufwallen gen Jeruscholajim. Dafür sollten aber alle unsere Gedanken den Höhen der Menschheits-Bestimmung zuftreben, und ein Jeder sollte seinen Verkehr mit der nichtjüdischen Umwelt in der allersorgfältigsten Weise zu regeln bemüht sein, damit auch dadurch die Allgemeinheit unseren Prinzipien näherkommt. Welch anderer Gedanke liegt denn jener herrlichen Einrichtung unserer Liturgie zu Grunde, die uns befiehlt, den entschwebenden Schabbos durch den 67. Psalm zu grüßen. Der Schabbos, jener andere sinnfällige Ausdruck der Gotteshuldigung, will uns verlassen. Da erinnern wir uns, daß das Ziel des Schabbos, die allgemeine Gotteshuldigung von der gesamten Menschheit, noch nicht erreicht ist und so rufen wir denn den heißen Wunsch in die Lande: Jauducho amim elaukim, jauducho amim kulom. Anerkennen mögen Dich die Völker, o Gott, anerkennen alle Völker. Nun — wir wollen uns freuen, es bekennen zu können — dieses Ziel scheint heute doch schon etwas näher gerückt zu sein. In den Gesetzbüchern anderer Kulturkreise beginnen diejenigen Paragraphen und Lücken immer mehr zu schwinden, die w«e sicüher die Blutstropfen und die Träne des Der Jttaeur. Menschenbruders für nichts achteten. Und wir dürfen uns freuen, daß ein Frührot aufgegangen ist in jener holländischen Residenz, das die Menschheits-Zukunft begrüßt. Noch zwar fühlen wir uns geneigt, dieses Frührot als ein verführerisches anzusehen, wenn wir bedenken, daß gerade in des Urhebers Reich tagtäglich noch der Feuerschein angesteckter Judenhäuser den Himmel rötet und das Blut hingeschlachteter Brüder den Boden färbt-, und doch, und doch muß zugestanden werden: Auf dem Wege der Menschheit zur Mündigkeit bedeutet der Appell der Internationalen Friedens-Fanfare eines der allercrhebendsten Signale. Wenn die jüdische Volksgesamtheit und der jüdische Einzelmensch auf diesem Emporwege der Menschheit zum humansten Menschtum ersprießliches geleistet haben sollte, wohl uns. Dann haben wir den Sinn des „Ascher bochar bonu" „der uns erwählt hatte", richtig erfaßt. Das Wort, vom auserwählten Volke bedeutet ja nur bedingungsweise einen Ruhm, nämlich nur dann, wenn wir das auserwählte Volk auch sind. Wir müssen uns wohl hüten, dieses Ascher bochar bonu als ein Ordensband zu betrachten, das wir uns ins Knopfloch stecken dürfen. Allerdings ist die Bezeichnung vom auserwählten Volk eine Prioritätsaktie, aber nicht eine, die wir besitzen, sondern eine, die wir einzulösen haben. Und wir können sie einlösen, Haschem hat uns ein Sittengesetz gegeben, das dem kleinen unwägbaren Seelchen in unserer Brust eine Bedeutung geben kann, weit über die leblosen Gestirne hinaus, die dort droben ihren gottgewollten Dienst verrichten. Und wenn wir auch im Kreise unserer nicht immer freundwilligen Menschenbrüder noch nicht einmal die Liebe empfangen, die im j ü d i s ch e n Staate dem zugelaufenen kananitischen Knechte zuteil ward, und wenn sie uns auch noch immer nicht an der Weltentafel den eines Weltenbürgers würdigen Platz einräumen, was tuts, wir brauchen auch mit unserem Anteil an der Weltentafel nicht unzufrieden zu sein. Denn was innerhalb des jüdischen Kreises spez. von den Leviten gesagt ist, das trifft inmitten der Völker der Erde auf Jisroeil zu: „Anteil aber soll ihm nicht werden in der Mitte seiner Brüder. Gott i st s e i n Anteil, wie er es ihm zugesprochen." psa?i Uns der Uergangenbeit. Gedenket der Tage der Borzeit! Am 9. Aw im 11. Regierungsjahre Zidkijahus (586) hatte Nebusaradan den Gottestempel in Brand gestecktam 10. gab es keinen Gottestempel mehr in Jerusalem. Von diesem Tage an rechnen wir das vom Propheten Jirmijahu vorausgesagte 70 jährige Exil. Der bei weUem größte Teil des noch in Juda verbliebenen Volkes mußte nun in die Verbannung gehen. Bereits 11 Jahre früher hatte Nebukadnczar den König Jechonja und 10 000 jüdische Männer nach Babylonien geführt. Juda hörte auf ein Staat zu sein. Die Hauptmasse der Juden lebten als Verbannte, aber nicht schlecht behandelt, am Euphrat. Aus dem Buche Daniel wissen wir, daß Nebukadnezar einzelne jüdische Jünglinge sogar an seinen Hof gezogen hat. Die Feindschaft des Großkönigs in ihrer unmenschlichen Grausamkeit hatte sich nur gegen den ungetreuen Basallenkönig und Vasallenstaat gerichtet. Nachdem er einmal in unbarmherziger Rücksichtslosigkeit das jüdische Volk vom heimatlichen Boden hinweggeriffen hatte, stand es ihm nicht ferner als die vielen anderen unterworfenen Stämme des Riesenreiches. Er gestattete den Verbannten, sich an den neuen Wohnsitzen in den Stammes- und Familienvrrbänden der Heimat anzusiedeln. Aber die gefangenen Judäer fühlten sich an Babels Wassern nicht heimisch. Wohl gab es viele unter ihnen, die mit der Heimat ihren Glauben und ihr Volk verließen, die fichZaeblendet von dem Glanze der Weltbeherrscherin Babel, den Schutzgöttern des Siegers zuwandten. Aber der Kern des Volkes vergaß nicht Gottesgesetz und Tempel. Für ihn blieb Babel, trotz aller Verlockungen, Zerstörerin der heiligen Stätten, welche die gefangenen Söhne Judas zwang, in der Ferne um die Heimat und das Gotteshaus zu klagen. Doch das Unglück war ein gewaltiger Erzieher ftir das Volk. Was man nicht für möglich gehalten hatte, es war Ereignis geworden. Man hatte den Propheten nicht glauben wollen, wenn sie den Untergang des Tempels und des Staates für die natürliche Folge der Untreue gegen das Gottesgesitz erklärt hatten. Nun war der Tempel verbrannt, und keinen König gab es mehr in Juda. Das Prophetenwort hatte sich bewahrheitet. So war es nur natürlich, daß die ernsten Männer des Volkes sich mit Eifer in die Worte der Gottespropheten vertieften. Sie gaben Belehrung und auch Trostverhießen sie doch ein nicht allzu fernes Ende des eingetrosfenen Exils. Wohl ließ es sich nicht absehen, woher Errettung kommen könnte. Welches Volk sollte imstande sein, das völkerbezwingende Babylon zu besiegen! Aber die sicheren Verheißungen Jirmjahu's und die jahrhnndertalten Verkündigungen Jeschajohu's schützten vor Verzweiflung. — Aus den Reden der Propheten hatte man gelernt , daß der Errettuna innere Läuterung vorangehen müsie, und fo war man denn bestrebt, das Gotteswort wieder kennen zu lernen und es in das Leben umzusetzen. Hier im Exil wurde die Gotteslehre wieder das Lebensprinzip der Gesamtheit des Volkesnicht mehr brauchte sie eine Zuflucht in einzelnen höher stehenden Kreisen zu suchen. Das ganze Volk ward wieder Träger der Gotteslehre! (Fortsetzung folgt.) Osg Gedanken Ober das (Uesen der Gauro. In bemerkenswerter Weise stellt sich das Wesen der Tauro bildlich durch das Grab Moses und durch die Erscheinung im Dornbüsche dar. Jenes zeigt ihre Theorie, diese die Praxis. Das Grab führt uns drei Tatsachen vor Augen, die im Bunde geeint der Tauro die Weltherrschaft verleihen. Moses' Grab existiert für uns trotz seines wirklichen Bestehens nur in unserem Geisteräumlich bleibt es stets unerreichbar. Der Mann, der dem jüdischen Volke die Tauro überbrachte, ging von dannen, ohne daß seine Grabstätte bekannt wurde. Kein Ruhmeszeichen, nicht einmal ein schmuckloser Grabstein, bezeichnet die Stelle, an welcher seine irdische Hülle seine Ruhe gefunden. Die Wichtigkeit dieser Tatsache liegt in dem Umstande, daß die Tauro selbst auf sie in ihrem Schlußworte hinweist. Sie bedeutet wohl nichts Geringeres als die Göt tlichte it der Tauro. Kein Mensch hat Anteil an der Entstehung des jüdischen Gesetzesdarum bleibt Moses buchstäblich „übers Grab hinaus" jede äußere Ehrung versagt. Aus der Göttlichkeit der Tauro folgen ihre hehren Eigenschaften. Sie ist an keine Person gebunden - von Raum und Zeit bleibt sie immer unabhängig. Es kann sie jeder stets und überall befolgen. Ihre Bestimmung ist zunächst die Veredelung aller Glieder des jüdischen Volkes. Auch diese Tatsache beleuchtet eine Aeußerung unserer Weisen über die gedankliche Bedeutung des Grabes unseres großen Lehrers Moses. Einmal, erzählen sie, (Sifri zu 5. B. M. 34, 6.) rüstete die römische Regierung eine Expedition aus, welcher sie die Aufgabe stellte, Moses Grab zu entdecken. Da ereignete es sich, daß den Teilnehmern derselben das Grab auf den Höhen der Berge erschien, wenn sie sich im Tale befanden- und umgekehrt: streiften sie in der Höhe, so erschien ihnen das Grab unten. Wer Moses in der Höhe sucht/ das heißt: als