Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1908)
- Date
- 1908-01-16
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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16. Januar 1908 Sette 20. übermenschliches Wesen auffaßt, stimmt seinen Wert herab, weil er ihn seiner Vorbildlichkeit entkleidet. Ist er ein andersgeartetes Wesen, so besitzt er vielleicht nicht die dem Menschen anhaftenden Schwächen, sondern nur auf das Gute gerichtete Anlagen. Sein Wesen ist dann weder mit dem menschlichen vergleichbar, noch als Beispiel für die Nachahmung dienlich. Dagegen erhöhen diejenigen Moses Bedeutung, die in ihm einen „Menschen unter Menschen" erblicken. Sein Leben ist dann den allgemeinen Bedingungen unterworfen. Wenn er gleichwohl eine so hohe Stufe erreicht hat, daß „Gtt von Angesicht zu Angesicht mit ihm redete", so verdankte er sie dem veredelnden Einstuffe der Tauro und der in ihrem Sinne vollbrachten Selbsterziehung. Auf diese Weise spiegelt sich in seinem «eben die erste Bestimmung der Tauro, den Juden mit sittlichen Eigenschaften auszustatten, wieder. Dadurch besitzt seine Persönlichkeit einen erhöhten Wert/ sie steht als leuchtendes Vorbild da! So lehrt uns das Grab Moses die Göttlichkeit der Tauro und ihrer Bedeutung für den jüdischen Kreis. Dazu gesellt sich ein drittes Merkmal, die Beziehung der Tauro auf die ganze Menschheit und die gesamte Natur. Eine in den „Sprüchen der Väter" niedergelegte Ueberlieferung lehrt nämlich, daß Moses Grab in den Uebergangsminuten vom 6zum 7. Tage der Schöpfungswoche geschaffen worden ist. Bor allem erregt diese Grabesschöpfung unsere Aufmerksamkeit. In Verbindung mit dem angegebenen Zeitpunkte gewinnt sie die denkbar umfaffendste Bedeutung: nicht nur aus Israel, vielmehr auf die ganze Welt will die Tauro ihren Einfluß erstrecken. Als am 6. Tage der Mensch ins Dasein trat, fand die Schöpfung der voraufgegangenen Tage ihre höhere Vollendung/ sie konnte nunmehr durch die Vermittlung des Menschen unvergänglichen, sittlichen Zielen dienen. Allein, auch der Mensch bildete keineswegs den Abschluß der Schöpfunaswoche. Wie die Natur seiner zu ihrer Vollendung harrte, so war und blieb er auf die Gabe des siebenten Tages angewiesen, die den Geist der Tatsache in sich birgt, daß die ganze Welt eine Schöpfung Gottes ist. Das zwischen dem 6. und 7. Tage erschaffene Grab Moses erscheint mithin als Vorbote des Sabbat und spricht so recht die weltbezwingende Bedeutung der Tauro aus. Wenn je aus dem Gedächtnisse der Menschheit der Gedanke des Sabbat schwindet, der einzig und allein des Menschen hohe Stufe und die Cultur aller Wesen zu bewahren vermag, so hält ihn die Tauro aufrecht. Moses Grab stellt sich in dieser Hinsicht als ihr Symbol dar und erweist sich als ein geistiger Hort der Welt. Wir begreifen, daß die Tauro zum Heile der Natur und der Menschheit gegeben ist. Im Lichte dieser Tatsache gewinnt die Ueberlieferung, welche Moses' Grab als eine Gottesschöpfung hinstellt, eine vorherrschende Bedeutung. Es ist gleich der Pflanze, dem Tiere und dem Menschen, gleich der Sonne, dem Monde und den Sternen, gleich allen Kräften und Stoffen durch einen besonderen Schöpfungakt entstanden / zur steten Beherzigung der Wahrheit, daß die gesamte Erdwelt mit allen stofflichen und geistigen Gebilden nur solange ihrer Bestimmung gemäß wirkt, als sie im Dienste des in der Tauro enthaltenen Sittenideales steht. Die drei Tatsachen, deren wir uns am Grabe Moses bewußt werden, stellen somit einen fortschreitenden Gedanken dar. Die Tauro ist göttlich / Lie Tauro dient der Veredelung Israels/ Die Tauro dient der sittlichen Erhaltung der ganzen Erd- und Menschenwelt. Einfach, wie diese Theorie, ist die Praxis der Tauro. Die Erscheinung im Dornbüsche läßt sie deutlich erkennen. Ein Feuer brennt in der Milte desselben/ aus dem Feuer spricht eine göttliche Stimme. Jenes ist die göttliche Offenbarung, in der späteren Form: die Tauro, während der Dornbusch die Erdwelt veranschaulich^ Die Praxis der Tauro besteht nun darin, daß Der JSraeltt. Ar . 8 sie an die zu ihr Verpflichteten gewisse Anforderungen stellt. Die Erfüllung derselben ist manchmal mit Schwierigkeiten verbunden. Allein sie reibt die menschliche Kraft nicht auf, gleichwie das Feuer den Dornbusch nicht verzehrte. Vielmehr stählt sie in hohem Grade die Willens- und Tatkraft und verleiht dem Menschen eine geistige und sittliche Würde. Das Feuer der Tauroh will erleuchten und erwärmen, — nicht zerstören. Ja, Moses machte die Wahrnehmung, daß der Dornbusch überhaupt nicht vom Feuer ergriffen wurde. Sollte sich darin nicht die bedeutsame Wahrheit aussprechen, die der Geist der Weisen in dem Worte zusammengefaßt: „Alles liegt in Gottes Hand, mit Ausnahme der Gottesfurcht?" Diese ist lediglich ein Verdienst des Menschen. Das Feuer und der Dornbusch, die Tauro und die Erdwelt sind vorhanden/ es liegt an dieser, sich'jener so zu nähern, daß sie von ihrem Geiste ergriffen zu werden vermag. Gleich Moses bietet sich die Tauro der Menschheit zu allen Zeiten in dieser Beziehung zur Erde dar. Es war eine besondere Aufmerksamkeit Moses', die ihn ihre praktischen Merkmale am Dornbüsche erkenpen ließ. Sie verrät den stets denkenden Menschen und bleibt eiir immerwährendes Vorbild. Die Tauro besteht ewig. Allein viele gehen ahnungslos an ihr vorüber. Wer aber Moses gleich Alles Geistige beachtet, lernt, auch sie kennen und wird ihres Wertes teilhaftig. Lxrgetircde Mircellen. Ueber Psalm 85 sowie über die korachitischen Psalmen überhaupt. Der vielfach sehr elegische Ton, welcher aus den den Söhnen Korachs zugeschri beden Psalmen klingt, hat Anlatz dazu gegeben, die Abfassung dieser Psalmen in eine späte Zeit zu verlegen. Nachdem man sich durch den Tenor, den wir, uns im Goluth fühlend, aus dasselbe deuten zu sollen > laubten, hatte beeinflußen lassen, suchte und fand man denn auch im Psalm „sichere" Anklänge an eine spätere Zeit. Wrnn diesen Behauptungen dann von anderer Seile mit dem Hinweis auf die prophetische G be der Psalmensänger begegnet wurde, so konnten solche Beweisgründe in der wissenschaftlichen Welt keinen Eindruck machen. Wohl find ja ganze Abschnite im 5. B. M. 28, 68-68, 29, 22-28, 30, 1-4 und im 3. B. M. 26, 31—45 diesem feinen Ausblick auf die Vertreibung aus dem Lande gewidmet, noch bevor das Volk den Boden dieses Landes betreten und gesehen hatte, — wem aber der „Priesterkodex" und das Deuteronomium einen späten „Betrug der Priestcrkaste" darstellt, dem läßt sich mir diesen Argumeten, die die Annahme einer prophetischen Kraft der Psalmdichter sogar erübrigen könnten, nicht beweisen. So wollen wir denn versuchen, die Psalmen selbst sprechen zu lassen. Die einfache Erwähnung der Autoren, sowie der Inhalt des besonders zu betrachtenden 85. Psaln s sollen unsere Eidcshelfer sein. Wer sind die „Söhne Korachs" und wann lebten sie? Das find Fragen, mit deren Beantwor ung die Kritik ihre Sfrttil hmnehmen muß. Da hören wir denn I. Ehr. 15, 17 und 19 und 25, 1, daß David selbst die Levitensstnger den drei Führern Asiaf, Heimon und Jedusiun zuteilt. Heimon wird ibid. B. 5 11212 *]^Dn i"MN pp □’nnb 7p*Jnn genannt. T avid lebte also gleichzeitig mit Heimon und Heimon wird l. Ehr. 6, 18 als 11NNON, als Nachkomme Korachs erwähnt. Er ist also einer der sonst unier dem gemeinsamen Namen „Söhne Korachs" zusammengefaßten Psalmsänger, deren Lrbzett somit mit der Davids zusamm, »fällt. Die den Söhnen Korachs zugeschriebenen Psalmen sind somit nicht sp ter als David anzusetzen. Gleichzeitig ist auch die besondere Ueberschrtft des Psalm 88 erklärt, die hervorhebt, daß dieser Psalm den Söhnen Korachs, insbesondere Heimon, zuzuschreiben ist. Ausdrücke wie Tjfon N11N dürfen wohl dahin gedeutet werden, daß sie die Freundschaft zwischen David und dem Dichter erkennen lassen wttch letzterer pp tätig war. Er war wohl auf Davids längerer Flucht vor Schoul bei ihm, und mochte auch später noch mit ihm betlagt haben, daß das Heiligtum nicht von David erbaut werden durste. Er hat mit David die göttlichen Strafen beweint, die zu seiner Zeit das Land hrimsuchten. In traurigen Momenten sehnt sich der Psalmist nicht nach der Wiedererrichtung, sondern nach dem erstmaligen Aufbau des Heiligtums. Denn -pnit nm heißt doch schlechterdings nichts anderes als: „Du fandest Wohlgefallen an Deinem Land" (indem du dies Land für dein Bolk bestimmt hast). Nun kommt aber die verhängniSv.lle Stelle des Psalmes niDW rottf 2pyi. Indem dabei an eine konkrete Rückkehr gedacht wirb, ist die Vertreibung Israels auS seiner Heimat und die „Wiedereinsammlung seiner Scharen" als Voraussetzung gefordert-. Dazu ist die Verbindung roiP N12V der Anlaß fM. allerlei sprachliche Konjekturen Sehen wir uns doch einmal diesen Ausdruck an seiner Quelle anl Da heißt es denn, nicht von der.konk rettast Rückkehr, sondern von der idealen Rückkehr, der Reue nach Sünden, S. B. M. 30 -pa^Ä rown) V. 2 12 n2«n und V. 3 -|nia» m 2V1, und dies Letztere heißt doch tm Hinblick auf P, 2 füglich nichts anderes alS: „er wird zu denen zurückkehren, die in deiner Mitte zu Ihm zurückkehren," d. h. -sie reumütig find. Heißt eS etwas anderes, alS was mit anderen Worten B. 3 unseres Psalmes sagt: „Du hast uns schon oft verziehen"?, Und nun wlgt nach diesem Rückblick auf den Gi adenreichtum in d r Vergangenheit die Bitte für den Augenblick: 122W „Kehre zu uns zurück." Grammatisch stellen wir die Verbindung von 212k mit dem Aecusativ als Grundlage für unsere Auffasiung hin. Dann kommt zu den bereits genannten Stellen noch Psa'm 126, 1 DK 2lfco und ibid. B. 4 kirr nailBK Die Zeiten liefen sowohl vor Davids Regierungszeit als auch während derselben ohne seine und mit seiner Schuld in der Brust jedes ernsten und >ein Bolk und die Menschheit liebenden Mannes sehr wohl die Sehnsucht nach der noch immer nicht erfüu ten Verheißung wach werden, den Tempel erstehen zu. sehcn, von dessen konkreter Vergegenwärtigung des. Gesetzes man sich Heil für alle sittlichen Mängel versprechen zu dürfen hoffte. eomsponarnrrn«. Iftcbricbten. Call (Eifel), 9. Schewat. Hier ist dieser Tage ein allen Anforderungen des Religionsgesetzes und der Hygiene entsprechendes Ritualbad der Benutzung übergeben worden. Zur Errichtung desselben stellte in anerkennenswerter Weise der Vorsteher unserer Gemeinde/ Herr Marx Simon, sein Besitztum in uneigennützigster Weise zur Verfügung. Der Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands, der fortwährend darin tätig ist, neue Ritualbäder zu errichten und vorhandene den Anforderungen der Zeit entsprechend umzubauen, hat auch hier ideell und materiell den Hauptanteil an denr erfteulichen Erfolg, der um so mehr zu begrüßen ist, als in weiterer Umgegend dieses neue Ritualbad in Call das einzige ist. Düsseldorf, 9. Schewat. Sie haben, geehrter Herr Redakteur, Ihren Lesern lange nichts mehr von uns erzählt. Wir machen ja auch nicht viel Wesens von uns. Aber wir sind da, und das ist jedenfalls die Hauptsache. Wenn wir aus das verflossene Jahr zurückblicken, dann darf unser kleines aber mutiges und opferfreudiges Häuflein wohl zufrieden sein. Der Religionsunterricht wird, seitdem wir einen eigenen Lehrer haben, regelmäßig erteilt, die L>chiurim sind von einer kleinen Anzahl, aber beständig besucht. Die Stadt hat uns eine eigene Schechitah zugestanden, und es wäre sehr zu hoffen, daß wir auch recht bald ein eigenes Ritualbad erhalten. Die Vortragsabende, die wir diesen Winter im größern Maßstabe vielfach veranstaltet haben, versammelten immer eine ansehnliche Anzahl Damen und- Herren, die noch für etwas wahrhaft Jüdisches Interesse haben. Die Herren Redner, die sich uns dank ter Vermittlung des regen Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands, aus dem benachbarten Cöln beliebig oft in uneigennütziger Weise zur Verfügung stellen, haben es alle verstanden, die Begeisterung für unsere heilige Sache wachzuhalten. Unsere Chanukkahfeier gestaltete sich zu einem harmonischen großen Familienfest, das uns die Herzen der Jugend gewonnen hat, die uns hoffentlich zugewendet bleibt. Gewiß werden uns viel Schwierigkeiten in den Weg gelegt, gewiß wird uns viel Verdruß bereitet. Aber wir leben der Ueberzeugung, daß die Wahrheit, die wir vertreten, siegen muß. Auch uni unsere Fahnen hoffen wir allmählich eine größere Anzahl sich sammeln zu sehen, die uns. mit Hilfe Gottes durch Kampf zum Siege führen hilft. Bis dahin soll Mut und Vertrauen unsre Zuversicht stärken. Eöln, 9. Schewat. Der Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands wird am 2. Februar in Cöln seine General Versammlung abhalten, worauf wir schM jetzt unsere Mitglieder und Freunde aufmerksarn machen. 003