Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-01-16 · Heft 3 (16.1.1908) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 3 (16.1.1908)
Date
1908-01-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449302--64134-2506710
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette IS. Nr. S.__=__ Ruf 'v. Wer noch zu Gott hält, ttete hin zu mir!" Hören wir den Ruf und feiern wir in frohem Bewußtsein unserer wiederzufindenedn Lebenskraft in heiterer Hoffnungsfreude den fünfzehnten Schewat. Oül Mlscde Nächstenliebe. (Schluß.) Wir wollen aus dem Bisherigen die Bilanz ziehen. Das Thaurogesetz der Nächstenliebe bezweckt die äußerste Läuterung des Goldes, welches im Menschenherzen ruht, zum Nutzen der Nebenmenschen und der Gesamtheit. Das Taurogesetz und nur das Taurogesetz kann diese seelische Läuterung und Verfeinerung herbeiführen, weil es das objektivste Sittengesetz ist. Und weil es das objektivste Gesetz ist, welches auch die intimsten und verborgensten Empfindungen des Menschen kennt und daher berücksichtigt, so muß es für den Verkehr der Gesamtmenschheit unter einander in allen seinen noch so verästelten Gängen die einzig ideale und sichere Basis abgeben. Nur, wer - die Seele geschaffen, kann in völliger Objektivität ihr Arzt und ihr Berater und ihr Freund sein. Und diese Objektivität des Gesetzes ist es auch, die den Juden vor extremen Anwandlungen und vor phantastischen, nie erfüllbaren Begriffen der Nächstenliebe schützt. Nie und nimmer könnte beispielsweise die Tauroh fordern, den Feind zu lieben. S o ist die Menschenseele nicht konstruiert, daß sie das vermöge. Und darum wird es von Anfang an nicht verlangt. Die Tauroh steckt das Ziel näher, dorthin, wo es erreicht werden kann. Der Tauroh genügt es schon, wenn der Mensch seinen Feind nicht im Herzen haßt, sondern durch Aussprache mit ihm Aufklärung und Versöhnung herbeiführt. Der Tauroh genügt es schon, wenn der Mensch dem gestürzten Tiere seines Feindes aufhilft. Zu solchem Liebesdienst ist der disziplinierte jüdische Mensch fähig, wie unsympathisch ihm auch der Nebenmensch sein mag! Und kann der Mensch diese Probe seiner sittlichen Kraft noch nicht geben, so läßt er sich hierzu erziehen. Weohawto lereiacho komau* cho, verlangt das Gotteswort. Fördere das, was 1e ca ho ist, was Deinem Mitbruder gehört, als wäre es für Dich. Liebe aber, Liebe kann und braucht er für den Feind nicht zu hegen. Der Mensch, der seine Eltern und Geschwister, seine Familie und Freunde, seine Lehrer und Vorbilder, kurz alle diejenigen liebt, die seines Lebens Aufbauer find, der kann denjenigen unmöglich lieben, der seinen jammerte mich,' es lag etwas Vornehmes in seiner ganzen Art. „So stammte Ihre Frau aus gutem Hause?" fragte ich. „Aus gutem Hause?" war die Antwort, „ihr Vater war ein großer Talmid Chacham von altem Jichus. Ich hatte Mirjam schon immer lieb, aber um. die Tochter des großen Landon hätte ich nicht zu fragen gewagt/ ich Hab' mich immer bemüht zu lernen, aber auf dem Lande, wo ich ausgewachsen bin, war nicht viel Gelegenheit, und mein Vater hatte immer schwer zu arbeiten. Als es mir in Wilna gut ging, lernte ich jeden Schabbos, aber ein Amhoorez blieb ich doch, einem solchen Landon gegenüber, der konnte doch für sein schönes Kind andere Schidduchim tun." „Wieso bekamen Sie sie aber doch?" Als der Krieg kam, verarmte der Rebbe, Miriams Vater, und es wurde immer schlimmer im Lande. Dann kamen die Pogrome,' keiner war seines Lebens sicher. Da lieh mich der RÄbbe rufen. „Ich weiß", sagteer, „Du hast die Mirjam lieb, Du bist kein Landon, das weiß ich, aber ein bekoweder Mann von bekoweder Familie. Bei Dir weiß ich mein Kind in den schlimmen Tagen gut ausgchoben. Du wirst sie stets bekowed halten, auch wenn ich nicht mehr da bin." Der J»raütt. _ Lebensbau zu unterwühlen oder niederzureißen die Absicht hat. Das schließt aber — wir wiederholen es — keineswegs aus, daß er bereit sein kann, des Feindes Gut und Besitz, und gerade auch des Feindes Gut und Besitz bei sich ihm bietender Gelegenheit zu fördern und im Sinne des Eigentümers zu behandeln. Der angeführte Satz: Weohawto lereiacho komaucho, in dem sich nach Hillel der ganze Taurogeist krystallisiert, hat von animoser Seite häufig genug die Anschuldigung hinnehmen müssen, daß jüdische Nächstenliebe nur lereiacho, an dem jüdischen Genossen zu üben sei, nicht aber an dem nichtjüdischen Menschenbruder geübt zu werden brauche. Man hat hieraus den schweren Vorwurf angeblicher Engherzigkeit des alten Testaments geschmiedet. Man gedachte dann noch des Gesetzes': „Dem'Nichtjuden darfst Du Zinsen geben, Deinem Bruder aber darfst Du keine Zinsen geben," und gab mit dieser Zutat dem schalen Gericht wenigstens eine etwas größere Schmackhaftigkeit. Wir brauchen diese meist aus bodenloser Unkenntnis des Geistes und der Sprache der Tauroh stammenden Angriffe im allgemeinen nicht ernst zu nehmen, aber einer so unbegreiflichen und traurigen Verkennung eines der edelsten Diamanten im Kronenreif der Tauroh muß in schärfster Form entgegengetreten werden. Wie? Die Tauroh soll dem Juden nur die Nächstenliebe dem Juden gegenüber 'zur Pflicht machen??? Der Allvater soll auf dem Sinai nicht gelehrt haben, wie Jißroel auf dem Gang durch die Geschichte mit allen seinen Menschenkindern zu verkehren habe? Blasphemie, das zu denken!.'! Schon aus dem Sprachgeist erhellt, daß in dem Befehl: Weohawto lereiacho komaucho, die Liebe zum Nichtjuden mit inbegriffen ist. Beweis ist die Stelle: „Wejischalu isch mees reeihu weischo meeis reusso", wo unter reeihu und reussoh gerade die egyptischen nichtjüdischen Bekannten verstanden waren. Und nun die inneren Gründe, die einer derartigen Insinuation unwissender oder gehässiger Professoren Hohn sprechen. Der geschichtliche Teil unserer Tauro zuerst. Die Lebensgeschichte unserer Väter will ja nicht Unterhaltungslektüre für kleinere und größere Kinder sein, "sondern will belehren und erziehen. Die Lebensgeschichte unserer Väter will nicht gelesen, sie will befolgt sein. Awrohoms peinliche Gewissenhaftigkeit, und Uneigennützigkeit im Verkehr mit seinen Bundesgenossen, Jaakauws und Mauschehs Hilfsbereitschaft an den Irunnen, Josephs sittliches Auftreten im Palaste des egyptischen Ministers sind für die Hoheit jüdischer „Der Rebbe", erwiderte ich, „soll sich 100 Jahre mit uns freuen. Ich werde die Mirjam hüten, wie meinen Augapfel." Wir feierten die Hochzeit zwar still, aber es gab keinen glücklicheren Choßon als mich. Und Mirjam war so beiter, wie sie schön war. Wir wohnten beim Vater, die Mutter lebte schon mehrere Jahre nicht, und es war kein Kind weiter da. Wenn es auch eine schwere Zeit war, hielt sich mein Geschäft doch gut, es war als solide bekannt. Auch von Verfolgungen, wie es sie in Odessa, überhaupt im Süden gab, merkten wir nichts, das Verhältnis zu den Gojim war immer gut gewesen. Plötzlich änderte sich alles, die Hetzereien waren auch bei uns allmählich aus fruchtbaren Boden gefallen; wir wurden gewarnt, aber man läßt doch nicht gleich sein ganzes Besitztum im Stich. Und in einer schrecklichen Nacht drang das Gesindel, das noch Zuzug von außen her bekommen hatte, in die jüdischen Häuser, mordend brennend, zerstörend. Es blieb uns kaum Zeit, einige Wettsachen zusammenzuraffen und uns zu einem christlichen Bekannten zu flüchten, der uns am anderen Tage aus der Stadt half. Der Arme hatte seine gute Tat mit dem Leben gebüßt, die Mörder erfuhren davon. (Schluß folgt.) I _. _16. Januar 1908 Auffassung von allgemeiner Nächstenliebe Zeugnis genug. Und unser Gesetz??? Weht nicht darüber der schmerzenlindernde, tränentrocknende Hauch menschlichster Menschlichkeit? Immer wieder warnt es davor, den kananitifchen Knecht zu knechten, den bei uns aufgenommenen Fremdling uns durch Worte oder Taten wieder zu entfremden, Jtiattem jedahtem es nesesch hageir, „denn Ihr kennt ja die Seele des Fremdlings." Der Herr Professor Bibelforscher ist noch nicht überzeugt? So möge er sich einmal folgendes kleine Gesetz ansehen, und wenn er hier nicht das klarste Wasser edelster weltumspannender Humanität fließen sieht, dann will er es nicht sehen: Du darfst einen Sklaven nicht an seinen Herrn ausliefern, der sich zu Dir von seinem Herrn rettet. Die Sache liegt so: Ein nichtjüdischer Sklave entläuft seinem barbarischen Herrn und rettet sich nach Palästina. Welche Behandlung gebietet die Tauro der jüdischen Landesbehörde? Der Knecht darf nicht ausgeliefert werden, und der jüdische Staatssäckel zahlt des Knechtes Wert an den heidnischen Herrn. Und was den Knecht selbst betrifft? Bei Dir soll er wohnen, in Deiner Mitte an dem Orte, den er sich wählt, in einem Deiner Tore, wo es ihm am besten ist. Du darfst ihn nicht kränken. Man beachte die ungewöhnliche Ausführlichkeit unseres sonst so sparsamen, knappen Schriftwortes. Wir meinen, angesichts dieser humanen Denkart unserer vielgelästerten Tauro einem wildfremden, nichtjüdischen Knecht gegenüber müßte der schärfste Kritiker verstummen. Die Sache liegt ja so klar für die, die die Geschichte der Menschheit mit Verständnis verfolgen. Sie bekennen ja alle längst, daß wie jedes Individuum und mehr noch als dieses jede Gesamtheit, also auch jedes Volk seinen speziellen Beruf inmitten der Völker zu erfüllen hat. So war der Griechen Beruf die Pflege der Künste und des Schönen, und der Römer minder sympathischer Beruf war der Krieg und die Eroberung, der Staatenbau. Dem Juden fiel die Mission zu, den Gottesgedanken hinaus in die Welt zu tragen und an dem großen Erziehungswerk der Menschheit an erster Stelle durch Leben und Lehre zu wirken. Dieses uns zugefallene ideale Los war ja das einzige Mittel, uns den entsetzlichen Leidenszug durch die jahrhundertelange Völkerwüste erträglich zu machen. Mit einem Wort, wir in unserer Volksgesamtheit sollten Vorbilder und Lehrer werden für die übrige Menschheit. Dazu war es nötig, daß wir, die wir Sterbliche wie die anderen sind, von Anfang an auf ein höher belegenes' Sittlichkeitsniveau gestellt wurden. Vieles, was anderen erlaubt ist, mußte uns daher verboten werden. Daher auch die vielen Gesetze, Vorschriften, Einschränkungen, Entbehrungen und Opfer, die das jüdische Gotteswort enthält und seinen Bekennern auferlegt. Nicht anders ist es mit der unterschiedlichen Behandlung der jüdischen und nichtjüdischen Mitmenschen bezüglich des Zinsnehmens und -gebens. An sich kann man der Einrichtung des Zinsverkehres keineswegs die Berechtigung aüsprechen und darum lag gar kein Grund vor, dem Juden im Allgemeinen zu verbieten, von dieser geschäftlichen Institution Gebrauch zu machen. Im Kreise der Mischen Volksgenossen allerdings, in welchem eben eine weit idealere Auffassung vom Werte materieller Güter herrschen sollte, konnte die Forderung und die Bewilligung zinslicher Vorteile keine Stätte haben. Das jüdische Gesetz hätte damit einerseits ausgesprochen, der Geldgeber hätte in Freiwilligkeit sein Geld gegeben und verdient dafür eine materielle Entschädigung, und es hätte andererseits den Geldnehmer matettell noch mehr bedroht, und beides mußte jüdischer Auffassung der Dinge widersprechen. Doch kehren wir wieder zu unserem Lau Sasgir-Berbote zurück. An ihm würden die Feinde der Tauro am besten unsere Lehrer- Mission inmitteu der-Völker erkennen können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.