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Der Israelit · 1908-01-16 · Heft 3 (16.1.1908) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 3 (16.1.1908)
Date
1908-01-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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4. Jahrgang M I. üdiöchcr Volköfreund Msnats-Keilage rum „Israelit" TmiitwortlielM Redaktion t Rabbiner Dr. V. Qlolf In Köln. Der fiinfzebme Zcdewar. Mit besonders inniger Freude begrüßen diejenigen Juden, die sich bestreben, den Anforderungen derThauroim Leben gerecht zu werden, in diesem Jahre den fünfzehnten Schewat. UnterEistSdecke schien die gesetzestreue Judenheit und mit ihr das Judentum erstarrt zu sein, nimmer fähig, zu frohem Leben zu erwachen. Vereinsamt hatte eine unversehrte Zelle im weitveiHweigten Geäst des jüdischen Lebensbaumes hie und da sich den Lebenssaft erhaltei'. Man deutete sie als den letzten Ueberrest einer allmählich absterbenden Kraft .Auch ihre Tage — so meinte man — seien gezählt - auch ihr Gewebe müsse in sich zerfallen. Man hatte geirrt. Wie man sich noch stets geirrt, wenn man des jüdischen Daseins Ende für gekommen wähnte oder doch sein nahes Ende berechnen wollte. Und was gar seines Lebens Wesen, seines Körpers Seele seines Geistes Kraf^ , seines Daseins Hirn und Herz ausmacht: die Tauro und ihre Trägerspurlos verschwinden, untergehen?? Ein Sturm kam und brach das Eis und ein ewig grünender Baum voll Kraft wie der Oelbaum mit schönestaltiger reicher Frucht stand da vor den Augen er Welt, seine Früchte darreichend dem, der nach der erquickenden Labung der Taurospeise verlangt.-— Die gesetzestreue Judenheit Deutschlands steht lebendig in jugendlicher Kraft mit frischem Mut als geeinte Macht auf dem Plan; und wir ruferNhr zu: Werde Deiner Kraft bewußt, sei eingedenk der Machtüber die Du verfügst, wenn in selbstlosem Opfermut und sittlicher Reinheit Du Waffenträger im heiligen Kampfe für Gottes Sache sein willst/ bleibe Dir treu, Dir und der Wahrheitdie Dich zum Vertreter ausersehen, in Zweck und Mittel — dann bist Du stark und groß und frei-dann folgt der Pflicht das Recht, der Gegenwart eine Zukunft, dem Geschlecht der Arbeit und der Kraftzersplitterung ein Geschlecht der Ruhe und der geistigen Sammlung, der Zeit, die arm an Tauro, eine Zeit, in der Taurokunde verbreitet ist, und die Taurobeflissenen groß dastehen an Ansehen und Ehre, wie sie heute erniedrigt sind in Abhängigkeit von den irdischen Werten. E i n e Hoffnung hast Du, gesetzestreue Judenheit 'Deutschlands, schön und groß. Das Volk ist es, das sich geeinigt hat, das die Einigung will. Deine I u g en d ist es, Deine Zukunft ist es, die sich die Hand zu treuem Bunde im Dienste der Tauro gereicht, die da spricht: „Die Tauro hat Er für uns dem Moscheh befohlen, als Gemeingut, Gemeinde Jakobs!" Heil Dir, wenn Du Dich als Volk der Tauro fühlst. Dies Bewußtsein sei und bleibe der Garant Deiner Unsterblichkeit. Doch noch einen Garanten besitzest Du. Es ist Deine Aufgabe: so unsterblich wie sie, bist Du, wenn Du sie erfassest. Weitherzig und warm empfindend, großzügig und weitausschauend mußt Du sie begreifen. Und wenn Du, gesetzestreue Judenheit, mit ganzem Herzen und ganzer Seele an die Erfüllung Deiner ewigen Pflichten herantrittst, dann winkt Dir herrlicher Erfolg. Fürchte nicht die Berge von Hindernissen, die sich Dir entgegentürmen. Denke an ein Ereignis, das uns im zweiten Buch der Könige erzählt wird. Unter dem Könige Jehoram des Reiches Israel zog der König von Äram gegen Israel und lagerte an einem beftimmten Ort. Da schickte der Prophet Elischah zum Könige von Israel und ließ ihm wiederholt sagen, „verlasse Deinen Standort nicht", damit Du nicht in die Hände der Aramaeer fallest. Und da das israelitische Heer infolgedessen nicht zum Kampf herausrückte, schöpfte der König von Aram Verdacht, Ueberläuser hätten dem Könige von Israel seinen Kriegsplan verraten. Nun erfuhr er von seinen Räten, daß die Warnung des Gottesmanncs Elischah den König gemahnt habe, sich nicht über seinen Standort hinaus zu wagen. Der Aramaeerkönig schickte nach Dossan, dem Aufenthaltsort des Propheten, bei Nacht und Nebel ein starkes Heer mit vielen Reitern und unzähligen Kriegswagen/ und als der Diener des Propheten am Morgen aufstand und den feindlichen Ring gewahrte, da verzweifelte er. Doch Elischah sprach: „Fürchte Dich nicht, denn zahlreicher sind unsere Bundestruppen als jene da." Da betete Elischah und sprach: „Gott, öffne doch seine Augen, daß er sehe". Da öffnete Gott die Augen des Dieners, und er sah einen Berg, besetzt mit Feuerroffen und Feuerwagen ringsum Elischah, und sie stiegen zu ihm hinab. Wohl konnte zu keiner Zeit das gesetzestreue Judentum auch nur annähernd leiche Machtfaktoren aufweisen, wie sie jene in en Kampf zu senden vermögen, die ihm nach dem Leben trachten, es umzingeln, um es zu vernichten. Was man so Macht und Mittel nennt — das freilich besitzen wir nicht. Wir brauchen aber nur, dem Gottesworte gehorchend, unseren Standpunkt nicht zu verlaßen, dann steigen die himmlischen Truppen der geistigen Kraft und sittlichen Macht zu Schutz und Wehr zu uns hernieder. Unser geistiges Auge wird erleuchtet, die Wahrheit zu erkennen, in deren Treue wir uns bewährt. Sind wir auch gleich eine kleine Anzahl gegenüber einer großen Macht mit starker Rüstung, so hat doch schon einmal in der Geschichte des jüdischen Volkes ein mannhaftes Auftreten eines Stammes, der Gott treu blieb, den Sieg erkämpft, das Volk gegen sich selbst geschützt, vor seinem völligen Untergang es gerettet. Verzweifelt ähnlich sehen unsere Tage materiellen Strebens jener Zeit. Darum ergeht mit gleichem Wort wie damals an .uns der Ke«itletori. Ewer von vielen. Eine Skizze. Es war ein gar ärmliches Zimmer, in das wir Chewrahfrauen traten, um die letzte, heiligste Pflicht an der dahingegangenen Schwester zu erfüllen. Schwester! Ja, jetzt im Tode war sie uns Schwester, aus Staub gekommen, zum Staube zurückgekehrt. Sie war bei der Geburt des ersten Kindes gestorben, eines prächtigen Jungen, der in Lumpen gewickelt in einer dunklen Ecke auf dem elenden Stroh schlummerte, das bisher das Lager der Mutter gebildet hatte. Der Mann saß in starrem Schmerz daneben, eine kräftige Gestalt, der man deutlich die einstigen besseren Tage ansah. Wir erfüllten unsere Pflicht an der Toten. Wo Hatte ich das noch im Tode edle, feine Gesicht doch schon einmal gesehen? „Ich glaube, die Frau kam als Hausiererin zu uns", meinte flüsternd meine Gefährtin. Jetzt erinnerte ich mich. Es war so, sie kam wohl^wöchentlich mit ihrem schweren Packen und bot -Kämme, Bürsten und Seife an. Neulich hatte ihr eine Taffe Kaffee gegeben, sie jammerte müffen. Weitere Erkundigungen hatte ich nicht eingezogen, es belästigen uns ja so viele Hausierer, daß wir unsere Pflicht reichlich erfüllt glauben, wenn wir ihnen überhaupt den Zutritt in unsere Wohnungen gestatten und nicht mit einem „Mitglied des Wohltätigkeitsvereins, Betteln und Hausieren verboten", unsere jüdische Türen besudeln, die sich, durch die Mesusah als unter Gottes Schutz stehend bezeichnen. — Nachdem wir die Tote gekleidet und in ihr letztes Bett gelegt hatten, erwachte in uns das Mitleidsgefühl mit dem armen Kindchen, das so ruhig und zufrieden schlief. Ich gehörte zum Vorstande des Waisenhauses und bot dem Manne die Unterbringung des lindes in demselben an. „In ein Waisenhaus soll ich Mirjams Kind bringen?", rief der Mann schmerzlich, „nein, das darf ich ihr nicht antun!" „Was wollen Sie machen mit dem Kleinen? Im Waisenhause hat es seine Pflege, wie Sie sie ibm doch nicht gewähren können." „Aber unter Fremde", der Mann schluchzte auf, „fortgeben soll ich es, das einzige, was mir von ihr bleibt?" „Ueberlegen Sie sich's in Ruhe, und sagen Sie mir in einigen Tagen Bescheidglauben Sie 'eine-Taste Kastee gegeoen, sie jammerte mir, es ist das beste für das Kind, ftl chrem Anstande so schwer schleppen zu eS dort untergebrächt ist und Sie und wenn wollen es wieder haben, so steht Ihnen das doch jeberjeit frei. Wer besorgt es jetzt?" „Die Nachbarsfrau bringt mir ein bischen Milch, es ist brav und schreit nicht." „Ueberlegen Sie sich's also wegen des Waisenhauses. Hier ist meine Adresse. Wie heißen Sie?" „Schimpowski." — Nach einigen Wochen^ erschien der Mann bei mir. „Ich weiß. mir nicht mehr zu helfen, das Kind verkommt bei mir, wenn Sie cs im Waisenhause unterbringen wollen, danke ich Ihnen sehr." „Wovon leben Sie eigentlich", fragte ich den Mann. „Ich bin Hausierer und muß auf's Land gehen. Wer soll sich um das arme Würmchen kümmern? Die Nachbarin hat selbst genug." „Hausierer sind Sie? Giebt es keine andere Tätigkeit? „Was soll ich anfangen? Ein Handwerk hübe' ich nicht gelernt. Früher in Wilna ging mirG aut. Ich hatte ein schönes Konfektionsgeschäft, das mich gut ernährte. Wie hätte ich sonst auch Bf mir die Mirjam zu holen. Meine n!" Mit einem bitteren Aufschluchzen schlug der Arme die Hände vor das Gesicht. Der Man»

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