Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1908)
- Date
- 1908-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449302--64125-2506701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
16. Januar 1908. Der Israelit. No. 3 Seite 9 in einer Plenarsitzung, auf Betreiben des Vertreters des Ministeriums des Innern A. I. Likuschin, gegen das Gutachten des Finanz- und Handelsministers, für die Anordnung der Moskauer Administration entschied. Die Moskauer jüdischen Kaufleute befinden sich in größter Aufregung und erwarten jeden Tag ihre Ausweisung : 'ihre einzige Hoffnung setzen sie auf die Vertreter der gesamten Moskauer Kaufmannschaft und der Großindustriellen/ die sich sicher für die Juden verwenden werden, da deren Ausweisung für Handel und Industrie in Moskau den völligen Ruin bedeuten würde. Eine andere Rechtsbeschränkung bezieht sich auf diejenigen Jüdinnen, die als Absolventinnen der Bestuschew'schen höheren Lehrkurse sich bis jetzt des Wohnrechtes außerhalb des Ansiedlungsrayons erfreuten und nun dieses Rechts auf Grund einer Entscheidung des Senats verlustig erklärt worden sind. Bei dieser Gestaltung der Gesamtlage ist die allgemeine Panik, welche sich der russischen Judenheit bemächtigt hat, ganz begreiflich. Zur Entmutigung der jüdischen Bevölkerung haben wesentlich die Gerüchte von neuen Gesetzesprojekten, die in der Reichsduma eingebracht würden, nnd die Aeußerung der Octobristenpreffe über dieselben beigetragen. Bon dem Projekte, nach dem Muster Rumäniens die russischen Juden samt und sonders als „Fremde" zu erklären, habe ich Ihnen bereits Mitteilung gemacht. Jetzt wird von einem weiteren Gesetzesvorschlag berichtet, der mit dem elfteren in engem Zusammenhänge steht, nämlich die Ausschließung der Juden vom Militärdienst verlangt und die Blutfteuer für sie durch eine Geldsteuer ersetzen will, mit der nicht der Einzelne, sondern die Gemeinden belastet werden sollen. Der Officiosus der „Oktobristen", der „Golos Moskwy", befürwortet dieses Projekt in einem Artikel „Die Juden und die Armee" und hebt pnter anderem hervor: „Von den einberufenen Juden bleiben jährlich 30—35 000 aus (was selbstverständlich eine grobe Lüge ist, selbst wenn man die „toten Seelen^', d. h. die vor ihrem einuudzwanzigsten Lebensjahre gestorbenen oder ausgewanderten, und aus den Matrikelbüchern nicht gestrichenen Juden mit einrechnet.) Die Poen von 300 Rubeln, die die Angehörigen der „nicht erschienenen Einberufenen" zu entrichten haben, werde in der Regel, wegen Insolvenz der Betreffenden, nicht einkaffiert. Wäre es demnach nicht viel richtiger, wenn man ür jeden einzuberufenden Juden die betreffende üdische Gemeinde mit 450 Rbl. als Aequivalent ür 900 Arbeitstage, zu 50 Cop. pro Tag, beastet? Für die 30—40000 jüdischen Soldaten, die meist nicht erscheinen, würde die Armee eine Summe von 13—18 Millionen Rubel jährlich zur Besoldung von Unteroffizieren erhalten." So meint der „Golos Moskwy". Nimmt man an, wie es gewöhnlich geschieht, daß die arbeitsfähigen Steuerzahler männlichen Geschlechts 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, so würden unter den 5 T/2 Millionen jüdischer Bewohner Rußlands 1,100,000 mit 13 bis 18 Millionen Rubel Militärsteuer belastet werden. Man will natürlich mit dem Ersatz der Blutsteuer durch eine Geldsteuer die Degradierung der Juden zu Bürgern niederer Kategorie oder zu „Fremden" bezwecken, was jegliche Rechtsentziehung dann qn»3i rechtfertigen würde. Das ungeheure Verbrechen, das darin läge, Einge borene, die zu keinem anderen Staate gehören, ohne weiteres als „Fremde" zu erklären, würde unter den obwaltenden Verhältnissen, bei dem Charakter der gegenwärtigen Reichsduma nicht sehr in die Wagschale fallen. Konnte doch Graf Bobrinsky in der Reichsduma behaupten, daß die von der letzteren eingesetzte Kommission zur Beratung über die Rechte der verschiedenen Glaubensbekenntnisse die Frage der bürgerlichen Rechtsbeschränkungen nicht zu berühren habe, well deren Begründung nicht in der Konfession liege/ obgleich, wie die jüdischen Deputierten Niffelowitsch und Friedmann, die zu dieser Kommission gehören, richtig bemerkten, mit der Taufe sämtliche für die Juden existierenden Rechtsbeschränkungen völlig aufhören. Wie Sie sehen, ist es um die russische Judenheit für dis nächste Zukunft sehr schlimm bestellt, unb das Schlimmste ist die außergewöhnliche Mutlosigkeit der Juden selbst, ihre Apathie und der Mangel jeder Initiative zu energischer, loyaler Selbsthilfe. Petersburg, 10. Jan. Unter den vielen Spezialsteuern, welche auf den russischen Juden lasten, ist die „K or o b k e"-S teu er die drückendste. Diese Steuer haben die Juden für den Genuß des Koscher-Fleisches zu zahlen. Die jüdische Fleisch-Steuer wird voik den politischen Behörden nach eigenem Gutdünken für jede Stadt besonders bemessen und auch von den politischen Behörden verteilt. Ein Teil wird, ebenfalls nach dem Ermessen der politischen Behörde, der Judengemeinde für jüdische Zwecke überlassen, während ein nicht unbedeutender Teil dieser Judensteuer für andere Zwecke, zumeist zur Erhaltung und Vermehrung der Polizei und zur Errichtung von Kirchen verwendet wird. Zahlreiche Kirchen und Bischofspaläste in Rußland danken ihre Entstehung dieser jüdischen Fleischsteuer und unzählige Polizisten, welche es ruhig zusahen, wie der Pöbel die jüdischen Häuser plünderte, und die Juden mordete, beziehen ihr Gehalt aus den „Korobke-Geldern". Heuer zum ersten Male wurden die Daten betreffend die jüdische Fleisch-Steuer der Budgetkommiffion der Duma vorgelegt. Aus ihnen ersehen wir erst, wie bedeutend diese Steuer ist. Laut diesen amtlichen Daten, betrug sie im Jahre 1905 rund sieben Millionen Rubel. Die Rückstände in dem genannten Jahre betrugen drei Millionen Rubet. Helsingfors, 4. Jan. Am 29. Dezember fand in Helsingfors eine Versammlung von Juden statt, denen auf Grund der letzten Verfügung des Gouverneurs von Nyland die Ausweisung droht, da sie kein Aufenthaltsrecht haben. Die Versammlung beschloß, ein Komitee zu wählen, dem aufgetragen wurde: 1) zur Aufnahme aller derer, die von der erwähnten Maßregel betroffen wurden, in die örtliche hebräische Gemeinde uachzusuchen oder 2) das Recht zu erlangen, in Helsingfors eine eigene Gemeinde zu gründen und 3) bei den finnländischen Behörden um Aufhebung der Bestimmung des nyländischen Gouverneurs nachzusuchen. iPalajHna. Aus Sem heiligen Lande. (Bon unserem Korrespondenten.) Jerusalem, 5. Jan. Bezüglich der hiesigen Teuerung wird es Ihren werten Lesern gewiß von Interesse sein, etwas von den Hilfsaktionen zu erfahren, die von den jüdischen Gemeinden vorgenommen wurden, bevor irgendwelcher Beistand von auswärts erbeten wurde. Der jüdische Gemeinde-Ausschuß (Waad Kol Hakoletim) hatte schon Ende Oktober 1907 in verschiedenen Lieferungen 2155 Säcke Mehl gekauft und über dre Hälfte davon zum Besten der Arr n unter dem Selbstkostenpreis, d mit einem Verluste von über 3700 Francs . rkauft. Außerdem hat derselbe noch über 67,100 Kllo Weizen gekauft und vorerst auf Lager gelegt, um eventuell für Pefach etwas Vorrat für Matzos zu haben. Die Ausgaben für Mehl und Weizen belaufen sich nahezu auf 100,000 Francs, wovon etwa 45,000 Francs gegen Zinsen geborgt werden Mußten. Ungefähr 13,000 Francs sind von den hiesigen jüdischen Bereinigungen und ungefähr 2000 Fr. von hiesigen Privatleuten selbstredend ohne Zinsen vorgestreckt. 40,000 Francs sind für verkauftes Mehl eingenommen worden. Me sephardssche Gemeinde kaufte 1000 Säcke Mehl, wovon schön 500 unter dem Selbstkostenpreis, mit einem Verluste vvn ca. 2000 Francs an die Armen abgegeben wurden. Das Geld zum Ankauf des Mehles ist, da die Gemeindekasse leer war, geliehen worden. Von einem hiesigen Privatmanne wurden 200 Francs der Gemeinde geschenkt, sowie 300 Francs von den hier ansässigen Vertrauensmännern deutscher Wohltäter. Als nun aber Ende November der erhoffte Rückgang der Lebensmittelpreise nicht erfolgte und die Gemeinden einsehen mußten, daß sie der Situation nicht Herr werden konnten, wurde nach ernster Beratung beschlössen, die Glaubensbrüder im Auslande um Hilfe zu bitten. Als Antwort dieser Bitte wurde sofort, wie Ihren Lesern bekannt sein wird, von dem „Hilfskomitee der notleidenden Brüder im Auslande" (Sitz Frankfurt a. M.) verbunden mit den Pekidim und Armakalim in Amsterdam 400 Säcke Mehl für Jerusalem, Hebron, Safed und Liberias abgesandt, während von London ebenfalls 100 Säcke Mehl avisiert sind. Wie ich aus sicherer Quelle von den Kolelim selbst erfahren habe, find an direkten Barspenden von auswärts für die Teuerung von Herrn Dr. Paul Nathan 1000 Mark je der aschkenasischen und der sephardifchen Gemeinde gegeben worden; und es sind auch kleine Beträge zwischen 50 und 100 Francs bis jetzt von auswärts eingetroffen. Das ungarische Kolel ersuchte sein Komitee um Zuwendung von 250 Säcken Mehl. Das Geld für das gesandte Mehl wird an der von dort kommenden Chaluka abgezogen. Rabbi Jakob Meir, dessen Wahl zum Chacham Baschi in Jerusalem voriges Jahr zu den nun G. f. d. beigelegten Streitigkeiten führte, ist endgültig zum Chacham Baschi in Saloniki gewählt worden und reist diese Woche dorthin ab'. JUnertki*. New Aork, 3. Jan. Die United Hebrew Chartties von New-Aork haben, nachdem erst die einzelnen Distriktsbureaus wegen Mangels an genügenden Mitteln ihre Tättgkeit eingestellt hatten, nunmehr beschlossen, auch das Zentralbureau aufzulösen. In der Konferenz, in welcher dieser traurige Beschluß gefaßt wurde, kam es stellenweise zu recht dramatischen Szenen. Der Präsident des Eaft-Side-Distrikts, Mr. Cohen, teilte in bewegten Worten mit, daß es ihm und seinen Kollegen gelungen sei, in kurzer Zeit 1300 Dollars zu sammeln, er hoffe, daß die Gelder in naher Zukunft reichlicher zufließen würden. Er protestiere im Namen seiner Kollegen im Distriktsvorstande und im Namen der Tausende von armen Juden, denen man die letzte Hoffnung rauben wolle, gegen die Schließung der Charity-Bureaux im East-End. Sein Appell war jedoch vergebens. Der Präsident der United-Charittes, Mr. Nathan, kund, daß alle Bureaux durch die Zentrale geschloffen würden und mit der Veräußerung der Einrichtungsgegenstände schon begounen worden sei. (Der Beschluß erscheint zunächst unbegreiflich/ Näheres bleibt abzuwarten. Red.) vermachter. Schöneberg, 8. Jan. Anläßlich der Errichtung eines besonderen katholischen Religionsunterrichtes an der 2. höheren Mädchenschule fragte in der Stadtverordnetenversammlung deren Mitglied Kutznitzky, ob für die Kinder jüdischer Eltern m gleicher Weise gesorgt werden würde. Oberbürgermeister Wilde gab eine bejahende Antwort. Kitzingev, 13. Jan. In der hiesigen Synagoge entstand jüngst ein Kamtnbrand. DaS Feuer wurde rechtzeitig bemerkt und gelöscht. Der Schaden ist gering. Mühlhausen im Unter-Els., 13. Jan. Bekanntlich ist am Kol-Mdre während teS Gottesdienstes in die hiesige Synagoge geschossen worben, wodurch begreiflicherweise eine wahre vantk hervorgeruftn wurde. Obwohl sofort Anzeige erstatt worben ist, läuft der Scharffchütze bis jetzt unbehelligt umher. Frankfurt a. M., 2S. Dez. Die „Zeitschrift für Demographie und Statistik de Jub.'n* veröffentlicht in ihrem Rovemberheft eine Tabelle über die Zahl der während der letzten Volkszählung in fämt'ichen deutschen Bundesstaatm anwesenden Juden: Der Anteil der Juden an der Gesamtbevvlkeruna ist danach iN Sen 5 Jahren 1900—1905 von 1,04 Proz. auf 1 Proz. gesunken. Die jüdische Bevölkerung hat fich in Susan Lustrum um 21029 H^rsonen vermehrt. Sie christliche MN 4 253071. Die prozentuale Zunahme der Christen bttrSgt 7,116 Proz., die der Judm nur 3,584 Pro . tzctSet M noch zu Serückfichttgen, daß im Zettpunkt ter letzten BÄG-