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Der Israelit · 1908-01-16 · Heft 3 (16.1.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 3 (16.1.1908)
Date
1908-01-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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No. S. Getto L. Der J-raeltt. 18. Januar 1888 Mitwirkung maßgebender Persönlichkeiten" geborenen Vereine, die liberalen Männlein, Weiblein und Kindlein sich sammeln, auch die religiös Gleichgültigen — so heißt es ausdrücklich— sollen nicht fehlen, um — ja um — hier stock' ich schon: was die neue Bereinigung eigentlich tun soll, davon steht in dem Aufruf kein Wort. Aber als was sie gelten will, darüber äußern sich ihre Väter ziemlich deutlich: eine Schutztruppe zu bilden für den aus hundertjähriger Ruhe aufgestörten Oberrat, das ist, um es kurz zu präcisieren, -er eigentliche Zweck der neuen Bereinigung, und der organisirte Kampf gegen die Bekenner des überlieferten Judentums auf der ganzen Linie wird — gewollt oder ungewollt — die Folge dieser Schutztruppenbildung sein. Es ist darum eine politische Farce allerersten Ranges, wenn die edlen Kämpen die für den hohen Oberrat ritterlich in die Schranken treten, sich als Friedensengel vermummen. Und es gehört wahrlich eine Stirn dazu, von der „aufrichtigen Friedensliebe" der Liberalen, von „Frieden und Gerechtigkeit" zu predigen, in einem Augenblicke, da ein ganzes Land widerhallt von den Kämpfen, die der Uebermut der Gebetbuchsabrikanten entfesselt hat und über deren Anlaß oer liberale Aufruf bezeichnender Weise sich ausschweigt. Fast noch bewundernswerter ist der Mut, mit dem die Verfasser des Aufrufes die Schauermär in die Welt setzen, die Orthodoxen wünschen ,^ßre Methode der religiösen Erziehung den Liberalen aufzuzwingen". Man traut seinen Ohren nicht! Die Reform droht, durch ein von mehr als hundert Rabbinen aller Richtungen als unjüdisch gebrandmarktes Gebetbuch die ganze Zukunft des badischen Judentums zu vernichten, und die Männer, die sich gegen diese Vergewaltigung mit aller Kraft ihrer Seele wehren, die Männer, die vor allem die zwangsweise Einführung des Reformgebetbuchs in die Schulen unmöglich zu machen suchen — die klagt man mit eiserner Stirne an, „sie wünschten den andern ihre Methode der religiösen Erziehung aufzuzwingen!" Dieser eine Punkt ist charakteristisch für die Kampfesweife der neuen Organisation, die den Oberrat der Mühe überheben soll, selbst für sein Werk einzustehen, die aber sehr gegen ihren Willen, gar leicht zur — Sprengung der Landessynagoge wird führen können. Was die Gesetzestreuen in Baden bisher erstrebten, war nichts anderes als G l e i ch b e r e chtigung und freie, unabhängige Religions- Übung innerhalb der Landessynagogees ist erweislich unwahr, wenn die „Liberale Vereinigung" der badischen Orthodoxie die Absicht unerschiebt, die Landesorganisation vernichten zu wollen. Je mehr wir selbst diese ganze konsistoriale Organisation für ein Unding und ein Unglück halten, desto nachdrücklicher vermögen wir darauf hinzuweisen, daß im Gegensatz hierzu die Gesetzestreuen in Baden all oer Organisation als solcher jederzeit festgehalten und nichts gefordert haben als ihre elementarsten religiösen Rechte im Rahmen dieser Landessynagoge. Wenn aber jetzt unter ausdrücklicher Berufung auf-den Dr. Seligmann'schen Frankfurter Hurra-Liberalismus die Mannschaft des Oberrats in Kampfstellung vorrückt und die berechtigten Forderungen der Orthodoxie durch die brutale Macht einer zu fünfzig Pfennigen zusammengetrommelten tausendköpfigen Menge zu bekriegen unternimmt, dann, möge sie sich vorsehen, daß nicht aus der stolzen Heerschar eine Kolonne von — Totengräbern wird, die dem einheitlichen badischen Oberrat das Grab schauftln. Im Kampfe der Ideen siegt nicht die Masse und nicht die Mache, sondern das Ursprüngliche und Lebenskräftige, und wenn unter dem Szepter des badischen Oberrats eine empörende Herausforderung, wie sie das badische Gebetbuch bildet, keine Zurückweisung und keine Sühne sollte finden können, dann wäre eben auch dem blödesten Auge der Beweis geliefert, daß das ganzeGebäude derLandessynagoge sittlich morsch und daß sein Untergang besiegelt ist. Es gibt kein besseres Mittel, um diese -Konsequenz herbeizuführen als eine recht kräftige Entfaltung liberaler Machtmittel, und jeder, der dem neuen Vereine seinen Obolus und seine Teilnahme widmet, trägt — gewiß wider Willen — dazu bei, daß eine reinliche Scheidung an die Stelle der Heutigen rechtlichen Einheit der religiösen Gegensätze tritt. Wie's aber auch kommen mag: unsre badischen Gesinnungsgenoffen mögen feststehen in dem Kampfe, der ihnen nun in doppelter Schärfe aufgedrungen wird, und in dem sie der lebendigen Teilnahme aller treuen Söhne des jüdischen Volkes auf dem Erdenrunde sicher sein dürfen. Tenöen?i0fe Berichterftaftun g aus Paläffina. Vor vier Wochen übersandte uns — vermutlich auch anderen jüdischen Blättern —*die Alliance JsraEte folgende auffällige Mitteilung leines Feuilleton. Die Ubr. Sitte Plauderei von Juviius (Fortsetzung.) „Run ich denke, daß man sagen kann, eine Uhr ist ein Instrument, mit dem man die Zeit mißt, also ein Zeitmesser. Bist du damit einverstanden?" Wir mußten das zutreffende dieser Erklärung zugeben, aber ich merkte meinem Freunde an, daß es chn dÄickte, wie armselig unsere Realschulbildung sich dem nüchternen unstudierten Verstand meines Vaters «über ausnahm. Wir waren auf eine so einfache rang nicht bekommen, die mein Vater so leicht und sebstverständuch aus dem Aermel schüttelte. Mein Vater nutzte diese Stmmuntg sofort aus, indem er fortfuhr: „Wenn man im Bar Mizwo-Alter steht, kann man noch unmöglich den Wert der Zeit, die Flucht und Wucht der Zeit verstehen und ermessen, und die Zeit, die euere Händchen noch nicht ergreifen, die euer Kopf nock nicht begreifen kann, die wiXlt,iyr messen? ^für müßt ihr eine Uhr haben? Das kommt mir vor,.als wenn ihr jetzt schon essen Und trinken wolltet '"k den Hunger um» Durst, der erst in vielen Jahren " einstellen wird oder wie es ein Weiser des Talmud ' cüdft: Weh' dem, der kein Haus hat und sich eine Haustüre zimmert!" Der Vater war ernst gHwoMM- Und sei« Ernst ging, ohne daß wirs merktenZMUch auf uns .über. Er sprach noch viel über das Glück der Jugend, über die selige Zeit der Kindheit, deren Privilegium aber darin bestehe, diese schwersten Probleme von dern Glanz der Morgenröte des Lebens überflutet zu sehen und sorglos spielend an ihnen vorüber zu gehen. Das meiste von dem, was der Vater nochferner sagte, war uns unverständlich. Viele, viele Jahre spater fand ick einen Teil der Gedanken, die er damals fast wie in einem Selbstgespräch vor uns aussprach, bei einem Schriftsteller wieder, der damals wohl noch keine Zeile geschrieben hatte und meinem Vater nicht einmal dem Namen nach bekannt war. Es ist Thomas Carlyle, dessen folgende Worte' mir jene Uhr-Episode wieder in die Erinnerung riefen: „Solange uns noch die väterliche Hütte umschließt, so lange schützt uns auch ihr Dach; der .Vater gilt uns noch als Prophet, Priester und König, und wir leben in dem Gehorsam, der uns frei macht. Der junge Geist ist aus der Ewigkeit erwacht und weiß noch nicht, was wir unter „Zeit" verstehen; noch ist die Zeit kein schnell enteilender Strom, sondern ein klarer, sonnenheller Ozean. Jahre sind dem Kinde wi^Jahrhunderte. Das Geheimnis des Wechsels, ^langsameren und rascheren Versallens und ^Unaufhörlichen Zusammenstürzens des gesam- Weltgebäudes von den Granitbergen bis zum Menschen oder der Eintagsfliege ist ihm noch unbekannt, und in einem fl Ulstehenden Weltall kostet es, was ihm später in dem eilenden Weltall für immer versagt ist: den Balsam der Ruhe." Wie wenig ich das alles auch damals verstand, das stand mir fest, eine Uhr werde >ich zur Vorüber die rüit der Teuerung im heiligen Lande zusammenhängenden Maßnahmen: Durch ein Schreiben auS Jerusalem erfährt die Alliance Jsra6itte Universelle die folgenden Details, die wohl eines weiteren Komentares nicht bedürfen:. Die durch die verschiedenen Gemeinden überall hin versandten Depeschen haben den Telegraphen um 5000 Fes. (die Zahl ist offiziell» bereichert. Mit diesem Betrag kömue man zur Unterstützung von 6000 Seelen beitragen. Die amerikanischen Postanweisungen, die während dieser Woche durch die französische Post an die Kolelim ausbezahlt wurden, haben die b'trächtltche Summe yon 30000Fcs. erreicht, und nicht 1 Centimes ist an die leidend' Menge verteilt worden. — Unsere Niederlagen find für die ganze Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession geöffnet, was uns die Glück wünsche des griechischen Patriarchen und dcr hervorragendsten Muselmänner eingetragen hat. Wir verkaufen das Mehl zü sehr niedrig n Preisen und bleiben in Beibindung m.t Marseille. Triest, Odessa, Adana und Alexandrien, um unsere Vorräte eintretenden Falles zu erneuern. Diese Organisation unserer Armenpflegekommisfion sch'int das beste zu sein, um den Zuständen, die in Palästina herrschen, zu begegnen, um das Elend der Enterbten zu heben. Obgleich an dem guten Glauben der Alliance und an der peinlichen Gewissenhaftigkeit ihrer europäischen Leitung nicht der geringste Zweifel besteht, fühlten wir uns doch zu einer Rückfrage in Jerusalem verpflichtet, bevor wir diese Nachricht veröffentlichten, die geeignet war, die überall sich regende Hilfsbereitschaft zu lähmen und damit unseren unglücklichen Brüdern schweren Schaden zuzufügen. Es kommt hinzu, daß der Vertrauensmann der Alliance in Jerusalem kein anderer ist, als der berühmte Herr Antäbi, dessen Thaten und Meinungen beim Chacham-Bafchi-Streit, wie es scheint, nicht vermocht haben der Alliance die Augen über die Wesensart dieses ihres Vertreters zu öffnen. Endlich mußte die ganze Form der Nachricht mit ihrer aufdringlichen Hervorkehrung der eigenen Vortrefflichkeit gegenüber der Verworfenheit der „Gemeinden", denen eittfach die Unterschlagung von 30,000 Fcs. vorgeworfen wird, von vornherein Mißtrauen erwecken. Wie berechtigt dieses Mißtrauen war, erhellt aus den authentischen Mitteilungen, die wir von durchaus unbeteiligter zuverlässiger Seite unterm 5. Januar aus Jerusalem nunmehr empfangen: „Das sonst im Laufe des Jahres für die Ko eltm aus Amerika einlaufende Geld wird an den Waad kol hakolelim ausbezahlt, der einen bestimmten Te>l 0/,) dem sogenannten Kolel Amerika abgibt und */s für allgemeine Zwecke verwendet. Tatsächlich ist für die jetzt hier hei rschende Teuerung noch kein Centime aus Amerika gekommen, umsoweniger als die Antworten » uf die dorthin gesandten Briefe wegen der Teuerung noch gar nicht hier sein können. Keine der hiefigen Gemeinden hat Telegramme nach Amerika geschickt. Bon der afchkenasischen Gemeinde find überhaupt keine Telegramme versandt «worden. Die Frage, ob dies zweckmäßig sei, wurde zwar erörtert, je och auf Veranlaffung des Herrn Oberrabbiner Galant in negativem Ginne ent ch eden. Dagegen«mpfahl »dieser ehrwürdige Herr, sich ausschließlich aui brieflichem Mizwo nichr bekommen. Je weniger ich die väterlichen Argumente widerlegen oder auch nur richtig würdigen konnte, um so tiefer war ich von ihrer Richtigkeit und Wichtigkeit überzeugt. Wer eine Uhr hätte ich trotzdem gern gehabt. Ich versuchte es darum mein Steckenpferd von einer anderen Seite her auszuzäumen. „Wenn du sagst, daß ein Bar-Mizwo-Knabe eine Uhr nock nicht richtig zu schätzen weiß, so kann es aber doch sein, daß sie ihm sehr gute Dienste leistete. Wenn ich z. B. eine Weckuhr hätte, so wallte ich . gern jeden Morgen so früh aufstehen, wie du es > möchtest." Da ich wußte, wie sehr mein Vater darauf hielt, daß wir früh aufstanden und welchen Verdruß es ihrn bereitete, wenn wir nicht Herr über den Morgenschlas werden konnten, so glaubte ich da einen Trumps ausgespielt zu haben, der sicher den gewünschten Erfolg haben müsse. Aber ich hatte mich geirrt. „Wenn du einen Wecker hättest," entgegenete der Vater, „würdest bu aufstehen? Damit täuschst du dich selber. Du hast ja einen Wecker, über dessen Gründlichkeit und Pünktlichkeit du dich fast jeden Morgen beklagst und der bin ich selber. Glaubst du, du würdest dem Rus einer weckenden Uhr leichter und williger folgen als dem Ruf deiues weckenden Vaters? Vielleicht die ersten Tage, aber dann bliebe wieder alles beim Alten." Ich wollte das'nicht gelten lassen, aber der Vater ließ mick nicht zu Worte kommen. „Tein Wunsch eine Uhr zu besitzen, blendet dich. Du wirst mir vielleicht mit dem Munde zustimmen, aber im Herzen doch an dein Recht glauben. Ich gehe daher auf Deine Ansicht ein und gehe sogar

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