Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1908)
- Date
- 1908-01-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449302--64117-2506693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
) er Israeli Ein Centralorgan fiirjlas orffmdKce Juieslui |f| bbros (tfrdfcf ui Br.Lilnii ii nata bssss Ul 49. Jahrgang. a„„ 16 Januar 1908. Sranhfurf a. M.. Sen ]3 Scheroal 5568. J& 3. Der Jsracht erscheint jede» Dormerstas.. »d-«»e«e»ts r Gewöhnliche AuSsaLe BL L60 vtrrteljäpriich. Heftausgabe auf «uu^ruckpapier BL »«EihrUch. MM . f*r: ._ _.«Ungarn 2 Kr., RuUand 1 Ruo.r England 2 sh., Amerika 60 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnementbei offen Postanstalten, Buchhandlungen, foörle dirett bei der HestmÄgabe nur direkt. Juferate: 30 Pfennig für die sech-gespaltene Eolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Juseratenannahme mtt durch knHaasenstein ».Bögler ff4. * Conti her »ec *. « Postsparkaffe Wie» Ro. 7» «08. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Couto »et deC SttOaeC CoMmerz»«« t« «,» Conto lei ltt *. Voftfpackaffenaurt Budapest Bo. 18124. und deren Filialen, in'DwinSk, Libau, Bialystok, Reval und Lob ' Die dtncrik<i«i$cbc Istlenttage. Die Geschichte des Judentums seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts ist die mehrfache Wiederholung eines und desselben Problems. Die Aufgabe, die aus dem Zusammentreffen mit den Ideen und dem>Leben der modernen Kulturwelt für die Juden Deutschlands resultierte, mußte notwendigerlyeistz. früher oder. später auch den Juden in den'verschiedenen Ländern Osteuropas zu vitaler Bedeutung sich erheben. Während man nun in Deutschland über die Mittel und Wege zu ihrer Lösung s^t länger als einem halben Jahrhundert nicht mehr im Zweifel ist, sondern in deren praktischer Anwendung bei der Erhaltung und dem Wiederaufbau der alten jüdischen Heiligtümer schon gute Erfolge errungen hat, herrscht bei dem größten Teil der Brüder im Osten auch heute noch eine bedenkliche Ruhe und Unentschlossenheit. Mittlerweile ist aber das Problem in noch viel schwieriger Form bei denjenigen Juden aus dem Osten aufgetaucht, die, um von dein Druck und dem Elend der Heimat frei zu iverden, .sich jenseits des Ozeans ein neues Vaterland gesucht haben. Das Problem scheint dort fast noch schwieriger als in Osteuropa, weil hßH Gegensatz zwischen der Denk- und Lebensart Jaden und der seiner neuen Um- "uitßentein greller ist. .Es ist aber auch weil dringender, verlangt weit gebieterischer eine Lösung, weil die ungeheure Schnelligkeit des amerikanischen Lebens mit mächtiger Intensität an der Nivellierung der religiösen Unterschiede schafft. Wenn man bedenkt, daß in Amerika heute schon bald zwei Millionen Juden sich angesiedelt haben, und daß diese Zahl unaufhörlich laufschrittweise wächst, so wird klar, daß die Entwickelung der religiösen Zustände bei den amerikanischen Juden für die Gesamtheit unseres Volkes von höchster Bedeutung ist. Es ist bemerkenswert, daß auch nichtjüdische Schriftsteller, die das Leben der Juden in Amerika kennen gelernt haben, sich in sehr ernster Weise über die Lage der Dinge äußern. Das Urteil, das vor kurzem Theodor Barth in seinen Reisebriefen in der „Frankfurter Ztg." über die religiösen Verhältnisse bei der Jugend gefällt hat, kehrt jetzt auch in eingehenden Schilderungen eines gelegentlichen Korrespondenten der „Times" wieder. Beide haben die Kluft bemerkt, die zwischen den an den UeberUeferungen der Väter festhaltenden Alten und der jüngeren, in ihrer Entwickelung schon dem amerikanischen Einfluß ausgesetzten Generation sich auftut. Beide haben auch beobachtet und betonen es, daß mit dem religiösen Verfall das Schwinden idegser Gesinnun g überhaupt Mich in " " .(Mit Den Anfang in der Abkehr vom göttlichen Gesetz macht wie überall so auch hier der Sab bath. Der rastlose Kampf ums Dasein gestaltet die Heiligung des Sabbaths in Amerika schwieriger als sonst überall. Ist infolgedessen einmal in die religiöse Integrität Bresche gelegt, so wird gleichzeitig mit dem weiter sich entwickelnden Abfall im Leben der Tat auch der Umschwung in der Gesinnung vollzogen. Dazu kommt für die einwandernde Jugend noch das überschäumende Gefühl der politischen und sozialen Ungebundenheit in ihrem Gegensatz zu der in der Heimat erlittenen Unterdrückung, ein Gefühl, das nur zu leicht in das Streben übergeht, alle Schranken, und vornehmlich die pes Thoragesetzes niederzureißen. Bor allem aber verdienen bei der Betrachtung der Ursachen, die der Thora in Amerika einen großen Teil der Jugend entfremden, die schweren Mißstände in der religiösen Erziehung unsre Aufmerksamkeit. Die vorhandenen Religionsschulen erfüllen, ihrer ganzen Gestaltung zufolge, nicht ihren Zweck. Das Maß dessen, was dort in ein paar wöchentlichen Stunden dem Kinde an Kenntnissen übermittelt wird, ist überaus gering. Die Lehrer, die in diesen neben den allgemeinen DchiMr hergehqHW Religionsschulen unterrichten, sind vielfach-licht imstande, ihren Zöglingen einen Begriff von der Hoheit des Thoragesetzes beizubringen und sie so für dessen Uebung im Leben zu begeistern. Hier muß eine Umgestaltung an Haupt und Gliedern vorgenommen werden. Es genügt aber nicht, den Bedürfnissen eher entsprechende Religions -Schulen zu gründen. Die Erfahrungen, die man in Deutschland hinter sich hat, machen es den amerikanischen Juden zur dringenden Pflicht, jüdische Volks- und Mittelschulen zu gründen. Besser als alle anderen Mittel bieten solche Anstalten die Gewähr für eine Erziehung der Jugend im Geiste der Thora. Die Jniative in dieser Sache fällt den Männern in der amerikanischen Judenheit zu, die mit der Festigkeit der religiösen Gesinnung die Bildung der Gegenwart vereinen; an solchen Männern fehlt es glücklicherweise heute nicht mehr in den großen jüdischen Zentren Amerikas. Zur Erreichung des Zieles scheint uns vor allen Dingen eine bessere Organisation der gesetzestreuen Massen notwendig. Der jetzige Zustand, daß Hunderte von orthodoxen Genreinden in NewyM jede ein isoliertes Dasein führen, bedeutet eine bedauerliche Zersplitterung der Kräfte. Diese Einzelgenreittdcn, die vielfach nur etwa 150 Mitglieder zählen, müssen zusammen gefaßt werden. Mit vereinten Kräften wird man dann auch die Mittel aufbringen können zur Errichtung einer genügenden Zahl von jüdischen Volksu. Mittelschulen. Es liegt in der H and der orlhodoxen Judvr selbst, dafür zu sorgen, daß ihre Kinder vom Geist dessen, was ihnen selbst heilig ist, erfüllt aufwachsen; daß der Zwiespalt schwindet, der heute in den jüdischen Familien zwischen Kindern und Eltern zum tiefen Schmerz der letzteren herrscht. Wie viele Juden in absehbarer Zeit noch Rußland verlassen werden, um über dem Meere ein neue« Dasein zu gründen, das kann Niemand voraussehen. Sicher aber ist, daß die russische Judensrage von Tag zu Tag mehr zu einer amerikanischen Judenfrage im idealen Sinne dieses Wortes wird. Das legt den amerikanischen Juden zu der Pflicht der religiösen Selbsteihaltung auch die weitere Ausgabe ans Herz, in ihrem neuen Baterlande den später ihnen folgenden Brüdern Stätten zu bereiten, wo deren Kinder einst vor dem Abfall bewahrt und zur Treue erzogen werden können. Den Juden des Ostens aber erwächst die doppelt ernste Notwendigkeit, ihre Jugend für alle Fälle vorzubereiten. Wie das geschehen könne, das ist schon mehrfach in diesen Blättern erörtert worden. Kochmrunöschav. Kulturkampf in Baden! Dem Großherzoglich Badischen Oberrate der Israeliten scheint doch allmählich die Erkenntnis zu dämmern, daß seine energi» volle parteipolitische Tätigkeit im Dienste der Reform der Würde einer vom Volke bezahlten Behörde nicht ganz entspricht. Er scheint — wenn wir uns in angeborener Gutmüttgkeit nicht irren — sich nach und nach aus dem Kampfgetümmel der Parteien in die neutrale Höhe einer unparteiischen Verwaltungsbehörde zurückziehen zu wollen, ehe es zu spät ist. Nur aus diesem Wunsche heraus wenigstens, den Oberrat zu entlasten, können wir uns die neueste Parteibildung in der badischen Landessynagoge, die Gründung einer ^Liberalen Bereinigung" erklären, deren Ausruf mitsamt einem //streng vertrauÜchen" Begleitschreiben uns soeben auf den Schreibtisch stiegt. Für fünfzig Pfennige Jahresbeitrag sollen „ohne Unterschied des Geschlechts" „vom vollendeten 18. LehenSjahre an" in diesem „unter