Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1908)
- Date
- 1908-01-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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'Gr. 2. Sette 5 9. Januar 1908. Wirkens sei und nicht ein blindes Fatumdaß die Naturgesetze der'lebensvolle Ausdruck eines Gottes der Ordnung sind und nicht von Ewigkeit er vorhandene Regeln unbekannter Artdaß as menschliche Leben nur die materielle Erscheinungsform eines übersinnlichen Wesens ist, desien Nachweis auch dem Mikroskop entgeht — das ist unsere felsenfeste Ueberzeugung, die wir philosophisch verteidigen können. Dies gehört nicht hierher, denn es ändert ja nichts an der Forschungsweise der Naturwissenschaft. Der Naturforscher hat es immer nur mit dem „was" des Zusammenhangs, aber nie direkt mit dem „woher" und „wozu" zu tun. Wir haben uns zu zeigen bemüht, daß man Naturforscher und doch zugleich auch gesetzestreuer Jude sein kann. Kein einziges empirisches Resultat der Naturwissenschaft wird uns in religiöser Beziehung negativ entscheidend beeinflussen können, und man wird auch als moderner Naturforscher mit voller Würdigung aller wissenschaftlichen Errungenschaften freudig und entschieden ur jüdischen Weltanschauung sich bekennen ürfen. Aber schlecht müßte es wahrlich um unser Judentum bestellt sein, wenn wir dasselbe nur darauf stützen, daß es mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft oder überhaupt der Wissenschaft in Einklang gebracht werden könne. Wie schrecklich wäre es, wenn das, was das Leben lebenswert macht, wenn das, was uns den eigentlichen Wert, den Adel gibt, wenn unser Pflichtbewußtsein und unsere Pflichterfüllung abhängig sein sollten von den jeweiligen Systemen der Naturerkenntnis, von Modetheorien, von jeweiligen Stimmungen oder von Schülern, die aus Mangel an Intelligenz auf die Worte des Meisters schwören! Das Judentum hat stets nur rein sittliche Zwecke im Auge, und die größere oder geringere Richtigkeit einer Ansicht von irgend einem Naturgesetz hat nicht das geringste mit dem sittlichen Berufe des Menschen zu tun. Gleichwohl genügte, wenn es darauf ankam, das Judentum noch stets auch den strengsten Anforderungen der Wissenschaft und genügt ihnen auch noch heute. Nie hat der Naturforscher das Recht, eine Bibelstelle oder eine religiöse Erkenntnis schon deshalb zu verwerfen, weil sie auf Grund des momentanen Standes seiner Erkenntnis nicht begreiflich ist. Dem Himmel sei Dank, daß viele Naturforscher heute schon ansangen, ihre Theorienerkenntnis kritisch auf die Grundlagen zu prüfen. Freilich gibt es nicht wenige, Häckel allen voran, die nicht sehen wollen und deren Theorien nun als willkommene Stütze für den theoretischen und praktischen Materialismus begrüßt werden. Es ist begreiflich, wenn ein Blinder die Existenz des Sonnenlichtes leugnet, traurig aber, wenn die Sehenden in seinen Ruf einstimmen. krlSntewngen «na Gedankt«. €M iflai$cbe$%$cbatzkättkin Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) 86. Das IlJorf. Wer schnell fertig mit dem Wort ist, der wird auch mit seinem Wort schnell fertig d. h. am Ende fein. 87. Die Wege ßoffes und des Menfckieri. Es heißt im Talmud : „Wer das Gesetz lernt, der darf die Zuversicht hegen, daß er ein Sohn der künftigen Welt ist, denn so steht geschrieben (Habakuk 3. 6.): „Die Wege (Halichoth) der Ewigkeit sind sein (Gottes)". Lies nicht Halichoth Wege, sondern Halachoth Gesetze." (Megilla 28 b.) Gottes Wege zu begreifen, ist der sterbliche Mensch außerstande. Er wird die unerforschlichen Gesetze, nach denen Gottes Willen sich vollzieht, nicht ergründen können. Statt über die Wege Gottes nachzugrübeln, soll der Mensch Der JSraeUt. seinen eigenen Weg überdenken und ihn nach dem ewigen Gesetz Gottes einrichten. Der Gehorsam gegen Gottes Gesetz wird ihn dann den Weg zur ewigen Welt finden lassen. 88. öedanfteninhait. Mancher Gedanke enthält Bände, aber mancher Band nicht einen Gedanken. * * * 89 fiilfeieistung. Die Thora gebietet: „Du sollst den Esel deines Bruders oder seinen Ochsen nicht am Wege liegen sehen und ihm deine Hilfe entziehen, vielmehr sollst du sie mit ihm aufrichten." (5. B. M. 22. 4. Vgl. 2. B. M. 23. 5.) Der natürliche Sinn des Ausdruckes „mit ihm" ist bekanntlich der, daß in erster Reihe die Verpflichtung auf dem Eingentümer des Tieres, der dabei ist, ruht. Aber in einem höheren Sinne kann das Wort „mit ihm" auch dahin gedeutet werden, daß man verpflichtet ist, wie das leidende Tier, so auch den leidenden Menschen, er sei dein Bruder (5. B. M. 22. 4.) oder dein Feind (2. B. M. ,23. 5.), aufzurichten und ihm auszuhelfen, wenn er unter seiner Last erliegt. 96. Jüdifcfie Devise. Die bekannte Devise Friedrichs des Großen: „Vivre et monrir en roi“ (Leben und sterben als König) sollte für Juden lauten: „Vivre et moarir en juif“ (Leben und sterben als Jude). 91. HJeltbejahung und Weitverneinung. Zwischen der Scylla der ausschließlichen Weltbejahung und der Charybdis der ausschließlichen Weltverneinung will dich das Judentum mit seiner bedingten Weltbejahung und seiner bedingten Weltverneinung sicher hindurchführen. Seine Lehren umfassen zwar das irdische Leben und wollen dich vor Weltentfremdung schützen. Aber sie haben zum Ziel ein höheres Leben und wollen dich vor dem Aufgehen und Versinken im Irdischen und Weltlichen bewahren. 92. llebersetzung. Das Wort: „Der Meister kann die Form zerbrechen", dürfte sinngemäß zu übersetzen sein "na 1*? rwy1? (Baba kama 60). 93. Die Schuld der Väter. Beim zweiten Gebot erstreckt sich die Strafandrohung nicht nur auf den Täter, sondern auf die „Kinder bis ins dritte und vierte Geschlecht" (2. B. M. 20. 5.), während es beim dritten Gebot heißt: „Denn der Ewige wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen zum Falschen ausspricht" (V. 7). Von den Kinder ist hier keine Rede. Warum? Das zweite Gebot handelt vom Götzendienst. Die Kinder götzendienerischer Eltern werden nun in der Regel ebenfalls Götzendiener sein. Das böse Beispiel wird sich fortpflanzen, und die Schuld nach dem natürlichen Verlauf der Dinge sich vererben. Daher erstreckt sich die Strafandrohung auch auf die in Sünde kommenden Kinder. Das dritte Gebot dagegen handelt vom Meineid, an dem die Kinder keinen Anteil haben. Wird doch sogar der Vater in der Regel diese seine Schuld auch vor seinen Kindern verheimlichen. Während es also im Wesen des Götzendienstes liegt, daß er vererbt wird,, und daß die Kinder schuldiger Eltern mit in die Schuld verstrickt werden, ist das bei der Sünde des Meineides nicht der Fall. Daher wird bei diesem nur der Täter bedroht. Der Satz von der Heimsuchung der Schuld der Väter an den Kindern bezieht sich also nicht auf unschuldige, sondern auf schuldige Kinder. Er steht vollkommen im Einklänge mit dem Worte (Jeremia 31. 30.): „Jeder stirbt durch seine Schuld. (Bgl. darüber meine Schrift „Das Wesen des proph. Judentums" S. 62 f.) Es ist ferner überaus bemerkenswert, daß 2. B. M 34. 7. dem Satz: „Gott - sucht die Schuld der Väter heim an den Kindern", unmittelbar vorangeht: „Herr, Herr Gott, gnädig und barmherzig, langmütig und von unendlicher Huld und Treue, der Gnade bewahrt bis ins tausendste Geschlecht, der verzeiht Sünde und Missetat." Der unmittelbar äußere Zusammenhang dieser beiden Gedanken weist auf ihren engen inneren Zusammenhang hin: Die Heimsuchung der Bäterschuld an den Kindern ist eine Konsequenz der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit. Der strafende Gott ist auch der liebende. 94. 3um Beroeis des 6Iaubens. Warum die heilige Schrift oft trockene und nüchterne Verzeichnisse enthält, ja sogar bei diesen Aufzählungen sich in Wiederholungen ergeht, das wissen wir nicht. Aber diese trockenen und nüchternen Aufzählungen sind uns mit ein Beweis für die Wahrheit der Schrift. Ihre Schilderungen sind keine Dichtung, sondern eine getreue Darstellung der Wirklichkeit. Ein fernerer Beweis für die Objettivität und Wahrheit der Bibel ist die Tatsache, daß sie ihre Helden nicht mit glänzenzenden Eigenschaften ausstattet, nicht zu Jdealgestalten erhebt, sondern auch ihre Verfehlungen berichtet. Wir finden zwar Aehnliches auch bei anderen Völkern. So dichteten die Griechen ihren Göttern und Helden menschliche Schwächen und Fehler an. Aber der Unterschied ist ein gewaltiger. Dem Griechen waren seine Götter und Helden Jdealgestalten. Ihre Schwächen und Fehler empfand er nicht als sittliche Mängel. Aber in Israel standen die sittlichen Begriffe fest. Ein Verhalten, das diesem widersprach, wurde als sittlicher Mangel empfunden. Und doch stellt die Schrift ihre Helden nicht als fleckenlose Jdealgestalten hin, sondern schildert die Menschen so, wie sie waren. 95. DJirftungEder Leiden. Wie eine große Flamme durch den Sturm angefacht, eine kleine aber verlöscht wird, so wachsen große Seelen in Leiden und widrigen Geschicken, kleine aber werden in ihnen noch enger. * * 96.0Re(igiöfe Parteien. -In dem Streit zwischen Rabbaniten und Karäern gab die Geschichte den Rabbaniten Recht. Die Karäer sind untergegangen. So ist auch in den gegenwärtigen Kämpfen der religiöser« „Parteien" des Judentums diejenige die wahre und rechte, welche die Zukunft für sich hat. Die Geschichte wird entscheiden — wenn sie es nicht schon entschieden hat — wessen Judentum das dauernde ist. * * * 97- 3Udifdie öefdiichte. Die Geschichte der Juden kann man in Anlehnung an ein bekanntes Wort am besten bezeichnen als gesta Dei per Judaeos (Taten Gottes vvllführt durch die Juden). J98. fleufjererfund innerer flJert.* Eine außer Kurs gekommene Goldmünze behält ihren Wert. Papiergeld aber, das außer Kurs, kommt, ist wertlos. Auch bei Menschen giebt es Kurs- und innere Wette. Was wäre mancher ohne sein Geld? Sorge dafür, daß dein Wett in dir liege, daß du ohne dein Vermögen auch noch etwas seiest! (Fortsetzung folgt.) Sü