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Der Israelit · 1908-01-09 · Heft 2 (9.1.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 2 (9.1.1908)
Date
1908-01-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Rr. 2 dem Berichte der „Frankfurter Zeitung", die Hauptsache sei — die Bibelkritik. Das ist durchaus konsequent. Wer mit geschwellten Segeln im Strome des „Zeitgeistes" einhersährt, wer das Gottesgesetz als unnützen Ballast über Bord wirft, der hat auch wenig Veranlassung, sich gegen die soi-disant „wissenschastlich" begründete definitive Entgöttlichung des Bibelworts zu sträuben. Dann sollten die „Liberalen" aber endlich auch aufhören, die unüberbrückbare Kluft, die sie vom überlieferten Judentum scheidet, durch die unwürdigsten dialektischen Kunststücke zu bemänteln, dann sollten sie vielmehr ehrlich und aufrichtig mit uns daran arbeiten, daß. das neologe Judentum in seinem ganzen prinzipiellen Gegensatz zur historischen Mischen Religion anerkannt und damit erst der Weg zur friedlichen, gemeinsamen Arbeit auf sozialem Gebiete geebnet wird. Reaktion und kein finde. Die innere ruffische Politik ist jetzt Wiederaus dem Punkte angelangt, auf dem sie vor dem Beginn der Freiheitsbewegung, zu Plehwes Zeiten gestanden hat. Es vergeht jetzt fast kein Tag, an dem nicht neue drückende Maßnahmen zur Rechtsbeschränkung unserer Brüder in Rußland Eldet würden. Was in Rechtsstaaten die oren der Gesetzgebung leisten, das ist im nreich trotz „Verfassung" und Duma zum größten Teil Sache der Polizeibehörden und — eine jeder Parallele entbehrende Staatseinrichtung — der Gesetzeserläuterung durch das oberste Gericht, den Senat. Wenn die ruffische Regierung irgend eine mit Gesetzeskraft bekleidete Bestimmung braucht, die sie auf dem in anderen Staaten gebräuchlichen Wege nicht so leicht und schnell erlangen kann, so läßt sie einfach den Senat „erläutern." Derselbe wählt dann irgend eine für diesen Zweck geeignete alte Bestimmung aus und erklärt, dieselbe enthalte außer dem, was man bisher darin gefunden, auch noch das, was die Regierung gerade unter den Gesetzen zu finden wünscht. Es ist unglaublich, was diese Erläuterungsmaschine alles zustande bringt. Und so wird denn in aller Ruhe, ohne daß ein Hahn danach kräht, von den „Rechten", die die Juden noch besitzen, eins nach dem anderen hinwegkommentiert. Wie weit das noch gehen wird, das läßt sich nicht absehen. Sicher ist nur, daß jetzt, nachdem die Regierung wieder sich ungestörter Bewegungsfreiheit erfreut, der Judenhaß in den leitenden Kreisen mit allem Eifer sich in die Tat umzusetzen sucht. Im Schatten der „Verfassung", des Parlamentes geht die Entrechtung der Juden noch viel leichter von statten Der ftfrnmtt_ als ehedem zu den Zeiten Plehwes, der unter dem Druck der öffentlichen Meinung mit den Senatsentscheidungen doch nicht nach Belieben schalten konnte. Ein großer Kenner politischer Zusammenhänge hat einmal, dem Gedanken Ausdruck verliehen, daß bei weitem gefährlicher als der krasse Absolutismus, der ja doch einmal von dem erbitterten Volke zerschmettert wird, die mit konstitutionellen Zierraten verbrämte Despotie sei. Diese Wahrheit enthält die treffendste Charakteristik des Systems, das gegenwärtig in Rußland die Herrschaft führt. katunvlszenrcbatt und Judentum. Von Dr. M Bicher in NeuchLtel. (Schluß.) Wie steht es mit den Einwänden gegen die angeblich ptolemäische Weltanschauung der Bibel? Die Naturforscher selbst strafen sich ja Lügen, denn sie selbst sagen ja täglich: „die Sonne geht auf, die Sonne geht unter." Wie hätte Gort wohl zu den Menschen und durch Menschen in einer Sprache reden können, die sie nicht verstanden hätten! Mögen Wellhausen-Delitzsch mit den Naturforschern hinsichtlich dieses Jtrtums Hand in Hand gehen — es kann nicht lange währen, bis dieser Irrtum, der für die Jrrtümer der modernen Bibelkritik typisch ist, als pedantische Spielerei allgemein verspottet wird. Immer mehr wird erkannt werden die ewige Wahrheit der Bibel und deren Schönheit. Der Zukunftskampf auf theologischem Gebiete wird ein Kampf gegen die Bibelkritik sein, ein Kampf ganz anderer Art, wie er heute geführt wird. Es wird ein Kampf des wissenschaftlichen und poetischen guten Geschmackes gegen jene pedantische Geschmacklosigkeit sein, die sich heute wissenschaftliche Theologie nennt. Jedes Kind wird dann die die Worte „Sonne, stehe still zu Gibeon und Mond im Tale Ajalon" im Sinne des d-ik ya pttte mm man auffassen, und man wird sich klar darüber sein, daß die Form des Ausrufs naturgemäß dem ganzen Stile der volkstümlichen Darstellung entsprechen mußte. Es bliebe noch übrig die Wund er frage zu behandeln. Wir haben dies schon ausführlich in einem früheren Artikel „Erkenntnis und Offenbarung" getan unter besonderer Berufung auf Hermann Lotze, der in seinem Werk „Mikrokosmos" das, was wir Wunder nennen, für durchaus möglich hält. Es ist der Mangel an Wissen, der an allem schuld ist. Ein Wunder widerspricht 9. Januar 1808 nicht der Natur, sondern nur dem, was wir von der Natur wiffen. Uebrigens ist die Wunderfrage ja recht eigentlich eine historische Frage und geht den Naturforscher nur insofern an, als er sich fragen muß: Ist jenes durch unverdächtige beglaubigte Wunder naturwissenschaftlich annehmbar? Selbst für den Fall, daß dies nach dem heutigen Stand der Naturwissenschaft verneint werden müßte, muß sich der Naturforscher sagen, daß die Naturforschung noch lange nicht am Rande ihrer Weisheit angelangt ist und daß noch manche naturwissenschaftliche Grundanschauung ins Wanken geraten wird. Vielleicht wird eine wirklich ausgereifte Naturwissenschaft auch die Wunder verstehen, die heute mit ihr unvereinbar erscheinen. Die Auffindung der Eigenschaften des Radiums war eine ununterbrochene Kette von Widersprüchen gegen die uns bekannten Grundsätze der Physik und Chemie. - Als 1790 die Municipalität von Juillac in der Gascogne eine mit der Unterschrift von mehr als 300 Augenzeugen versehene Urkunde über den dortigen Steinfall der Pariser Akademie einsandte, begleitete ein namhafter Gelehrter den eingereichten Bericht über dieses Ereignis mit der Bemerkung, man müsse so unglaubliche Dinge lieber wegleugnen, als sich auf Erklärungen derselben einlassen, während ein anderer es sehr lustig fand, daß man über eine solche Absudidät ein authentisches Protokoll erhalten könne, und ein dritter den törichten Bürgermeister, der in aller Form solch ein Märchen zu Protokoll genommen, tief bemitleidete. — Heute weiß jedes Kind, daß es vom Himmel herabgefallene Steine, sog. Meteore gibt. — Sehr wahrscheinlich haben wir noch einmal mit anderen Voraussetzungen zu tun als den uns heute bekannten. Vielleicht geht dann auch der Naturforschung das Licht für das auf, was wir heute noch Wunder nennen, was uns heute aber auch Wunder sein soll, d. h. eine Erscheinung, welche durch gewöhnliche Kausalzusammenhänge nicht faßbar ist, um eben hierdurch auf die causa causarum, auf Gott selbst aufmerksam zu machen. — natp n-iyn linaa D'-an rnvP morn f’a. Selbst solche Dinge, die ein plötzliches Eingreifen in die Ordnung der Natur erheischt hätten, hat Gott in seiner Weisheit vorausgeschaut und deren Vorbedingungen von vornherein in die Schöpfung gelegt. Noch andere Probleme gibt es, mit denen der Naturforscher sich als Mensch, nicht aber in seiner Eingenschaft als Naturforscher zu beschäftigen hat. Gott, Unsterblichkeit, das sind keineswegs naturwissenschaftliche Probleme, sondern sind die großen Menschheitsfragen, die allerdings durch religiöse Erfahrung in sehr bestimmter Weise beantwortet werden können. Daß ein persönlicher Gott die Quelle alles Natur¬ Trommel emschlagen und seine Harmonika zerstückeln, um zu wissen, „wie es inwendig aussieht". Diesem Drang war auch das junge Leben von Gustavs Uhr zum Opfer gefallen. Daran knüpfte ich an und sagte: „Wenn ich zur Bar-Mizwo eine Uhr bekäme, ich würde sie niemals öffnen. Denn ich weiß jetzt, wie eine Uhr inwendig aussieht." „Eine Uhr ist nichts für eine,: Bar-Miznw-Jungen," bemerkte kurz der Vater. Das verletzte den Bar-Mizmo-Stolz meines Freundes und er erlaubte sich die Bemerkung, die ich mir niemals gestattet hätte: „Wenn man in dem Alter ist, das uns religiös mündig und verantwortlich macht, für alles was wir tun und lassen; warum sollten wir nicht den Besitz einer Uhr verantworten können?" Darauf wandte sich der Vater nach dein kleinen Gernegroß und ließ eine» seiner milden, klugen Blicke auf ihn fallen, ohne ein Wort zu sprechen. Gustav schlug vor diesem .Blick die Augen nieder. Ich saß nicht im Sehwinkel des Vaters, aber ich hatte das sichere Gefühl, daß seine nun folgenden Worte nur der Form nach an den Freund gerichtet waren, in Wirtlichkeit aber mir galten. „Also, du meinst, ein Bar-Mizwo-Kn.abc müsse wohl eine Uhr haben. Meinetwegen. Weißt du denn, was das ist, eine Uhr?" „Was eine Uhr ist? Warum sollte ich das nicht wissen?Jch kann sie ganz auseinander nehmen und wieder zusammen setzen," meinte überlegen Gustav, indem er mit großem Selbstbewußtsein auf seine Uhr wies. „Das magst du schon verstehen," entgeguete der Vater, „und vnleicht noch mehr als das. Aber darum handelt es sich hier nicht. Denke dir einmal, du hättest keine Uhr und Jemand, der noch nie eine Uhr gesehen hat, fragte dich, was ich dich soeben fragte: Was ist eine Uhr? Was würdest du ihm in aller Kürze antworten?" Wir schwiegen beide und besannen uns auf eine kurze, bündige Worterklärung: aber es siel uns nichts Gescheites ein. (Schluß folgt.) <Rabbi Esra Jehuda Jakob in Lulzbürg.) Am 8. Schewat sind es bereits mehr als 110 Jahre, dap der Rabbi Esra Jehuda Jakob, der so überaus segensreich in der Gemeinde Sulzbürg (Oberpfalz) wirkte, in hohem Greisenalter aus dieser Welt geschieden ist. Seine ein Meisterstück nach Form und Inhalt, läßt uns eine Vorstellung von der Geistesgröße des Verfassers gewinnen. Die Stiftung des Talmud-Thorafonds, welche der edle Menschenfreund mit 400 Gulden begründete, ist im Lause der Zeit zu einem beträchtlichen Kapitalstock angewachfen, welcher der der Mitgliederzahl nach in fortwährendem Rückgänge begriffenen jüdischen Gemeinde zur Erhaltung ihrer Institutionen wesentliche Dienste leistet. So wirkt dieser Fromme und Gerechte auch noch im Tode zum Besten der r&np fort. Die Gehaltsbezüge des Rabbi Esra Jehuda Jakob waren sehr gering und die Familie dabei recht groß, so daß er sich gezwungen sah, neben dem Hauptberufe auch noch im Nebenamte als Kaufmann tätig zu sein. Er ging mit dem schweren Packen auf dem Rücken über Land und hatte guten Erfolg, da er in der ganzen Gegend bekannt und beliebt war und jeder gern« bei ihm kaufte. Einst traf cs sich, daß er durch den Burggriesvarher Wald ging, woselbst fich eine Räuberhöhle, das sogen. Hefenloch befand. Und richtig! Kaum war er in die Nähe desselben gekommen, als man ihn anhielt, fesselte und in den Schlupfwinkel schleppte. Furchtbare G.sichter starrten ihm entgegen, die schlimmen Gesellen durften aber nicht Hand anlegen, ehe der Hauptmann zur Stelle »rar. Nach einigen Stunden des Hangens und Bangens traf der Gefürchtete ein. Dock wer vermöchte den Eindruck zu schildern, den die ganze Rotte bekam, als ihr Anführer, nachdem er den in einer Ecke kauernden alten Mann eine Weile betrachtet hatte, plötzlich ausrief: „Freunde und Kameraden! Diesem hier darf kein Haar gekrümmt werden. Dieser Jndenrabbi ist es, welcher mir jede Woche, .wenn ich, als Bettler verkleidet, durch Sulzbürg wandere, an seinem Tische zu essen gibt. Lieber hungert er mit seiner Familie, als daß er jemanden, der nach Speise verlangt, von seiner Türe weißt." Mit verbundenen Augen wurde der Rabbi in Freiheit gesetzt und man zeigte ihm dann den Weg durch das Dickicht des Waldes. Infolge seiner peinlichen Redlichkeit, von der seine Nachläßschrist beredtes Zeugnis ablegt, brachte er es zu einem für die damalige, anspruchslose Zeit ansehnlichen Vermögen und er leistete damit unendlich viel Gutes.

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