Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1908)
- Date
- 1908-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449301--64094-2506669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9, Januar 19C8 Der JSraelit. «eite S. «r. 2 Neologie, als deren Wortführer Herr Dr. Seligmann bier fungiert, die Verantwortung dafür von ficy abwälzen? Sie möchte es vielleicht, aber sie kann es nicht! Die erste jener Nabb iner- Bersammlun gen, auf die Herr Dr. Seligmann so stolz ist und Me nach ihm das „liberale" Judentum geschaffen haben, die Versammlung in Braunschweig — 1844 — sie beschloß, daß „die Vermählung der Juden mit Bekennern einer anderen Religion als religiös erlaubt von einem jüdischen Geistlichen einzusegnen sei*)."!! Daß die Neologie die Zunahme der Taufen und der Mischehen von ihren Schultern abzuwälzen versucht, betrachten wir an und für sich als ein gutes Zeichen; bekundet sie doch damit, auch wenn dieser Versuch in einer so ungeschickten Weise und mit so untauglichen Mitteln unternommen wird, wie es hier seitens des Rabbiners der Frankfurter Gemeinde geschieht, ihren lebhaften Wunsch, auch ihre Anhänger dem Judentum, wie sie es versteht, zu erhalten. Wir gehen sogar noch weiter und hegen die leise Hoffnung, daß man auch auf jener Seite eines Tages vielleicht zu der Erkenntnis gelangen wird, daß nur die Anerkennung des Judentums in seiner Totalität, in seiner historischen, von der gesetzestreuen Judenheit unerschütterlich aufrecht erhaltenen Form im Stande ist, unsere Kinder und Enkel vor dem völligen Aufgehen in die uns umgebenden Völker zu bewahren. Was uns zu dieser ausschweifenden Hoffnung berechtigt, wird man fragen. Der Umstand, daß in dem Buche Samters, der selbst auf dem Boden der Reform steht und den Herr Dr. Seligmann so wacker ausschreibt, sich auch die folgende Stelle findet, von der Seligmann seinen Lesern allerdings nichts mitteilt. „Und was nützt überhaupt Religionsunterricht allein? „Entspricht das Leben der Lehre nicht," schrieb Carl Ritter an seinen Stiefvater, „was hilft da der Unterricht?" Was soll das Kind davon denken, wenn es in der Schule über die Heiligkeit des Sabbaths belehrt wird und zu Hause gar keinen Unterschied zwischen Sabbath und Wochentag sieht? Das Judentum ist keine Katcchismusreligivn, die in ein paar wöchentlichen Lehrstunden erlernt werden könnte. So großer Wert auch auf das Lernen gelegt werden muß, so ist doch Uebung die Hauptsache. Wenn es daher nicht gelingt, den religiösen Sinn und den frommen Brauch dem jüdischen Hause zu erhalten, dann wird das in der Schule Erlernte ein toter Schatz bleiben.**) Bricht sich diese Erkenntnis, die bei Samter hier so gelegentlich zum Ausbruch kommt, erst allgemein Bahn, so dürfte die Neologie in ihrer heutigen Form definitiv ausgespielt haben. *) Philippsohn a. a. O- S. 111. **) Auch im Original gesperrt bezw. fett. Im Siegesraufch. Den „Liberalen" am Main und an der Spree scheint der Frankfurter Wahlsieg einigermaßen in den Kopf gestiegen zu sein. Mit einer im letzten Jahrzehnt ungewohnten Energie blasen sie Alarm gegen die „Frommen im Lande", und man hört Bekenntnisse von einer so erfrischenden Offenherzigkeit, daß dem aufhorchenden Freunde der Wahrheit das kaum geprägte Rosin'sche Schlagwort von der „Einheit des religiösen Bekenntnisses" in der modernen Judenheit fast wie ein Märchen aus uralten Zeiten klingt. Vor wenig Wochen hatte der Berliner Liberale Wahlverein sein im Israelit genugsam gewürdigtes Opus über die Frage: „Was ist liberales Judentum?" veröffentlicht,- dort ward, trotz allem Geschützfeuer gegen die Orthodoxie, das Schwerä auf Gebetbuchreform und Minhagimgelegt, sodaß es immerhin noch möglich schien, die fadenscheinige Behauptung von der Übereinstimmung in religiösenGrundfr agen für die urteilslose Masse oder gegenüberschlecht informierten Staatsbehörden aufrecht zu erhalten. Inzwischen aber hat Herr Dr. Cäsar Seligmann seine fröhlichen Fanfaren erschallen lassen, und es bewährt sich die alte Erfahrung, daß nicht nur im Weine die Wahrheit wohnt, sondern daß auch geistige Stimulantien die vorsichtigsten Menschen zum Wahrheitsmute be- . geistern können. Die publizistische Vertretung der deutschen Neologie, die „Allg. Ztg. des Judentums" beginnt in ihrer letzten Nummer, unter ausdrücklicher Anknüpfung an jenen ungenügenden Reformeifer des liberalen Vereins lebhaft gegen die Heuchelei zu Felde zu ziehen, die unsere neologen Rabbiner hindere „den Liberalismus durch ihr Handeln, unter ihrer Führung zum Siege zu führen." Heuchelei sei es vom liberalen Rabbiner, das „Zeremonialgesetz", „jene minutiösen Forderungen, die vielleich>t in alter Zeit für die sittliche Lebenshaltung der Juden wertvoll waren, die aber heute für die meisten nur leere Hülsen, bar jedes sittlichen Kernes sind" (sie!) zu beobachten, statt „durch das Beispiel eine bessere Zukunft herbeizuführen." Als Beispiel zitiert die offenherzige Kollegin „das Fahren mit der elektrischen Bahn", nach früheren Auffätzen darf man auch das „Ochtanzünden am Sabbath" hinzufügen — und die übrigen ehemals bei Todesstrafe geforderten bezw. untersagten „Zeremonien" werden wohl in den Augen der neologen Sittenrichterin auch keiner höheren sittlichen Wermng gewürdigt werden. Das Gleiche gilt, laut Allgemeiner Zeitung, vom Religionslehrer: „Auch er muß und darf nur bas lehren, was er glaubt, sonst richtet er Unheil an. Wer seine Kinder in orthodoxem Sinne unterrichtet wissen will, der schicke fie zu einem orthodoxen Lehrer oder in eine ReligionSfchule, von der er weiß, daß fie seinen religiösen Überzeugungen gerecht wird. Bon freier denkenden Religionslehrern sollte man aber nicht verlangen, und fie selbst sollten fich vor allem gar nicht dazu hergeben, in Rückficht auf eine kleine Zahl von Schülern oder vielmehr auf deren Eltern aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. Religionsunterricht ist Gefinnungsunterricht. Hier kommt eS weniger auf die Menge des Stoffes als darauf an, daß der Lehrer stet und offen sprechen kann, daß sein Leben im Einklänge steht mit dem, was er lehrt. Der Lehrer muß ebenso wie der Rabbiner eine geschlossene Persönlichkeit sein, die durch ihr Beispiel wirkt." Bravo! Bravissimo! Wir haben, seitdem das Gespenst derZ e n tr a lkasse und der Gesamtorganisation über den Häuptern der deutschen Judenheit schwebt, solch offenes, ehrliches Wort aus neologem Munde nicht mehr gehört, und wir würden den Tag segnen, an dem sich die neologen Leiter unserer großen Verbände zu diesen Grundsätzen, öffentlich bekennen möchten. Sie würden dann bald einsehen, daß der Religionsunterricht im höchsten Sinne Gewissenssache, nimmer aber Gegenstand administrativer Kompromisse sein kann, und daß es ein Unding ist, eine Zentralkasse für Zwecke des Religionsunterrichtes u schaffen, wenn über den Sinn und Inhalt ieses Religionsunterrichtes die gegensätzlichsten Vorstellungen unter den deutschen Juden bestehen. Daß dem in der Tat so ist, daß das sogenannte liberale Judentum letzten Endes die esamteGrundlage der jüdtschenUeberieserung als ungöttlich und unwahr verwirft, das hat in dieser Woche ein anderer Wortführer der Liberalen, Justizrat Breslauer, im Frankfurter „Freisinnigen Verein für jüdisches Gemeindeleben" ebenso unzweideutig „wissenschaftlich" festgestellt, wie es die „Allg. Ztg. d. I." durch ihre oben zitierten Aeußerungen praktisch tut. Die Hauptsache bei der Heranbildung der Jugend, so meinte Justizrat Breslauer, nach finden zu lassen. Biele Jahre später fand ich in Berthold Auerbach's Schriften die sinnige Bemerkung, daß diejenigen Familien am glücklichsten seien, die mehr Haustiere als Familienglieder besitzen. Unser Elternhaus war eine lebendige Bestätigung dieser zutreffenden Beobachtung. Ich verweile bei oiesem Punkte etwas länger, um meine Behauptung zu rechtfertigen, daß ökonomische, pekuniäre Rücksichten es nicm waren, welche mich zurückhielten, zu meiner Bar-Mizwo eine Uhr zu wünschen. Ter Geldpunkt war es nie, der von den Eltern für die Gewährung oder Versagung unserer Wünsche geltend gemacht wurde. Sie mochten uns manche Wünsche versagen müssen, weil ihnen die Mittel zu ihrer Erfüllung fehlten, aber das wußten nur sie, wir erfuhren es nicht, wenigstens im frühen, zarten Kindesalter nicht. Für uns gab es immer andere Betveggründe, die mit Geld und Geldeswert nichts zu tun hatten. Die Eltern verstanden es in wahrhaft mustergiltiger Weise, die Gewährung und Versagung aller Wünsche in unsere eigene Hand zu legen Dadurch gewährte die Erfüllung eines jeden Wunsches doppelten Sporn und dreifache Freude und für jede Versagung hatten wir uns nur selber anzuklagen. Zum Beispiel. Mein Vater nahm mich als zehnjährigen Knaben einmal mit auf den „Wiesenmartt", in einem benachbarten Orte. Dort sah ich in einer Bilderbude ein Bild, das ich jür mein Leben gern gehabt hätte. Es stellte den Hohepriester Ahron dar, wie er am Jom Kippur das Allerheiligster betrat. Was mir an dem Bilde am meisten imponierte, waren die Worte: „Damit soll Ahron in das Heiligtum kommen," die im Urtext der Thora, in hebräischen Buchstaben unter dem Bilde standen. Das Bild war mit 24 Kreuzern ausgeschrieben; eine hohe Summe, das wußte ich, aber ich hätte es zu gerne gehabt. Ich bat meinen Vater es mir zu kaufen. „24 Kreuzer ist viel Geld," bemerkte mein Vater, „aber vielleicht bekommen wir es etwas billiger. Ich will es kaufen: aber nur unter einer Bedingung: „du mußt mir sagen, in welcher Sidra diese Worte stehen." Das wußte ich nicht. Ich verlegte mich aufs Handeln und erreichte wenigstens so viel, daß das Bild noch nicht verloren sei, wenn ich auch dreimal eine falsche Stelle angeben sollte und erst zum vierten Male die rechte nennen könne. Mein Vater ging darauf ein. Ich riet viermal falsch und erhielt das Bild nicht. Das tat mir zwar leid, aber ich war selber schuw. Daß man ein so wertvolles Geschenk nicht unverdient beanspruchen könne, war mir klar. Ich erkannte dankend die väterliche Nachsicht an, die mir vierfach die Gelegenheit bot, den Preis zu erringen. Nach Hause gekommen stürzte ich aus mein Chumesch und suchte darin so lange, bis ich die Stelle gefunden hatte. Aber jetzt war es zu spät. Rousseau empfiehlt, den Kindern geradezu eine Geringschätzung und Verachtung des Geldes beizubringen und gibt dazu praktische Anleitung. Das hat mein Vater niemals getan. Er war Tag und Nacht, bei Kälte und Hitze, in jungen und späten Jahren rastlos tätig, um den Unterhalt des Lebens zu erringen. Wir lebten überaus einfach in Speise und Trank, in Kleidung und Wohnung und lernten dadurch den Wert des Geldes ganz von selbst schätzen. Aber daß dieser Wert doch ein sehr bedingter war, das merkten wir ebenso ganz von selbst, ohne daß es j; gepredigt wurde, durch die Art und Weise wie das schwer verdiente Geld leicht und freudig hingegeben wurde, wenn es sich um eine Mizwo handelte, wenn cs zur Unterstützung Armer, für schabbos und Jomtof, für einen schönen Esrog u. a. m. ausgegeben werden sollte. Alis diese Weise machte es sich ganz von selbst, daß ich einige Wochen vor meiner Bar-Mizwo den Mut fand, ineinen Vater um eine Uhr zu bitten. Ich bekam einen Tallis, Tefillin, neue Kleider; wie gerne hätte ich auf die letzteren zu Gunsten einer Uhr verzichtet! Daß die Bar-Mizwo auch eine Mizwo ist, das sagte mir schon ihr Name. Das Selbstbewutztscin, das bei iedem Bar-Mizwo-Kandidaten neue Schwingen und manchmal auch recht wunderliche Blasen treibt, nahm mir die letzten.Skrupel, mit diesem Verlangen bei der ersten besten Gelegenheit herauszurücken. Diese Gelegenheit bot sich einige Male in der Woche ganz von selbst, wenn Freund Gustav kam und mit seiner Uhr paradierte. Sie wurde dann gewöhnlich gezeigt, gedreht, gewendet und dann geöffnet, ihr Räderwerk bis aus die letzte Feder sorgfältig beobachtet, auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt, so daß wir uns auf Kosten der armen Uhr zu so vollendeten Uhrenkünstlern ausgebildet hatten, daß sie vor der Zeit zu altern anfing. Nun dokterten wir erst recht an ihr herum und waren überglücklich, wenn wir sie wieder in ihrem alten Trab hatten, wenigstens für einige Zeit. Eben hatten wir unserem Versuchskaninchen wieder einmal neues Leben eingehaucht, als mein Vater ins Zimmer trat und einen Blick auf die gequälte Patientin lversend, scherzend sagte: ,Febt sie immer noch? Die muß einmal ein sehr gutes Werk gehabt haben, wenn fie euere Kurpfuschereien jetzt schon ein halbes Jahr aushält." Der Drang nach Wahrheit, der in jedem Kinde schlummert, läßt es seine Puppe zerschneiden, seine