Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1908)
- Date
- 1908-01-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Ro. 2. Sette 2. 9. Januar 1908 Deutschland im allgemeinen und in Preußen im besonderen einnahmen, so sind die wichtigsten Motive der Ueberläufer schon klargestellt. Nicht weil es kein sogenanntes „liberales" Judentum gab, sondern weil der Staat ihnen seine Aemter und Würden verschloß, hatte die Taufe solche Anziehungskraft für viele. Ein klassisches Beispiel ist Heinrich Heine, dem sein Taufschein als „Entreebillet zur europäischen Kultur" galt. Will Herr Dr. Seligmann vielleicht auch von Heine behaupten, daß er sich taufen ließ, weil er sich nicht aus dem orthodoxen ins „liberale" Lager retten konnte? Leider ist das nicht gut möglich, denn in den „Bädern von Lucca" läßt Heine seinem beißenden Spotte freien Lauf, wenn Hirsch Hyazinth von dem neuen Hamburger Tempel schwärmt, mit seinem „Mosaik-Gottesdienst mit orthographischen deutschen Gesängen und gerührten Predigten", ein Gottesdienst, den Hyazinth auch jeden Sonnabend besuchen will, wenn — nicht gerade Ziehungstag ist. Wenn noch weitere Namen aus dieser Epoche gewünscht werden: Ludwig Börne, Dorothea Veit — die entartete Tochter Moses Mendelsohns — Naftali Iakobsohn, siefind ebensoviel Beweise dafür, daß sie nicht vom Judentum abgefallen sind, weil es noch keine Reform gab. Wir sehen also, daß von allen Behauptungen, die Dr. Seligmann für die erste Taufperiode aufstellt, die eine so falsch ist wie die andere. Massentaufen gab es in dieser Zeit nicht, wie sein Gewährsmann Samter zugiebt. Die Reform, die Seligmann leugnet, existierte längst, wie aus den oben gegebenen Daten unwiderleglich hervorgeht. Daß die Resormrichtung ihre Bekenner nicht vor dem Abfall schützt, sondern sie zu ihr hinleitet, dürfte bereits aus den angeführten Beispielen ihrer Führer — Gans, Creizenach — hervorgehen. Es wird aus dem Folgenden noch klarer ersichtlich sein. Die zweite Taufperiode beginnt nach Samter, den Dr. SeligMann hier wie in seinen ganzen Ausführungen kritiklos abschreibt, mit dem Jahre 1880. Hier erreichen die Taufen eine erschreckend hohe Zahlfür die altpreußischen Provinzen allein springt die Ziffer von 62 (Durchschnitt von 1875—1879) auf 348 in 1888. Was sagt uns nun Herr Dr. Seligmann hierüber: „Die zweite Taufperiode begann mit der Hochflut der antisemitischen Bewegung und hat ganz andere Grunde als den Lrberalismus im Judentum." Also hier sind „ganz andere Gründe" ausschlaggebend. Merkwürdigerweise nennt uns Herr Dr. Seligmann keinen einzigen dieser Gründe. Er, der so redselig war, wo es galt die Gründe des Uebertrittes in einer uns zeitlich, ganz ferneines Feuilleton. Die in letzter Nummer veröffentlichte Schilderung „Hunger" von Sara Bondi in Jerusalem, hat in vieler Herzen lebhaften Widerhall geweckt. Es wird nun aus der Mitte der Leser daS Ersuchen an uns gerichtet, Sammlungen unter der jüdischen Schuljugend für ihre Altersgenossen im heiligen Lande anzuregen. Wir geben diesem Ersuchen gerne Folge und sind bereit, die Erträgniffe der Sammlungen an Frl. Bondi, behufs Verwendung für bedürfttge Kinder, zu übermitteln. Die Ubr. Eine Plauderei von Judäus. Daß eine geschenkte Uhr zu den wesentlichen Teilen des Bar-Mizwo-Aktes gehört, ist ein modernes Dogma, das zur Zeit meiner Barmizwo noch nicht verkündet war. . Damals bekam man als Bräutigam die erste Uhr und nur besonders Wohlhabende gestatteten sich diese« Luxus schon vorher aus eigener Tasche. Zu meiner Barmizwo eine Uhr zu wünschen wäre mir liegenden Epoche aufzudecken, er wird schweigsam, wo es sich um eine Zeit handelt, die er selbst miterlebt hat. Nur das eine versichert er uns, der Liberalismus ist es nicht. Wir müssen also versuchen, uns ohne Herrn Dr. Seligmann zurecht zu finden. Im obigen Satze ist ja schon angedeutet, daß zwischen Antisemittsmus und Taufen ein Kausalnexus bestehen müsse. Selbstvers ändlich wandelt Dr. Seligmann auch hier nur in den Spuren seines geistigen Nährvaters, Dr. Samter, der die zweite Taufperiode da beginnen läßt, „wo durch den Anttsemismus das Judentum gleichsam in Verruf erklärt wurde." Indessen stimmt das nicht ganz. Der Antisemittsmus feierte seine wildesten Orgien bekanntlich am Anfang der 80er Jahre, wo es einen Augenblick scheinen konnte, als seien die den Juden verfassungsmäßig garantierten Rechte bedroht. Dennoch ist von 1880—1885 nur ein leises Ansteigen der Taufen zu beobachten. Erst mit Beginn der 90er Jahre schwollen diese Ziffern mehr und mehr an, um in der Gegenwart jene Erschrecken erregende Ausdehnung zu gewinnen. Als Beispiel wenige Zahlen: Taufen in Berlin, Preußen, Deutschland 1880 43 132 172 1885 67 187 247 1890 146 305 389 1895 106 341 489 1903 165 353 498 Diese Zahlen umfassen längst nicht alle Taufen, da ein Zwang zur Mitteilung nicht vorhanden ist. Vor allem aber fehlen jene Taufen, die bald nach der Geburt an Kindern vollzogenwerden, da diese sofort als „Christen" in der Statistik aufgeführt werden. In jedem Falle sehen wir, daß die Steigerung der Zahlen, wie schon oben ausgesührt, der antisemittschen Bewegung stark nachhinkt. Die Erklärung dafür ist nicht sehr schwierig. So lange der Antisemitismus als Radau-Antisemitismus auf der Straße und im Bierlokal sein Unwesen trieb, war er ohne Einfluß nach oben. Aber als Treitschke und andere ihn Hof- und salonfähig gemacht hatten, wehte bald ein anderer Wind. Die verfassungsmäßigen Rechte der Juden blieben unangetastet, aber auf dem Verwaltungswege wurde chnen ein Posten nach dem anderen verschlossen. Die Lehrstühle der Universitäten, die höheren Stellen der richterlichen Laufbahn, die ganze Verwaltungskarriere und last not least die Epauletten des Reserveoffiziers, sie blieben dem Juden versagt. Da zeigte sich der zersetzende Einfluß, den das sogenannte liberale Judentumaus dievon ihm vorwiegend beherrschten gar nicht in den Sinn gekommen, wenn nicht mein bester Freund, der ein Jahr älter war als ich, bei diesem Anlaß eine bekommen hätte. Daß der Vater meines Freundes der reichste Mann in der Gemeinde war, der sich eine solche Absonderlichkeit schon gestatten konnte, während mein Vater tief unter ihm in der Steuerliste rangierte, das war für mich kein Grund, meinen Wünschen eine Schranke zu setzen. Kinder haben im Allgemeinen keine rechte Vorstellung von der Art und Weise, wie di« Großen nach Besitz und Besitzlosigkeit sich abstufen, einfchachteln und zusammen- oder auseinander geben, je nachdem der eine etwas mehr oder weniger Geld und Gut hat als der andere. Ich wußte, day unser Nachbar mehr Geld hatte als wir, aber daß er deshalb reicher war, das wußte ich nicht und hätte ich niemals begriffen. Ich hielt mich für eben so reich, d. h. ebenso zufrieden und glücklich wie meinen benachbarten Jugendfreund. Er hatte wahrscheinlich bessere, weniger geflickte Kleider als ich. Ich vermute es heute; aber damals wußte ich nichts davon, denn ich habe niemals Vergleiche zwischen meiner Garderobe und der seinigen angestellt; die meinige war mir gut genug. Er hatte warme Winterkleider, ich hatte keine. Aber ich entbehrte sie nicht nur nicht, sie wären mir im Gegenteil so lästig gewesen, wie sie es meinem Freunde waren. Wenn wir sprangen, turnten und rauften, behinderten sie alle seine Bewegungen wie ein schwerfälliger Panzer, den er immer abwerfen mußte um es mir gleichtun zu können. Im elterlichen Hause meines Freundes mochte man besser essen und trinken als in dem unsrigen. Aber soweit diese Verschiedenheit sich in unserem Verkehr geltend machte, ließ sie keinen Gegensatz aufkommen, sondern eher das Gegenteil. Die Eltern meines Freundes wachten strenge darüber, daß ihr Sohn nur Weißbrod aß und zwar gewöhnlich mit Butter oder Kreise unserer besitzenden Klassen, ausgeübt hat: Vor die Wahl gestellt, ihrem Glauben oder ihrer Karriere zu entsagen, wählten sie in vielen Fällen das erstere. Wir erwähnten vorhin die außerordentlich zahlreichen Fälle, wo die Eltern, die ein letzter Rest von Scham abhält, selbst zur Taufe zu gehen, ihre Kinder gleich nach der Geburt der christlichen Kirche zusühren. Aus welchen Kreisen rekrutieren sich diese Leute? Sind diese Fahnenflüchtigen schlimmster Sorte im Lager der Orthodoxie oder der Reform zu suchen? Die Frage stellen heißt sie beantworten; wenn Herr Dr. Seligmann sich für diese Fälle interessiert, so hat er in seiner eignen Gemeinde Studienmaterial in Hülle und Fülle. Er kann dann u. a. beobachten, daß man Leuten, die ihre zarten unmündigen Kinder aus materiellen Gründen der Taufe zuführen, im Lager der Reform nach wie vor die größte Hochachtung angedeihen läßt. Beweise stehen aus Wunsch gern zu Diensten. Wie könnte es auch anders sein! Das liberale Judentum leugnet den göttlichen Ursprung und die Verpflichtungskraft des jüdischen Gesetzeses bemüht sich mit allen Kräften aus dem Judentum alles spezisisch Jüdische hinwegzustreichen, bis als Rest ein säst- und blutloser Schemen — der Monotheismus als isolierter Gedanke — übrig bleibt. Woher soll dieser Schemen die Kraft nehmen, seine Bekenner bei der Fahne des Judentums zu halten, wenn von der anderen Seite Sirenenklänge herübertönen, die ihnen Ehrenstellungen und fette Pfründen verheißen? Das sind die „anderen Gründe," die Herr Dr. Seligmann nicht entdecken konnte oder wollte. Es sind die Geister, die sie riefen, die sie nun nicht loswerden könnenes sind die eigenen Taten, die wider sie zeugen. Der verhängnißvolle Emfluß der Neologie zeigt sich noch an einem anderen Punkte, bei der rapiden Zunahme der Mischehen. Samter, der Gewährsmann Dr. Seligmanns, sagt von ihnen mit Recht, daß die Einbuße, die wir durch Mischehen erleiden, weit bedeutender ist als der Verlust durch Taufen. Auch hier nur wenige Zahlen. Es wurden in Preußen geschloffen: Jüdische Ehen Mischehen 1875 2675 277 1901 2570 455 1902 2578 483 1903 2530 493 Wir sehen also ttotz der Vermehrung der Bevölkerung einen absoluten Rückgang der jüdischen Ehen, während sich die Mischehen beinahe verdoppelt haben. Will die Consitüren bestrichen. In unserem elterlichen Hause gabs nur Schwarzbrot und zwar von der billigsten, dunkelsten Sorte. Es ist wahr, daß ich oft sehnsüchtig nach dem Frühstücks- und Vesperbrot des Freundes schielte. Aber ebenso sehnsüchtig schielte er nach meinem Schtoarzbrot. Es dünkte ihm süß wie alles Verbotene, sodaß es keiner weiteren Süßigkeit dazu bedurfte. Wir kamen bald auf den genialen Einfall, täglich zweimal unser Brot zu vertauschen. So war uns beiden in gleicher Weise geholfen. Das tägliche Brot, das die anderen verfeindet, hat uns verbrüdert. Dies» und unzählige andere Kleinigkeiten führten dazu, daß mir als Kiud 'niemals das Bewußtsein ausdämmerte, ich sei weniger reich als afle anderen. Am meisten mochte dazu beitragen, daß in unserem Hause fortwährend Arme verkehrten, die an unserem Tische essen, an.unserem Ofen sich wärmten, bei uns ihr Herz ausschütten und Rat und Trost sich holen konnten. Im Vergleich mit diesen Armen fühlten wir uns nicht nur reich, sondern wir waren es auch, und wir erfuhren an uns die tiefe Wahrheit, daß tätige Menschenliebe zu den Dingen zählt, welchen die lohnende Vergeltung schon in dieser Zeitlichkeit wird. Diese liebende Fürsorge beschränkte sich nicht auf hilfsbedürftige Menschen, sondern ging auch auf Haustiere über, deren wir immer eine große Anzahl hatten. ..Wie wäre die leidende, darbende Menschheit glänzend versorgt, wenn sie sich der hingebenden Pflege erfreuen dürste, die unsere Haustiere genossen! Wie man sich niemals zu Tische niederfetzte, ohne vorher entsprechend dem Gesetz der Thoro den Tieren ihre Nahrung gereicht zu haben! Ungezählte Züge solch liebevoller Hingebung und Pflege für die auf unsere Fürsorge angewiesene tierische Kreattrr trugen dazu bei, jeden Einzemen auf ein höheres Niveau zu heben und diesen die höchste Freude und das reinste Glück