Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1908)
- Date
- 1908-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israel EW Ba CMfralorna (flrfe irfirict Jnfegfam 49. Jahrgang. essi Sranhfurta.m., den e.^SafS. Der ZÄraelit erscheint jeden Donnerstag, «wonnenrents: Gewöhnliche Ausgabe Ml. ILO vrerteljShrlich, HeftauSgabe auf Kunstdruckpapier Ml. L— vierteljährlich. (Auslandspreise für die rngewöhuliche Ausgabe: OeSerreich-Uuga S JCr„ RuSandlLuv.» Englands ah., Amerika 60 cts., Niederlande 1.80 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen,sowie direkt bei der MxWiti«^ HeftauSgabe nur direkt. Jnsttmter 30 Pfennig für die sechsgespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch inHaaseustein u. Bögler A-G. > bei der «. «. Postsparkaffe Wien No. 78 «05. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Conto bei der Rigaer «omnrerzbank in «i-a «onto deinem 3, Postsparkasse»««! Budapest No. 184Ä4.__und deren Filialen in DwinSk, Liba», Bialhstok, Reval und Lod v« neologe z«äentum ««a sie Tanke. 'Zn Nr. 1 dieses Jahrgangs ist den Lesern . v/Jsraelit" bereits Kunde gegeben worden l dem Hymnus, den der Rabbiner der Franktcter Hauptgemeinde, Herr Dr. Seligmann, zustimmen für gut findet, ob des Sieges, den die „Liberalen" bei den jüngsten Wahlen, für den Gemeindeausschuß über die „Orthodoxie" davongetragen haben. Wenn wir heute noch einmal auf diese Ausführungen eingehen, so geschieht es, weil der Bericht über den Wahlausfall sich am Schluffe auswächst zu einer Philippika gegen das orthodoxe Judentum, dem der streitbare Herr Rabbiner nicht mehr und nicht weniger vorwirft, als daß es die Behauptung, die Neologie sei die Borstpfe zum Abfall, wider besseres Wissen verbreite. Man lese und staune: „9hm bat freilich die orthodoxe Richtung die Berechtigung ihres Widerstandes gegen die.liberalen Forderungen dadurch zu begründen versucht, und damit ihren Haupttrumpf ausgespielt, daß sie' dem liberalen Judentum, dem Reformjudentum, wie sie es nennt, den bösen Vorwurf entgegenschleudert, daß ss die Borslltfe zum Abfall sei. .Aber noch nie in der Welt ist eine handgreifliche Unwahrheit mit keckerer Stirn ausgesprochen und so oft wiederholt Worden, daß schließlich die Verbreiter beinahe selbst daran glauben.*) Wie steht die Sache in WirMchkeit? Als der Abfall zuerst anfiftg^ in unseren Reihen zu wüten, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, war damals auch das Rcformjudentum schuld daran? Damals gab es noch gar kein liberales Judentum. Die damals abfielen, waren die aufgellärten Söhne und Töchter der Orthodoxie. Die alte Orthodoxie konnte sie nicht halten. Sie fühlten sich heimatlos bei ihr. Tausende sind so von dem alten Judentum abgefallen,, weil es noch kein anderes gab; die besten Namen sind darunter. Sie konnten und wollten mit ihrer modernen Weltanschauung nicht in den alten engen Gedankenkreisen stehen bleiben. Sie fühtten sich mit ihrer Bildung, ihrem ästhetischen Feingefühl, ihrem erwachten wissenschaftlicheil Sinne, ihrem sozialen Zusammenleben .mit den Besten des deutschen Volkes nicht 'mehr zu Hause in dem altorthodoxen Judentum. Man hat sie verketzert, wenn sie ein deutsches Buch lasen, «sau hat sie bei der Regierung denunziett, wenn sie deutsch predigen lassen wollten. Und man hat O wirklich durchgesetzt, daß von Staats wegen dem. Judentum in Preußen verboten wurde, sich zu reformieren. Die Regierung war die Helsershelferin der Orthodoxie, weil sie überzeugt davon war, durch Verhinderung der Reform die Taufe zu fördern. Die Juden mußten fast bis zur Hälfte des vorigen Jahrhunderts GolHO Wort im Jargon anhören, damit die Gebildeten davon angeekelt wurden. . Die erste Taufperiode deckt sich mit der Regierungszeit Friedrich Wilhelm HL, während derer die religiöse Reform von oben herab unterdrückt wurde. Die zweite Tausperrode begann mit der Hochflut der antisemitischen Bewegung und hatte ganz andere Gründe als den Liberal««»- im Judentum. Möge *) Am Original nicht gesperrt. doch die Orthodoxie, ehe sie solche Vorwürfe erhebt, an ihre Michael Bernays, Selig Cassel, Frensdorfs und zahllose andere denken! Nicht infolge der liberalen Neugestaltung des Judentums, sondern trotz ihrer hörten die Taufen nicht auf, weil die Nützlichkeitsmoral bei den Menschen, wie sie nun einmal sind, vielfach über die Sittlichkeitsmoral den Sieg davon trägt." Für den aufmerksamen Leser ist das Taschenspieler-Kunststück, durch das Herr Dr. Seligmann hier den unheilvollen Einstuß der Neologie auf den Abfall vom Judentum zu verschleiern versucht, nicht allzuschwer zu durchschauen: Herr Dr. Seligmann unterschewet zwei Taus-Perioden, von denen die erste, sich mit der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. deckend, am Ende des 18. Jahrhunderts beginnt. In dieser Periode fielen nach Herrn Dr. Seligmann Tausende der Taufe anheim, weil es noch kein neologes Judentum gab. Einziger Kronzeuge ist Dr. N. Samter in seinem Buche: „Judentaufen im 19. Jahrhundert." Geben wir uns die Mühe, das Samter'sche Buch selbst auszuschlagen, so findet sich auch nicht die Spur eines Beweises dafür, daß in dieser Zeit Tausende ihren Uebertritt vollzogen haben. Samter stellt vielmehr gegenteilige Angaben richtig. So Seite 5. Anmerk.: „Gleichwohl kann von M a s s e n t a u f e n keine Rede sein. Freilich wenn Grätz' Behauptung richtig wäre: „In 3 Jahrzehnten war die Hälfte der Berliner Gemeinde zur Kirche übergetreten" (Geschichte der Juden, Bd. XI1, S. 171), so wären, wenigstens in Berlin, die Taufen massenhaft erfolgt, aber worauf gründet er eine solche Behauptung? Darauf, daß Rahel Lkvin in einem Familienbriefe leicht hiuwirft: „Die Hälfte ist getauft" (W. Freund: Zur Juden - frage in Deutschland, Berlin 1843, S. 182). An einer andern Stelle (das. S. 444/5) schreibt er: Bis 1823 sind in Berlin 1236 Judentaufen, die Hälfte der Gemeinde, vorgekommen — unter Berufung auf Jolswicz: Geschichte der Juden in Königsberg i. Pr., S. 132. Ich habe jedoch die Stelle bei Jolowicz nicht aufgefunden. Aus dem vorliegenden Zahlenmaterial ergibt sich, daß immerhin nur ein kleiner Prozentsatz der Gesamtheit die Taufe genommen hat." > Hierzu heißt es noch Seite 156: S. 5, Anm. 1 Z. 8. Die Angabe Graetzens (daß die Hälfte der Berliner Gemeinde übergetreten sei) beruhig uf einem Mißverständnis, wie S. Neumann nachaewiesen hat. Für den zweiten Teil dieser Periode findet sich bei Samter die Angabe, daß in Preußen von 1822—1840 2200 Juden übergetreten sind. Das ergibt pro Jahr nicht viel mehr als 100 Taufen berechtigt also gewiß nicht dazu von „Tausenden" zu sprechen. , Ebensowenig kann der Abfall dieser Ueberläufer durch den Mangel des Bestehens einer ologie, oder, wie Herr Dr. Seligmann es wohl lieber hört, eines liberalen Judentums verursacht, sein. Bereits im Jahre 1801 hatte Jcckobsohn in Seesen seine Schule. gegründet, die den Reformbestrebungen diente, und wenige Jahre später eröffnete er dort den jüdischen „Tempel" in dem — zum ersten Male in Deutschland — Orgelton und Chorgesang erschallten, 1804 wurde das Frankfurter Philanthropin im gleichen Geiste ins Leben gerufen. 1818 wurde der Hamburger Tempel eröffnet, dem natürlich Chor und Orgel, nicht fehlen durften. In Leipzig wurde 1820 ein Bethaus nach Hamburger Muster wenigstens für die „Meßzeit" geschaffen. Also die Reform war da, wenn natürlich auch nicht in der Verbreitung, die sie inzwischen leider angenommen hat. Das Geschichtchen von der Orthodoxie, die durch die Regierungen die Reform zu unterdrücken sucht, hat Seligmann von Samter übernommen. Aber während Samter ehrlich genug ist, zu sagen, daß die Taufen gefördert wurden, weil von oben die politische Gleichstellung und die begehrten gottesdienstlichen Reformen verweigert wurden*), unterschlägt Dr. Seligmann, der sonst genau in den Spuren Samter's wandelt^ diesen Passus gänzlich! Me wenig aber die Reform geeignet ist, selbst ihre begeistertsten Anhänger dem Judentum zu erhalten, das läßt sich an klassischen Beispielen aus dieser Zeit erhärten. Am 7. November 1819 wurde in Berlin der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" gegründet, der eine völlige NrnZchaDHder Judenheit Hervorrufen sollte. Sein Führer war Eduard Gans, zu den Gründern zählte u. A. Heinrich Heine. Im Jahre 1824 löste der Kuiturverein sich auf und sein Führer, Gans, trat kurz darauf zum Christentum über, ein Beispiel, dem Heine bekanntlich bald folgte. Der gleiche Vorgang wiederholte sich später in Frankfurt a. M., wo Theodor Creizenach einen „Verein der Reformfreunde" stiftete, um dann selbst zum Christentum abzuschwenken. **) Wer diese erste Taufperiode, um bei dem Ausdrucke zu bleiben, als objektiver Forscher betrachtet und nicht, wie Herr Dr. Seligmann es tut, mit dem Entschlüsse an sie herantritt, die Unschuld der Neologie um jeden Preis zu erweisen, für den liegen die Ursachen der zahlreichen Uebertritte sehr klar. Es war die erste Berührung der jüdischen Bildung mit der allgemeinen Kulturdie starken Gegensätze, die hier aufeinanderprallten, erzeugten zunächst den Eindruck, als " ob ein Ausgleich gänzlich ausgeschlossen sei. Nimmt man dazu die verachtete Stellung, die die Juden damals in *T74 a. a. O. **) cfr. Neueste Geschichte des jüdischen Bottes von Professor Philippsohn. S. 203.