Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1908)
- Date
- 1908-01-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SWM KW . ' V' Y ~ geschaffen wird, sondern auch die in Oesterreich zu gründenden Vereine in diese Organisation einb^ogen werden. Jede Kräftezersplitterung muß vermieden bleibendarum wird es sich auch siür den Tifer eth - Bachurimv erein in Budapest, der — wohl unter dem Einfluß der Preßburger Gründung — die Stellenvermittlung wieder ausgenommen hat, sehr empfehlen, daß er mit dem Verein in Preßburg sich zu gemeinsamer Arbeit in Verbindung setztdas gleiche gilt von dem jüngst - in Oedenburg gegründeten Verein der. Mitglieder aus einigen Comitaten umfaßt und ebenfalls die Förderung der Sabbathheiligung als eines seiner Hauptziele auf sein Programm gesetzt hat.) Der Preßburger Verein läßt gegenwärtig einen Aufruf ergehen, In dem er als seine Nächstliegenden Aufgaben die Stellenvermittlung, die Schaffung einer Verflcherung gegen Stellenlosigkeit und die Kartellierung der einzelnen Geschäftszweige behufs Erleichterung der Konkurrenz als seine Hauptaufgaben bezeichnet. Weiter wird geplant die Gründung von Hilfs- und Vorschußkaffen und die Einführung von Hausindustrien. Der Verein wendet sich an die Rabbiner und Lehrer mit der Mahnung, seine Bestrebungen in Schule und Synagoge nach Kräften zu fördern. Nachdem -er jetzt in Preßburg einige Hundert Mitglieder gewonnen hat, will er auch an die Gründung von Vereinen in anderen Gemeinden gehendie Konstituierung eines Verbandes der N2V '"»Dittf* Vereine wird dann einer Landesversammlung .vorzubehalten sein. Der.Aufruf der Preßburger schließt mit einem Appell an die Freunde seinerSache zum Beitritt und zur Werbung weiterer Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 4 Kronen jährlich, Anweisungen sind an den Präses, Herrn Moritz Frey, Preßburg, Vödritz 25, zu richten. I gvankveidj. * Paris, 26.'Dez.^GFür Alg^rjien tritt das französische Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche am 1. Januar 1908 in Kraft. Das Zentralkonsistorium wird den dort zu bildenden jüdischen Kultusvereinen, soweit sie sich dem Verband der Kultusvereine anschließen werden, wahrscheinlich sechs Vertretersitze zusprechen. ItnNen. Rom, 29. Dez. Das neue italienische Gesetz, durch welches der Religionsunterricht aus den öffentlichen Schulen eliminiert wird, hat zur Folge, daß die einzelnen Konfessionen, also auch die Ju>en, in eigenen konfessionellen Schulen für den Religionsunterricht sorgen müssen. Die römische Judengemeinde hat nun den Beschluß gefaßt, eine jüdische Elementarschule zu errichten und hat zu diesem Zwecke eine öffentliche Sammlung eingeleitet. Als erster unter den Spendern stellte sich der König von Italien ein> der 3000 Lire für die Zwecke der jüdischen Elementarschule zeichnete. Rußland. 3m Seichen der Reaktion. Helsingfojrs, im Dezembers Als es vor einigen Jahren den^Finnen nach Mühe und Kampf endlich gelang, ihre Autonomie wieder zu erlangen, da glaubten die Freiheitskämpfer im Zarenreiche den ersten festen Boden unter ihren Füßen zu fühlen, einen Stützpunkt errungen zu haben, von dem aus unter guter Deckung sich der wilde Kampf einigermaßen besser Übersehen und leiten ließe. Die erste Enttäuschung mußten die heimgejagten Mitglieder der zweiten Duma erfahren, als sie auf die vermeintliche Unantastbarkeit dieser Friedensinsel vertrauend sich dort zusammenfanden und von Wyborg aus den bekannten Appell an das Volkerließen. Seitdem hat die russische Regierung alles getan, um jeden Schein, als befinde sich Finnland außerhalb der absoluten Willkür- Herrschaft, zu widerlegen. Und nachdem mit der drllte»E Duma) die ^Reaktion im^Zare»reiche vollends zum Siege und zur Macht gelangt ist, steht man nunmehr auch hier, im freien konstitutionellen Finnland ganz in ihrem Zeichen, was natürlich, wie immer und wie überall, wir Juden zu allernächst zu fühlen bekommen. Als vor kaum drei Jahren das finnische Volk seine Kraftanstveengung zur Erlangung der Autonomie mit scheinbarem Erfolge machte, da halfen auch die Juden wacker mit. Mehr als einer unserer jugendlichen Optimisten gab sich dazu her, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, in der Hoffnung, sie auch mit genießen zu dürfen. Als der Landtag auf konstitutionellem Boden sich organisierte und im Besitze weitgehender Rechte an die Arbeit ging, um das wiedererworbene Staatsweson zu restaurieren, da erwartete man von ihm als etwas Selbstverständliches auch die Regelung der Judenfrage, die Proklamierung der Judenemanzipation. Man erwartete es als ersten Schritt des jungen Parlamentes zur Wahrung des Prinzipes der Freiheit und des Nationalitätenrechtes, für das gekämpft worden war, für welches einzustehen seine Mitglieder den Wählern versprochen, man erwartete es auch als versprochenen und wohlverdienten Lohn für die Juden innerhalb und außerhalb des Landes, die in Wort, Schrift und Tat für die finnische Sache mitgekämpft hatten. — Seitdem sind Jahre vergangen, ohne daß der Landtag nur die leiseste Mime gemacht hätte, der Judenfrage näher zu treten. Erinnerte man die Herren an ihr Versprechen und ihre moralische Pflicht, so war die billige Ausrede zur Hand: Das Volk sei noch nicht reif für die Anerkennung einer Gleichberechtigung der Juden, die Bauern würden sich empören! Das Volk nicht reif, die Bauern unduldsam. Aber diejenigen, die dazu berufen sind, das Volk politisch reif zu machen und den Bauern ein Rechtsgefühl für Leben und Eigentum anderer anzuerziehen, machen es sich bequem, indem sie, anstatt gegen Rückständigkeit und Vorurteil anzukämpfen, sie einfach als stabil erklären und ihnen Rechnung tragen, das Unkraut, welches auszurotten sie die Pflicht hätten, noch pflegen, damit es üppig gedeihe. Es gehört nun einmal zu den vielen tragikomischen Erscheinungen unserer Golusgeschichte, daß in Bezug auf uns Ursache und Wirkung tendenziös mit einander verwechselt werden. Der finnische Bauer ist intolerant gegen den Juden, dies ist unleugbar wahr, aber diese Intoleranz istnichtUrs ache,sondern Wirkun gund Folge der indolenten Haltung, welche das Parlament in der Judensrage einnimmt. Der einfache Mann aus dem finnischen Volke vertraut seinen Vertretern und wird nicht eher im Juden einen vollwertigen Menschen sehen, als bis dieser vom Parlamente als solcher erklärt wird. Die Herren geben aber an, mit der Proklamierung des Judenrechtes warten zu müssen, bis daß ihm der Weg zu den Herzen frei wirdhätten sie die gleiche abwartende Taktik bei der Erwerbung ihrer eigenen nationalen Freiheit verfolgt, sie säßen wahrlich heute noch nicht im finnischen Landtage. — .Indessen ist es nicht das an sich ruhige und aller Kultur zugängliche finnische Volk, von dem den Juden Gefahr droht? Der Durchschnittsfinne ist wie der ihm stammesverwandte Schwede von einem friedlichen Naturell, das ihn von Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten gegen Andersgläubige zurückhält, ob er auch noch davon weit entfernt ist, sich für die Rechte der letzteren zu erwärmen. Die Gefahr kommt vom Mutterreiche, von der Petersburger Zentralregierung. Diese hat hie und da das Bedürfnis, den Finnen zu. zeigen, daß sie noch lebe und auch den Weg nach dem „konstitutionellen Großfürstentum" zu finden wisse. Da es sich ja nur um eine Demonstration handelt, fängt man vorerst billigerweise mit den Juden an, die dann durch die Passivität des Landtages der russischen Verwaltung auf Gnade und Gnade ausgeliefert sind. So wurde neuerdings vom G neralgouverneur eine Verfügung erlassen, die das Wohnrecht der Juden in Helsingfors noch ^wesentlich ein¬ Tette 9*. schränkt, und in einem besonderen Rundschreiben der Polizei eingeschärft, auf die peinliche Einhaltung aller Ausnahmebestimmungen für Juden zu wachen. Dieser neue Ukas wird mit einer Verordnung von anno 1782 begründet, die das Wohnrecht der Juden in den Städten Stockholm, Gothenburg und Helsingfors nur unter gewissen Bedingungen zuläßt. Man greift sich, an den Kopf und ftagt, ob nicht das alte Wort: „tempora mutantur et nos mutamur in illis“ auch bei uns gelte? Die Zeiten haben sich geändert hier wie überall, doch die Juden gesetze bleiben unabgeändert. Und wo die Akten in Petersburg versagen, weiß man sie mit solchen, die man aus mehr als hundert Jahre altem schwedischen Staube aufgestöbert, zu ergänzen. Stockholm und Helsingfors. Diese Kombination entbehrt nicht eines gewissen Humors. Die russische Verwaltung mzeptiert die schwedischen Kulturbegriffe von anno 1782. Wie aber, wenn der Generatgouverneur auf Grund eines Gesetzes gleichen Datums das Hexengericht in Finnland wieder einführen wollte? „Sie belieben zu scherzen," antwortete mir ein gebildeter Finne, an den ich die Frage richtete, nicht ohne sittliche Entrüstung. — „Haben wir umsonst gekämpft? Haben wir uns nicht eine Autonomie, ent Parlament erworben?" — „Und die Juden?" — fragte ich, „die Juden?" „Ja wissen Sie, dje Juden!" sagte mein Freund, mehr wußte er aber darüber nicht vorzubringen. Wir aber wissen esder Landtag wartet, wartet, bis das Volk reif wird. Die russische Administration arbeitet unterdessen unverdrossen weiter und schreitet in Bezug auf die Jude» ganze Jahrhunderte zurück, und was ber den Juden ohne den geringsten Widerspruch gelingt, wird auch, wohl noch etwas leise und schüchtern, an den Finnen selber versucht werden. Ob nicht die finnische Volksvertretung zu ihrem eigenen Schaden zu spät einsehen wird, daß ihre abwartende Taktik in der Judenfrage auf einem Irrtum beruht, auf einer unheilvollen Verwechslung von Ursache und Wirkung? Petersburg, 29. Dez. Bekanntlich hat der russische Finanzminister Kokowzeto-in einer Staatsratssitzung behauptet, daß die Juden nicht nur viel, sondern auch den stärksten Alkohol verbrauchten. Er erzählte, daß am Freitag Abend in keinem jüdischen Hause die gefüllte „Monopolflasche" fehle. In der darauffolgenden Sitzung hat nun der Staatsrat Kramer nachgewicsen, daß die Behauptungen des Finanzministers unrichtig sind. Der Reihe nach widerlegte Kramer alle Argumente, welche der Finanzminister zur Rettung des jetz gen Monopolsystems vorgebracht hatte und kam so auf die Juden zu sprechen. Aus eigener Erfahrung führte dabei Kramer zahllose Beispiele dafür an, daß die Juden im Allgemeinen ein sehr nüchternes Volk und dem übermäßigen Alkoholgenuß abhold sind. Radzilowa, 30. Dez. In dem Städtchen Radzilowa(Gouvernement Lomsa,Ruff.Polen) hat ein Brand gewütet, durch den die Hälfte des zum größten Teil von Juden bewohnten Ortes zerstört wurde. Etwa 100 Familien sind ohne Obdach und in großer Not. Der Rabbiner und die Vorsteher bitten um Hilfe. (Die Exped. des „Israelit" ist gerne bereit, Gaben nach Radzilowa weiterzubefördern.) England. London, 18. Dezbr. Der in Jaffa verstorbene A. I. Kenward hatte in letztwiüiger Verfügung die Hälfte seines beträchtlichen Vermögens (fünf-bis sechstausend Pfd.) seiner Mutter und seinen Geschwistern vermacht und die andere Hälfte dem .Zio nisten ko ngreß zum Ankauf von Grundbesitz zur Ansiedelung von Israeliten in Palästina. Die zu diesem Zwecke vom Erblasser im Testament gemachten Bestimmungen waren jedoch so kraus und unklar) daß das Kanzleigericht Nachforschungen über den Zionisten-