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Der Israelit · 1908-01-02 · Heft 1 (2.1.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 1 (2.1.1908)
Date
1908-01-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4. Rr. 1 Der flgrofHt. das Judentum und die Gesamtmenschheit nicht den Weg nehmen 'wird, den die der Religion entfremdete geistigen Führer ihnen weisen, sondern dc>ß die Zukunftsideale m Erfüllung gehen, die die Tbora aufstellt, das ist unsere glühende Ueberzeugung. Unsere LebensansOauung wird beherrscht von der Erfüllung der Thora. Wir sind der Meinung, die wir Mt ersten Autoritäten der Wissenschaft teilen, daß eine von allen religiösen Momenten absehende, sichere sogenannte wissenschaftliche Grundlage der Ethik unmöglich ist. So ist die Gru n d l a g e für uusere Ethik das Gebot Gottes. Der Charakter unserer Ethik ist entsprechend der unvergleichlichen Art der Thora ein eigenartiger. AlS Gottesgebot tritt fie mit der Fordei ung unverbrüchlicher Verpflichtung auf und schafft so das einzigartige jüdische Pflichtgefühl. Indem dieses Gottesgebot auf alle Gestaltung des Lebens Bezug nimmt, gibt es dem jüdischen Pflichtleben seine eigene Färbung. Der Gehorsam gegen Gott ist aber nicht sklavisch, wird doch Gott als der Gott der Liebe verehrt, und daS Gesetz wird nicht als Last empfunden wie der spezifisch jüdische Begriff. niSD NNQV beweist. Diese letztere, die Glückseligkeit, die aus der Gott gegenüber erfüllten Pflicht entspringt, ist zugleich das Ziel unserer Lebensauffassung. Auf das Verhältnis des Judentums zu den Kulturfragen der Zeit kann nur in wenigen Worten eingegangen werden. Lehre und Gebot sind die beiden Pttnzipien, auf Grund deren unser Verhältnis zu Wiffenschaft und Politik sich regelt. Me gründliche AuSeiandersetzung mit diesen Problemen ist die Aufgabe des gesetzesr'.euen Judentums der Jetztzeit. Lauter Beifall lohnte den gelehrten Redner, dessen gedankentiefe Ausführungen sich, namentlich im letzten Teile, zu hinreißendem Schwünge erhoben und die Hörer mit unwiderstehlicher Gewalt Sortrugen in die Sphären eines von philoischer Gedankenarbeit geklärten, tiefen religiösen bens. Auf vielseitigen Wunsch hatte der Vorstand noch in letzter Stunde das aktuelle Thema ^Gebetbuch und Tradition" aus die Tagesordnung des Bereinstages gesetzt- und es war erfreulicherweise gelungen, in Herrn Pr ovinziälravbinerDr. Bamberger-Hanaueinen Referenten zu finden, der es meisterhaft verstand, in der gebbtenen Kürze mit Ruhe und Würde die Grundsätze zu entwickeln, welche die gesetzestreue Judenheit zu unbeugsamem Widerstande gegen die leider wieder modern gewordene Kultusreform bestimmen. Sein Gedankengang war folgender: „Ten eigentlichen Inhalt unseres Gottesdienstes bildet nicht das Gebet im engeren Sinne des Wortes, nicht der Ausdruck unserer Wünsche und Bedürfnis^ Ein „W ortGottesanuns" dürfe vielmehr unsere Tephillah genannt werden, insofern sie in erster Linie zu Selbstprüsung uns anregen und durch fie zur Danksagung, zur läuternden Klärung unserer Wünsche und zum Gelöbnis gotthuldigender Tat uns führen will. Darum geht der nten das yQV HN'Hp als gleiOvertiger Teil unseres Gottesdienstes voran, in welchem wir Lehre für unser Leben und Streben empfangen. Aus dem Geist der Gotteslehre und seiner Weissagungen schöpfend, beten wir in göttlichen Gedankengängen und heiliger Sprache. — Lehrend und erziehend vergegenwärtigt unsere Gebetordnung den Lehrinhalt des Judentums in seinen Hauptbestandteilen und läßt nichts Grundlegendes vermissen. — In diesem Sinn und in dieser Gestalt ist unser Gebetbuch geschaffen, das uns mit der Vergangenheit verknüpft und mit der Zukunft des gottverheißenen Heils für Israel und die Menschheit. Wer sich an dem Gebetbuch vergreist, vernichtet also wertvollen Bestand in dem Schatze der erlösenden Wahrheiten, deren Träger und Bewahrer das jüdische Bolk ist." (Stürmischer Beifall). Nachdem die beiden ersten Referenten die geistigen Aufgaben der gesetzestreuen Judenheit in sicheren Zügen gezeichnet und dabei an das Abstraktionsvermögen der Zuhörer hohe Anforderungen gestellt hatten, war es wohlgetan, daß mit dem dritten Referat „Gegenwartsaufgaben der gesetzestreuen Judenheit nunmehr das praktische Leben in seine Rechte trat. Der Referenti»Herr Moritz A. L o e b - Frankfurt a. M., führte etwa Folgendes aus: . ' „Tie Schwierigkeiten der Lage, in der sich heute das gesetzestreue Judentum befindet, sind nur verständlich, wenn man die Geschichte der letzten 100 Jahre durchforscht. Die Nachwirkungen der französischen Revolution brachten den Juden die Erlaubnis zunl Besuche des Gymnasiums und der Universität und führte so den Zusammenprall zwischen jüdischer und profaner Bildung herbei. Die außerordentlichen Fortschritte der Naturwissenschaft innerhalb des 19. Jahrhunderts erweckten die Hosftiung ,daß man zu einer Erklärung der Weltenrätsel aus mechanischem Wege kommen werde und bewirkten, wie in anderen Kreisen, so auch bei den Juden, eine Schwächung des religiösen Gefühles. Nach der gleichen Richtung folgenschwer erwies sich die Entwicklung Deutschland's, vom Agrikulturstaat zum Jndustriesta.it und die damit verbundene außerordentliche Verschärfung des Kampfes um's Dasein, durch die die Beobachtung wichtiger jüdischer Gesetze (Sabbath, Speiftgesttze u. s. f.) ungemein erschwert wurde. Diese Momente zusammen haben den allgemein bellagten Rückgang hereibgesührt. Das verloren gegangene Terrain kann nur durch intensive Arbeit auf allen Gebieten wiedrrgewonnen werden. Auf dem Lande, in den Klein- und Mittelstädten, ist eine Vertiefung des jüdischen Unterrichts anzustreben; in den Großstädten ist das Schwergewicht auf die Fürsorge für die Heranwachsende Jugend zu legen; Vereinshäuser, Lehrlingsherme u. s. f. müßten überall entstehen. Die Schaffung einer modernen jüdischen Literatur, jüdisch in unserem Sinne, ist ein zwingendes Erfordernis. Die Bestrebungen des „Verbandes der Sabbathfreunde" und des „Vereins zur Förderung ritueller Spielhäuser" sind nach Kräften zu fördern. So bildet sich von selbst ein Gegenwartsprogramm, das Arbeit für Jahrzehnte bietet, wenn der Ruf zur Sammlung aller Kräfte im aesetzestreuen Lager, wie es den Anschein hat, vollen Erfolg zeitigen wird. Das Referat gipfelte in einem Ausbuck auf die Lage des gefetzestreuen Judentums im Auslande und die Hoffnungen, die man auch dort - besonders in Palästina und Rußland — an dt' Reorganisation der „Freien Bereinigung" knüpft. __ '_ 2. Januar 1908 Nachdem der Redner unter rauschendem Beifall geschloffen, erhob fich der Vorfitzende, Rabbiner Dr. Breuer zu folgender, stenographisch von uns aufgenommenen Schluß-Ansprache. Hochgeehrte Versammlung! Wir sind mit der Tagesordnung zu Ende und es fällt mir die Aufgabe zu, den Vereinstag zu schließen. Doch zuvor ist es mir Herzensbedürfnis, namens des Vorstandes vor allem den verehrten Herren Referenten für ihre geistvollen und durchdachten Vorträge, die im Mittelpunkt unserer Tagung standen, von ganzen Herzen zu danken, zu danken ferner den verehrten Delegierten von Körperschaften, die heute hier erschienen sind, uns ihre Sympathien zu bekunden, zu danken, endlich Ihnen, geehrte Anwesende. daß Sie sich so zahlreich eingefunden und dazu beigetragen haben, unseren Bereinstag zu einem imposanten Ereignis zu gestalten. Ich kann aber den Vereinstag nicht schließen, ohne wenigstens in gedrängter Kürze an die Worte des Propheten unserer dieswöchentlichen Haftarah zu erinnern: „In den kommenden Tagen wird Jakob Wurzel schlagen und als Israel aufbluhen und sich entfalten." Hier wird das Geschick des jüdischen Volkes mit der Wurzel eines Baumes verglichen. Wie der Keim, nachdem ihm Luft und Licht entzogen, im tiefen Erdendunkel, im Kampfe mit dem ihm feindlichen natürlichen Mächten erst die starken Wurzeln bilden muß, aus denen dann der Stamm ans Licht emporsteigt, um zu einem fruchtbaren, ertragreichen Baunre aufzublühen, so wird das jüdische Bolk erst, nachdem es im tiefen <«olmh-Dunk l, im Kampfe mit den ihm feindlichen Mächten für seinen heiligen Beruf sich erprobt haben wird, zum selbständigen, starken Israel- Volke sich entfalten. In diesem Bilde erscheint mir das Geschick der orthodoxen Judenheit Deutschlands unserer Tage verkörpert. Eine schwere Wurzelarbeit hatte der gesetzestreue Teil der jüdischen Bevölkerung Deutschlands in den letzten hundert Jahren zu vollbringen. Gewaltsam zurückgedrängt, bis in da tiefe Jnnenre der Gefühle verletzt, hatte er im Kampfe mit den Feinden des göttlichen Gesetzes seine Daseinsberechtigung zu erobern. Unter dem mächttgen Beistände Gottes, der sein Bolk nie verläßt, dank der weisen Führung jener großen Männer, auf deren Wirken wir mit innigster unauslöschlicher Dankbarkeit zurückblicken, ist diese Ww zelarbeit jetzt vielleicht vollendet. An uns liegt es nun, die jüdische Orthodoxie in Deutschland and Licht emporzuheben und sie zu einer starken, selbständigen, Achtung gebietenden Macht zu gestalten. Das können wir aber nur dann, wenn wir alle geistigenund materiellen Kräfte in unseren Reihen zu gemeinsamer Arbeit im Dienste unserer Tau roh sammeln. In unserer „Freien Bereinigung" ist uns der Boden hierfür bereitet - betreten wir diesen Boden mit Zuversicht, und können wir von der Begeisterung, die uns erfüllt, nur ein Fünkchen mit uns nehmen und in den uns umgebenden Kreis hinausstrählen, so bin ich überzeugt, wir werden unsere Bereinigung zu herrlicher ungeahnter Blüte sich entfalten sehen, mo!) P2P* — Ich schließe den Berelnstag." Es ist kaum möglich den immer wieder sich erneuernden, pauten Jubel zu beschreiben, der dieser mit glühender Begeisterung vorgetragenen Ansprache folgte. Nur mit Mühe konnte sich Rabbiner Dr. Munk-Berlin zu einem kurzen Aber wissen Sie, warum die „Berliner" noch zögern, viele sogar plötzlich (vielleicht auch, weil sie fürchten, Geld hergeben zu müssen) religiös geworden find und daraus Hinweisen, daß die Juden sich ganz andere, als bronzene, marmorne und Gips- und Stuckdenkmäler erwerben sollen? Nun, da Sie es nicht raten, so will ich Ihnen den Grund sagen, der ja auch daran schuld ist, daß Herrn Karpcles' schöne Rede keine Begeisterung erwecken konnte. Jetzt stellt sich nämlich heraus, daß wir Berliner Juden meist gar keine Berliner, sondern zu 99 Prozent Zugezogene sind. Und da hat jeder von uns seinen Privatpartikularismus, dem etwas Neid auf Berlin beigemischt ist. Ein Berliner West-Balbos, der bis 1904 in Schrimm, Provinz Posen, gewohnt hat, meinte nach dem Bortrag des Herrn Kacpeles, die Reichshauptstadt mit ihren mehr als hundertzwanzig Denkmälern sei schon deshalb nicht geeignet, weil man hier denkmalsatt sei. Aber in Schrimm würden die Leute jeden Schabbos nach Schul sich so ein Mendelssohndenkmal von Neuem ansehen. Ein ehemaliger Bürger von Zabrze hält wiederum diesen Ort für höchst geueignet. Dre Ansicht eines ehemaligen Filehmers, der aber, bevor er Berliner wurde, in Jsowrazlaw, jetzt Hohensalza genannt, wohnte, ist noch im Zweifel, welchen von beiden Orten der Vorzug gebühre. Er wird inzwischen, wie wahrscheinlich die meisten Zuhörer des Vortrages, gar nichts geben. Entweder Filehne, oder Hohensalzq, oder keinen Pfennig. Da es keiner wollte leiden, "Daß der andre für ihn zahlte. Zahlte keiner von den beiden. Wie Ihre Leser aus diesen kurzen Mitteilungen .«ßhe», hat das Judentum in Berlin große Schmer- -W und keine Sorgen. Wenigstens jene- Berlin nicht. das sich in Ermangelung eines Nützlicheren und Wrchttgeren mit Denkmalsschmerzen abquält. Glücklicherweise sind die Weihnachten nahe und die jüdischen Weiber schon in Christbaumstimmung. Neben mir zu beiden Seiten meiner dünnen Nachbarwände üben die Eltern und Kinder zweier jüdischer Familien schon siit acht Tagen das Lied vom Tannenbaum für den ^^on"?inem^ Angehörigen einer hiesigen Bnei- Brißloge wurde mir einst erzählt, daß ein Mitglied dieses Ordens einmal den Antrag gestellt habe, alle Oroensangehörigen sollten sich ehrenwörtlich verpflichten, in ihren Häusern keine Bäume an Weihnachten zu dulden. Als ich meinen Freund, der selber sehr „liberal" ist, ftagte, was denn aus der Sache geworden fet, antwortete er kleinlaut, der Antrag sei gar nicht erörtert, sondern sofort von einer Anzahl Mitglieder entrüstet zurückgewiesen worden. „Religion, Privatsache." In den Logen schlagen sich, scheint's mir, die Herren stolz auf die Brust. Aber zuhause, wo die Gattin christlich waltet, — weg damrt'. Dir Judenkinder sollten auch ihre Freude haben, und mit dem Weihnachtsbaum wird das erste Stück Christentum eingeschmuggelt. Es wäre gar nicht uninteressant, zu erfahren, wie viele der jüdischen Logen augehörrgen Herren tatsächlich den Mut der Ueberzeugung haben, und trotz ihrem so nachdrücklich betonten Jubefeinwollen am Weihnachtsabend auch anders können. Damit hat es seit Jahrzehnten angefangen und das hat dann langsam, ganz peu a peu ans Taufbecken geführt. Ich könnte aus meinen mehr als fünfundzwanzrgjahrrge», mit. meinen Kinderjahren begrünenden persönlichen Wahrnehmungen diese meine Behauptung mit mindestens dreißig notorischen Fallen stützen. Ein mir befreundeter Sanitätsrat, fett elf Jahren mein Hau-arzt, 'der eine» ,Harken Dreh" zum positiven Judentum" gemacht hat. Pflegt sogar stereotyp zu behaupten: Mit dem Weihnachtsbaum säng's an, der Rest kommt von allan. Wie die Rabbiner und Religionslehrer über diese die Jugend verchristlichenbe „Christbaumsitte" denken, ist ein Kapitel für sich. Köstlich aber war die Frage eines jüdischen Kindes an seine Eltern: „Haben die Christenkinder denn auch Weihnachtsbäume? Kommt das Christkindchen auch zu Christenkindern?" Das ist kein Witz, sondern Tatsache und bezeichnend für die Ehrbegriffe im jüdischen Hause am Anfang des 20. Jahrhunderts! Es geht doch nichts über ein klares Selbflbewußtsein und die schöne Doppelmoral vor den Augen der eigenen Kinder und gegenüber der Welt. Uebrigens hat auch jetzt das. große Warenhaus N. Israel vor dem modernen Zeitgeist die Segel gestrichen und wird künftig auch an Sabbath und jüdischen Festtagen dem kauflustigen Publikum offen halten. Zu verwundern ist es nicht, nachdem ja dasselbe Geschäft schon am verflossenen Roschhaschanv am zweiten Tag offen war und die jetzigen Glieder der Familie ohnehin schon längst dem Judentum kühl gcgenüberstehen. Nunmehr gibt es in Berlin kein am Schabbos geschlossenes Kaufhaus mehr. Hingegen erfreut fick» das „Taushaus des Westens", wie der neue Dom sehr treffend genannt wird, des Sonntags eines großen Zuspruchs. seitens ehemaliger, verflossener und verfließender Juden. „Wenn das so weitergeht," seufzte der von diesem Zuspruch nicht sehr erbaute Küster, „dann bleibt für die richtigen Christen kein Plätzchen mehr frei." Es scheint aber tmrttich, wenn man Sonntags zufällig am Dom vorüberkommt, und gerade die Kirche zu «»de ist, als fei dies« Dom speziell für

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