Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1908)
- Date
- 1908-01-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der SWroeltt. Sette 8. Rr. 1 2 Janmtr WC6_ stehe nun der orthodoxe Rabbiner-Verband, nachdem er gemäß den schon vor Jahresfrist getroffenen Vereinbarungen jetzt unabhängig konstituiert sei, von Ferne, voller Hoffnungen und Wünsche für die Freie Bereinigung und für den inneren Frieden, dessen Träger diese Vereinigung ist. In kurzen, aber eindrucksvollen Worten überbrachren der Vorsitzende des Kuratoriums des Berliner Rabbiner-Seminars, Hermann Gumpertz -Hamburg und der Verwaltungs- Vorsitzende der Frankfurter Thora-Lehranstalt (I e s ch i w a), Louis Fei st-Frankfurt, die Grüße ihrer Institute. Starken Widerhall fand alsdann die Ansprache, die der Vorsitzende des immer populärer werdenden „Verbandes der Sabbat tzfreunde" Dr. Eduard Biberfeld, an die Versammlung richtete. Er bezeichnete mit vielleicht aüzuwritgchender Bescheidenheit den Sabbach-Verband als einen treuen Schüler der „Freien Vereinigung" und feierte in tiefer Ergrffenheit diesen Bereiustag als wahrhaften „Tag, den Gott gewirkt". Der Bund gesetzestreuer jüdischer Lehrer" hatte einen seiner wackersten Vorkämpfer, Lehrer Wolff-Aurich zum Dolmetsch seiner Glückwünsche gemacht, da der Vorsi.ende Realschuldirektor Dr. Lange-Frankfurt a. M. in letzter Stunde leider aui Erscheinen verhindert worden war. Frisch und lebhast, wie's der Jugend geziemt, trat als Sprecher der „Zukunft" der Vertreter des „B u nd e s jüdischer Akademiker stud. Ehrman n-München hervor, dem Vereinstag das Treugelöbnis der studierenden Jugend zu entbieten. Für den „Verein zur Förderung des gesetzestreuen Judentums in der Schweiz" sprach Herr Rabbiner Dr. Cohn- Basel. Der Verein ist — nach dem Borbilde der „Freien Vereinigung" — erst vor wenigen Monaten ins Leben gerufen worden und erfreut sich einer überaus günstigen Entwicklung. Der Redner gab interessante Daten über die Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Schwei;, die i fern von allem Zwange und aller staatlichen Organisation ihr Gedei en fänden, und schloß mit den herzlichsten Wünschen für die weirere Erstarkung der großen deutschen Brudervereiuignng. — Der Vorsitzende gab sodann dem lebhaft.« Bedauern darüber Ausdruck, daß eine garrze Anzahl größerer Vereine, die Delegierte entsandt, iufofge der vorgerückten Stunde nich mehr zu Worte kommen könnten, u. a. der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums in Berlin, Verein für rituelle Speise Häuser, Ham bürg, Jüdisch- Literaris cheGesells chuft-Frankfurta.M. Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in Westfalen, Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands,.Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden. Nach Beendigung der Begrüßungsansprachen erstatt te der stellvertretende Vorsitzende Herr Jacob R o s e n h e i m-Franksurt a. M. den Rechenschaflsbericht für die Zeit von September 1906 bis Dezember 1907. Der Bericht gedenkt zunächst der von der „Freien Bereinigung« g leiste en Subventionen zur Förderung des Rel gionsunterricbtes auf dem Lame, sowie zur Errichtung und Wiederherstellung von Ritualbädern, ferner der Zuschüsse an einzelne Provinzialverbände gesetzcstreuer jüdischer Gemeinden u s w. Ein wichtiges Kapitel sei die rituelle Verköstigung jüdischer Soldaten, ein Gebiet, aus dem manches geschehen sei, aber noch mehr geleistet werden müsse. Eine fernere regelmäßige Iubrrk in der Tätigkeit Her UnterstützunaskömmiÜivn diloe die Verköstigung jüdischer Gefangener ^namentlich wäbrend der VesqHzeit. ferner Stiveydien^zur Ausbildung von P r äpaianüeck, Sem^.artnen, Schochiim und Mohalim. Die bessere Regelunq der Schochtim- Ausbildunq unterläge der Beratung. Unter den die Interest n der Bereinigung berühr nden allgemeinen jüdischen Angelegenheitw.,r es msbeiondere die Ausfü rung des Preußischen Volks schul-Gesetzes, Ne den Vorstand beschäftigte. Eine aus Sachverständigen bestehende Sonderkommission zur Beratung der Gemeinden bei ihren Verhandlungen mit den Kommunen ist stark in Ampruch genommen worden und suchte für die Erhattung bestehender jüdischer Volksschulen und sür die Grünsuilg neuer emzutreten. In gleicher Richtung wirkte eine von dreser Kommission herausgegebene Broschüre unter dem Titel: „Das neue Bolkschul-Untcrhaltungsgesetz", „Materialien und Ratchläge sür die jüdischen Gemeinden Preußens", die an iim iche in Betracht ternmcndeu G nninbcn und Lehrer versandt worden ist. Eine ganze Reihe von Eingaben an die Negierung und persönliche Verhandlungen galten der aus Anregung der „Freien Bereinigung" vom Abgcmdnctenhause beschlossenen Resolution zur Förderung des Religionsunterrichtes. Der Bericht spricht die Hoffnung aus, daß diese Schritte nickst ganz ohne Erfolg sein und daß eine entsprechende Position, wenn auch nicht in der von der Bereinigung miwendig era leten Höh-, i" denTE'ar emgisnllt werde. Die Frage der besseren Vorbildung der jüdischen Rcligionslehrer, die in den letzten Monaten vielfach Gegenstand der öffentlichen Erörterung war, habe sowohl die Schnlkommifsion als den Vorstand der „Fr. Ver." wiederholt. beschäftigt, dock) glaubte der Vorstand weitere Schritte zur Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse tun zu sollen, bevor er in der überaus schwierigen Frage mit formulierten Anträgen arr die Staatsregirrung herantrete. In Angelegenheit der Sonntagsruhe habe die Vereinigung am 16. Januar ausführliche Eingaben an die beteiligten Regierungsstellen gerichtet und diese Eingaben auch. persönlich mit Nachdruck vertreten. Um die Herbeiführung orts statutarischer Bestimmungen zugunsten der den Sabbarh feiernden Geschäfte zu erleichtern, hat der Vorstand das gesamte hier bei in Betracht kommende Material unter dem Titel: „Die Sonntagsruhe im Handclsgewerbe und die Interessen des gesetzestreuen Judentums" zusammengestellt und als Broschüre herausgegeben. Das Heft hat bereits vielseitig gute Dienste geleistet. — Der Bericht ernannt bann bie Tätigkeit der „Freien Bereinigung gegenüber der tierschützlerischen Agitation gcg n das Schachten und die Beratungen, die wegen des religiösen Notstandes in Rußland ans Anreaunr hervorragender russischer Rabbiner im Schoße des Vorstandes gepflogen worden sind. Von den neu gebildeten Arbeitskommissionen haben ihre Wirksamkeit bisher ausgenommen: die „Kommission für Schulwesen und Lehrerbildung", diejenige für „Literatur und Presse", die „Kommissron für ländliche Wohlfahrtspflege" und nie „P a l ö ü i n n KnimUno >". S 11 die „Freie Vereinigung", so schließt der Bericht, den vielgestaltigen Aufgaben gewachsen sein, die sie bisher ergriffen und im o.etne chr.s P «g amms weiier ergr.isea muß, so bedarf sie der begeisterten, opferfreudigen §> nqebung aller ihrer Mitglieder in Stadt und Land, dann bedarf sie nicht nur bedeutender materieller Mittel, sondern vor allem auch der tätigen Mitarbeit aller Gleich strebenden, der Unterordnung aller .Einzelwünsche unter das gewaltige Ziel, das uns entgegenleuchtet: „Die Kräfte zu einen im Dienste der alten unverkürzten Gotteslehre von Sinais.Höhen." Nachdem der jubelnde Beifall verklungen war, den dieser Appell geweckt hatte, ergriff der erste Referent, Dozent Dr. I. Wohlgemuth-Berlin das Wort zu seinem Vortrage über das „Wesen des gesetzestreuen Judentums." Der Redner wies einleitend darauf hin, daß das orthodoxe Judentum nicht etwa eine besondere Sekte im Judentum sei, sondern im Gegentell das historische Judentum darstelle. Die Bezeichnung '„orthodox" oder „gesetzestreu" bilde einzig und^allein ein Erkennungszeichen, das sich im Kampfe des Tages als notwendig erwiesen habe. Das Wesen des gesetzestreuen Judentums ist das Wesen des Judentums an sich, das über Jahrtausende sich erstreckt und eine schier unendlich große Literatur geschaffen. Das läßt sich nicht in einem einzigen Re- K nt u fpnrmcn. Es foil nabt in “öttn Referat der Monotheismus, die Nächstenliebe, die Zukunst des Menschengeschlechtes, eine Reihe von ethischen Grund ideen u.a. übergangen werben, obwohl alle diese Prinzipien auch nach unserer Auffassung eine bedeutsame Roue im Juüemum ,pie!en Wir besprech n v elmrbr, um anderen de G'enzlmien zwilchen Reform und Orthodoxie verwischenden Darstellungen entgegen«, zutreten, vor allem das Unterscheidende. U sere Weltanschauung berühr auf der Ueber zeuguni von Der Wa'rh ftiofitt de' Th rrr, an der Tatsache einer göttlichen Offenbarung, die das schriftlich fixierte Wort mit einem mündlich überlieferten Kommentar begl itcte, erläuterte und von al en scheinbaren Widersprüchen befreite. Die Thora als schriftliche und mündliche Ueberlieferung gibt dieser Weltanschauung ihren Charakter. Diese Weltanschauung ist treu und frei. Treu, indem sie unverbrüchlich festhält an den von Gott überkommenen Normen und Prinzipien, frei, indem ste diese No men jedes G. schlecht mit den Dtitt'ln bmgel'ungsvoller Forschung auf die wechselnden Erscheinungen der Z it anwenden läßt. Die Thora endlich ist das Ziel unserer Weltanschauung. Daß herunter. „Kann sie doch nicht sehen, mit den Aug-n nicht," stößt es zitternd hervor. Ihm wurde das Essen gewährt. Wre viele neidische Blicke sind ans den Tisch gerichtet, an dem die von der Schule Gespeisten sitzen. Wie viele unglückliche Kinder gibt es da, die noch das Glück haben, einen Vater zu besitzen, aber doch am Hungertuche nagen. O, konnten nur diese alle gesättigt werden! Aber woher das Geld nehmen? Reicht .es doch kaum für die Walsen aus. Und mit Ausnahme dieses einen Taues erhalten die Kinder gewöhnlich nur ein Stück Brot und etnige Oliven oder einige Orangen oder eine Gurke. Was uns Beilage oder Dessert ist, muß diesen Wesen oft für einen ganzen Tag genügen, den kurrenden Magen zu stillen. Kann man srch an eine wohlbesetzte Tafel setzen und eine fröhliche Mah z.it halten, wenn man solcher Trauriger gedenkt? O ihr alle, die ihr sür das tägliche Btor reine Sorge habt, gedenkt dieser Armen und wisset, daß viele kleine Schärflein ein Großes ausmachen, und ihr werdet viel.ercht umso zufriedener leben, wenn ihr euch bewußt seid, daß ihr einer kleinen srieneden, hungrigen Schar einmal mehr zu einem warem Gericht verholfen habt. berliner Ziibsuenen. Berlin, 23. Dezember. Alfs, ss soll Tatsache werden. Die Idee verdichtet sich schon zur Tat. Wir Berliner werden um ein Denkmal bereichert werden, dessen Mangel sich trotz der erdrückenden Fülle von Erz und Warmelstein bei uns Berliner Juden imrnLk fühlbarer gemacht Witz« hat feßüz Entdecker einer neuen Senfe» j malsidee noch den Gedanken gehabt, daß endlich, nachdem Pückler für meschugge erklärt, Ahlwardt ein stiller, Stöcker ein alter Man geworden und Niemand mehr in öffentlichen Lokalitäten dein» Eintrit eines Scmiten „Juden 'rans!" ruft, ein jüdisches Denkmal ein dringendes Bedürfnis geworden sei. Jetzt, nachdem in der deutschen Reichshauptstadt die Juden endlich wieder in Ruhe gelassen, nicht unter sich gestört werden, da wird man endlich inne, was uns schon so lange gefehlt hat, also heraus mit der Sprache: etn Denkmal für Mendelssohn. Vorläufig der einzige, jedenfalls der bedürf.igste Denkmalsjude. Haben die Berliner weiter keine Sorgen? So werden die Provinzbewohner und unsere auf die Groß- und Residenzstadt neidischen Großstadtjuden in Hamburg, Breslau, Frankfurt usw. fragen. Natürlich aus purem Neid, daß bei ihnen keine solche Masse von Jntel.igenzen wie bei uns aufgespeichert liegt, welche die Priorität des G an'ens für sich beanspruchen dürfen. Nun denn, zur Beschwichtigung der auf uns Berliner neidischen Glaubensgenossen sei hinzugesügt, daß der Gedanke allerdings dem Kopse eines waschächten Berliner jüdischen Gemeind rbürgers entsprungen, nämlich dem Kopse des Herrn Geheimen Kommerzienrat Mannheimer; dieser hat „seine" Idee einem etwas weniger waschächten Berliner, nämlich Herrn Gustav Katp-.les inspiriert. Dieser soll sie wiederum uÄ Herrn Rudolf Masse, dessen Wiege auch nicht dicht an der Spree, sondern etwas mehr seitlich, in Grätz, gestanden hat, weiterverpflanzt haben, und endlich sollen die direkten Nachkommen Moses Mendelssohns, bt** das nötige Kleingeld dazu haben und auch dazu hergeben würden, durchaus nicht von der „Idee" überrascht gewesen fein. Vielleicht ist es auch rückwärxs richtiger zn lesen, und es hat so auch viel mehr Wahrscheinlichkeit sür fich. r.lso: Mendelssohns die doch nicht selber für ein Denkmal agitieren können, möchten dem Gedanken ein populäres Mäntelchen anhänzen. Freund Mannheimer hat auch einen Freund, il'' m* jrun ganz so wie der Talmud sagt, allerdings mit dem Unterschied, daß im Talmud mchtS von Ruevls Mvsse und Karpeles steht. Also, Sie verstehen mich, H.r. Redakteur, una Ihre L ser wohl auch. Und Herr Karpeles, der über weit mehr Eloquenz und Intelligenz verfügt, als das k.püalsmörbtiqe Triumvirat Mendelssohn - Mannheimer - H oste, wird das Sprachrohr seiner Wünsche. Und die Herren M. M. M. konnten mit ihrem Mandatar zufrieden sein. Obwohl nun Ihr Berichterstatter in seiner sehr^ bescheidenen bürgerlichen Stellung nicht zu den Eimgeweihten jener ihm wohl sür alle Ewigkeit verschlossenen Kreise gehört Irenen die drei Machtsaktoren' angehorn, so kann er Ihnen doch versichern, daß die hier mitgcteilre Version a'3 zuverlässig befrachtet unb besprochen wird. Auch dem Kreise, der zu dem Auditorium des Herrn Karpeles gehört, steht Ihr Berichterstatter zu fern, um Ihnen verraten zu können, welchen Eindruck die einstündige Red: unseres Mitbürgers Karpeles auf unsere jüdische» Zeitgenossen gemacht hat. Doch so viel ich erfahren konnte, sollen durch den Redner nicht alle die zahlreichen Zuhörer von der Dringlichkeit eines Denkmalsbedürfnisses überzeugt worden sein, was ich für eine ebenso große Einsichtslosigkeit wie Undankbarkeit halte. Merken denn die Leute gar nicht, daß eigentlich gar fein Geld von ihnen verlangt wird? Nur schreien sotten fie: „ein Denkmal für Moses Mendelssohn, ein Denkmal, ein Denkmal!" Was sträuben sich da die Leute noch lang, da es doch nur gilt, Stimmung zu erzeugen! »ll«S andere wird ohne sie besorgt, ist sogar für /sechs Senfe-, m äler da. ■