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Der Israelit · 1908-01-02 · Heft 1 (2.1.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 1 (2.1.1908)
Date
1908-01-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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.. No. 1. Gelte 2._ Esriel Hildesheimer f. A. hat mit dem ganzen Einsätze seiner gottbegnadeten Krast für daS gleiche Prinztp erfolgreich gekämpft. An diesem Prinzip ihres großen Begründers hat die „Freie Vereinigung" bis jetzt unerschütterlich scstgehalten und an ihm muß sie mit zäher Ausdauer weiter festhalten, will sie sich nicht den Boden unter den Füßen entziehen. Dieser Tatsache ist es wohl zuzuschreiben, dag zu unserem tiefsten Bedauern ein beträchtlicher Teil unserer Brüder, die in ihrer religiösen Lebensführung mit Leib und Seele zu uns gehören, der „Freien Bereinigung" fern geblieben sind. Dieses Fernbleiben ist von den Gegnern unserer Bereinigung weidlich ausgebeutet worden, wahrüch nicht zum Nutzen unserer gemeinsamen, heiligen Sache. Dir Orthodoxen, so hieß es, so heißt cs, Iind ja unter sich s lbst nicht einig, ein heftiger Memungstreit trennt sie von einander. Allei nmanvergaß, »aß diese Orthodoxen nur in einem Punkte, in einem Punkte taktisch-politischer Natur, der, wie zog. stände.« werden must, allerdings vo„ einschneidender prinzipieller Bedeutung-ist, nicht der?buchen Anschauung sind, daß sie aber ihrem nnersten Wesen nach, mit ihrem ganzen Denken, Fühlen und Wollen einig sind, und allesamt dem einen hohen Ziels, der Erhaltung des Thoragesetzes und seiner »erwirklichung im Leben mit jedem Fünkchen ihrer Tatkraft und mit jedem Splitter ihrer Habe unenuvcgt zustreben. Man vergaß, daß auch sonst im Leben zwischen Gleichgesinnten, ja zwischen sich gegenseitig zärtlich liebenden Ehegatten in irgend einem Punkte eine Meinungsverschiedenheit sich geltend machen kann, die aber die gegenseitige Zuneigung, die unverbrüchliche Treue und Liebe zu einander durchaus nicht schwinden macht. Man vergaß, daß diese Verschiedenheit der Aussassung, wann und wo sie sich fand, rein lschem ich. mujim war und aufssch Nützlich im Dienste unserer heilig «Sache stand. Manvergaß,. daß nach dem Aussp uche unserer Weisen jeder Memungsst ett früher od>r Mer ein Ende findet — nur mit dem Unterschiede, daß bei allen Meinungsdifferenzen, die nicht lschem sckomaj m f obwa tcn, das Ende nicht von bleibendem Bestände fein kann, während bei dem Stampfe der Gedanken, der lschem schomajim ge ührt wird, wenn einmal das Ende erreicht ist, wenn die Ansichten sich geklärt, wenn die Wahrheit, die dock nur aus einer Seite liegen kann, zum Durchbruch gekommen ist, der alte Streit vollständig aus dem Gesichtskreis schwindet, und dann dem einmütigen Zufaurmcnwirken Platz machen muß. KV.tP np^FlD bj •□'pnnV NOD v"vb Die Ere gnissc der jüng' vergangen Jahre haben vielen unserer gese edireuen Brüder a lcnrhalbcn die Mberzeugung auf" dran t, daß eS endlich an der Zeit sei zur Erhaltung unseres bedrohten He iligtumes sich zu einigen und zu sammeln, Schulter an Schulter für die unverkürzte Erhaltung unserer heiligsten Güter einzutreten,'und hervorragendeGeslnnungsgenvssen haben in weiser Würdigung der bestehenden Verhältnisse die „Freie Bereinigung" auf Grund ihrer bisher erzielten Errungenschaften als geeigneten Boden für eine solche Einigung und Sammlung der Kräfte im gesetzestreuen Judentum erkannt. Und in der Tat liegt dock die Förderung der Interessen. die diese Bereinrgung sich als Ziel gesteckt uns allen ohne Ausnahme am Herzen, und wo wäre der in dieser großen Kleines Feuilleton. Ganger. Bon Sara Bondi in Jerusalem Es ist um die Mittagsstunde. Aber an dem Stand der Sonne kann man dies wahrlich nicht sehen. Sie ist von dichten Wolken bedeckt. Grau ist der Himmel und grau ist die Luft und aufgeweicht der Boden. Pfützen stehen überall. Kalt ist es, naßkalt. So ein echter Jerusalemer Winterlaz .Das scheinen auch die paar kleinen Mädchen zu empfinden, die da aus dem Schulgebäude herauStrippe.n. Bewaffnet ist eine jede mit einem Handtuch und einem Schüsielchen voll von klein»« Stückchen Brot. Unten vor der Souteraintüre ist ein Waschbecken aufgestellt, hier pflanzen sie sich - auf. Nun läutet es zwölf. Und mit dem Glockenschlag erschallt das Getrappel einer Menge kleiner s: Füßchen, die Schule ist aus, d. h. der Morgenunterricht |v ist beendet. Aber die Kleinen gehen nicht nach Haus, fte nehmen ihr Mittagsbrot in dem Schulgebäude »tein. Das Souterrain ist. ihre Speisehalle, und die M. kleinen Borreiter, die sich vor der Türe ausgestellt gr hnben, sind die Mädchen, die das Ordnen des Händcwakchens und Hamauzi-Austeilens übernommen haben. Hasten und Eilen beginnt nun. Eine Jede sucht M?Hr kleines Töpfchen, Körbchen oder Päckchen (freist fc-W Kifammengeknüpftes Taschentuch) mit den mttge- _Der JSraeltt._ und ansehnlichen Versammlung, der sich nicht freudig und willig unseren Bestrebungen anschließcn möchte, die jenem edelsten und lautersten Ziele gelten. Gott sei es gedankt, der erste bedeutungsvolle Schritt ist bereits getan, und wenn auch der Streit der Geister noch nicht sein Ende erreicht haben sollte, so ist doch die im hohen Grade erfreuliche Tatsache, daß die „Freie Bereinigung" nicht mehr an die Scholle gefesselt ist, sondern ihren Bereinstag hier in Berlin abhalten kann, der sprechendste Beweis dafür, daß wir dem Endziele ein gutes Stück näher gekommen sind. Wie dem aber auch fein mag, darin sind wir Alle einig: in der unerschütterlichen Treue und Liebe zu Gott und seinem Gesetze, wie es in der schriftlichen und ündl ch u Lehre m< bn gelegt ist, wir flno e nig in dem Bewußtsein von der unverkürzten Verbindlichkeit dieses Gesetzes für unser Leben und tu unserem Leben, solange noch ein Atemzug in uns sich regt. Einig, einig sind wir Alle in der Pflicht der gewissenhaften Erfüllung der Anordnungen unserer Weisen, der Hüter und Wächter des göttlichen Gesetzes und weil wir darin einig sind, so sind wir auch eingedenk des Spruches des Gvtteswories: -„Fürchte Gott und ehre den König", sind wir auch einig in der unerschütterlichen Treue und Liebe zu Kaiser und Reich, in der unbegrenzten Verehrung der geheiligten Person Seiner Majestät des Kaisers, in dem wir den Hort des Friedens, den Beschützer aller religiösen Bestrebungen in unserem Vaterlande erblicken. Ich kann daher unseren Bereinstag nicht würdiger eröffnen, als indem ich Sie auffordere, einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser und König, Wilhelm II., er lebe hoch, hoch, hoch. (Minutenlanger, stürmischer Beifall.) Unter dem Eindruck dieser Eröffnungsrede, die in ihrer schlichten, aber kraftvollen Einfachheit die Versammlung zu begeisterten Beifallskundgebungen hinriß, wurde folgendes Huldigungstelegramm an den Kaiser gesandt: Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät, dem Schirmherrn und verständnisvollen Förderer alles wahrhaft religiösen . Lebens im deutschen Vaterlande, entbieten die aus allen Teilen des Reiches zur Abhaltung ihres Vereinstages hier versammelten Mitglieder der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", der Gesamtvertretung der gesetzestreuen Juden Deutschlands, ehrfurchtsvollen Huldigungsgruß mit dem Gelöbnis unwandelbarer Treue. Namens des Vorstandes der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums." RabbinerDr. Breuer, Frankfurt a.M. Kommerzienrat Hirsch, Halberstadt Vorsitzende. Die Antwort Sr. Majestät, die in der Verbrachten Eßwaren möglichst schnell zu erlangen. Allzuviel befindet sich meist nicht darin. Aber auf der anderen seite des Raumes hat sich eine Anzahl Mädchen niedergelassen, die nicht ihren Muudvorrat hcrbciholen.. Es sind diejenigen, welche von der Schul» gespeist werden. Arme, arme Kinder, arm und vaterlos. Bleich und elend und o so traurig sehen, .sie fast alle aus. Und Hunger, bitterer Heißhunger blickt aus ihren großen ernsten Augen. Heute aber sind die glänzenden Augen auf die Schüssel gerichtet die die Arbeilsmädchen nicht schnell genug ousschöpsen können. Ja, heute ist Mittwoch. Der einzige Tag in der Woche, an dem man den Kindern eine warme Suppe verabreicht. Der einzige Tag in der Woche an dem sie eine warme Speise in der Schule erhalten, und wohl sicher der einzige Tag in der Woche, an dem sie überhaupt etwas Warmes über die Lippen bekommen. Zwanzig Händchen auf einmal strecken sich dem hingereicht.'n Teller enlgen.n und gierig wird sein Inhalt verschlungen. Für viele ist dies wohl die einzige Mahlzelt des Tages. Wre oft müssen sie abends hungrig zu Bette gehen, denn jetzt ist's noch schlimmer als sonst, Teuerung ist im Lande. Das letzte Jahr war ein trostloses Jahr. Biel zu wenig Regen: Brot und Gemüse sind ungeheuer aufgeschlagen, an Fieisch und Milch gar nicht zu denken — das war ja immer zu teuer für diese Armen in der heiligen Stadt. Huben und drüben, hier und dort läßt eines der essenden Kinder ein Stück Brot heimlich in der Tasche verschwinden. Das ist eigentlich verboten. Man soll sich satt in der Schule essen, denn mit hungrigem Magen kann Ulan nicht lernen/ heißt es. Zwerselnd wlrd das Stück Brot in der Hand hin uno her gewogen, bevor es in die Tasche gleitet; es würde sehr gut noch munden ob man wohl noch ein wenig herunterbrechen soll. TJantrar 1908 fammlung nicht mehr mitgeteilt werden konnte lauter: An den Vorstand der „Freien Bereinigung für die Jntcreffen des orthodoxen Judentums". Seine Majestät der Kaiser und König lassen für den Hul-, digungsgruß und das Gelöbnis treuer Anhänglichkeit danken. Auf allerhöchsten Befehl der Geheime Kabinetsrat von Lucanus. Zahlreiche telegraphische und briefliche Begrüßungen waren inzwischen eingegangcn, die nur zum kleinsten Tei c verlesen werden konnten, unter anderem ein warmer Segenswunsch des Oberrabbinersvon Großbritannien, Chief Rabbi Dr. Adler- London, sowie ein zündendes Glückauf Adolf Fralikls, des Präses der orthodoxen Landeskanzlei in Budapest, das von der Versammlung mit donnerndem Applaus begrüßt wurde. Der Herr Minister für geistliche,- Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten teilte brieflich mit, daß er zu seinem Bedauern infolge des Feiertages verhindert sei. zu erscheinen, daß er aber mit lebhaftem Jiltereffe von den Zielen der Vereinigung und der Tagesordnung des Bereinstages Kenntnis genommen habe. Der Herr Oberpräsident der Provinz Brandenbnrg wünschte der Tagung ebenfalls glücklichen Verlauf. Ueber die nun folgende große Reihe von Begrüßungsansprachen befteundeter Körperschaften ist bereu s kurz berichtet. Nachdem HerrRosenblüth namens derAoaß-Jisroel dem Vereinstag nochmals einige sreundliche Worte gewidmet hatte, betrat der greise Rektor des Berliner Rabbinerseminars, Dr. D. Hof fmann, von lautem Beifall begrüßt, die Rednertr büne, um namens der von ihur geleiteten „Verein iqung traditionell gesetzestreuer Rabbiner" in gedankenreichen Ausführungen die hohen sittlichen Aufgaben eines gesetzestreuen Rabbiners in unsrer Zeit zu zeichnen und der „Freien Vereinigung" den wärursten Gruß der von dem unvergeßlichen Dr. Selig Auerbach V'xt gegründeten Rabbiner-Vereinigung zu entbieten. In ähnlichem Sinne äußerte sich namens des „Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands" Provinzial- Rabbiner Dr. C a h n Schweren Herzens, aber im Bewußtsein der Pflichterfüllung, hätten sich die Mitglieder der ehemaligen Rabbiner-Commiffion der „Freien Vereinigung", die jetzt den orthodoxen Rabbiner Verband bilden, im Interesse einer Verständigung bereit erklärt, ihre alten und angenehmen Beziehungen zur Freien Vereinigung aufzugeben, um deren Reorganisation zu ermöglichen. Mirjam gleich — pimc ’imriN HSnm — bevor man es in dem Rock verschwinden läßt? Aber, nein, da denkt Rachel, oder Esther, oder wie immer sie heißt, an Daheim. Sie sieht das kalte, öde Stübchen vor sich, wo der Wind den Regen durch die Fugen hereinweht. Sie sieht die Mutter fröstelnd und zitternd in der Kammer fitzen, und sieht sie trostlos aus die jüngerem Geschwister blicken, die weinen, weinen, weil fte hungrig sind und frieren. 'Und die Mutter kann nicht Helsen. Da verschwindet das Stückchen Brot schleunigst in der Tasche der Kleinen. — Sie hat ja Suppe gehabt, schöne warme Suppe! Während die Kinder behaglich schmausen, entdeckt plötzlich die ob und zu gebende Auneyerin ein Mädchen, das nicht zu den von der Schule Gespeisten gehört. Sie hat sich das Brot wohl heimlich genommen und will sick gerade an den Tisch setzen. Erzürnt reißt die Aufseherin sie weg und bringt sie vor eine der Lehrerinnen. Diese sieht das Mädchen an. Es ist ein Zögling, der seit gestern die Schule besucht. Elend und verkommen sieht das Kind aus. „Warum hast Du das Brot genommen?" sängt die Untersuchung an. „Ich Hab' doch gemißt nicht. Ich bin a Neie, nur hat mir gesagt, die, die kein- Tatte*) hoben, die kriegen Brot von der Schiel, da hob ich gedenkt, ich kann nehmen mir." „Aber hast Du denn kemen Vater, Deine Mutter hat doch wieder geheiratet?" „Aber, das ist doch der Mann von meiner Mame, das ist doch mein Tatte nicht. Er tut doch nicht geben für mich." „Und Deine Mutter, warum sorgt die nicht für Dich?" „Mame geht.in die Häuser."?) „Warum arbeitet sie denn nicht?" Große Tränen laufen die mageren Wangen des zitternd dastehenden Geschöpfes i) Vater. *) betteln.

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