Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 68. 27. Dezember 1907 Der JSraeltt. «eite 5 a) Sraminattk. b) Leichte Schriftsteller (Körners Zrinh, Lefsings Minna von Barnhelm). VI. Englisch, a) Grammatik, d) Lektüre (ein Schulbuch). VH. Mathematik. a) Algeb a. b) Geometrie. Das alles find natürlich wieder nur Andeutungen in großen Züge'. Als Hauptfächer kamen Griechisch und Mathematik hinzu. Auch hier bleibt der Schüler 2 Jahre. In knr dritten Rabbtnerklaffe, die in zwei Stufen, einen Zweijährigen und einen einjährigen Kurs, eingeteilt ist, bleibt der Schüler 3 Jahre, und dann macht er seine Abiturientenprüfung. Nach und nach treten jetzt die Humaniora in den Vordergrund, da jetzt das Abiturientenexamen Hau tsache ist. Im großen Ganzen stnd die jüdischen Fächer ebenso eingeteilt wie in der 2. Klasse (da bei einigen Fächern, wie -pn mit D'fcnoo mit V'gn, die Klassen kombiniert werden, macht sich das leicht), mit dem Unterschied, daß diese Klaffe mtä mit und niDDlfl zusammen mit denjenigen Schülern aus der Lehrerabteilung hat, die obenerwähntes Endecxamen des Seminars abgelegt haben. Die profanen Unterrichtsfächer werden stark erweitert: es kommt die Lektüre des Homer hinzu, später T emosthen s und Sophokles u. dgl., Horaz, Tacitus, Römische Altertümer usw. und Französisch. Im letzten der drei Jahre fangen die Probearbeiten an, d. h. die Arbeiten, die regelmäßig jede Woche von dieser Klaffe unter Aufsicht gemacht werden in all den Fächern, worin beim Abiturientenexamen geprüft wird. Denn das Seminar läßt seine Schüler nicht vor der St atskommiffion erscheinen, ohne die menschen-mögliche Sicherheit zu haben, daß ste, wenn alles normal gehr, die Prüfung bestehen. Die Abimrientenprüfung in den Niederlanden (für daS Studium philosophischer Fächer, also auch für die Seminaristen) fordert: Lateinisch' Ein Stück leichtere Lektüre (Livius und Bergil oder dergl.) mündlich über etzen. Ein Stück schwerere Lektüre (Tacitus oder Horaz oc-er dergl.) schriftlich übersetzen. Uebersetzen eines holländischen Stückes ins Lateinische, wobei sich die Kenntnis der Grammatik (Etymologie und Syntax) zeigen muß, und Römische Altertümer. Griechisch: Ein Stück leichteres Griechisch (Xenophon und Homer oder d.rgl., Homer immer) münoltch übersetzen. Ein Stück schwereres Griechisch (Plaro, Plutarch oder Demosthenes) schriftlich übersetzen. Geschichte: Weltge chichte von 1700 bis zur Jetztzeit ausführlich. Baterlä. dische Gesch chte von 1700 bis zur Jetztzeit ausführlich. Die Slaatsveriaffung der Niederlai, de mit ihren verschiedenen Wandlungen von 1700 bis zur Gegenwart. Holländische Srache: Ein Aufsatz. Moderne Sprachen: Uebersttzung eines mittelmäßig schweren Stückes ins Holländische. Mathematik: Algebra bis zu den Gleichungen des zweiten Grads etnschlteßltsch. Geometrie: Die ganze Planimetrie, Stereometrie bis zum «ugeldreieck. Hat der Seminarist dieses Examen bestanden, so geht er in die höhere Abteilung über und besucht dann zu gleicher Zeit die Universität. Ueber diese höhere Abteilung, über die Lehrerabteilung und über die jüdischen Examina in einem folgenden Brief. gUtßUmb. IDas geschieht? (Bon unserem Korrespondenten.) St. Petersburg, im Dezember. Die Befürchtungen, die ich in einem meiner letzten Briefe in Bezug auf die dritte Reichsduma ausgesprochen habe, scheinen sich leider zu verwirklichen. Wie allgemein versichert wird, gehört die Lösung der jüdischen Frage im Sinne des „russischen Volksverbandes" zu den Zugeständnissen, welche die „Oktobristen" dem letzteren gemacht haben, als Aequivalent für Konzessionen, die seitens der Rechten bei der Blockbildung ihnen, den „Oktobristen", bewilligt wurden. In engem Zusammenhänge mit diesem Gerücht steht das von der Presse gegenwärtig so oft besprochene Gesetzprojekt, das einer der maßgebenden Führer der Rechten, das Mitglied des Reichsrats P i ch n o, in der Reichsduma einbringen werde und das alle ruffischen Juden, nach dem Vorbilde Rumäniens, als „Fremde" erkläre. Von anderer Seite wird behauptet, daß ein ähnlicher Gesetzentwurf von dem Minister Fürsten Waffiltschikow bereits eingebracht worden ist. Wie dem auch sei — es ist schlimm genug, daß ein solcher Plan jetzt in unserer Preffe häufig und in allem Ernste ventiliert wird. Die Frage ist nun berechtigt, was von jüdischer Seite geschieht, um das drohende neue Elend von uns abzuwenden, das Elend, das uns gegenwärtig niederdrückt, zu mildern? Im Grunde genommen, kann ich diese so wohlberechtigte Frage mit einem runden „Nichts" beantworten. Ja/ zu keiner Zeit stand die russische Judenheit, die nie irgendwie organisiert war, innerlich so zerfahren, so ganz und gar bar jeder Vertretung da, wie gerade im jetzigen für uns höchst kritischen Augenblick. In früheren Zeiten gab es doch bei uns hie und da vielerfahrene, opferfreudige „Stadlonim", den alten bewährten Kämpen Baron Horaz v. Günzburg an ihrer Spitze. Vermochten sie auch nur wenig auszurichten, so verfolgten sie doch stets mit aufmerksamer Spannung den Gang der Ereignisse im innern und äußeren Leben der Juden, und so ist es ihnen durch eifervolles, uneigennütziges Bemühen nicht selten gelungen, bald den Druck dieser oder jener Rechtsbeschränkung zu mildern, — bald in Vorbereitung stehende neue Rechtsbeschränkungen zu vereiteln. Geräuschlos, ohne die Aussicht und den Wunsch Dank zu ernten, arbeiteten sie für das Wohl ihrer armen, verfolgten Brüder und hatten auch hin und wieder einen Erfolg zu verzeichnen. Dann abi« drängte sich die unerfahrene Jugend mit ihren Schlagwörtern und ihrer pathetischen Rhetorik in die vorderen Reihen der russischen Judenheit, und die Losung ward: „Nieder mit den Stadlonim, weg mit dem Scharwenzeln vor den Machthabern, das verträgt sich nicht mit der Würde unseres Volkes. Wir haben ein gutes Recht auf Gleichberechtigung^ wir fordern sie von der Regierung, vom russischen Volke, und der Erfolg wird nicht ausbleiben." Welchen Erfolg haben aber denn diese mutigen Schreier zu verzeichnen'? Sie haben die alten „Stadlonim" samt und sonders verdrängt, — das ist wahr/ aber ist das auch ein Verdienst? — Das ist wohl eine ganz andere Frage. Haben sie eine Organisation geschaffen, die für die Gesamtinteressen der russischen Judenheit in erfolgversprechender Weise eintreten könnte? Wohl hat sich anfangs, zu Beginn der „Freiheitsbewegung", der „Verband zur Erreichung der Gleichberechtigung" gebildet, der in der ersten Zeit nach seiner Entstehung eine große Regsamkeit zeigte. Wenn man aber jetzt seine Tätigkeit überschaut und kritisch, streng objektiv beurteilt, so kann man nicht umhin, den alten, vielerfahrenen Stadlonim Recht zu geben, die von dem Verband nichts Gutes für die jüdische Gesamtheit erwarteten, sondern das Schlimmste für sie befürchten. In seiner Zentrale, wie in seinen Filialen waren die Wortführer radikale Hitzköpfe, welche höchst taktlos, unbesonnen und herausfordernd vorgingen, und diesen Charakter hatte alles, was sie ins Werk setzten. Von den provocierenden Resolutionen an, die auf Betreiben des Verbandes aus Städten und Städtchen, Vereinen und „Chewros" in großen Massen hervoraingen, bis zur Wahl der jüdischen Deputierten der ersten Reichsduma, die sich aus den radikalsten Elemente^rekrutierten, — war seine Arbeit nur dazu angetan, 'der jüdischen Sache zu schaden. Der herausfordernde Ton der Resolutionen, der auf die jüdischen Stadträte ausgeübte Druck ihre Aemter in «orpors niederzulegen, die Unterstützung der Selbstwehr — mit anderen Worten die Bewaffnung des „Bundes", aus welchem in der Folge die Anarchisten hervorgingen, und die Wahl radikaler Deputirter für die Reichsduma, welche in ihren Reden die Regierung, die Armee, die Minister heftig angriffen und hierin mit der äußersten Linken wetteiferten, das alles konnte jedem Unbefangenen Voraussagen,daßdieserBerband den Juden nur Unglück bringen mußte. Wenn ein jüdischer Deputirter den Ministern zurief: „Ich werde Euch an den Schandpfahl schmieden", ein anderer der Negierung die bornierte, witzig sein sollende Phrase: ,^eine Juriewsche Wäscherei ist im Stande den Schmutz der Regierung abzuwaschen" ins Gesicht schleuderte, ein dritter von der russischen Armee behauptete, sie sei gewöhnt den Rücken zu zeigen, so konnte es nicht schwer fallen vorauszusehen, daß die Juden für die mutige Rhetorik ihrer Vertreter schwer zu büßen haben würden. Was ein rechtgläubiger Vollblutrusfe wie Auikin oder Aladin sich gestatten durfte, ohne Jemanden anderem als höchstens stch selbst zu schaden — das darf nie und nimmer ein Jude in ähnlicher Stellung tun, weil es sofort der jüdischen Gesamtheit auf Rechnung gestellt wird. Auch die Tatsache, daß der genannte Verband sich den nichtlegalisierten radikalen Parteien angeschloffen hatte und seinen Mitgliedern nicht gestattete, weiter nach rechts als bis zu den Kadetten zu geh n, mußte die Regierung alle konservativen und gemäßigten Elemente gegen die Juden einnehmen. Was hat denn der „Verband", der soviel aufbot, um die Regierung und die einflußreichen Stände zu provocieren, eigentlich für die Juden an Positivem getan? Hat er apologetische Bücher, Broschüren und Flugblätter verbreitet, die geeignet wären, die von der antisemitischen Preffe tagtäglich gegen Juden ausgebrüteten und in tausend Blättern und Schriften in Umlauf gesetzten Verleumdungen zu entkräften, oder hat er sich gegenüber dem zersetzenden Treiben unserer inneren Feinde sich irgendwie vernehmen lassen, um zu zeigen, daß der „Verband" und mit ihm die jüdische Bevölkerung nichts von ihnen wissen wollen, und damit die Regierung und die russische Bevölkerung zu der Einsicht zu bringen, daß es ein himmelschreiendes Unrecht ist den „Bund", die jüdischen Revolutionäre mit den Juden zu identifizeren. Nichts von dem Allem ist bis heute von Seiten des „Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung" geschehen und es hat auch nicht geschehen können, weil er von den radikalsten Elementen beherrscht und geleitet wird, die nichts gelernt und nichts vergessen haben und nicht aufhören zu wiederholen, man müsse sein Recht fordern und nicht darum flehentlich bitten, und ihre alten Losungsworte „Alles oder garnichts", „Nur keine Zugeständnisse machen" fort und fort in die Welt rufen. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß der „Verband" innerhalb der jüdischen Bevölkerung nicht hat Wurzel fassen können, daß seine Zersplitterung in Fraktionen und Gruppen und sein schließlicher Verfall nicht das geringste Bedauern hervorgerufen haben, wie andrerseits auch das gegenwärtig kursierende Gerücht, die früheren Leiter wollten ihn von Neuem begründen, das jüdische Publikum ziemlich kalt läßt. Ebensowenig Sympathieen ruft ein anderes Gerücht hervor, das gegenwärtig von der inländischen jüdischen Preffe besprochen wird, nämlich über die Einberufung einer Versammlung der jüdischen Wahlmänner für die drei bisherigen Parlamente, der angeblichen Vertrauensmänner der russischen Judenheit. Diese Wahlmänner sind meist Parteileute. Der Partei, die an einem Orte die rührigsten Agitatoren hatte, gelang es auch in der Regel dort ihre Leute als Wahlmänner durchzufetzen/ und es wäre weit gefehlt, die letzteren Äs die Vertrauensmänner der Bevölkerung anzusehen, berufen über deren Notlage zu beraten und in deren Namen Beschlüsse zu fassen. Meist waren es Männer des „Verbandes", die von dessen örtlichen Filialen vorgeschoben wurden und sich nur dazu eigneten den vorgeschriebenen Kandidaten kritik- und willenlos ihre Stimme zu geben. Von einer Versammlung solcher Leute, die je nach der Parole „Nein- oder Jasager sein werden, hat die russische Judenheit nichts zu erwarten. Abgesehen davon, daß die Versammlung eine höchst einseitige Zusammensetzung haben müßte, nämlich aus radikalen Elementen, mit welchen die überwiegende Majorität der jüdischen Bevölkerung nichts zu schaffen hat, würde sie auch jeder Autorität entbehren und auf den Gang der Ereignisse nur sehr geringen Einfluß ausüben, umsomehr, als sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht würde legalisiert werden können und dah:r, wie es auch schon projektiert wird, in Finnland würde ftattfinden müssen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich viele Wahlmänner finden werden, die eine solche größere Reise zu unternehmen bereit wären. Ualästlna. Jerusalem, im Novbr. Bon der Ueberzeugung ausgehend, daß ein ernstgehaltener Mahnruf denn doch schließlich das erstrebte Ziel nicht