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Der Israelit · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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WEr §erfcorttetra;m lassen Md eine seinem , Zwecke entsprechende Raffe zu erzielen. In der Natur soll an Stelle des Züchters der Kampf ' ums Dasein treten, der durch Ausmerzung der schwächeren Organismen nur diejenigen .Formen bestehen läßt, die gewisse nützliche Eigenschaften besitzen. So kommt im Laufe vieler . Generationen eine allmähliche Veränderung der .. Arten zustande. Diese Vorstellung wurde nun , ausgedehnt nicht nur auf die Arten, sondern auch auf verschiedene Gattungen und Familien, ja in extremer Konsequenz auf das ganze Pfianzen- und Tierreich und es wurde behauptet, daß sämtliche . M^weftn sich in einem einzigen Stammbaum auf ' eine rinzige Urform zurückführen laffen.Heute fangen Woch ernste Naturforscher schon an zurückhaltend zu werden, denn man sah ein, daß über Dinge, die sich der direkten Beobachtung entziehen, nimmermehr durch bloße Spekulation schon ein richtiges Urteil gewonnen werden könne. Wohl ist es wahr,, daß bei einer Anzahl von Pilzen und Bakterien Fälle von Vererbung erworbener Eigenschaften nachgewiesen sind. Selbst von . Gestaltveränderungen lassen sich Beispiele anführen. Ich selbst machte das De Bries'sche Experiment nach und kultivierte die Pflanze Qt-notkera Lamarkiana aus. der Gattung der Machtkerzen. Bei jeder Aussaat entstanden, nun nebenher typischen. Mutterpflanze noch andere ... «suotbera. die, wenn auch nur durch kleine Ber- - Wesenheiten, doch ganz deutlich von der Mutterpflanze abweichen. Ich kam mir anfangs wie der ^Schöpfer"einer neuen Art vor und fühle seither jedem Naturforscher seine Größenwahn- Anwandlungen nach. Wie viel Mühe ich aber im Lauft der Jahre auch darauf verwandte Reuarten zu erzielen, und wie sehr ich auch die Fortschritte moderner Naturforscher auf diesem Gebietverfolge, stets handeÜ es sich nur um Veränderungen im Bereiche kleiner Artgruppen, um die Entstehung sogenannter, „petites esp&ses", und auch hier mögen die Ursachen schon im Protoplasma bedingt sein. In allen Fällen pendelt die Variation nur innerhalb gewisser Grenzen, die niemals überschritten werden. Wie kann man darauf gestützt es wagen, die Descendenztheorie auch auf größere Formenkreise auszudehnen! (Fortsetzung folgt. > ,Diese schurkische Jüdin ist an allem schuld", sagte »Wv gewesene Briefträger zum Kollege», fernen Magi- MMspvstm verlassend. „Solange sie sich nicht hin- Mchrcngttz, wurde ich von Jedem als ehrlicher Mensch “ ' leit." kt dieser Klage ging er geradeswegs i»rs Wirtswo er gleichzeitig mit dem Verschwinden der iffä einen bedeutenden Kredit eingeräumt bekam. "Nachdem er, um seine Trauer zu vergessen, ein tüch- .tigB Quantum Schnaps hinter die Binde gegossen, begann er sich vor der Schankwirtin weinend über ftm Unglück und Kessen Urheberin zu beklagen. ' „Was? ist sie schuld?" verteidigte die Schankwirt in. .^Hat sie Euch hintergangen?" „Warum ist sie mit dem Stör in den Postwagen festiegen — heh?" stammelte Franck. „Ich Hab' mich erreuzigt, sie sprang hineiu. Gleich darauf zog uns nidfi rnehr ein Pferd, sondern ein Bock. Ich werde sie erdrosseln.... wenn ich sie nicht erdrossele, wird sie vor Hunger krepieren." „Ihr wird nichts geschehen", antwort. te die Frau -streng, „jetzt kann sie Gansbraten essen. Sie ist eben erst dagewesen, sie hat heute einen Brief nach Polanowka „Nadch.. Polanowka?" schrie er, mit den Augen glotzend. „Das ist mein Rubel! Ich werde meinem Herrn den Brief zustellen. Nach Polanowka." ' Kr stürzte wie wahnsinnig aus der Schenke und "stolpernd eilte er zur.Stadt hinaus. Tbawe hatte tatsächlich an diesem Tage einen rekommandierten Brief nach Polanowka bringen. Aus Ächtung für die Herrschaft, die die Boten so fplindidc 'Achtung für die Herrschaft, die die Bolen so splendit 'zupafsieren. Eben als Frattek aus der Schänke stürzte, ging sie nach Haus, um die Kleider zu wechseln. <sorgfülttg ge wcsschen, in reinen» Kleid mw »n reinen» Kleid mrd geputzten Schuhen und in einer sauberen »veißen Haube und einem m iMtoftcf $c&»ü$tieirt Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) 78. Buge um Buge, Sabn um 5ahn. Das Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn" (2. B. M. 21. 18.) ist em Gebot, das der Sphäre des Rechts angehört, eine Bestimmung für die Rechtsprechung, eine Anweisung, die dem Rich t er gilt, d. h. der Richter hat denjenigen, welcher einem andern einen körperlichen Schaden rufügt, zur Zahlung einer entsprechenden Entschädigung für den durch ibn entstandenen Verlust zu verurteilen, wofern der Beschädigte klagbar wird. Da Körperverletzungen nach den Bestimmungen der Thora nicht in das Gebiet des Kriminal-, sondern in das des Zivilrechts gehören, so tritt die Verurteilung zum Ersatz nur auf Antrag des Beschädigten ein, dem es freisteht, darauf zu verzichten. Erhebt der Beschädigte seine Ansprüche, so hat der Richter nach der Bestimmung „Auge um Auge" usw. zu urteilen und dem Beschädigten sein Recht zu gewähren. Es wäre ein Verbrechen an die der Gerechtigkeit, wenn der Richter anders verfahren und dem durch die Roheit des andern zum Krüppel Geschlagenen das Recht? verkümmern wollte. Das Wort „Auge um Auge usw." gehört also dem Gebiet des Rechts an Für das Gebiet der Moral gilt das entsprechende moralische Gebot: „Du sollst dich nicht rächen!" (3. B. M. 19. 18.), das zu der Konseqr enz führen kann, auf. sein Recht zu verzichten. Wann die Pflicht der-- und wann zichtens auf Frage läßt die Tbora offen und muß sie offen lassen/ da das eine Sache des Gewissens ist, die von der Erwägung abhängt, welches Verhalten im jeweilig vorliegenden Falle dem allgemeinen Wohl am besten dient. Ein Verzichten auf das Recht kann unter Umständen ein schweres Unreckt sein, weil der Ungerechte dadurch in seinem Tun bestärkt wird, und die Gesamtheit darunter leidet. Während also die Thora es dem Ermessen des Einzelnen überläßt, ob' er sein Recht fordern oder darauf verzichten will, gebietet sie dem Richter demjenigen sein Recht werden zu lassen, dem Unrecht geschehen ist, und der sein Recht fordert. Das ist ein so natürliches Postulat menschlichen Rechtsempfindens und bedarf so wenig der Verteidigung, daß vielmehr jede gegenteilige Rechtsanschauung als anormal bezeichnet werden muß. blauen Umschlagtuch sah sie so gut aus, daß man in diesem Moment ihrer Mühe und ihres Elends vergasen und an ihre Schönheit denken konnte. Mit sich selbst zufrieden, eines guten Verdienstsicher, küßte sie die Kinder und ging. Den Weg »»ach Polanowka rahmen auf einer Seite hohe von Sträuchern bestandene Berge und auf der zweiten der Weichselflüß ein. Aber in der Mitte der Strecke führt dieser Weg auf eine Anhöhe und durchschneidet eine kleme Schlucht. Als Chawe diesen Engpaß betrat, bemerkte sie einen auf der Chaussee liegenden Menschen. Ein alter Soldatenrock, eine schäbige Ledermütze, Kotspuren brachten ihr Franeck in Erinnerung. Vielleicht ist er es, dachte sie. Am helllichten Tage wird er doch keinen Uebersall »vagen. Nachdern sie auf einige Schritte herangekommen war, zweifelte sie nicht mehr, daß dies ihr Vorgänger im Postdienste sei. Bon dieser Begegnung verwirrt, wollte sie den Schlafenden umgehen, er aber hatte sie augenscheinlich bemerkt, denn er stand aus und ging ihr entgegen. Der Schreck preßte ihr das Herz zusam- .rnen; sie beschloß aber, nicht davon zu laufen. „Wohin denn?" fragte Franek mit heiserer Stimme. „Nach Polanowka," entgegnete die Jüdin bebend. „Wozu?" „Mit einem Brief." „Gib ihn sofort her!" ' „Nu, warum?" rief sie, „ist er für Dich?" „Gib ihn Der!" brüllte Franek, sie an der Kehle packend. Chawe widerstrebte, er drückte sie immer stärker, schließlich versetzte er ihr einige so wütende Schläge ausi die Schläfen, daß sie zusammenstürzte. Da.begann er ihr auf der Brust das Kleid auszureißen, hinter welchem er. den Brief und. das Säckchen fand. Ob Franek es auf Chawes Leben und ' Geld abgesehen hatte, ist zweifelhaft. Wohl über den ursprüng. lich ers ~ ich ersonnenen Plan hinaus wurde er zum Mörunseres Satzes ist durch die soßenarmU predigt enPanden, wo es heißt: „Ihr» hi gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zah» um Zahn, Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Nebel: sondern so dir jemand einen Streich gibt'auf den rechten Bäcker^ dem biete den andern auch dar . . ." (MatthArS 5. 38.) Die Verwirrung entstand dadurch, haß hierin das für den Richter geltende Gebot als ein Moralgebot hingestellt, und diesem angeblichen Moralgebot eine neue Moral entgegengesetzt wurde, als ob nach der alten Moral jeder Beschädigte verpflichtet gewesen wäre, den Ersatz des Schadens zu verlangen, während in Wirklichkeit auch das alte Moralgeb o t lautete: „Du sollst dich nicht rächen!" (In Parenthese sei bemerkt, daß ein Eingehen auf die Behauptung derer, die das biblische Gesetz „Auge um Auge" als jus talionis deuten, sich an dieser Stelle schon um ° deswillen erübrigt, weil es unbestritten ist, daß zur Zeit der Abfassung der Bergpredigt die überlieferte Interpretation galt.) Der Gedankengang der Bergpredigt ist um so befremdlicher, als es daselbst einige Verse vorher heißt: „Ihr habt gehört: es ist den Alten gesagt: du sollst nicht tötenwer aber tötet, der soll dem Gerichte verfallen sein. Ich aber 'sage euch: jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gerichte verfallen sein. Wer aber seinen Bruder einen" Taugenichts heißt, soll den» Synhedrium . . . verfallen sein." (Matthäus 5. 21., übers, von Weizsäcker.) In diesem Satze wird die Rechtssprechung nicht nur nicht bekämpft, sondern Noch dahin erweitert und verschärft, daß derjenige sogar dem Synhedrium verfallen, d. h. zum Tode verurteilt werden soll, der einen Andern durch Worte beleidigt, geschweige denn der, welcher ihm eine Körperverletzung zufügt. * * 79. Der Turmbau?u Babel. Die landläufige Annahme, daß nach der Thora die Zerstreuung der Menschen die Folge der Sprachverwirrung war, scheint mir nicht zutreffend. vielmehr glaube ich, daß auch nach dev Thora die Zerstreuurrg der Menschen der Sprachverschiedenheit voran ging und sie bewirkte. Denn, es heißt in der Erzählung „ vom babylonischen Turmbau: „Wohlan wir wollen hinabsteigen und. Dort ihre Sprache verwirren, daß keiner die Sprache des Andern verstehe." (1. B^ M. 11. 7.)/ Es folgt aber darauf nicht die Mitteilung, daß Gott die Sprache der Menschen verwirrte, und daß sie dadurch den Turmbau unterließen, sondern es heißt: „Und es zerstreute sie Gottt von dort über die Fläche der ganzen Erdeso daß sie: der und Dieb: infolge der Wut waren .seist« Schläge allzu stark, und bei Gelegenheit nahmer das Säckchen an sich. Dann begann er mit dem Brief in der Richtung nach Polanowka zu laufen. Erst knapp vor dem Dorf besann er sichdaß seine Mission diesmal nicht sicher sein würde. Und so Echte er Kehrt und von der Landstraße, aus welcher sein Opfer zurückgeblieben war, ahschweisend, verschwand er im. Gebüsch. — Unterdessen mußte die ohnmächtige, halbtote Chawe lange aus Hilfe warten. Erst nach einer Stunde passierte ein nach der Stadt fahrender Fleischer die Stelle und da er noch Lebenszeichen bernerkte, nahm er sie auf den Wagen und brachte sie nach Hans'. Es »vurden keine Eilboten ausgeschickt, es kamen keine Aerzte rasch herbei, um die Kranke zu' retten. Die Kinder und der hustende Mann versuchten vergebens' mit ihren» verzweifelten Schreien die Mutter, die Frau zum Betvußtsein zurückznrusen. Schließlich drangst die Künde von dem Borfall auch zur „Großmutter^ Wlosiowicka, die sofort zur Rettung herbeieitte und einen Bader holen ließ. Die an den arg zugerich* teten Kopf gesetzten Blutigel brachten scheinbar eine Erleichterung, die Kranke verblieb aber »oetter in heftigein Fieber, drängte jedermann zurück, griff an ihre Brust und rief nach dem Sächrn, das sichleidet? nicht vorfand: Ein, vollständiger Geldmangel 'machte eine Heiluüg unmöglich. Bon der Kassiert« bekam man zwar das Guthaben für den halben Stör, bie$ aber reichte kaum zu Erdäpfeln für die Kinder, und um die Agonie der Mutter zu verlängern. Nach einem zweitägigen Martyrium starb Chawe,. ohne vor dem Tod gesagt zu haben, daß Franek Ihr zehn Rubel geraubt und sie der „GroßmuttM^ Wlostowika die drei Rubel nicht zürückgeg^be» „Arme Chawe, da du gearbeitet und Leine der.ernährcn wolltest, verzeihe ich dir das!" sagte die

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