Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-12-19 · Heft 51 (19.12.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 51 (19.12.1907)
Date
1907-12-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449296--64036-2506609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3* Jahrgang üdiöcber Volhefreund Monats-Deilage zun „Jsraelit TmntwovtlUhc Redaktion« Rabbiner Dr. ß. (Qolf In Köln 3 Jüdische näcbstenliebe. .. Zu den vielen Wörtern der heiligen Sprache, die sich in prägnanter Kürze nicht verdeutschen lassen, gehört das Wort „Chessed." Keine der landläufigen Wortmünzen, in die man dieses vieldeutige Wort in der leider allzu oft noch Herrschenden Unbekümmertheit umzusetzen gewohnt ist, ist fähig, seines Geistes Inhalt auch nur annähernd wiederzugeben. Mit der Uebersetzung des Chessed-Begriffes in „Liebe" oder in „Treue" oder in „Gnatn" sind erst einzelne Blüten-Gedanken im Bouquet des jüdischen Chessed dargestellt. Aber nicht überall bedeutet Chessed Liebe oder Treue oder Gnade. Wir finden Stellen im Gotteswort, wo Chessed mit Hochherzigkeit, mit Zartgefühl, mit Diskretion eine weit sinngemäßere Wiedergabe finden müßte. Am allernächsten kommt aber wohl noch der Begriff der Hingebung, zumal unter Berücksichtigung der allerdings seltenen Stellen des Gotteswortes, in denen Chessed eine Hingebung verwerflicher Natur ausdrückt. Ist nun Chessed im Allgemeinen nicht nur zartes Liebesempfinden, sondern auch harrdfeste Liebestat, nicht nur ideeller Hochsinn, sondern auch werktätige Nachsicht, nicht nur aufwallende Barmherzigkeit, sondern auch anhaltende Treue, so tut sich uns sofort in der Welt des jüdischen Chessed ein Reich von gewaltigen Dimensionen auf, dessen Grenzen wir nicht a b s e h e n, geschweige denn im Rahmen dieser Behandlung abgehen können. In diesem Reiche finden sich die für die Lösung sozialer Konflikte immer noch bahnweisenden Institutionen 'des Jauwels und der Schmittoh. Hier finden sich alle die segensreichen, das Besitztum nivellierenden Gebote der Abgaben an Priester, Leviten und Dürftige, hier finden sich die zahllosen Vorschriften für den Verkehr mit Witwen und Waisen, mit Kranken und Mißgestalteten, mit Gefangenen und Besiegten. mit Knechten und Mägden, mit Armen und Schuldnern, mit Unglücklichen und Entgleisten, mit Fremdlingen und Sündern. Angesichts dieser Fülle des Materials, welches unter dem Chessed- Begriff, oder wie wir in der Ueberschrift kurz sagten, unter den Begriff der jüdischen Nächstenliebe fällt, muß natürlich von einer auch nur oberflächlichen Betrachtung des unermeßlichen Gebietes abgesehen werden. Erfordert doch fast jeder einzelne noch so kleine Zweig des jüdischen Altruismus eine umfassende Behandlung, bietet doch jede und jede Vorschrift, welche auf die Beglückung des Einzelnen und der Gesamtheit hinzielt, eine unerschöpfliche Fundgrube ernstester erzieherischer Weisheiten und Wahrheiten. Wollen wir dennoch versuchen, unserem Thema gerecht zu werden, so bleibt uns nichts anderes übrig, als aus den einzelnen erhabenen großen Sätzen der Chessed-Symphonie diejenigen Akkorde anzuschlagen, die uns als Leit-Motive erscheinen und die das Wesen der jüdischen. Nächstenliebe am besten betonen. Wir werden gerade solche Akkorde wählen, welche durch die Zartheit, durch die Subtilität ihrer Instrumentation vorzüglich beweisen, daß nur die unvergleichliche Meisterhand des göttlichen Seelen-Schöpfers | und Seelen-Kenners fic zu schaffen fähig ist. I Betrachten wir zunächst einmal, wie Haschem | den Verkehr des Gläubigers mit dem Schuld- :? ner wünscht. Wenn heute Jemand in Schulden Ä gerät, so schützt ihn kein Gesetz vor unaufhörlichen * rücksichtslosesten Eintreibungs-Versuchen seitens; J des Gläubigers. Auf Schritt und Tritt, auf der H Straße, in der Gesellschaft, zu allen Zeiten des Tages und der Nacht muß er auf Verlegenheiten und Beschämungen, die ihm der schonungslose Schuldforderer bereiten wrll, gefaßt sein. Und . legt es der Gläubiger darauf an, so hat er die -> Mittel dazu, dem Schuldner allmählich die Lebensfreude zu vergällen, und unter Umständen A seiner sozialen Existenz den Todesstoß zu geben. J Selbstverständlich versagt auch das Tauro- I gesetz dem Schuldner nicht das Recht zur Eintreibung seines Geldes. Aber, und hier setzt eben die undefinierbare Finesse des Gotteswortes ein, in der Wahl der Mittel schränkt es den < Gläubiger derart ein, daß für den Schuldner i gravierende Unannehmlichkeiten, innere und äußere Blamagen nicht entstehen können. Die Tauro i in ihrer einzig idealen Bewertung irdischer Güter; sieht eben in dem Inhaber des Geldes nie und; nimmer den selbstherrlichen Eigentümer, sondern ’4 nur den derzeitigenVer Walter. Der jüdische Vermögende bleibt ein Unvermögender. Die Anwendung seines Besitzes untersteht ganz un- Fveideutigen gesetzlichen Normen. Es steht ihm - nicht frei, er muß seinem Mitbruder mit seinem ( Gelde beispringen, wenn es sich nicht gerade um >' IcuUlctott. Das Mädchen vom Lande. (Schluß.) Bald verabschiedete sich das Mädchen ohne ein anderes Rendezvous zu verabreden. Nachdenklich ging sie nach Hause. Was war ihr nur heute geschehen, daß ihre ganze Munterkeit sie verlaßen hatte? Sie hatte den jungen Rosenthal — so hieß der Fremde — doch immer gern gehabt! Sollte sie sich vielleicht schämen in der Gesellschaft getroffen zu sein? „Das ist ja lächerlich," rief sie halblaut aus. Aber es half ihr nichts) daß sie sich immer wieder Dinas Weishert vorpredigte, die ihr so klar ihr Recht zu diesem Rendezvous bewiesen hattedas bedrückende Gefühl verließ sie die ganze Woche nicht - und als am Schabbos Frau Rechtsanwalt sie in das Zimmer rief mit den Worten, „Rosa, es ist Besuch für Sie da," und der Landsmann dort auf sie wartete, wurde sie glutrot im Gesicht. Frau Rechtsanwalt deutete das als Zeichen der Freude und sagte'gütig: „Nicht wahr, es ist doch schön, jemand aus der Heimat zu treffen? Nun plaudern Sie aber auch nach Herzenslust." Doch das Gespräch war recht stockend. Herr r Rosenthal verabschiedete sich auch bald mit dem Persprechen, wrederzukommen. ' „Ich habe nichts dagegen einzuwenden," meinte Frau Rechtsanwalt, als der junge Mann sie um Erlaubnis dazu bat, .',doch möchte ich erst Rosas Mutter fragen. Sie nehmen es nicht übel, Herr Rosenthal, aber das Mädchen ist mir anvertraut, und ich könnte es -vor der Mutter nicht verantworten, sie mit einem Herrn Zusammenkommen lassen ohne deren Vorwiffen. Mir wäre Ihr Wesen, vertrauenswürdig genug, setzte sie dann hinzu, als ein leises Lächeln über des jungen Mannes Gesicht glitt. Rosenthal ging. Wie gut es die arglose Frau mit Rosa meinte. Er hatte heute übrigens dieselbe Empfindung wie an jenem Abend : noch ist das Mädchen unverdorben, nur in schlechte Gesellschaft geraten. Sein Frennd Goldschmidt meinte es nicht böse, er wollte sich formlos mit dem hübschen Kinde amüsieren und bedachte nicht, daß, einmal vom rechten Wege gelenkt, das Mädchen sich gar leicht von immer weniger formlosen Herrn verleiten laßen könnte. Ihm sollte das Zusammentreffen eine Lehre sein, gerade im Verkehr mit schutzlosen Mädchen — denn das war Rosa trotz der besten Absicht ihrer Dame — vorsichtig zu sein, um nicht die mittelbare Ursache zu ihrem Falle zu. werden. Nach einigen Tagen erhielt er von Frau Rechtanwalt die Mitteilung, daß Roses Mutter ihre Tochter gern in der Gesellschaft des jungen l Rosenthal wisse. ' Er ging am nächsten Schabbos also hin un8 :: forderte Rosa znm Spazierengehen auf. Unter- <: Wegs wurde das junge Mädchen endlich mitteil- - samersie erzählte von ihrem Leben und Treiben, : auch daß sie schon einigemal von ihrer Hausfrau - Billette zu Theater und Konzerten bekommen, ‘ nur von Herrn Goldschmidt erwähnte sie nichts.. -3 Also beschloß Rosenthal davon anzufangen, denn ungewarnt wollte und durfte er sie nicht in dem Verkehr lassen. Und noch mehr wollte \* er^sie von dem Zusammensein mit Dina abhalten, \ über die er sehr viel Nachteiliges gehört hatte. ) Doch gleich bei den ersten tadelnden Worten;■ über die Freundin fuhr Rosa auf. Es ist nicht ... wahr, daß Dina schlecht ist, sie geht nur gern : mal abends spazieret! und wen hat denn unser- , eins? Die Fräuleins gehen ja auch nach dem £ Balle oder ins Theater allein mit fremden Herrn ■■■£ und. niemand findet etwas dabei! ...jj Dinas Lehren brachen wieder durch. ä „Regen Sie sich nicht auf, Rosa. Vielleicht J ist Ihre Freundin besser als ihr Ruf. Nun, - Z von jetzt an wissen Sie ja, mit wem Sie ausgehen können. Ihre Mutter schenkt mir doch Vertrauen. Und Sie doch hoffentlich auch?" Ein warm bittender Blick traf Rosas Gesicht, /fj sie errötete, und ein eigentümlich wohliges Gefühl.A ergriff sie. Sie vernwchte kaum zu antwenckm. ^Auch dem jungen Manne erging es ähnlich. Z Das hübsche Mädchen gefiel ihm schon besser, als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.