Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1907)
- Date
- 1907-12-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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W spazieren zu gehen, mich tt einer Luftkur im Stadtwalde oder in der Meuen Synagoge unterzogen Härte, wenn nicht — manche grünen Blätter allen Winterstürmen ^Arotz böten. Die grüne unparteiische Tante in .Berlin meine ich, die plötzlich ein rührendes Jnttzreffe für die „Einigkeit der deutschen Ortho- § ^oxie" an den Tag legt und ihren Lesern von der Neugründung eines vierten Rabbinerver; dandes zu erzählen weiß, der ganz unerwartet aus dem Boden gewachsen sein soll. In Wirk-?: Kchkeit kann die Allg. Ztg. des Judentums vollkommen ruhig sein — es hat sich nichts ereignet, was nicht von vornherein von allen UHeTeiligten Instanzen vorgesehen war MDer neu \ „orthodoxe Rabbinerverband" ist über- ^^»upt nicht neu, sondern ist der Rechtsnachfolger der ehemaligen „Rabbinerkommission der Freien Bereinigung". Die Loslösung dieser „Rabbiner-Kommission" von der „Freien Ber- E rinigung" war notwendig, weil es galt, diese Z keMere zu einem gemeinsamen Boden praktischen L Mrkens für alle Gesetzestreuen umzuschaffen, tourend die in der Rabbinerkommiffion zusammengeschloffenen Rabbiner zum Heile der A'Gesamtheit ihre entschiedene Kampfstellung gegen jede Verschleierung des Gegensatzes zwischen ^Orthodoxie und Neologie umso weniger auf- Ü geben konnten. Wenn diese Kampfstellung da- U durch zum Ausdruck kommt, daß Mitglieder des ^Allgemeinen, Maybaum'schen Raöbinerver- K bandes, auch wenn sie persönlich auf gesetzes N treuem Boden stehen, jenem orthodoxen Rab- Anerverband nicht angehören, so werden alle MKenner unserer Berhältniffe, und die dem ^Allgemeinen Rabbinerverbande ange- A Hörigen orthodoxen Rabbiner zu allerß erst, die politische Notwendigkeit dieses Ber- Haltens begreifen. Die klare und übersichtliche Konstellation, die auf diese Weise jetzt geschaffen ist, dient der ^Wahrheit und dem Frieden: Daß inbezug auf das Taktische Verhalten gegenüber L der Neologie innerhalb der gesetzestreuen t;. Zudenheit zwei verschiedene Meinungen vorherrschen, ist ja eine aus der Verschiedenheit der W; Gemeindeentwicklung historisch erklärbare Tatsache, jr : die nur ein Tor gewaltsam aus - der Welt zu f schaffen unternehmen wird. Diese beiden Rich- % ,fertigen innerhalb der Orthodoxie, vertreten durch k die beiden gesetzestreuen Rabbinerverbände, bedeuteten aber nur solange eine Gefahr für die £ innere Kraft und Geschlossenheit der gesetzestreuen Judenheit, als der gemeinsame Boden fehlte, auf lg; dem die durch ihre religiöse Weltanschauung g* Geeinten in einträchtigem Zusammenwirken für W W Aufrechterhaltung des überlieferten Judelltums zu wirken vermochten. Dieser Boden ist heute in der reorganisierten „Freien Vereinigung" getchaff en} in ihrem Kreise werden Mitglieder der beiden gesetzestreuen Rabbinerverbände in voller gegenseitiger Würdigung SchuMr an Schulter für das alte Heiligtum ^kämpfen, dem die Erinnerung und Mahnung des 10* Teweth gilt. Und es kann dann nicht aus- |\ bleiben, daß auch für die spezifisch rabbinische I Wirksamkeit der gesetzestreuen Rabbinerverbände ein gemeinsames Forum geschaffen wird, um von Fall fit Fall ein gemeinschaftliches Vorgehen in allen azu geeigneten Fragen zu gewährleisten. Der;* Wille dazu ist von beiden Seiten bereits unzweideutig bekundet worden. Wenn also-— Pardon! Da bin i fefc ja auf dem besten Wege, mich in die eisigen?G stlde der hohen Politik zu verirren 1 Was gehen uns Frankfurter überhaupt die Rabbiner Mn, noch dazu die in Norddeutschland. Bei uns daheim ist's viel interessanter als bei der schönsten und eine Laien-Predigt haben wir Mm letzten Donnerstag hier gehabt, die schallt in \ sogar elfhundert Zungen durch alle Wmgogen und Betstuben Frankfurts und reißt -olden Träumen und weckt Erinnerungen »d Ahnungen, die alle zu erzählen der kurze mvy, selbst wenn man vor Tag aufsteht, Mel zu kurz ist. Wir hatten nämlich Geraelitischen Gemeinde". Der oft schon von mir besungene „Zentralverein israelitischer Gemeindemitglieder", der unter der Devise eines unmöglichen „Gesamt-Gemeinde-Jntereffes" konservative, hie und da orthodoxe Interessen vertritt, hatte gezwungenermaßen, aber doch anerkennenswerter Weise eine Kraftprobe gewagt und ist trotz großer Anstrengungen mit einer ungeahnte i Wucht von den „Frersinnigen" aufs Haupt geschlagen worden. Elfhundert Stimmen Mehrheit — 2400 gegen 1300 bei einer kolossalen Wahlbeteilung haben die „Liberalen" erlangt, sodaß alle Interpretations-Kunststücke nicht ausreichen, um die Lehre» dieses Wahlergebnisses aus der Welt zu schaffen Da von den 40 Proz. daheimgebliebenen Wählern sicher drei Viertel indifferent, das heißt also, wenn es zum Klappen kommt, „liberal" sind, so bedeutet die Wahl nichts anderes als die völlige Aussichtslosigkeit jedes Versuches, gegen die Herrschaft der Neologie innerhalb der Frankfurt r Gemeinde anznkämpfen. Das ist überaus traurig, gewiß — aber die Klarheit der Erkenntnis ist doch immer noch tausendmal besser und stärkender für jedes jüdische Gemüt, als d e dunste, füllte Atmosphäre, in der die Kompromisse zwischen weltenfernen Religionsanschauungen gedeihen. um die Kaschruth-Jnstitutionen der Frankfurter Gemeinde braucht ja dem ängstlichsten Gemüte nicht bange zu sein. Der Bestand dieser Institutionen hängt nicht von den Neologen, nicht von den Konservativen, sondern einzig und allein von dem Gedeinen der „anderen" Gemeinde, der R ligionsgesellschaft, ab, deren mächtig anspornende Wirkung auf alles, was an religiösem Leben in Frankfurt vorhanden ist, während des Wahlkampfes wieder einmal mit überraschender Deutlichkeit hervortrat. Und was den G e i st angeht, den Geist jüdidifchen, altjüdischen Gemeindelebens, der keinen anderen Maßstab für Jüdisches und Unjüdisches kennt, als den )n, die absolute Majestät des Religionsgesetzes — den hat leider dr unterlegene „Zentralverein" ebensowenig auf seine Fahne geschrieben wie der siegreiche „Freisinn". Wohl waren zwei seiner Kandidaten überzeugte, gewissenhafte O'im', die wir al$ solche schätzen und ehren, aber es gehört zu den traurigsten Erscheinungen des Wahlkampfes, daß selbst der in seinem Kreise als „schroff" verschrieene Kandidat sich völlig infiziert zeigte von der wahrheitlötenden Blau'schen Zwei-Seelen- Theorie und mit dürren Worten dem „liberalen Judentum" die Existenzberechtigung in einer jüdischen Gemeinde zuerkannte! — — Blau Triumphator! Da ist's denn freilich kein Wunder, wenn ein anderer Führer des Zenrralvereis, sehr zum Aerger der prinzipienfesten Zionistischen Vereinsmitglieder, sich mit Entrüstung dagegen verwahrt, einen Filialgottes. ienst mit Orgel und. deutschen Gebeten jemals bekämpft zu haben — kein Wunder aber auch, wenn die Wähler, solcher Spieler ien satt, nicht mehr verstehen, was denn die bösen Freisinnigen von den guten Konservativelt eigentlich unterscheide. Trotzdem ist die Taanith Predigt unsrer Ausschutzwahlen mit dieser wertvollen Erkenntnis noch nicht zu Ende. Di' Hauptfrage ist die: wo kommen die 2400 „freisinnigen" Stimmen her, nachdem man jahrelang geglaubt hatte, die indifferente Westendmaffe ließe sich nach holländischem Muster von einer diskreten orthodoxen Nebenregierung gerne leiten und lenken? Wenn ich nicht irre, bahnt sich da eine Entwicklung an, die über das Weichb ld Frankfurts hinaus sich die Beachtung unserer Religionspolitiker erzwingen wird. Es ist die erste Lebensäußerung des von dem neuerwachten jüdirchen „Allgemeininteresse", von Logen, Litera rurvereinen rc. erzogenen jungen Geschlechts, die wir hier vor uns haben. Die Urgroßväter waren fanatische Feinde des alten Judentums, Großvater und Vater glitten allmählich auf die ebene Heerstraße des Jndifferentismus hinüber, nicht ohne das deutliche WWW -Mahlen; Wahlen zum 11 r s der „IS-Bewußtsein jedoch, daß die fakti s chtz Leitung in jüdischen Dingen doch eigentlich den mttttn» Judentum stehenden Altmodischen zukomme—- , den Söhnen aber schwellt ein neuer jüdischer Stolz die Brust. D?x Wille zum Judentum ist ihnen erwacht, aus dem e i g e n e n Innern aber holen sie die Maßstäbe, für das, was jüdisch ist oder nicht, und eS müßte mit Wunderdingen zugehen, wenn dieses neue, recht geschickt konstruierte Judentum, bei all seiner inneren Unwahrheit, sich nicht in hartem Zusammenstoß mit den Vertretern des Alten seinen Platz an der Sonne erobern wollte. Die erdrückende Mehrheit in den Großgemeinden ist iöm sicher, warum soll es von dieser Mehrheit keinen Gebrauch machen? Das sind schlechte Zeichen für diejenigen, die auf religiösem Gebiete alles durch Verhandeln und Concedieren, durch freundliche Beziehungen und persönliche Freundschaften erreichen wollen. Rar starkes Zusammenhalten der innerlich Gleichgesinnten vermag da zu helfen, das den versprengten Gliedern der gesetzestreuen Judenheit in Deutschland das Bekenntnis zur unterdrückten Wahrheit erleichtert und sie vor dem furchtbaren Schicksal schützt, das Bewußtsein dieser Wahrheit allmählich selber einzubüßen. Und dann — es lebt ja doch noch Einer da droben, der Seines Volkes Geschick mit fester Hand zum Ziele lenkt: „Der Fasttag des vierten und der Fasttag des fünften und der Fasttag des siebten uno der Fastttag des zehnten Monats werden dem taufe Judas zur Wonne und Freude werden. iebet nur die Wahrheit und den Frieden." Berlin, 17. Dez. Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, hat der Verwaltungsausschuß der Kultusgemeinde München in einer seiner letzten Sitzungen mehrere Zugeständnisse an die Forderungen der dortig n orthodoxen Minorität gemacht und sind dadurch die Aussichten auf eine friedliche Beilegung der in München enftandenen Konflikte wesentlich gestiegen. Anders lauten die Nachrichten von Nürnberg, woselbst eine am 15 d. 'Df. ftattgehabten außerordentliche Generalversammlung der orthodoxen Bereinigung „Adas Israel" drei Paragraphen des von der Administration der dortigen Kultusgemeinde entworfenen Vertragsentwurfs als unannehmbar bezeichnte und demgemäß den Beschluß faßte, die Vereinbarung abzulehnen, falls die Nürnberger Neologen nicht die in Rede stehenden Paragraphen aus dem Entwürfe eliminieren würden. Nach den uns gewordenen Mitteilungen über den Inhal: der in Rede stehenden Paragraphen können wir der Auffassung unserer Nürnberger Gesinnungsgenossen nur vollständig beipflichten. Es dürfte nicht im Interesse einer friedlichen Verständigung liegen, die Gründe, die uns zu dieser Auffassung der Dinge bestimmen, hier zu analysieren, zumal anzunehmen ist, daß die „liberalen" Wortführer der Nürnberger Kultusgemeinde bei nochmaliger Beratung der in Rede stehenden Paragraphen von selbst zu der Ueberzeugung gelangen, daß die bezüglichen Klauseln mit d-r Würde und mit den Existenzbedingungen der dortigen orthodoxen Bereinigung unvereinbar sind und deren Aufnahme in die Vereinbarung nur neuen Konstiktsstoff und neue Re'bungsstächen zwischen den beiden Rötungen zeitigen würden. Unter allen Umständen müßte eine numerisch so starke und einflußreiche Minorität, wie es die Nürnberger Orthodoxen erfreulicher Weise sind, a limine eine Bestimmung ablehnen, die dahin lautet, daß eine zukünftige Stellungnahme der bayerischen Orthodoxie im Sinne einer Revision des Judenedikts als außerordenticher Kündigungsgrund seitens der neologen *- Majorität erachtet werden kann. Jedenfalls iiönnen die bayerischen Orthodoxen angesichts liefet Sachlage der Eventualität, daß an diesen ~ " en in den bayerischen Großgemeinden scheitert, mit zroßer Seelenruhe en'gegensehen. (Unsren eignen Standpunkt zu der Frage haben wir in Nr. 47, l,Hräcifiert. DRÄ.)