Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1907)
- Date
- 1907-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sefifett der Heiden Söhne JofW aus den sittlichen Berichten, die uns Schrift Und TM-ition ü-Lr sie aufbewahrt, zu rekonstruieren suchen, so erkennen wir in ihnen zwei Typen, die uns im jüdischen Schrifttum unzähligemal vorgeführt werden. Es sind zwei Gestalten, die sich wechselseitig bedingen und ergänzen und die in dieser Ergänzung erst das Bild eines harmonisch abgerundeten jüdischen Lebens bieten. Wir sehen Efrajim im Hause seines Großvaters Jakob, wie er entrücke dem Weltgetriebe aus die Worte det Wahrheit und Weisheit lauscht, die den Lippen des vielgeprüften und vielerfahrenen Patriarchen entströmen. Es ist das Ziel seines Lebens, seinen Geist durch die Lehren der Thora erhellen zu kaffen, einzuziehen durch die Pforten, die in das Allerheiligste göttlicher Erkenntnis führen. Nach Wissen dürstet feine Seele. Die hsWen Probleme göttlicher Erkenntnis bannen seine Gedanken in ihren zauberhaften Kreis, und aus diesem Kreise giebt es kein Entrinnen. Anders fein Bruder Menascheh. Dieser steht seinem Vater Josef zur Seite, er ist der der Dolmetsch der Wünsche und Befehle seines Vaters, er ist ein Mann des praktischen Lebens. Es ist vielleicht dasselbe Verhältnis wie zwischen iDtw1 und ]lV)2T. Der eine ist der 7.11N 2M', der Zeltenbewohner, der keine andere Sorge kennt als seinen Geist zu bereichern, der andere hingegen steht mitten im Leben drin, die hochgehenden Wogen des Daseinskampfes umspülen sein Lebensschiff, das er aber im Hinblick auf die durch ihn zu verwirklichenden Ziele dem sicheren Port zusührt. Sein Ziel ist, daß die Lehre ihre Pfleger finde, er will, daß diese sich mit ganzer Seele der Erforschung der göttlichen Wahrheit weihen. Das Wirken der Männer der Tat. wird von unserer min sehr hoch bewertet. Wie sollten.auch die Gelehrten ihr Werk vollbringen können, wenn nicht Männer der Tat, Männer des Kampfes sie mit hingebungsvoller Liebe stützen, der Sorge fürs tägliche Brot und für die anderen großen und kleinen Bedürfnisse des Lebens überheben würden? 'nym '22 'nyT, spicht daher unser Stammvater, ich weiß es wohl mein Sohn b"I2' NW DJ*) Dy1? 'W NW Da, daß auch die Tätigkeit deines Sohnes Menascheh nicht unterschätzt werden darf, daß auch er in seiner Art Großes und Herrliches vollbringt. So sicher es nun auch ist, daß die Tätigkeit der ro D'p'WD für die Erhaltung der Lehre unentbehrlich ist, daß auch diese Tätigkeit von dem Strahlenkränze des göttlichen Lichtes der heiligen Lehre umwoben ist, so wird doch der Leistung der Pfleger des Thorastudiums der Vorzug zuerkannt werden müffen. Bei diesem Werturteile spricht nicht das Gefühl das entscheidende Wort, sondern nüchterne Prüfung und prakttfche Ev-; wäaung. Solange Israel auf feinem Boden wellte, solange die schützenden Mauern der Heimat alle Gefahren von dem Volke fernhielten, war jiV»2t dem 12W gleichgestellt. Die Reinheit des Gesetzesheiligtums war nicht gefährdet, von den Höhen des Mortja strahlte Licht, von den Zinnen des Heiligtums wehte stolz und frei die Fahne der Thora, dem Volke Richtung und Ziel des menschlichen Lebens zeigend. Seine Helden beschützten es und seine Lehrer belehrten es. Als aber das Volk die Heimat verlassen mußte, als das strahlende Licht auf dem Gipfel des Morija erlosch, als die Fahne sank und von Winden zerzaust über ein Totenfeld flatterte, als Israels tapfere Helden von dem überlegenen Feind zu Boden gestreckt wurden, da trat der Mann des Gedankens aus seiner bescheidenen Klause, da wurde der weltentrückte Stubengelehrte ein löwenmutiger Kämpfer und rettete die Lehre für fein Volk und sicherte dem Volke ewige Dauer, durch die Errettung und Erhaltung seines teuersten Gutes, seiner min. Nnd auch im weiteren Verlaufe des Golusgefchickes, als von allen Seiten gegen die Heileswahrheiten des Judentums Sturm gelaufen wurde, als man unzäligemal daran ging dem Volke seinen Lebensodem, seine Lehre zu rauben, war und ist es vornehmlich das Verdienst der Gelehrten, daß die Lehre erhalten blieb. Sie verteidigten mit Waffen des Geistes die Reinheit der Lehre, schützten sie vor Angriffen und stellten sie vor Fälschungen sicher. Die Heimat oes Volkes in der Zerstreuung ward seine Lehre und die Pfleger der Lehre wurden die berufenen Führer des Volkes. Alle Waffen wurden dem Volke aus der Hand gewunden, die Waffen des Geistes und des Wissens sind ihm geblieben, und wer diese Waffen handhaben kann, dem obliegt die Pflicht, sein Volk zu schützen und zu schirmen, wym '22 wyT ich weiß es wohl, mein Sohn, Vir NW D21 oy^'W NW D2, daß Menascheh groß sein wird, ich weiß wohl den Wert und die Bedeutung der Männer zu würdigen, die im praktischen Leben stehend, ihre Tätigkeit in den Dienst der min stellen, fvpn 1WN 071N1 D'ian nSd 'w iyin 121212 Via', und dennoch wird der jüngere Bruder größer als er sein, wenn seine Nachkommen die Völker füllen werden. Hier wird sich Efrajim in seiner ganzen Größe zeigen, hier wird der Mann der Lehre zum Erlöser und Erretter, zum Erhalter und Beschützer seines Volkes werden. ivN^> Ninri Dl'2 D212'1 „Im Hinblick auf diesen Tag segnete er sie daher sprechend: Mit dir wird Jißroel segnen sprechend: Gott mache dich dem Efrajim und Menascheh gleich, und im Hinblick auf diesen Tag. nN DB"! fiBttö 'ipb D’nSN, setzte er den Efrajim vor MKnascheh, räumte er dem Marine M „ Tat oen Vorzug ein." Dieser Segen an unserem Volk in seinem vollen Maße verwirklichen, wenn auch bei uns die Einsicht zum Durchbruch gelangt, daß nur der Geist der Lchre uns erhallen kann, daß die Pflege des Thornftudinms die vornehmste Pflicht eines jeden für die Zukunft seines Volkes begeisterten Jehudi ist. Denn in dem großen Kampfe der Ideen wird sich nur der behaupten können, deffen Geist von dem Lichte der Lehre erhellt wurde. Die Unwissenden laffen sich von den Sirenenklänge« unjüdischer Lebens cm schaumigen locken, nur echtes, gediegenes Wissen verleiht Rückgrat und Widerstandsfähigkeit, verleiht Glück und wahres Leben. LDt-Ct. orrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Uetch. frankfurter 5ps?iergSnge. (Rabbiner-Verbände. — Gemeindewahlen.) Frankfurt a. M., am Fasttagdes^10.^Teweth. Lange habe ich Ihnen, verehrter Herr Redakteur, aus unserer guten alten Stadt nichts Neues erzählt, sodaß Sie gewiß meinen, die v"iLS p"p sei unter die „einigen" Kehilloth gegangen und erfreue sich der Kirchbossruhe einer Berliner konservativ - liberalen Wahlkampagne. Weit gefehlt! Es passiert hier soviel mit j^em. jungen Tag, daß dem friedlichen Spaziergänger der Atem ausgeht und er vor all oen Kommiffions-, Vorstands-, Ausschuß- und Plenarsitzungen, Protestversammlungen und Friedenskundgebungen, Vereinsgründungen und Zweckeffen am liebsten hinausflüchten möchte in den frischen, nervenerquickenden winterlichen Stadtwald oder auch hinein in eine stille Ecke unserer ergreifend herrlichen neuen Synagoge, wo— die WinterstürMe aus dem Stadtwalde sich zu Nutz und Frommen luftbedürftiger Beter tägliches Rendezvous geben. Das nennt man dann „Benttlation". V- Wer weiß, ob ich nicht auch heute wieder ■;5 ■■i ä pött noch nicht fertig. Mit dem Bericht an die Behörde, daß zwei rekommandierte Briefe durch den Postillon unterwegs unterschlagen würden seien, war er bald zu Ende: aber mit dem Rapport an. den Bürgermeister, seinen Todfeind, in welchem er verlangte, daß er Franek verhafte, rang er seit einer Stunde vergebens. Er änderte die Ausdrücke, strich, schrieb aufs neue, schließlich brachte er nach langer Mühe ein Schriftstück zustande, das, wie es schien, ganz seinem Ansehen und der Wichtigkeit des Falles <«§£$ hocke Franck ausdem Dienst gejagt," sagte ecjrajil zu Chawe, die Tinte von der Feder am Tisch abSoWnd, „wenn du gut Renen möchtest, würde ich dir «L Stelle einer Austrägerin verleihen." Oie Jüdin verbeugte sich, mit einer stummen Bewegung der Lippen dankend. In diesem Moment trat die Mqgö ins Zimmer. „Werden Sie den Stör kalt essen?" fragte sie. „Ach richtig," rief Chrzanstkiewiez aus, „wieviel kommt Dir für diesen Stör?" „Eine Kleinigkeit," erwiderte Chawe. „Nun, komme heute abend wegen der Briefe." Sie ging. Am 13. Juli 18 . . wurde Chawe also formell in der Würde einer Aüsträgerin von gewöhnlichen und rekommandierten Briefen für Stadt um Larch, gegen eine Zustellungsaebühr nach Belieben bestätigt. Die Kunde vott diesem Ereignis verbieufcte sich schnell int Städtchen Und gelangte sogar gleichzeitig mit dem Rapport zum Magistrat. „hast du gehört, hast du gehört," rief die Frau Bürgermeisterin, in die Kanzlei des Mannes stürzeüd aus, „Chrzanstkiewiez hat Franek weggeiagt Nnd an fetlte Stelle diese HetingShäNdkerin, die Simchows.. . ." - »Eben hat er eiWst Rapport stb?r einen von MMHrhl Werreicht und verlangt Mne Ber> „Ich würde dich für einen Tölpel halten, wenn du darauf eingingest. Denkst du nicht, wie Chrzanstkiewiez dich beim Notar beleidigt hat? Du glaubst ihm, daß Franek die Vost gestohlen hät? Und dazu noch diene gemeine Jüdin, die es gestern gewagt hat, den Rest eines Störs, der bei der Kasfterin übrig geblieben war, mir zu bringen. Mache übrigens was du willst, ich aber habe Franek schon als Wächter aufnonrmen." „Aber er ift doch wirklich ein Dieb," erwiderte der Bürgermeister. ' „Bei uns wird er es nicht sein, und schließlich müssen wir das Unsrige behaupten." Der Bürgermeister behauptete tatsächlich das Seinige, denn er lehnte es ab, Franek zu verhaften und stellte ihn im Magistrat an. Franek hatte nie zu den Leuten gehört, die anderen lercht das Feld räumen ustv umfo weniger ließ er sich dann verdrängen, wenn solch ein. Mächtiger Arm wie der des Bürgermeister-, oder richtiger der Bürgermeisterin ihn stützte. Da er überdies viele heille Geheimnisse des Postamtes kannte, war er sicher, daß Chrzänstkrewiez nicht allzu sehr seine Schuw ausposaunen und sich nicht einer Revanche aussetzen werde. Er beschloß also nicht nur dem Sturm kühn die Stirne zu bieten, sondern sich überdies an der Jüdin, die seinen Posten besetzte und dieser verdächtigte, das Durchsuchen der Briefe ivr Wirtshaus verraten zu haben, zu rächen. Zur Steuer der Gerechtigkeit muß gesagt werden, daß die Motive, mit welchen Franek seinen Zorn begründete, ganz bürgerlicher Natur waren, so, als waren sie gelehrten Werken, die zwecks Ausrottung der Judenhmt herausgegeben werden, entnommen. Ein echtes Lieft dringt häufig mit seinen Strahlen bis in hie jtgiafett Niederungen. Ein Beleg hierfür ist ist üben Franek, der nie irgend eine Abhandlung gelesen fattt iS) doch Re für jene Arbeit erfotdttllche rn sich verspürte. Zähnen vtstki, ) verlohnen, der Weichsel „Der Teufel hole den Dienst," sagte er zu sei Kollegen, dem zweiten Magistratswächter, „der Mens ist nicht frisch gebacken, er wird Arbeit finden hat sie 'gesunden. Daß aber solch eine gemeine Jlwi» einem das Brot wegnimmt, das ist eine Schande fft» die Menschen und eine Beleidigung Gottes. Ja, Juden, örese Juden. Die wachsen auf, wo mün sie nicht säet, und. wenn man sie mit den \ entwinden sie sich noch. Es würde fid dieses Gezücht zusammenzutreiben und in zu ertränken." „Ganz richtig." „Unfereinem wird Brot in Stein verwandelt, ihnen klebt selbst Sand. Wo du hinkommst, stellt dir ei» Jude ein Bein.- Ich schenke das aber dieser Lumpensammlerin nicht, ich werde es ihr heimzahlen." Inzwischen trug Chawe ungehindert die Bttefe aus, ohne ihr bisheriges Geschäft aufzugeben, was ihr zusammen einen ansehnlichen, täglich beinahe einen halben Rubel betragenden Verdienst abwarf. Obwi ~ sie bisher nach Polanowka, wo man nach Fi Behauptung einen Rubel bekam, noch keinen gehabt hatte, wurde sie doch dank der in dieser Jahtßlö zeit ausnahmsweise ausgiebigen Korrespondenz von den Adressaten, deren Gunst sie zu erwerben verstaub, mit Vibration, alten Kleidern und Geldgeschenken reichlich bedacht. Der sichtbarste Beweis hiefur wärest die rund gewordenen Gesichter ihrer Kinder, die zweimal täglich gekochtes Essen bekamen, und außerdem eM kleines Säckchen, das Chawe auf der Brust unter der Jacke trug. In diesem Säckchen befanden sich zehn ersparte Rubel, ein Unterpfand der zukünftigen met> täglichen Garderobe der sechs Mitglieoer der FmUMs Rubin. Ich sage ausdrücklich: der sechs, denn Chatz» hatte bttchlossen, selbst ihrem Mann eisten neuem Schlafrock anzuschaffen, was Wohl das berebeste ZestH. MS ihres Wohlstandes war. (Schlstß folgt) * : \