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Der Israelit · 1907-12-19 · Heft 51 (19.12.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 51 (19.12.1907)
Date
1907-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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19. Dzember 1907. L«r AbraeSt. jüdische „Sitte" an einem vom Religionsgesetz und von feinen Vertretern gebrandmarkten neu aufgekommenen Verfahren keinen Anstoß nehme! Wir zweifeln nicht daran, daß die Hamburger portugiesische Gemeinde den Prozeß eventuell bis zum Reichsgericht verfolgen wird und behalten uns vor, die Aeußerungen unserer juristischen Mitarbeiter zu dem Gegenstände inzwischen zu veröffentlichen. Koftfpieliger Derger. Der Badische Oberrat ärgert sich. Das wäre weiter kein Unglück, aber daß er diesem durchaus legitimen Aerger auf Kosten der badischen Steuerzahler Luft macht und sein neuestes „Beroronungsblatt" durch den Nachdruck spaltenlanger Korrespondenzen des „Israelit" aus New-Uork, Kairo usw. intereffant macht, das finden wir weder loyal noch menschenfreundlich. Es ist eine wunderbare Methode, die der Redakteur des „Verordnungsblattes", der Herr Geheime Oberregierungsrat Dr. Mayer, bei diesen Nachdrucken verfolgt. Zunächst bereitet er' zu unserer freudigen Ueberraschung seine Leser auf die Möglichkeit vor, daß es dem wilden Treiben der Orthodoxie am Ende wirklich gelingen könne, den zur Rettung des badischen Judentums bestimmten Gebetbuch- Entwurf zu Fall zu bringen! Und als ob es gelte, der im Vorgefühle ihres Sieges triumphierenden gesetzestreuen Judenheit Wermut in den Kelch ihrer Freuden zu träufeln, werden dann eine-Menge von Zeitungsausschnitten zusammengetragen, die alle dartun sollen, wie schwierig und gefahrvoll die Lage des orthodoxen Judentums überall auf dem weiten Erdenrunde heute sei und wiedarum die Gesetzestreuen doch bester daran täten, sich um wichtigere Dinge zu kümmern, als um — den badischen Oberrat. Es lohnt nun allerdings nicht der Mühe, das Sammelsurium von Notizen, in dem sich der badische Gebetbuchpolitiker seinen Aerger vom Herzen redet, einer ernsthaften kritischen Betrachtung zu unterziehen. Sind's ja zum guten Teil am dem Zusammenhang gerissene, subjektive Stimmungsbilder, zum Teil krasser Parteileidenfchaft entstammende Anklagen, die der Oberrat zum Range von Aktenstücken contra Orthodoxie erhebt. Nur auf die Gedanke nlosigkeit möchten wir aufmerksam machen, die in der Verwertung dieser Aktenstücke zur Abwehr der Gebetbuchpetition liegt. Wie? Weil wir in einer von antireligiösen Tendenzen erfüllten Zeit überall, daheim und draußen, den schwersten geistigen Kampf zu führen haben um die Wahrung des väterlichen Erbes, darum sollen wir ruhig mit zusehen, wie eine sozusagen jüdische Religionsbehörde in einemLande mit 27000 jüdischen Einwohnern die Geschäfte der Affimilation besorgt? Darum ruhig mit zusehen, wie eine sozusagen jüdische Religionsbehörde wertvollen religiösen Besitz als alten Plunder preisgibt und das jüdische Volk in seinen Bet- und Gotteshäusern sich selbst den Totenschein ausstellen läßt? Wenn das die Logik ist, die zum Eintritt in den Badischen Oberrat befähigt, dann werden sich, glauben wir, doch 'nachträglich eine ganze Reihe badischer Landjuden orthodoxer Richtung finden, welche mit ihrer so gering geschätzten Bildung die zu stellenden geistigen Mindestansprüche an einen Oberrats-Kandidaten erheblich übertreffen. Allein es wäre, wie gesagt, ungerecht, den ganzen neuesten Ausbruch oberrätlichen Unwillens ernst zu nehmen. Aerger, nichts als Aerger, in Reime gebracht vom obersten Beamten der badischen Landessynagoge, gedruckt, verlegt und versandt auf Kosten der badischen Steuerzahler. Ein nnaedrccktes Gutachten Rabbiner Samson stapdarl tiir$cb’$ y'sT* (Schluß.) Was nun endlich aä c, die Einführung der Orgel beim Gottesdienst betrifft, so sehen wir auch nicht die Möglichkeit ein, dies auch nur irgendwie^ religionsgesetzlich zu gestatten. "W nyütfn, irgend ein musikalisches Instrument am Sabbath und Festtagen zu spielen ist ja dem Juden unter allen Bedingungen verboten, und Jeder, der weiß, wie auch das bloße Stimmen eines Saiten- oder Blasinstruments ein Mimim ist, muß gestehen, daß für unsere Zeit das ivff rron pwpa uk p« nicht stattfindet, und wenn diese Befürchtung auch direkt bei der Orgel vielleicht weniger angeht, so ist doch aus allen betreffenden Gesetzbestimmungen klar, daß durchaus zwischen einem und dem anderen Instrumente kein Unterschied zu machen ist, nicht nur nach dem allgemeinen Grundsätze rabbinischer Anordnungen: mt© ab 'Dl i^tidh ppvßpi DDK, sondern weil es evident ist, daß überhaupt jedes Hervorbringen musikalischer Töne vermittelst irgend eines Werkzeuges "W vD nw Oivv verbotenst, wenn auch nicht gerade bei diesem Werkzeuge eine solche Besürch- Vetze ». Kt. 5 j tung stattfindet, z.B. hViri.^y und dgl., damit man überhaupt nicht dazu komme, durch Instandsetzung eines Instrumentes eine mosaische Sabbathverletzung zu begehen. Man kann daher nur, nach Analogie des 0. Ob. 338, 2 msirn tp ^32 n3i '"p daran denken wollen, die Orgel durch einen Nichtjuden spielen zu lassen und dafür die Zulässigkeit in dem mxö mpv3 rvQEH nia» -wi zu finden. Allein auch dies erscheint uns als völlig - unzulässig. Erwägt man nämlich : daß dieser Grundsatz selbst keineswegs von allen Autoritäten zugestanden, die Halacha dafür vielmehr noch keineswegs mit Entschiedenheit feststeht (0. Ch. 307, 5); erwägt man, daß selbst das 338, 2ff Aufgeführte mehr eine Schutzrede für die Nachsicht ist, mit der man den damals eingeriffenen Brauch ^32 '“y ms'im behandelte, keineswegs aber das Verfahren von vornherein billigt, geschweige denn es als mustergültiges Norm zur Nachahmung in anderen Fällen aufstellt; erwägt man, daß, selbst den Grundsatz einmal zugegeben, wie schon im Magen Abraham das. 307, 5 nachgewiesen ist, KnVö pvlv pK □TiDtPn '2'2P3, man in diesem Gebiete aus gegebenen Fällen nicht durch Analogie Consequenzen folgern kannerwägt man, daß alles einmal zugegeben, noch immer der Kardinalpunkt nachzuweisen bliebe, daß Orgelbegleitung bei unserem Gottesdienst wirklich eine Mizwah, und nicht vielmehr eine Störung wäre, da der jüdische Gottesdienst vorzugsweise nVfiri sein, d. h. durch den klaren Verstand *um Herzen reden, nicht aber durch künstliche Mittel unklare Vorstellungen und Ge-. mütserregungen erzeugen will, wie dies die Wirkung der Musik ist und durch ein so mächtiges Medium wie Instrumentalbegleitung, zumal wie Orgel, überwältigend und somit als die eigentliche beabsichtigte Wirkung des jüdischen Gottesdienstes störend, hervortreten würde - erwägt man, daß aller Gottesdienst der Synagoge nur Mittel zum wahren Gottesdienst der treuen Erfüllung des göttlichen Religionsgesetzes sein soll, alle Andacht und alle mögliche RuPMNg aber nicht den kleinsten Schaden aufzuwiegen vermag, den unsere Gesetzestreue und religiöse Gewiffenhafttgkeit durch die entfernteste, öffentlich sanktionierte Pstichtwidrigkeit nehmen würdeerwägt man dies alles, so wird man schon auf diesem Stadium der Betrachtung die Unzulässigkeit der Einführung der Orgel in die Synagoge zugeben müssen. sind. Drittens hat der Verfasser auch nicht die Straßenbahnschassner und Zeitungsverkäufer gefragt. Der Vollständigkeit halber hätte er auch noch die Droschkenkutscher, „die Philosophen auf dem Kutschbock", berücksichtigen müssen. Die „fahrenden Leute" lieben im Allgemeinen wegen der reichlichen Trinkgelder die jüdische Kundschaft, die besonders in frühester Morgenstunde, wenn alle Bahnen feiern, den Kutschern förmlich dankbar ist, wenn sie ihr Fahrgelegenheiten bieten, um nach Hause zu kommen. Da der Autor diese wichtigsten Menschengattungen aber nicht zu Rate gezogen hat, so halte ich die Judenfrage nicht für gelöst. Es muß von vorn angefangen werden. Wie wäre es, Herr Redakteur, wenn wir zwei jetzt die Sache in die Hand nähmen? Da Pas Berliner Judentum, momentan in einer großen literarischen Produktioirsperiode lebt — ist doch endlich auch Hermann Hejermanns hierher gezogen, er hat sich aber in den hiesigen Blättern, mit Ausnahme des Berliner Tageblatt, bisher mäuschenstill verhalten — so muß auch Pros. Martin Philippsohns neuestes Geschichtsbuch noch erwähnt werden, wovon ja übrigens der „Israelit" seinen Lesern schon berichtet hat/ Auch der „berühmte" Historiograph, Biograph und Oberlehrer Eugen Wölbe hat, nachdem er oen unglücklichen Major Burg aus seiner Grabesruhe gezerrt, wieder einen Toten gefunden, an dem er, der Oberlehrer und Biographieproduzent, sein Mütchen gekühlt. Diesmal war's Berthold Auerbach, der Verfasser der Schwarzwälder Dorfgeschichten usw., usw., der in seinen letzten Lebensjahren, als ein paar Gassenbuben in Couleur ihm „Jud, Jud" nachriefen, sich plötzlich seiner Zugehörigkeit zürn alten Judenstamm wieder erinnerte. Damals, als er noch lebte, aber dock» schon stark vergessen war, soll der alte Mann bitterlich darüber gewemt haben, daß ein paar böse. Chrisrenbuben ihn, der doch seine Kinder schon halb „hinüber" hatte und selbst gar nicht mehr wußte, daß er noch zum Judentum gehörte, jhn „Jud" geschimpft hatten. Da ist denn der Verfasser des „Bärsüßle" ganz plötzlich wieder „Israelit" geworden, welches Verdienst den Berliner Juden ganz speziell zufällt. Wäre der alte Auerbach in seinem Süddeutschland, wo man ihn gar nicht mehr zu den Juden zählte, geblieben, so wäre er wahrscheinlich nicht Jud geschimpft worden, hätte darob keine Tränen zu vergießen brauchen, wäre nicht sofort den Juden in die Arme gelaufen, wie ja das hier in Berlin ganz selbstverständlich ist, und er wäre höchstwahrscheinlich paritätisch begraben worden und dem herben Schicksal entgangen, von dem Oberlehrer Wölbe viographiert zu werden. Dieses tragische Postmortemschicksal sollte uns aber mit dem verstorbenen Dichter, der als Jude keinen Federstrich für sein Volk übrig hatte, aussöhnen. Selbst als ein auch nur widerwillig Zurückgekehrter hätte er ein freundlicheres Schicksal verdient. Nun wird der Oberlehrer Wölbe, dem man gaiu besonderes Talent im Vertrieb seiner eigenen Werre nachrühmt, an dem toten Auerbach verdienen. Habe ich vorhin Napoleons Ausspruch, vom Mühlen- bis zum Kurfürstendamm sei nur ein Schritt, — ich möchte ihn auch gerne aus dem Norden Berlins machen — doch nein, er sagte ja, vom Erhabenen zum Lächerlichen sei nur ein Schwitt, zitiert, so muß ich diese Wendung jetzt nochmals anwenden. Von der jüdischen Literatur, selbst wenn sie nicht gerade vollwertig lst, bis zur jüdischen Kunst ist nm ein schritt. Also, wir habe» hier eine richtige jüdische Kunstausstellung; beschickt von ausschließlich jüdischen Künstlern, und sie befindet sich rn der Wrlhelmstraße 45, inmitten der vielen anttqnarischen Kunsthandlungen. Obgleich sie von Manchen namhaften in Berlin lebenden jüdischen Künstlern nicht beschickt ist, weist sie ganz vorzügliche Bilder, Zeichnungen, Skulpturen, Radierungen usw. auf, die den Gang dahin wohl lohnen. Die Bilder freilch machen nicht den Eindruck Eichwertiger Leistungen oder künstlerischer Höhe. Allerdings fesseln die Gemälde Josef Israels immer wieder, das beste Werk des eben verstorbenen N. Sichel, ein orientalisches Mädchen von berückender Schönheit lenkt immer wieder mit magischer Kraft die Blicke auf sich. Auch die von russischen Künstlern neuerer Schule ausgestellten Bilder, — Szenen aus der Synagoge, dem Beshamidrasch, aus dem russischen Judenhaus — verdienen den Anspruch auf die Bezeichnung als Kunstleistungen. Einen ttef ergreifenden Eindruck macht das große Bild von Hirszenberg: „Wandernde Juden". Eine weite, ungeheure Schneeebene, wohl der Weg nachf Sibirien. Ein alter Mann, im weiten Kaftan, von der Last der Jahre gebeugt, schreitet einer großen Menschengruppe voran. Männer, mit dem düsteren Ausdruck der Hoffnungslosigkeit in den verwitterten Zügen, bald ein Kind an der Hand, bald eines auf dem Arm, manche in ihre Gebetmüntel gehüllt, einer mit der Thora auf dem Arm mit resignierter Miene, hinter ihm Frauen, junge Burschen, alles mit überraschend treu gemalten Gesichtern und Gestalten. Ein kleines Jüngelchen, etwa ein Barmizwabübchen stapft durch den aufwirbelndeu Schnee. Es hält die in Fausthandschuhe gesteckten Hände an die vor Kalte schmerzenden Ohren. Man fühlt sich plötzlich in diese ewig vom eisigen Schweigen umhüllte, trostlose Landschaft versetzt, durchs die die schweigsamen, hoffnungs- und heimatslosen Menschen geräuschlos hinziehen. Da leat sich etwas wie 'er Schmerz über ünfere Brust, beklemmend. ein wie die Elseskälte, die von diesem Bill» zu uns herüberweht, und unsere Seele wandert mit den Ber-

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