Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-12-12 · Heft 50 (12.12.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 50 (12.12.1907)
Date
1907-12-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449295--64019-2506591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Geistige Strömungen 4er Gegenwart in ihrer Beziehung zum Judentum. (Fortsetzung). II. Lotze. „Das Recht der idealen Deutung deöWirklichen darf sich die Philosophie nicht rauben lassen und es ist zu hoffen, daß das eifrig betriebene Studium des Lotze'schen Jdeenkreises nach d eser Richtung hin gute Früch e tragen wird." Falkenberg. Gleich Fechner wurde auch dem Denker, welchem die folgenden Betrachtungen gewidmet find, die eigentliche Würdigung und Anerkennung erst nach seinem Tode zuteil. Es tritt dies bei Lotze so klar hervor, daß der Philosophiehistoriker, dem wir das obige Motto entlehnt, sich u. a dahin ausspricht: „Sein (Lotze's) Tod hat, wie cs scheint, das einzige Hindernis beseitigt, das bis dahin der allgemeinen Anerkennung seiner Klassizität im Wege stand/") Daß Hermann Lotze2) zu seinen Lebzeiten noch nicht in dem Maße gewürdigt wurde wie heute, erklärt sich aus der bereits in unseren Ausführungen über Fechner geschilderten Hochflut des Materialismus, der in verständnisloser U'eberschätzung der glänzenden Erfolge der Naturforschung die höchsten Lebensinhalte höhnend zu zerpflücken und alles geistige Leben auf das blinde Wirken toter Naturkräfte .zurückzuführen versuchte. Lotze hat wie wenige Andere den damals modernen Materialismus unter den Einwirkungen seines medizinischen Studiums durchlebt und war, nachdem er rasch die Schwächen der neuen materialistischen Lehren erkannt und siegreich überwunden hatte, wie wenige Andere im Stande, als Fachmann rechts und links sich Gehör zu verschaffen, als Philosoph und als Naturforscher sich Beachtung zu erringen. (Er hatte sich in der medizinischen und in der philosophischen Fakultät zu Leipzig habilitiert). Während Fechners Kraft immerhin eine geteilte war, würde Lotze vor Allem zum philosophischen Wegweiser seiner Nation, und nicht zuletzt seinem -— ■- 1) Richard Falkenberg, Ueber die gegenwärtige Lage der deutschen Philosophie. S. 22. *) 1817—1881. Die haup sächlich hier in Betracht kommenden seiner Werke sind: Mikrokosmos, Versuch einer Anthropologie, in 3 Bänden. 5. Aufl. 1890—1905. Metaphysik. 2. Aufl. 1884. Geschichte der deutschen Phi osophie, seit Kanr. 3. Aufl. 1894 und fWi# inJIN/ für denjenigen, der nur in Kürze sich mit Lotze beschäftigen kann, seine Grundzüge der Religtonsphilosophie. 3. Aufl. 1904. Die eigentliche Weltanschauung Lotze's wird man fteilich nur auS dem — klastisch einfach c eschriebenen — „Mikrokosmos" schöpfen können. (Nicht nur im Titel sondern auch ah und zu inhaltlich blldet eine nicht uninterestante Paralelle zum „Mikrokosmus" das |öpn 'D von hem jüdischen ReligionSphtlosophen Josef ihn Zadik. Bergl. Steinschneider, Die hebr. Uebersetzungen I. S. 407.) Einflüsse ist es zu verdanken, wenn gerade die größten unter den naturwissenschaftlichen Korphäen des vergangenen Jahrhunderts—wie Johannes von Müller, Helmholtz u. a. m. — sich vom Materialismus abwandten. Versuchen wir die Grundzüge seiner Weltanschauung darzulegen. Mit der Betrachtung der äußeren Erscheinung des menschlichen Lebens beginnt Lotze seinen „Mikrokosmus". Zunächst steht der körperliche Organismus nicht anders da, denn als ein physikalisch-chemischer Prozeß, genau so sich abspielend wie in der ganzen unorganischen Welt, deren Bestandteile sich ja auch stofflich im Menschenkörper wieder vorfinden. Wir könnten diesen also mit Recht eine Maschine nennen, einen mechanischen, sich selbst regulierenden Automaten, wenn nicht ein schweres Bedenken dieser Auffassung gegenüberstünde. Restlos kann bei nüchterner Betrachtung unser Leben durch den ständigen Stoffwechsel nicht erklärt werden, weil Ursache und Wirkung sich hier nicht eittsprechen. Die Stoffe, aus denen der Leib gebildet ist, sind in unablässiger allgemeiner Bewegung, in rastloser Veränderung. Aus zerstreuten Bestandteilen der Außenwelt wird allmählich der Bau des Körpers zusanimengelesen und in beständigem Wechsel giebt er ihre Teile zurück. Bei manchen derselben wie z. B. bei der Luft in den Lungen, bei Speise und Trank in den. verschiedenen Phasen ihrer Assimilation oder Sekretion mag man zweifelnd die Frage aufwerfen, ob sie schon oder noch zum Organismus gehören, so lose und locker ist im Grunde genommen und so äußerlich das Gefüge des menschlichen Organismus. Und trotz dieses Wechsels gewahren wir ein festes bei allen Veränderungen beharrendes Substrat. Wir fühlen einen „ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht", eine eigeneStelle für unser Selbst, unbeeinflußt von dem Wechsel. Und dieses vom Leib völlig Verschiedene ist die Seele. Man mag's im übrigen nennen, wie man will, es steht zunächst fest, daß diese inneren Prozesse, die wir als unser eigenstes fühlen, nimmermehr betrachtet werden können als Erzeugnisse jenes äußeren Wechsels,- denn unüberbrückbar bleibt die Kluft zwischen der materiellen Bewegung und der geistigen Empfindung. Dabei nimmt aber Lotze keinen Dualismus in unserem Sein an. Unser eigentliches Ich ist ihm vielmehr die Seele: der Atomkomplex des Leibes aber ist bereits Nichtch, das vertrauteste Stück Außenwelt. Der örper mag Boden, unentbehrliche Bedingung für die Seele sein, mehr aber nichtdurch das beständige Kommen und Gehen der Atome beweisen oiese ihre relative Fremdheit gegenüber uns. Seine Darlegungen über die Realität der Seele schließt^) Lotze mit folgenden drastischen gegen den herrschenden Materialismus gerichteten ’) M. I. S. 287. __ | Worten: „Unter allen Verirrungen des mensch lichen Geistes ist mir immer als die seltsamste |j erschienen, daß er dahin kommen konnte/ sein | eigenes Wesen, welches er allein unmittelbar er- J lebt, zu bezweifeln oder es sich als Erzeugnis :|j einer äußeren Natur wiederschenken zu lasten, die | wir nur aus zweiter Hand eben durch das vermittelnde Wissen des Geistes kennen, den wir H leugneten." f Wir haben jetzt die Tatsache der Sonder- | existenz von Leib und Seele konstatiert — | aber noch nicht erklärt, wieso eine Wechseltz Wirkung stattfinden kann zwischen einer inmateriellen h Seele und einem materiellen Leibeine Wechsel- J Wirkung, die doch tatsächlich bei jedem empfundenen 3 Reiz der Außenwelt, bei jedem in die Tat umgesetzten Willensvorgang stattfindet. Der völlig immaterielle Vorgang des Schreibenwollens z. Ä. veranlaßt mich jetzt die Feder in die Hand zu nehmen, wieso hatte der Gedanke die Möglichkeit 1 motorische Nerven meines Körpers zu beeinflussen. / Allein, meint Lotze, das Problem der Wechsel- Wirkung ist noch weit umfassender und schwerer. A Halten wir uns einmal vor Augen, daß die | fortwährende Wiederholung eines Vorganges noch keineswegs seine Erklärung ist, und ferner, daß' 1 unsere Naturerkenntnis ja nichts weiter ist als / ein Studium der Gelegenheiten, bei denen "Z sich bestimmte Vorgänge abspielen mit genau be- ~j stimmter Folge je nach der veranlassenden Ursache- J dann werden wir nicht minder unbegreiflich, ja j geradezu wunderbar findet: jede Art bet 3 Wechselwirkung zweier Dinge aufeinander. / Wieso können zwei Körper auseinander wirken? , j > ie Undurchdringlichkeit der Materie schließt ein; Hinübergreifen des einen Körpers auf den anderen 4 aus. Noch weniger annehmbar sind von dem j einen Ding zum anderen übergehende Fluida. Es wäre eine leere Phrase, hier von einem ' j „Gesetz" der Kausalität zu sprechen, denn beiß / Gesetz ist ja nicht etwas über den Erscheinungen % Thronendes und dieselben Bestimmendes, „Gesetz" I ist ja nur unser Ausdruck für eine Summe / von Wahrnehmungen, die wir gemacht. Es bleibt demgemäß keine andere Möglichkeit / zur Erklärung der Wechselwirkung, als die, daß -3 die Einzeldingc im Grunde genoinmen nicht selt^ (si ständig, sondern nur Modifikationen einer sie -% alle befassenden Substanz sind. Ein reales Leben H umfaßt das Einzelsein Aller. Jede Erregung 1 des Einzelnen ist zugleich -eine Erregung deS 1 ganzen sie Alle tragenden Unendlichen, und jedüZ j vermag deßhalb mit seiner Wirkung überzugreifen, . V weil derselbe Grund in ihm wie in anderen lebt. Alle Wechselwirkung erweist sich als Sympathie^ vom Endlichen zum Endlichen, vermittelt durch die Geschlossenheit Aller im hegend mitfühlenden Herzpunkt des Unendlichen. Dieses unendliches lebendige Wesen aber nennt Lotze — Gott Bevor wir diesen Gedankengang weiter ver* .4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.