Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1907)
- Date
- 1907-12-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWWWWWWWWWWW WWMWYWWWWWWDMWWMWWSWW PWiP Nr. 50 Sette 7 vermischter. Kraukrurt a. M., 11. Dezbr. Gegenwärtig weilt e r der Abgesandte des so überaus se ensreich wirkenden Diskin'schen Waisenhauses in Jerusalem, daS 30V Kinder zu verpflegen hat Da bei der hohen Steigerung der Leb.nsmittelpreise im heiligen rande die Anstalt jetzt weit bedeutenderer Geldmittel als sonst benötigt, so darf ihr Vertreter wohl umsomehr auf die bereitwillige Beihilfe der Glaubensgenossen rechnen. Franksirrt a. M., 10. Dezember. An die weltbekannte Chocoladenfabrik Gebr. Stollwerck, Köln, wendet sich nach dem Kölner „Israelitischen Gemeindeblatt" ein jüdischer Kaufmann mit einem Anstellungsgesuche. Darauf wurde ihm von seiten der Kölner Zentrale folgende Antwort zu Teil: Köln, den 26. Nov. 1907. Herrn — — — — — — Köln. Wir besitzen Zhrgefl. Zuschrift von gestern und danken für Ihre erneute Anstellung. Wir müssen indessen bemerken, daß Sie für uns doch noch nicht genügend Erfahrungen haben würden; außerdem beschäftigen wir prinzipiell nur Reisende christlicher Konfession. Ueberlassene Photographie usw. Hochachtend §tollwe^rck Es ist anzunehmen, daß die Firma stollwerck gegen jüdische stunden die gleiche Meigung besitzt wie gegen jüdische Reisende; wir hoffen, daß unsere Glaubensgenossen hieraus die nötigen Konsequenzen ziehen. Besonders dürfte es sich empfehlen, wenn die jüdischen Zeitungen Englands und Amerikas ihren Lesern ebenfalls von den geschäftlichen Prinzipien der Firma Kenntnis, geben. Wiesbaden, 5. Dezbr. Der hiesige „Generalanzeiger" meldet : „Herr Metzgermeister A. H. hat Ecke Zietenrtng und Waterloostraße einen stattlichen Metzgerladen aufgetan. Es ist, wie uns mitgeteilt wird, das erste israelitische Geschäft in Wiesbaden, das Schweine schlachtet."^ Auch ein Rekord! Saargemünd, 10. Dez. Bor einigen Tagen weilte der Borfitzende de ' Vereins jüdischer Elementarlehrer Elsaß- Lothringens hier, um mir dem Borstande der hiestgen Gemeinde im Austrage des Lch.ervereins Rücksprache zu nehmen zweck? Gründung einer jüdischer Schule an hiestgem Orte. Da es - eine Borschule an den hiestgen höhern Schulen nicht gibt, also alle Kmder bis zu 9 Jahren die Volksschule besuchen müssen (cs gibt eine katholische u d eine protestantische am Platze) und etwa 40 schulpflichtige Kinderhier find, ist die ablehnende Haltung des Vorstandes in dieser Frage nicht begreiflich. Wien, 4. Dezember. Tie „National-Zeitung", schreibt: „Allmählich werden wir uns daran gewöhnen müssen, nicht nur dem Kriege, sondern auch dem Frieden Paterlandsverteidiger zn opfern. Die Statistik der Soldatenselbstmorde der letzten Jahre offenbart ein trauriges System der Rekrutenbehandlung. Roch ist die letzte Debatte im Parlament, betreffend die Soldatenmißhandlung, in frischer Erinnerung und schon wieder hat sich ein Fall ereignet, der viele vor ihm dagewesene durch seine eigentümlichen Umstände in den Schatten stellt. Mehrere Blätter wußten vor einigen Tagen von den hier am 24. Novbr. erfolgten Tod des Rekruten Herschkowitz vom 51. Regiment zu berichten. Aus der kurzgefaßten Darstellung war zu entnehmen, daß der Rekrut von seinem Vorgesetzten, dem Korporal Ballint mit dem Dienstgewehr erschossen wurde. In dem mysteriösen Bericht wird die Tat dieses Korporals als Unvorsichtigkeit bezeichnet. Die Sache war anders. Das konnte jeder von vornherein wissen. Bedenken wir: der Mann hieß Herschkowitz! Ein Name, nicht dazu angetan, die Gunst eines Korporals, der Ballint heißt, zu erlverben. -Es ist erwiesen, daß der Korporal dem jüdischen Rekruten H. aufsässig war. Dieser war ein intelligenter Mensch und hat 7 Gymnasialklassen absolviert. Einjährig-Freiwillige werden es bestätigen können, wie unsympathisch einem Korporal Intelligenz oder gar Gymnasialbilbildung ist. So wurde denn der arme Rekrut fortgesetzt in der perfidesten Weise gequält. Er ließ den Rekruten Turnübungen machen, kommandierte etwa 100 Male Auf! und Nieder! befahl ihm daun, Marschadjustierung anzulegen, sich rasch wieder zu entkleiden und was derlei gemeine Quälereien noch mehr sind. Schließlich war H. erschöpft. Da befahl ihm der Korporal sich in die Ecke zu stellen, nahm sein Gewehr vom Haken und lud es mit einer scharfen Patrone. Dann rief er: „Verrichte dein letztes Gebet'." legte an, drückte los, und der Rekrut Herschkowitz war eine Leiche. Der Feldrabbiner Dr. Abeles fand an der Bahre Worte tiefften Mitgefühls. Rabbinische Grabreden sind oft eingeübte Phraseologie. Mer die weichen, schlichten und innigen Worte des Feldrabbiners hatten eine individuelle Note. Er behandelte den dieswöchentlichen Bibelabschnitt: Josef im Kerker klagt seinen Brüdern: „Was habe ich getan? Ich bin noch so jung und muh schon in der Grube sein . . .!" Der Rabbiner denkt der Eltern dieses unglücklichen Opfers und zitiert die Stelle auä dem Abschnitte: „Das Kind ist nicht da!" Es gibt Beschwichtigungsmittel: Der Korporal ist in Untersuchungshaft. Die Eltern des Opfers werden es hören, aber sie werden nicht daran denken und nur klagen: „Das Kind ist nicht da!" Was kann die Gerechtigkeit oder das Ge- ' setz hier ausgleichen? Was ist die Sühne für dieses und dre vielen vorangegangenen Opfer? Ja, rasch tritt der Tod den Menschen an, wenn er ein jüdischer Rekrut ist! Wie könnten hier Worte der Empörung hiureichen, wo ein grenzenloser Jainnrer ans Herz greift? Der Rabbiner hat am Grabe ganz unbewußt und ungewollt das gesagt, was jeder am Grabe eines Unschuldigen empfindet: „Da erstirbt einem das Wort ..." Wie«, 4. Dezember. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat beschlossen, aus Anlaß des Regierungsjubiläums des Kaisers 100,000 Kronen für den Bau eines Knabenwaisenhauses zn spenden. Wie«, 7. Dezember. Der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Friedrich Elbogen überreichte im Namen der. Mutter Leopold H i l s n e r s ein Be-; gnadigungsgesuch, das er mit folgendem Ausrufe zur Veröffentlichung bringt: „An meine Mitbürger! Der Prozeß Hilsner füllt das traurigste Blatt der österreichischen Justizgeschichte . Ein armer Jude, dem kein anderes Verbrechen nachgewiesen werden konnte, als daß er als armer 'Jude auf die Welt kam, wurde zum Opfer verruchten Aberglaubens und widerwärtiger Parteispekulation ausersehen. Vergebens haben bisher Meister der Rechtswissenschaft sich erhoben, um das schlummernde Gewissen berufener Faktoren wachzurütteln. Die Interessenten des Ritualmordmärchens scheinen mächtiger zu sein als Beweisgründe unbefangener Kritik." Das umfangreiche Begnadigungsgesuch enthält eine Darstellung der bekannten Vorgänge anläßlich des Prozesses gegen Leopold Hilsner und gipfelt in ernem Appell an Kaiser Franz Joseph, den Rest der über Leopold Hilsner verhängten lebenslangen schweren Kcrkcrsirafe allergnädigst nachzusehen. — Der Vorstand der Oesterreichischen Israelitischen Union richtete dazu folgendes Schreiben an die „N. Freie Presse": „Der „Neuen Freien Presse" vorn 6. d. lag in Form eines Flugblattes ein vom Herrn Tr. Friedrick^Elbogen als Vertreter der Maria Himmelreich, der Mutter des zu lebenlänglichem schweren Kerker verurteilten Leopold Hilsner, verfaßtes Gnadengesuch an Se. Majestät den Kaiser bei . Der Vorstand findet sich veranlaßt, dem gegenüber öffentlich zu erklären, dag er dem von Herrn Dr. Friedrich Elbogen namens der Mutter Hilsners unternommenen Schritte völlig fernsteht. Daß bei einer Mutter, unabhängig von Schuld oder Unschuld ihres Sohnes, das Verlangen besteht, ihn begnadigt zu sehen, ist begreiflich, ist menschlich; dieser Standpunkt kann aber nicht der unsere sein. Der Vorstand der Oesterreichischen Israelitischen Union hat in Leopold Hilsner niemals einen Schuldigen erblickt. Weit entfernt davon, irgend einem Verbrecher, nur weil er Jude ist, seine Fürsorge zu widmen, erfüllt er nur seine Pflicht, me»ln er sich dafür eiusetzt, daß dem unschuldig Verurteilten sein Recht werde. Der Vorstand der Oesterreichischen Israelitischen Union wird daher, unbeirrt von dem überreichten Gnadengesuche, seine aus Wahrheit und Rechtsfindung gerichteten Bestrebungen auch weiterhin nachdrücklichst verfolgen." velelnsmse». Frankfurt a. M., 11. Dezember. Im Saale der „Alemannia" fand gestern Abend eine außerordentlich gut besuchte Versammlung des „Fr e is i nni g enVerein e s für jüdisches Gemeindeleben" statt, deren Tagesordnung die Ergänzungswahl zum Ausschuß der hiesigen Gemeinde bildete. Der Referent, Herr Dreyfus, erläuterte, warum dieses Mal im Gegensätze zu früher zu einem Wahlkampfe geschritten werden müsse. Das geplante Kompromiß zwischen den Konservativen und Liberalen sei daran gescheitert, daß die Liberalen die Kandidatur des Herrn Raphael Ettlinger nicht akzeptieren konnten, jeder andere Kandidat sei ohne weiteres von ihnen gut geheißen worden. Herr Dreyfus versucht nachzuweisen, daß von Seiten der Gemeinde konservative und liberale Interessen in gleicher Weise begünstigt werden. Wenn für die konservative Religionsschule nur 3000 Mark Beitrag gewährt würde, während das „Philantropin" einen Zuschuß von 85,000 Mk. erfordert, so liege das an den Verhältnissen. Redner selbst müsse allerdings zugestehen,, daß früher einmal eine Erhöhung des ersteren Beitrages abgelehnt worden sei, aber er glaube, wenn man neuerdings an den Vorstand herantrete, so werde diese Erhöhung bewilligt werden. Referent schließt mit einer Aufforderung zum Eintreten für die liberalen Kandidaten, die allein imstande seien, „den Frieden der Gemeinde zu wahren". Es ergriffen hierauf die Kandidaten selbst, die Herren Bender, Dr. Merzbach und Heidenheimer das Wort, um gleichmäßig in allgemeinen Redewendungen zn versichern, daß sie „gute Juden" seien. Ein Programm wurde von keinem der Herren aufgestellt. In der Diskussion ergreift Herr Fritz Sondheimer das Wort. Er führt aus, daß es für den konservativen Juden nicht, wie die Liberalen annehmen, eine bloße Formsache sei, ob das Hebräische allmählich aus den Gebetbüchern verschwinde, sondern es bilde vielmehr höchste Ehrenpflicht, für die unbedingte Erhaltung des durch tausendjährige Tradition geheiligten hebräischen Gottesdienstes einzutreten. Redner tadelt das illiberale Verhalten des Gemeindevorstandes in Bezug auf das Wahlrecht für den Vorstand. Heute wähle der Vorstand in Gemeinschaft mit dem Ausschuß sich selbst, und die seit fünfzig Jahren bestehende, sich liberal nennende Majorität habe sich bisher noch nie ernstlich mit der Aenverung dieses alter Gerechtigkeit hohnsprechenden Wahlrechts beschäftigt. Auch in sozialer Beziehung (Armenpflege) leiste die Gemeinde so gut wie gar nichts. Im Anschluß hieran entwickelt sich eine sehr lebhafte Debatte, an der sich die Herren Dr. Ernst Auerbach, Tr. Mainzer und Dr. jur. Bärwald beteiligen. Herr Dr. A u e r b a ch verteidigt sich insbesondere gegen den Vorwurf, als habe er die Abschaffung des hebräischen Sprachunterrichtes empfohlen. Er führt dies aus ein Mißverständnis zurück. Herr Moritz A. Loeb knüpft an die von den Rednern von der liberalen Seite gleichmäßig abgegebene Versicherung an, daß sie alle das beste des Judenturus wollten. Man brauche an der Reinheit dieser A b sicht durchaus nicht, zu zweifeln, aber die Frage sei doch, ob hier Wollen und Koniten im Einklang stehen. Diese Frage ließe sich schnell beantworten, wenn man einen Blick aus die Wirksamkett des sogenannten „liberalen Judentums" in Deutschland wirft: den» seit beinahe achtzig Jahren, fett die Resormbewegung in Deutschland eingesetzt hat, sei unzweifelhaft das jüdische Leben verflacht, seien Mischehen und Taufen in einem Maße eingerissen, vne es vordem im Judentum niemals vorgekommcn sei. Charakteristisch sei ja, daß die Schöpser der ersten Reformvereine,' die Gründer des liberalen Judentums, Eduard Gaus-Berlin und Creizenach F r a n k f u r t a. M. selbst im Schoße des Christentums geendet haben. Das „liberale Judentum" sei nichts weiter a ls eine Sekte, wie sie in der 3000 jährigen Geschichte des historischen Judentums schon öfter aufgetaucht, schließlich aber immer wieder spurlos verschwunden sei. Die ausgestellten Kandidaten der liberalen Seite seien gewiß im bürgerlichen Leben hochachtbare, schätzenswerte Persönlichkeiten, aber als Führer einer jüdischen Gemeinde könnten sie nicht in Betracht kommen. In der weiteren Debatte folgen dann zahlreiche Erörterungen über die Stellung des konservativen und liberalen Judentums, sowie über die Duldsamkeit des „freisinnigen" Judentums in Frankfurt a. M. Andersdenkenden gegenüber. Es wird unter anderem darauf hingewiesen, daß in der Schule der Israelitischen Gemeinde, im Philantropin, den Kindern aus ausdrücklichen Wunsch der Eltern nicht gestattet wird, beim hebräischen Unterricht den Kopf zu bedecken. Ebenso wellig wird den Ettern erlaubt, ihre Kinder aus Gewissensbedeuken vom Religionsunterricht zu dispensieren! Herr Dr. Bärwald, der Vorsitzende des Vereines meinte u. a., es sei unerhört, daß Leute, die noch außerdem einer anderen Gemeinde angehören zu müssen glauben (Jsr. Religionsgesellschaft), sich in die Wahlkämpfe mischen. Solche Leute müßten seiner Ansicht nach hinaus a u s der Gemeinde' Zur gleichen Zeit hielt gestern abend der „Z e n t r a lverein israelitischer Gemeindcmitglied e r" eine gut besuchte Wählcrversammlung ab. Herr Rechtsanwalt Dr. K atzen st e i n eröffnet die Versammlung nnt der Berichtigung falscher Behauptungen, die über die Erllärungen des Herrn R. Ettlinger verbreitet werden, und erteilt dann Herrn Dr. Hanauer das Wort zum Referate. Der Redner erllärt gegenüber den Behauptungen der Freisinnigen, die den Wäh-' lern vor dem „orthodoxen" Zentralverein bange machen wollten, ber Verein sei leider nicht orthodox; man könne ihn höchstens gemäßigt-konservattv nennen, da er viele Mitglieder umfasse, die keine Satzungen beobachten und nur die Erhaltung eines religiösen Gemcindelebens wünschen. Man müsse dagegen protestieren, daß die Gegenseite einem konservativen Kandidaten eine gebundene Marschroute anszwingen wolle, wie es gegenüber Herrn Ettlinger versucht worden sei. Herr Ettlinger wendet sich gegen verschiedene Angriffe der Freisinnigen auf seine Person, die er in der vorwöchigen Versammlung der vorgerückten Zeit wegen nicht mehr eingehend zurückweisen konnte. Wenn man das Philantropin, um die unverhältnismäßig hohen Ausgaben der Gemeinde für diese Anstalt zu rechtfertigen, als nicht liberal, foubem als in der Mitte stehend, bezeichne, so stehe mit dieser Behauptung der Geist, der in der Schule walte, in krassem Widerspruch. Das Regiment des durchaus linksstehenden Gemeindevorstands kennzeichne sich z. B, dadurch, daß in den Kommissionen der Pflegeämter und des Almosenkastens, derep Mitglieder der Vorstand zu bestätigen hat, nicht ein einziges konservatives Mitglied sitze, ausgenommen das Hospitalpflegeamt, für das statutengemäß die Ritualkommission ein Mitglied zu präsentteren habe. Herr Dr. Strauß teitt. mit, er habe gegenüber einem freisinnigen Herrn dieser Tage auf die Gefahren der fortschreitenden Reform hingewiesen, und gesagt, die Folge werde sein, daß das Judentum schließlich völlig verschwindet. „Hoffen wir's!" habe der Herr geantwortet. Ein Freisinniger habe voriger Woche mit dem Austritt linksstehender Gemeindemitglieder schrecken wollen, er, Redner, gebe die Mahnung zurück. Es befinde sich eine andere Gemeinde in unserer Stadt, die in hoher. Blüte stehe, obwohl ihr die Liberalen ehemals keine gute Prognose gestellt haben. Er warne die Freisinnigen« den Bogen nicht zu stark zu spannen, sonst könnten