Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1907)
- Date
- 1907-12-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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lich dem Reichstag — kompetent sei. Seit heute ist nun das Gerücht verbreitet, die drei Herren hätten auf ihr Mandat verzichtet. Der Grund ist wenn das zutrifft, jedenfalls darin zu suchen, daß jetzt die überaus merkwürdige Geschichte eines Flugblattes mit der Ueberschrift. „Wählt den Wohltäter der Menschheit", bekannt worden ist, mit dem für Aron Durlach Propaganda gemacht wurde. Ein Herr L-, dessen Name unter dem Flugblatt stand, erklärt öffentlich, daß die Anhänger Durlachs mit Berufung auf eine Wohltat, die dieser jenem erwiesen habe, von L. die Hergabe seines Namens für das Flugblatt verlangten. L. weigerte sich dessen, mit dem § inweis darauf, daß eine Zusage für ihn eine elbstentwürdigung bedeuten und die Ehre seiner Familie in den Staub ziehen würde. Trotz dieser Weigerung, so erklärt Herr L., ist dann das Flugblatt ohne sein Wissen mit seinem Namen als Unterschrift an die Wähler versendet worden. Aus dem Elsaß, 10. Dezember. Auch im Oberelsaß werden nächstens Neuwahlen zum Konsistorium stattfinden, die schon beginnen, ihre Schatten vorauszuwerfen. Während man in früheren Jahren sich blutwenig um diese Wahlen kümmerte, dem Konsistorium steht man nämlich hier zu Lande vollständig indifferent gegenüber, scheint man diesmal doch einigermaßen eine Ausnahme machen zu wollen, und zwar ist es nicht die Personenfrage, die in Betracht kommt, sondern eine Lokalfrage. Mülhausen, das mit seinen ca. 500 Familien die bedeutendste jüdische Gemeinde des Bezirks ist, beansprucht nämlich die Ehre, Sitz des Konsistoriums zu werden, - während Colmar auf sein bisheriges Recht, Konsiftoriumssitz zu sein, pocht und dies Recht um keinen Preis opfern möchte. Jedenfalls hat eine Verlegung von der Bezirkshauptstadt nach anderwärts ihre Schwierigkeit, und wird es voraussichtlich, die Wahlen mögen ausfallen, wie sie wollen, einstweilen noch beim alten bleiben. Frankreich. Paris, 6. Dezember. Der Seine-Präfekt hat zu Gunsten des jüdischen Vereins „Atelier" eine Ausnahme von dem Sonntagsruhegesetz statuiert. Dieser Verein, dessen Vorsitzender Baron James Armand von Rothschild ist, versorgt junge Leute, besonders Russen und Rumänier, die ohne Aussicht auf Beschäftigung nach Paris kommen, in einem eigenen Hause mit Arbeit. Drei Monate lang werden die Leute hier beschäftigt, und sie haben während dieser Zeit Gelegenheit sich mit Paris und der französchen Sprache etwas vertraut zu machen und sich anderswo Arbeit zu suchen. Damit die armen Insassen des Atelier nun unter dem neuen Sonntagsruhegesetz nicht zwei Tage in der Woche feiern müssen, hat der Vorstand den Präfekten über den philanthropischen Charakter des Vereins unterrichtet und ihn gebeten, seine Schützlinge von dem Zwang, nur fünf Tage in der Woche arbeiten zu können, zu befreien. Der Präfekt hat die Berechtigung dieses Verlangens anerkannt und das „Atelier" erniächttgt, seine Arbeiter am Sonntag zu beschäftigen. Oesterreich, wiener griek. (Von unserem Korrespondenten.) Wien, 1. Dezember. In seiner heute stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung beschloß der Vorstand der israelittschen Kultusgemeinde einstintmig, den Bau einer Mikwah so rasch als möglich durchzuführen. Nach Anhörung eines Referates, welches Kultusvorsteher Baurat Oskar Marmorek erstattete, wurde beschlossen, ein ui der Leopoldsladt, Floßgasse, befindliches Haus anzukaufen und an dessen Stelle einen ausschließlich für Mikwahzwecke bestimmten Neubau aufzuführen. Die neue Mikwah soll, noch den vorliegenden und einstimmig gebilligten Plänen, sowohl sämtlichen in Betracht kommenden religiösen Vorschriften als auch den modernsten hygienischen Anforderungen entsprechen. Die gesamten Baukosten im Betrage von 164,000 Kronen wurde gleichfalls einstimmig votiert. Aus der nicht uninteressanten Debatte sei hier die Rede des Kultusvorstehers und Mitgliedes des Vertreterkollegiums Salo Kohn hervor..ehoben, der betonte, daß er und seine nichtkonservativen Kollegen im Vorstande der Vorlage nur deshalb zugestimmt haben, um auf diese Weise den Frieden in der Gemeinde herzustellen, und er erwarte, daß auch von Seite der Orthodoxen sich ein Entgegenkommen zeigen werde, wenn Einrichtungen vorgeschlagen werden, welche ihren religiösen Auffaffungen nicht entsprechen, z. B. Damenchor in der Synagoge! usw. Unter den diesmal zahlreich erschienenen Zuhörern befanden sich auch mehrere hervorragende Mitglieder der hiesigen orthodoxen Judenschaft. Einer derselben antwortete auf die Frage Ihres Korrespondenten, wie sich die orthodoxen Juden zu diesem neuen Mikwah-Baue stellen würden, ungefähr wie folgt: „Wir begrüßen es mit Freude, daß die Kultusgemeinde, die seit Jahrzehnten sich hinziehende Mikweh-Angelegenheit endlich zu einem gedeihlichen Abschlüsse zu führen gewillt ist. Für uns orthodoxe Juden wird hierbei derselbe Gesichtspunkt maßgebend sein, wie bei bei allen, übrigen rituellen Einrichtungen der Gemeinde. Wird uns, beziehungsweise unserem Rabbinate beim Baue und bei der Beaufsichtigung der Mikwah jener Einfluß gewährt, der uns bezüglich des Kaschrus zu . beruhigen geeignet wäre, so werden wir sie nicht nur freudigst hinnehmen, sondern sie auch mit Beruhigung benützen,' wird dies jedoch nicht der Fall sein, so wird die Gemeinde wohl ein schönes, modernes Bad, aber keine Mitwah erbaut haben, die auch ihrer eigentlichen Bestimmung dient. Wir erachten uns zu dieser Forderung um so eher berechtigt, als ja die Herren Kultusvorsteher selbst zugeben, daß sie die Mikwah uns, den Orthodoxen, also denjenigen die sie eigentlich in Anspruch nehmen sollen, „geben". Es ist schließlich selbstverständlich, daß wir die Errichtung einer brauchbaren Mikwah als die Pflicht einer jüdischen Gemeinde betrachten und nicht als ein Kompromißgeschenk im Sinne des Herrn Salo 'Cohn entgegenzunehmen gewillt sind". — Im übrigen wird Herr Salo Cohn wohl selbst nicht behaupten, daß die von den Neologen aufgestellte Forderung eines Damenchores und ähnlicher Jnstituttonen für diese ebenso wie die Mikwah für die Orthodoxen eine Gewissenssache sei. In jedem Falle aber müssen es die Orthodoxen ablehnen, auch ihrerseits irgendwelche Zugeständnisse zu machen, da solche Zugeständnisse nichts anders als das Anerkenntnis der Berechtigung von Gesetzesverletzungen bedeuten würde. Ungarn. Nus (fern beben 9er größten jQdifdien Semeinöe Ungarns. (Von unserem Korrespondenten.) II. Bu dapest, im November. Die eigentümliche Art der Wahl eines konservativen Rabbiners für den Nombachtempel war das Werk Mezeys. Der Rabbiner ist bereits installiert und der gegen die Wahl erhobene Protest eines großen Teiles der Gemeinderepräsentanten noch bis zum heutigen Tage nicht erledigt. Im Präsidium der Chewrah-Kadischah hat sich eine Krise abgewickelt, über die in eingeweihten Kreisen viel gesprochen wird. Der Präsident dieses Vereins, der mit einem Millionenbudget arbeitet, Herr Bo sch an, ist unter Berufung auf seine angegriffene Gesundheit von seiner Stelle zurückgetreten. Jakob Boschan erfreute sich allgemein der größten Hochachtung und hat sich auch als Philanthrop einen bedeutenden Namen gemacht. Seinem Generalsekretär war er aber eine unsympathische Persönlichkeit und er mußte das Feld räumen. Es ist charakteristisch, daß das .Neologenblatt, noch bevor die Demission Boschans angenommen war, dessen Rücktritt mit seinen erschütterten finanziellen Verhältnissen motivierte. Nach dieser Motivierung wurde selbstredend gar kein Versuch unternommen, den scheidenden Führer von seinen Rücktrittsgedanken abzubringen. In der General - Versammlung der Chewrah-Kadischah wurde Boschan protokollarisch Dank und Anerkennung votiert und Julius Winterberg zu seinem Nachfolger gewählt. Der Neugewählte hat auch sofort die Leitung des Vereins übernommen. Was die Institutionen dieses großen „heiligen Vereins" betrifft, so stehen dieselben in humanitärer und .technischer Beziehung auf höchstem Niveau. In religionsgesetzlicher Hinsicht hingegen verdienen sie mit nichten das Prädikat „heilig". Es ist offenkundige Tatsache, daß in den Spitälern, an denen etwa 30 Aerzte wirken, eine den rituellen Anforderungen hohnsprechende Wirtschaft herrscht. Eine Zeitlang haben sich die Herren Assistenten sogar den übermütigen Spaß erlaubt, in der Spitalsküche Hühnchen mit Butter braten zu lassen. Auch in den übrigen jüdischen Gemeindeanstalten werden die religiösen Vorschriften mit Füßen getreten. In den Waisenhäusern ist die Sabbathentweihung obligat. Die Waisenmädchen verrichten am Sabbath unter Anftaltsaufsicht schriftliche Aufgaben und Handarbeiten. Der israelitische Handwerkerverein bringt seine Zöglinge in Häusern unter, wo sie weder rituelle Kost bekommen, noch Sabbath und Jomtof halten dürfen. Mit einer Sedertafel am Peffach und einer Chanukahfeier, bei denen den jüdischen Philanthropen öffentlich gehuldigt wird, ist ihr religiöses Leben für ein ganzes Jahr erschöpft. In der jüdischen Volksküche, wo auch die Lehramtskandidaten und Seminarzöglinge gespeist, werden, herrschen ähnliche Verhältniffe. In den Kanzleien des israelitischen Frauenvereins wird die Sonntagsruhe streng eingehalten, dafür aber arbeitet das jüdische Personal flott am Sabbath Nachmittag. Diese Schilderung skandalöser Zustände könnte noch fortgesetzt werden, und ein erschreckendes Bild von religiösem Nihilismus würde sich da ergeben. Und in dieser großen Gemeinde findet sich kein Mann, kein Rabbiner und kein Vorsteher, der den Mut hätte, gegen solche himmelschreiende Versündigung öffentlich aufzutreten. Wie allgemein verlautet, wird auch Hofrat Wein mann demnächst die Präsidentenstelle in der Gemeinde niederlegen. Und nach dem Ton zu schließen, der im neologen Organ gegen den Präsidenten der Landeskanzlei Dr. M. Mezey angeschlagen wird, sind auch die Tage dieses ersten Würdenträgers des ungarländischen Reformjudentums gezählt. Der allgewaltige Generalsekretär Franz Mezey wird in Kürze alle ihm unbequemen Personen aus den leitenden Stellen hinausgeekelt haben. Wenn man aber an den spiritug rector dieser Streiche denkt, fällt einem unwillkürlich das alte Sprüchwort ein: „Selten kommt was Besseres nach." Budapest, 9. Dezbr. Der Präsident des „Landesverbandes der reformierten Seelsorger" richtet einen Aufruf an die Juden Ungarns eine gemeinsame Aktton zur Durchführung des 20. Gesetzartikels vom Jahre 1848 (Staatliche Erhaltung der religiösen Jnstituttonen für alle rezipierten Konfessionen) einzuleiten. In diesem Aufrufe wird nachdrücklichste betont, daß die faktische Durchführung dieses Gesetzartikels die Säkularisation der katholischen Kirchengüter nach sich ziehen müsse. Unter den Arrangeuren des Judentages werden sich gewiß auch solche Hitzköpfe finden, die die Regierung mit dieser Landesaktion erschrecken wollen. Das gesetzestreue Judentum wird sich aber von einer Bewegung, die die Einverleibung kirchlicher Güter ins Staatsvermögen bezweckt, vollständig fer« halten.