Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1907)
- Date
- 1907-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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M i Ä rrgie der Synagoge als die tiefte Wunde beklagen müßte, die der lebendigen Existenz des Judentums in der Judenheit geschlagen werden könnte — für das Hebräische entschieden, Ihre Entscheidung ist bis jetzt seit zweitausend Jahren in der Synagoge maßgebend geblieben und würde auch uns als unverbrüchlicher Maßftab zu dienen haben, wenn auch nicht schon der zweitausendjährige Nsus die Ursprache der Bibel für unsere synagogale Liturgie geheiligt hätte, und nicht somit der Einführung einer jeder anderen schon ohnehin die gesetzliche Unzulässigkeit entgegenstehen würde. (Schluß folgt.) kmnmnngen und Gedanken. €ia jiditcb« ScbaixkäitldH Von Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) 73. llneigennlißigheil Abrahams. Abraham erwidert dem König von Sodom, welcher ihm die gesamte Habe überlasten will: Nicht einen Faden, noch einen Schuhriemen, überhaupt nichts von dem, was dir gehört, nehme ich an, damit du nicht sagest, du habest Abraham reich gemacht." (1. B. M. 14. 23.) Das ist eine Antwort voll edlen Stolzes. Es ist aber auch möglich, daß die Worte: „damit du nicht sagest, du habest Abraham reich gemacht", nur einen vorgeschobenen Grund bilden. Abraham will durch sie jeden Dank abtehnen und seine Uneigennützigkeit verbergen. Er gibt als den Beweggrund seiner Zurückweisung des Anerbietens die Besorgnis an, daß der König von Sodom sich rühmen könnte, ihn bereichert zu haben. Er stellt sich als stolz hin, um seine Selbstlosigkeit zu verdecken. Das aber ist der höchste Edelmut, oer seinen Edelmut zu verbergen sucht. * * 74. Die Inhonfeauen?. Der Talmud berichtet: „Simon aus Emmaus deutete jeden durch nt* verstärkten Akkusativ in der Thora, aber als er zu dem Satze kam: „Den Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten" (5. B. M. 10. 20.), unterließ er die Deutung des dort stehenden nt*. Da fragten ihn seine Schüler: „Rabbi, wie steht es nun um die Deutung der übrigen nfc?" Da antwortete er: „Wie ich Lohn empfing für die Deutung, so werde ich Lohn empfangen für die Unterlassung der Deutung." (Pestachim 22 b. Bergl. im En Jakob den sogenannten Rif Kommentar.) So notwendig selbstverständlich das konsequente Durchführen von Grundsätzen auch ist, so kann es doch auch löbliche Inkonsequenzen geben. Das Leben und die Praxis lasten sich nicht in mathematische Formeln einspannen. Es gibt Fälle, wo es die Konsequenz erfordert, inkonsequent zu handeln. 75. Die kaikche Anerkennung. Die Anerkennung, die dir gezollt wird, braucht nicht immer dir gezollt zu werden. Sie kann deinem Amte, deiner Stellung, d.inem Vermögen gellen und gilt damit noch nicht deiner Persönlichkeit. * * 76. Die Verheißungen 9er Oiora. Warum beziehen sich die Verheißungen der Thora zumeist auf das irdische Leben und nicht auf den Lohn in -er ewigen Seligkeit? Weil die Verheißungen auf einen jenseitigen Lohn, wenn sie mißverständlich aufgefaßt werden, leicht zur Weltverachtung oder Weltverneinung führen können. Der Schauplatz menschlichen Wirkens ist das Diesseits, der Mensch hat hier auf Erden Aufgaben zu vollbringen. Die Weltverachtung oder Weltverneinung hält das irdische Leben für wertlos und nichtig und macht den Erdenbürger unfähig zur Erreichung seiner Diesseitsaufgabe. * * 77. 3um öionismus. Von jüdischer „Kultur" kann nur dort die Rede sein, wo es einen jüdischen „Kultus" gibt. (Wird fortgesetzt.) orrespondenzen und Entrichten. Deutsches gltfd}. Frankfurt a. M., 11. Dez. Der öffentliche Bereinstag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" findet am Donnerstag, den 26. Dezember, vormittags 11 Uhr im großen Oberlichtsaale der Philharmonie, Bernburgerstraße 22—23 zu Berlin statt. — Die Tages- « ordnung lautet wie folgt: 1. BWküßttNgen und Berichterstattung. 2. Referat d«8 Herrn Dozenten Dr. I. Wohlgemuth-Berlin: Das Wesen des gesetzestreuen Judentums". 3. Referat des Herrn Moritz A. Loeb-Frankfurt a. Main: „Gegenwartsaufgaben der aesetzestreuen Judenheit". Voran geht am Mittwoch, den 25. Dezember, abends eine zwangtoseZusammenkunft der auswärtigen Teilnehmer mit den Berliner Gesinnungsgenossen und den Delegierten des Verbandes der Sabbathfreunde im „Burghotel", Burgstraße 20. Die Sitzungen der Fachkommissionen, zu denen besondere Einladung erfolgt, sind auf Dienstag Abend. Mittwoch und Donnerstag Vormittag festgesetzt. Den Schluß der Veranstaltungen bildet ein F e stessen am Donnerstag, den 26. Dezember, nachmittags 4 Uhr. Wie wir hören, ist eine starke Betemgung von Gesinnungsgenossen aus allen Teilen des Reiches zu erwarten. Die Teilnahme von Damen an sämtlichen Veranstaltungen ist willkommen. Berlin, 11. Dez. Der D elegierten tag des V erbandes derSabbathfreunde ist auf Mittwoch, den 25. Dezember, nachmittags 3 Uhr nach Berlin einberufen worden. — Die Tagesordnung lauret wie folgt: 1. Rechenschaftsbericht des geschäftssührenden Ausschusses, 2. Berichte der Kommissionen, 3. Referat über „Errichtung des Kreditinstitutes", 4. Referat über jüdische Brockensammlungen und ihre Verwertung für die Interessen der Sabbathheiligung, 5. Neuwahlen. Frankfurt a. M., 10. Dezbr. Der von dem „D.-J.-Gemeindebund" „anerkannten" Presse geht von diesem folgende Mitteilung zu: „Die aus Vertretern des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Verbandes der deutschen Juden zusammengesetzte Kommission „zur Ausarbeitung eines Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens" hat in den Tagen vom 17» bis 21. November in fünf umfangreichen Sitzungen die zweite Lesung des Gesetzentwurfes vorgenommen. Die Sitzungen waren sehr zahlreich besucht/ von auswärts waren die Herren R.-A. Dr. Blau aus Frankfurt a. M. und Justizrat Dr. Rothfels aus Kassel anwesend Von den am Erscheinen verhinderten auswärtigen Mitgliedern waren zum Teil sehr umfangreiche Amendierungsanträge zu allen Teilen des Entwurfs eingegangen. Die Kommission, in die noch die Herren: Justizrat Lilienthal, Syndikus der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Oberlandesgerichtsrat a. D. G. J.-R. Profeffor Moste und Stadtverordneter Louis Sachs neu eingetreten sind, hat eine, aus 3 Mitgliedern bestehende Redaktionskommission eingesetzt, die die genaue Forniulierung und seiner unglücklichen Familie standen, gestatte ich mir unsere Kollekte bei Ihnen, Herr Petrowitsch, zn beginnen." Der Angeredete holte aus seiner Brieftasche eine Hand voll Papierrubel und gab sie mit echter biedermannischer Gönnermiene dem Verteidiger hin. Tüser nahm sie verbindlich dankend und wollte eben die Sanmrlung fortsetzen, als sein Blick wie zufällig auf die Banknoten fiel, die ihm Petrowitsch überreicht hatte. „Hoher Gerichtshof," sprach dann feierlich Dr. Hirschensohn, indem er jeden einzelnen Schein prüfend betrachtete, „die sämtlichen Banknoten sind falsch, die mir Herr Bürgermeister Petrowitsch soeben übergeben hat. Ich lege sie in dieses Couvert, und lasse dasselbe vom hohen Gerichtshof versiegeln, um sie der zuständigen Behörde weiter geben zu können." Wenn in diesem Augenblick ein Blitz in diese Schurkenbande geschlagen hätte, so hätte sie nicht entsetzter und vernichteter dasitzen können. Sie mußten nur zu gut, daß bei dem verbreiteten Falschmünzerwesen nichts in Rußland so hart bestraft wird, als die Herstellung und Verausgabung von falschem Gelde. Iwan Petrowitsch erholte sich bald von seinem Schrecken und verlangte die Scheine zur genauen Durchsicht zurück. Dr. Hirschensohn erklärte die faschen Banknaiett in keine andere Hand zu legen als in die der zuständigen Behörde. Das war korrekt uno die Richter konnten sich diesem Ansinnen nicht widersetzen, ohne in den Verdacht der Mitwisserschaft zu ver- -stülen. In dieser Verzweiflung gab Petrowitsch die Erklärung ab, der Verbreiter von falschem Gero ist nur strafbar, wenn er nicht angeben kann, von wem daS Geld stammt. Mer er sei in der Lage, den Mann zu nennen, es sei Niemand anders als Mendel Eisenstein. „Könnt Ihr das beschwören?" fragte Dr. Hirschensohn. „Gewiß kann ich das," erwiderte der Schurke, „und zwar sofort." „Ich bitte den hohen Gerichtshof, die Vereidigung sofort vorzunehmen." Der Gerichtshof, der den angeklagten Juden nun auch als Falschmünzer brandmarken wollte, entsprach dem Antrag und nahm sofort die Vereidigung Iwan Petrowitsch's vor, welcher beschwor, daß er die Rubelfcheine von dem Angeklagten Mendel Eisenstein erhalten habe. Als Petrowitsch diesen Eid geschworen hatte, erhob sich Dr. Hirschensohn und erklärte feierlich: „Ich beantrage nunmehr sofort Iwan Petrowitsch wegen Meineids in Haft zu nehmen. Als mein Klient vorhin. behauptete, er habe die angeblich gestohlene Kuh von.Petrowitsch gekauft und bezahlt, hat dieser unter Eid erklärt, er habe zwar wiederholt mit Eisenstein Tauschgeschäfte gemacht, aber niemals bares Geld erhalten. Da er aber jetzt das Gegenteil erklärt, so hat er einmal einen Meineid geschworen und ich dringe darauf, daß er sofort festgenommen wird." Der Rosche war also richtig in die Falle gegangen, die ihm der Scharfsinn von Reb Merle gestellt hatte. Wie es nun bei unseren Gerichten geht, so ging es auch da. Die Richter zogen sich zur Beratung zurück. Die beiderseitigen Verteidiger verhandelten miteinander. Dr. Hirschensohn riß vor den Augen der ganzen Gesellschaft das Couvert auf, sah die Scheine noch einmal an und erklärte, daß er sich geirrt habe, die Banknoten feien echt. Es kam ein Vergleich zu Stande, bei welcher das Gericht.die Verurteilung aufhob und Petrowitsch statt zum Kerker, zur Tragung sämtlicher Gerichtskosten verurteilte. So ward ich verurteilt und fteigesprochen, ganz so wie Reb Aberle vorausgesagt hatte. Das war heute am vierten Tag Chanuka vor sieben Jahren. Als ich Tags darauf zu Reb Aberle kam, um ihm zu danken, lehnte er jede Anerkennung ab und sagte, »nir sei ein großes Nes (Wunder) widerfahren, das habe kein menschlicher Verstand, sondern Gott allein zu Wege gebracht. Ich meinte, solche offenbare Wunder gäbe es heute gar nicht mehr. Aber Reb Merle holte mir oen Menoras Hamoanr und zeigte mir die Worte, welche dort die Betrachtung zu Chanuka einleiten: „Ter Heilige, gesegnet sei Er, tut Wunder und Zeichen an Israel zu jeder Zeit, in welcher die Einzelnen ihrer bedürfen." Wir haben wenige Tage darauf alles verkauft und sind unter die Schneider gegangen, weil Reb Aberle ihr Rebbe ist. Jetzt wißt Ihr mern Geheimnis." Wegen Raummangels wird die Erzählung „Chawe Rubin" erst in der nächsten Nummer fortgesetzt.