Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1907)
- Date
- 1907-12-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1907 WMWWWWMWWWM» Der JSraelm WWWWWWWWWWW Sette S Gemeinde bet der Schulverwaltung des Philanthropins keinen größeren Einfluß besitzt. Daß es ihm nicht möglich sei, sich für alle etwaigen Forderungen der Liberalen zu erklären, das zeigten die Vorgänge, die sich in diesem Jahr in der Frage des Bauens am Sabbath abgespielt haben. Der Vorstand hat schließlich beschlossen, an der Synagoge am Samstag nicht b.iuen zu lassen, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern um des Friedens willen. Auf ö:n Bau am Philanthropin erklärte er keinen Einfluß zu haben. Der Vorstand hat ursprünglich nur von dem einen liberalen Rabbiner ein Gutachten eingefordert und nachträglich erst von dem konservativen. Anläßlich öes Jubentages, der ihm innige Freude bereitet labe, habe man die Konservativen ebenfalls zurückgesetzt. Der Gemeindevorstand allein hat Einladungen ergehen lassen, ohne den Ausschuß zu berücksichtigen. Die Delegierten der Gemeinde waren fast alle von der linken Seite genommen. Das gleiche Verhältnis lag beim Ortsausschuß vor, in dem 27 Liberale,- 4 Mittelparteiler und 3 Konservative saßen. Sämtliche Gemeindekommissionen wurden vom Vorstand eingeladen, nur die Ritualkommission nicht, ebenso nicht der ehrenamtlich fungierende Stellvertreter des konservativen Rabbiners. Beim Bankett hätte dem Vorsitzenden des Gemeindeausschusses ein Ehrensitz und auch der zweite Toast gebührt. Er werde für die konservativen Interessen entschieden eintreten, aber auch die liberalen Forderungen, soweit sie nicht den Gesamtinteressen der Gemeinde zuwiderlaufen und das Ansehen der Gemeinde und des Judentums nicht schädigen, bewilligen. Er verweise auf die 40er bis 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, auf die Zeit, wo sich infolge der Halsstarrigkeit der Reformelemente die Religionsgesellschaft losgetrennt habe, die heute in Blüte stehe. Er verweise ferner auf die Gefahren, die heute dem Judentum drohen, auf die Bestrebungen wie sie die Schöpfer des neuen badischen Gebetbuches und die Münchener radikalen Stürmer an den Tag legen. Man wünsche den Frieden, allein, wenn jetzt wiederum eine extreme Generation wie vor einigen Dezennien auftreten sollte, dann müsse man wiederum die Fahne entfalten zum Kampf für die Erhaltung des traditionellen Judentums. — Herr Dr. Strauß tritt als zweiter Referent zunächst für das allgemeine Wahlrecht zum Gemeindevorstand ein, es gehe nicht an, daß der Vorstand, wie es heute der Fall i>t, sich selbst wähle. Man sage, im Zentralverein sitzen die Schwarzen, die Orthodoxen. Es seien darin Herren, die sich sogar selbst als „neu bezeichnen, die aber positive Juden sind und wollen daß das Judentum, wie es seit Jahrhunderten ist, weiterbesteht und nicht ein Scheinjudentum an seine Stelle tritt. Wenn es jedoch so, wie heute Dinge liegen, weitergeht, so bekommen wir schließlich Zustände, wie wir sie in der jüngst gegründeter! Gemeinde in Paris vor Augen sehen. Der Bau einer neuen Synagoge sei nicht so notwendig, wie der eines Krankenhauseser habe sich an einem Feiertag überzeugt, daß die Synagoge in der Börnestraße noch nicht halb gefüllt war. Der Redner erklärt schließlich, er werbe als Repräsentant den konservativen Standpunkt wahren, aber auch den Liberalen soweit wie möglich entgegenkommen. In derselbm Weise äußert sich Herr Kahn. Er sei kein Kampfkandidat, aber er wolle nicht, daß das gesetzestreue Judentum von den Schlingpflanzen des modernen Firlefanzes überwuchert werde. Er stehe auf gesetzestreuem Standpunkt, sei jedoch deshalb nicht starrsinnig und werde sich eventuell der Einführung des bisher in der Reformsynagoge üblichen Re formgottesdtenstes für die Westend-Shnagoge nicht Widers etzen. Er wisse, daß ein Gemeindeverireter nicht einseitig sein dürfe. Der Redner wünscht eine Bereinigung der in der Gemeinde bestehenden Humanitären Institution n, eine Art Zentralwohltätigkeitshaus. Er richtet einen Appell an die jungen Leute, deren Steuerlast möglichst auf stärkere Schultern abgewälzt werden, müsse und denen auch die Teilnahme an der Verwaltung verstattet werden müsse. Er widerspricht der Ansicht, daß Herr Ettlinger einseitig sei. — Nach den Referenten ergreift zunächst Dr. A. Bärwald vom ..Freisinnigen Verein' das Wort. Man habe ihrerseits keine Forderung der Orthodoxen abgelehnt, verlange aber auch Anerkennung des freisinnigen Standpunktes. Gerade die Liberalen seien die Notleidenden sn der Gemeinde, sie litten unter dem religiösen Jndifferentismus, den sie durch die Darbietung eines „geläuterten Judentums" und „würdiger Formen des Gottesdienstes" zu bekämpfen suchten. Was die Ausgaben, die für die Liberalen von der Gemeinde gemacht wurden, anlange, so sei zu bemerken, daß das Philanthropin nicht eine liberale Anstalt sei, sondern in der Mitte stehe. Sollte eine Forderung bezüglich der Kopfbedeckung beim hebräischen Unterricht laut werden, so werde der Direktor bereit sei», ein besonderes Zimmer zur Verfügung zu stellen. Er, Redner, habe nur s. Z. verhindern wollen, daß unter den Kindern eine Spaltung entstehe. Der Redner droht schließlich, daß, wenn man den Liberalen nicht gerecht werde, eine Anzahl angesehener Mitglieder der Gemeinde den Rücken kehren werde. — Herr Dr. Heinemann widerspricht der Behauptung, es sei niemals eine konservative Forderung abgelehnt worden, mit dem Hinweis darauf, daß man für den konservativen Unterricht nicht die erforderlichen Mittel bewilligt hat. Das liberale Judentum sei keineswegs von best Konservativen bedroht, wie man es darstellt. Kein Kandidat des Zentralvereins habe einen für die Liberalen bestimmten Gottesdienst mit Orgel und einem Einschlag deutscher Gebete bekämpft. (Traurig genug! Red.) Wenn der Liberale Verein den Jndifferentismus bekämpfen wolle, dann müffe er mit dem Zentralverein sich gegen die extremen Reformen wenden. Wenn die Feinde auf der einen und die Feinde auf der anderen Seite nicht ihre Freude am Kampf in der Gemeinde haben sollten, wie es anläßlich der Aeußerungen gewisser Frauen der Fall gewesen sei, dann müßten die Liberalen auf der mittleren Linie bleiben, auf der eine Einigung mit den Konservativen möglich sei, — Herr Dr. Geiger wendet sich zunächst gegen einzelne Aeußerungen der Refenten. Die Aenderung des Wahlrechts zum Vorstand stehe auch auf dem Programm des. Liberalen Vereins. Den jungen Leuten sei schon heute der Eintritt in die Gemeindeverwaltung möglich. Die Steuern sind durchs Gesetz geregelt. Bon Herrn Ettlinger sei nicht verlangt worden, daß er allen liberalen Forderungen zustimme, sondern nur denjenigen, die die orthodoxen Interessen nicht verletzen. Es sei nicht mehr von ihm verlangt worden, als was die vorjährigen Kandidaten zugestanden hätten. Die vom Zentralverein präsentierten. Kandidaten (Bender, Dr. Merzbach, Heidenheimer) ständen auf gemäßigtem Standpunkt. Der Rednor erklärt es für eine tendenziöse Unterstellung, daß der Liberale Verein den Sonntagsgottesdienst anstrebe - Herr Ettl nger sei übrigens extremer als seine eigenen Parteigenossen. Denn sogar Herr Dr. Heinemann habe vor 4 Jahren erklärt, daß er die Einführung des deutschen Gottesdienstes, wie er in der Loge Einigkeit abgehalten wird, nicht bekämpfe. — In einer persönlichen Bemerkung erklärte Herr Dr. Heinemann, er stehe auf dem Standpunkt, daß er sich nie verpflichtet habe für einen Reformcotte-dienst zu stimmener habe erklärt, er werde sich hinstchlich der Frage dieses Gottesdienstes der Abstimmung enthaltener habe sich übrigens nur bezüglich dieses Filialgottesdienstes (von einer Synagoge mit solchem Ritus war damals noch nicht die Rede) geäußert. Wenn Herr Dr. Geiger sage, daß Herr Ettlinger nicht mehr Zugeständnisse machen solle als die vorjährigen Kandidaten, so sei eine Einigung jetzt noch möglich und vielleicht der Wahlkampf zu Ende. — Herr Dr. Auerbach führt aus, eine solche Einigung sei ausgeschlossen, nachdem sich aus einer Aeußerung des Herrn Ettlinger ergeben habe, daß e r jene Erklärung vom vorigen Jahre anders auffasse als der Freisinnige Verein. Der Redner wiederholte, was Herr Dr. Geiger über den etwaigen Abfall von bisherigen Gemetndemitgliedern gesagt hatte. — Herr Levigard verweist darauf, daß man schon vor 100 Jahren für die Reform den Borwand, man könne nur durch sie die Indifferenten wieder gewinnen, ins Treffen führtedie Folgen dieser Reform liegen nun vor aller Augen. — Eine Aeußerung des Herrn Rosenthal, man dürfe sich nicht von den Herren umgarnen lassen, die die Religion nur zu gewissen Zeiten als Sport benützen, — rief ungeheueren Lärm bei den Freisinnigen hervor, die entrüstet den Saal verlassen wollten. Nur mit schwerer Mühe konnte sich Herr Ettlinger mit seinen Schlußbemerkungen verständlich machen, in denen er die Angriffe seiner Gegner zurückwies. Erst gegen 1 Uhr wurde die Versammlung geschlossen. (Wir kommen auf diese in mehrfacher Hinsicht symptomatische Versammlung noch zurück. Red.) Frankfurt a. M., 5. Dezember. Eine in einfachen und würdigen Formen verlaufene Chanukafeier veranstaltete am gestrigen Abend die „Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung" (Nachlath Zwi) in den Räumen Aes alten Hörsaales der „Israelitischen Religionsgesellschaft". Den Mittelpunkt der Feier bildete eine groß angelegte Rede des Herrn Provinzialrabbiners Dr. Cahn-Fulda über „Jüdisches Selbstbewußtsein und Assim i l a n t e n t u m". Der Redner wies nach, wie gerade in den Kreisen, die ihr jüdisches Selbstbewußtsein mit besonderen! Nachdruck betonen, sich fataler Weise sehr häufig starke Züge eines geistigen Assimilantentums zeigten, das entgegen aller jüdischen Ueberlieferung das Nationalgefühl genau in den gleichen Formen zu äußern sich bestrebt, wie dies bei den Völkern der Welt zu geschehen pflegt. Im zweiten Teil seines Bortrages wies der Redner die gleiche Erscheinung unbewußter Assimilation in einer in den letzten Tagen erschienenen Schrift über „Das Wesen be§ Judentums" nach, in der in der elegantesten Weise die grundlegenden Anschauungen des überlieferten Judentums beseitigt und durch Phantasiegebilde aus der Schatzkammer der nichtjüdischen Theologie ersetzt werden. Das zahlreich erschienene Publikum spendete dem Redner reichen Beifall, und blieb dann noch bei einer Reihe von Darbietungen deklamatorischer und musikalischer Art bis in die späte Abendstunde zusammen. Besonders erfreuten die Darbietungen des Herrn Kantors Schwarz. Frankfurt a. M., 27. Novbr. Am vergangenen Montag hielt Herr Landrabbiner Dr.'Mannheimer aus Oldenburg im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" einen Bortrag über das Thema „Bildung, Charakter und Erziehung im Judentum einst und jetzt." Der Redner ging in senen Ausführungen vor allem auf den grundlegenden Unterschied in der Bewertung der Einzelpersönlicykeit bei den Griechen und im Judentum aus. Die griechische Weltanschauung betrachtet das Individuum lediglich als Teil des Ganzen, des Staates, kennt aber nicht einen ihm an und für sich zukommenden Wert. Die griechische Weltanschauung wird beherrscht von der Idee des Staates. Im Judenmm hingegen wird das Jnbividium um seiner selbst als sittliche Persönlichkeit willen geachtet. Dieser Unterschied kommt besonders in der Behandlung des Erztehungsproblems zum Ausdruck. DaS Griechentum will starke, leistungsfähige Staatsbürger, das Judentum will hohe Menschenpersönlichkeiten, die ihrer Gottebenbtldlichkeit gerecht werden willsittliche Charaktere heranbilden. Darum ist das jüdische Volk das Volk der Schule, der auf die Veredlung der Seele gerichteten Schule. Wie sehr sich unsere Zeit von dem a'ten jüdischen Lebensibeal entfernt hat, das zeigt fich deutlich tn der starken Veräußerlichung, die die Bildung des modernen Geschlechts erfahren hat. — Der interessante Bortrag erntete lebhaften Beifall. Berlin, 24. Novbr. Am Dienstag, 21. November, beging der Israelitische Fortbildungsverein „Moniefiore", wie alljährlich, sein Stiftungsfest. Die außerordentlich rege Beteiligung lieferte einen neuen Beweis für die Beliebtheit, deren sich der Verein in weiten Kreisen erfreut. Herr Dr.Meter Hildesheimer hielt die mit vielem Beifall aufqenommme Festrede, an die sich eine lange Reihe musikalischer und deklamatorischer Borträge anschloß. Die vorzügliche Stimmung, die das Fest beherrschte, hielt die Erschienenen bis zum frühen Morgen beisammen, mrd wir wollen hoffen, daß auch dieses Fest die Kenntnis von dem Ziel des Vereins, die Fortbildung im jüdischen Schrifttum zu fördern und echt jüdische Geselligkeit zu Pflegen, in weite Kreise getragen hat. Die sich stetig mehrende Zahl aktiver Mitglieder bietet den besten Beweis, daß der Verein ein bedeutsamer Faktor im jüdischen Leben Berlins geworden ist, und daß seine Leitung stets bemüht ist, allen Anforderungen gerecht zu werden. Bafel, 2. Dezbr. Am 30. Novbr. hielt im hiestgen „Verein zur Förderung des gesetzestreuen Judentums in der Schwerz" Herr Moritz A.Loebaus Frankfurta. zwei nach Form und Inhalt gleich treffliche Borträge. Am Nachmittag sprach er im Bethamidrasch über „den Sabbath", am Avend in dem Saale der Töchterschule über „die Frauenfrage im Lichte des Judentums". Beide Reden fanden am Schluffe wohlverdienten reichen Beifall. Manche gute Saat ist dadurch ausgestreut, und unserem z. Zt. im Aufblühen begriffenen Verein sind viele Sympathien gewonnen worden. Personalien. Rabbi S. B Schreiber (Zum ersten Jahrzeitstage.) Preß bürg, 23. Kislew. Am 15. Kislew war ein Jahr dahingcgan, en, seitdem R. S. B. Schreiber aus unserer Mitte genommen worden ist. Und noch ist die Wunde nicht vernarbt, die der Heimgang dieses Fürsten der Thora der gesetzestreuen Judenhett Ungarns, besonders aber der Preßburcer rQ^, der größten Thoralehranstalt des Landes, geschlagen hatte. Lebhaft steht vor unseren Augen daS Bild des großen Mannes, wie in den Tagen, da er vor seinen Schülern seine unvergeßlich bleibenden Borträge hielt. Sie alle, die sich seine Schüler nennen können, werden mit Wehmut der Zeiten gedenken, da fie zu des Meisters §üßen sitzen durften. Sein Bortrag war von begeisternder Wirkung und bot eine Fülle von Anregungen, die die Hörer alsbald zum Gegenstand der Erörterung machten. Die schwierigsten halachischen Probleme verstand er klar und anschaulich vor ihnen zu entwickeln, in das verwirrende Dunkel der widersprechenden Meinungen brachten seine geistsprühenden Erläuterungen jhelleS Licht. Wer hatte besser als er die min* roriN in den jungen Gemütern wecken und. stärken können! Es wird der großen Schar der D'TiD;>n immer als ein großer Augenblick in Erinnerung bleiben, wie der Rabbi bei der Eröffnung eimS jeden Semesters tief ergriffen, Thronen im Auge, mtt seinem , „ich hitt' euch" ermahnte, die {jvldene, die kostbare Jugendzeit zu unermüdlichem Thoratudium zu benutzen und den Weg der Gottesfurcht zu wandeln. Wem unter ihnen stei t nicht vor der Seele die