Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1907)
- Date
- 1907-12-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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v, die ihm seine Bedeutung verleiht, wiewohl dieser Gesichtspunkt bei der begrenzten Leistungsfähigkeit und den hohen Anforderungen, die an die materielle Kraft der Gemeinde auch so schon gestellt werden müssen, gewiß nicht zu unterschätzen ist. Aber ungleich wichtiger ist dieser Beschluß der Gemeindeverwaltung als Symptom des wiedererwachten und Gott sei Dank lebendigen Selbstvertrauens, das nach einer kurzen Periode zager Mutlosigkeit und allzu bescheidener Selbsteinschätzung, in neuerer Zeit die Gemüter unserer Gemeindemitglieder erfüllt und sie, im Bewußtsein der Güte und Kraft der Sache, die sie vertreten, auch an verantwortungsvolle und großzügige Aufgaben guten Muts herantreten läßt. Dieser Wandel der Zeiten tritt vielleicht in keiner Institution unserer Gemeinde so deutlich zu Tage wie gerade in dem Krankenheim. Während es ursprünglich als kleine Nebenstation an einem interkonfessionellen Sanatorium geplant war, führten die Ereignisse dazu, daß man sich seiner Zeit schweren Herzens entschloß, in immer noch bescheidenem Umfange das Krankenheim in der Prenzlauer Alle mit 25 Betten zu eröffnen. Ein Sprung ins Dunkle, ein übergroßes Wagniß, so mußte dieser Schritt damals erscheinen und nicht viel besser wurde er damals wohl auch allgemein beurteilt.. Kaum waren aber 2'/, Jahre ins Land gegangen, da hatte sich's erwiesen, daß diejenigen Recht hatten, die an die Sache glaubten und ihrem guten Stern vertrauten. Die zu eng gewordenen Räume wurden verlassen und in vornehmster Lage, Königgrätzerstraße 46 a ein neues Heim mit 38 Betten bezogen. Und nun reichen auch diese Räume nicht mehr hindas Bedürfuiß aus eigenem Grund und Boden zu sitzen, hat sich so stark und berechtigt erwiesen, daß zum Ankauf des obengenannten Grundstückes geschritten werden mußte. Da in absehbarer Zeit das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde an die Peripherie verlegt werden wird, so wird dann unser Krankenheim das einzige jüdische im Stadtinnern sein und mit seinen projek ierten 54 Betten einen beachtenswerten Faktor im Klinikwesen unserer Stadt bilden. Und es wird die Lehre künden, daß Gott auch im Schwachen stark ist, wenn er nur zu Ehren Seines Namens und Seines Willens handelt. Dasselbe Bilo ruhiger und stetiger Entwickelung zeigt auch der Verwaltungs- Bericht der „Adaß Jisroel" für die abgelaufenen 3 Jahre. Der Mitgliederstand weift eine erfreuliche Zunahme auf, sowohl in der Zahl der stimmberechtigten (aus der Muttergemeinde ausgetretenen) wie in der der beitragenden Mitglieder. Der Synagogenbau hat rund 900,000 Mark gekostet, wofür aus verfügbaren Beständen 557,000 Mark herangezogen werden konnten, während 343,000 Mark durch Hypotheken gedeckt wurden. Das Ergebnis der Synagogensitzevermietung stieg von 6000 Mark im Jahre 1903/04 auf 11,059 Mark im letzten Jahre; es hat sich also fast verdoppelt. Auch die Erträgnisse aus der Gemeindeeinkommensteuer (Mitgliederbeiträge) haben sich infolge Anwachsens der Zahl der Mitglieder und freiwilliger Erhöhung der Leistungen seitens einer Anzahl derselben erheblich gesteigert. „Die Rückschau auf die Gestaltung der Gemeinde- Verhältnisse^', so heißt es denn auch im Bericht, „zeigt eine kontinuirliche Entwickelung in anfsteigender Linie. Erfreulicher aber als der Aufschwung, der sich im äußeren Rahmen vollzogen hat, erscheint uns die Tatsache, daß das Gemeindeleben sich mehr und mehr vertieft und verinnerlicht, der Gemeindesinn im Einzelnen erstarkt und das Gemeindeziel, ihr erhabenes Ideal, verständnisinnige Begeisterung, nicht zum wenigsten in der reiferen Jugend erweckt und wach erhält." Das ist ein gutes Wort, das in der ganzen Gemeinde seinen Widerhall finden wird. Mögen „liberale" Schimpfbolde die Erstarkende Neuorthodoxie" mit noch so heftigen Schmähungen überhäufenuns werden sie damit die Freude an dem Wachstum unserer Gemeinde nicht vergällen, und unsere Ideale stehen zu als daß sie von so plumpen Anwürfen erit werden könnten! Berlin, 29. Nov. Die Beteiligung an den in zwölf Wahllokalen vor sich gehenden gestrigen Repräsentantenwahlen für die Berliner jüdische Gemeinde war verhältnismäßig schwach. Gewählt wurden die auf die Konipromißliste der Neologen und Konservativen gesetzten Kandidaten. Das genaue ziffermäßige Ergebnis wird erst nach einiger Zeit festzustellen seindie Auszählung der Stimmen erfolgt im königl. Polizeipräsidium, wohin die versiegelten Wahlurnen gebracht worden sind. Berlin, 2. Dezbr. Aus Casablanca erhält das deutsche Bureau Alliance Jsraölite Universelle nachstehenden Bericht: Die Stadt Settat ist von den: Stamm der Mzamza geplündert worden. Die Israelitische Bevölkerung ist geflohen. Der Stamm der Mzamza, der rings um Settat wohnhaft ist, hat die gegenwärtige Anarchie und die Bewegungsfreiheit, die ihm die drei im Schaujagebiet lagernden Armeen lassen, dazu benutzt, in jene Stadt einzudringen, sie auszuplündern und fast vollständig zu zerstörett. Die jüdische Gemeinde von Settat war schon vor vier Jahren einmal in ähnlicher Weise ausgeplündert worden. Jetzt sind 300 bis 400 Familien wieder ohne Obdach und ohne Brot, ungerechnet die Familien, die von Casablanca nach Settat geflohen waren und dort die Schrecken einer wiederholten Plünderung auszuhalten hatten. Colmar, 21. Nov. Da am 31. Dezember das Mandat der Konsistvrialmitglieder Karl Lev Y-Colmar, Heinrich Z i v i-Colmar und Heinrich Wallach-Mülhansen abgelaufen ist, haben die israelitischen Wähler des Ober- Elsaß am 22. Dezember eine Neuwahl vorzunehmen. Der Kampf wird voraussichtlich lebhaft werden, da ein Teil der Wähler die Verlegung des Konsistoriums von Colmar nach Mülhausen, als der größten jüdischen Gemeinde des Bezirks, wünscht. Mai astin a. stus Sem heiligen Lan3e. (Bon unserem Korrespondenten.) Jerusalem, Kislew 5668. Zurückkehrend von Europa, wo die Hebung der Wohltätigkeit ausgezeichnet organisiert ist und wo jede 9tot, sei sie noch so außergewöhnlich und schwer, Hilfe findet, wird man von dem krassen, hier herrschenden Gegensatz dazu aufs Aeußerste bedrückt. Und wahrlich die Aufgabe, dem furchtbaren Elend, welches diesen Winter in Jerusalem wütet, abzuhelfen, ist eine zu große für die so knapp vorhandenen Mittel. Man weiß nicht wo man anfangen soll. Die Tausende unserer Armen, unter welchen so viele alte, blinde, hilflose und gebrechliche Leute sind, und die Zahl der kleinen Kinder, die an Hungertyphus darniederliegen, haben nicht abgenommen. Sollen wir diesen zuerst helfen, haben sie das Vorrecht, oder haben es die trostlos elenden, geplünderten, noch vor einem Jahre wohlhabenden Marokkaner, die ihr Hab und Gut zvrücklassend hierher geflohen sind und die hungernd und frierend in dem ungewohnten Klima in leichter Kleidung und goldgestickten Pantoffeln herumlaufen, die ihnen niemand abkaufen, oder gegen solide Lederschuhe Umtauschen will, und wiederum, soll von dem Wenigen, das in unserem Besitze ist, nicht auch unseren russischen Stammesbrüdern und Schwestern gegeben werden? Sie wandern hierher in unendlichem Strome, schöne, intelligente Menschen. „Wir nehmen sie in Beirut nicht auf", sagte mir ein dortiger Beanrter, „aber sie kommen doch herein ins heilige Land". Gerade diese bedürfen vielleicht am meisten der Hilfe, da eS ihnen so ganz und gar an moralischer Kraft fehltder erhaltende jüdische Geist ist bei ihnen leider, sicherlich infolge der schrecklichen Erlebniffe in Rußland, zurückgedrängt, ja, fast könnte man glauben, er sei auf immer erstickt. Gottlob, diese Woche ist der so lang ersehnte und mit tiefer Inbrunst erbetene Regen reichlich eingetreten*). Die diesjährige schlechte Ernte, eine Folge des vorjährigen geringen Regenfalles, ha die Preise aller Lebensmittel ungeheuer in di Höhe getrieben. Die Zisternen waren schon im Juni ausgetrocknet und selbst solche Leute, denen ihre Verhältnisse eine 4 Zimmer-Wohnnng erlaubten, fühlten es hart, eine Taxe von 20 bis 30 Frcs. pro Monat für das unappetitliche, gelb und trübe anssehende, aus den schmutzigen Ziegenhäuten voin Rücken des gebückten Wafferträgers verabreichte Waffer zu bezahlen. Die sephardische Gemeinde, die die Mehlteuerung, jedoch ohne Erfolg, zu bekämpfen suchte, hat diese Woche ernstlich beraten, ob es nicht ihre Pflicht sei, Europa um Beistand in dieser traurigen Lage telegraphisch anzurnfen **>. Moharem die jährliche Umzugsperiode rückt heran und, da selbst die Miete der dumpfen Löcher in der Altstadt erhöht worden ist, werden viele Arme wohnungslos werden. Es ist nicht erstaunlich, daß es unter solchen Verhältniffen mehr Krankheiten unter den Armen giebt als sonst um diese Jahreszeit, die immer reich an Opfern ist. Das Wirken edler Menschen wird in einer solchen Zeit doppelt geschätzt, und man hat die Heimkehr des Herrn Jonas Marx nach Jerusalem nach 6 monatlicher Abwesenheit freudig begrüßt. Wie wohl bekannt, wirkt derselbe seit 6 Jahren in uneigennützigster Weise am hiesigen Schaare-Zedek-Hospital und hat reichlich Gelegenheit eine 12jährige Erfahrung in den Armenverhältniffen Jerusalems zu verwerten. Solche Menschenfreunde vermißt man — auch nur für kurze Zeit — ungern in Jerusalem. Das Disk ins che Waisenhaus hat in der Vorstadt „Nachlath Schiwah" Kn großes Haus für seine 300 Zöglinge gemietet, bis das neue, int Bau begriffene, neue Haus fertig ist. Die Unruhe wegen der C h a ch a m B a s ch i - Wahl hat sich noch nicht gelegt. Gestern wurde wieder ein Mann lvegen Beleidigung des R. Panisel verhaftet. Der Rischon Le-Zion sprach jedoch sofort beim Pascha vor und erwirkte die Freilassung des Mannes. Der Sohn des R. Panisel, ein Advokat, der im Dienste des türkischen Staates in Bagdad tätig war, steht seinem Vater jetzt als Sekretär zur Seite. Herr B e n ch s u e l, Direktor des Mayer Rothschild-Krankenhauses, ist vorige Woche nach langem, schwerem Leiden im 56. Lebensjahre verschieden. Bei der Beisetzung waren alle Anstalten, die jüdischen und die nichtjüdischen, sowie auch alle Konsulate vertreten. Herr Benchfuel bekleidete die Stellung eines Schuldirektors der Alliance Israelit^ Universelle in Bulgarien unspäter in Caifa, ehe er vor 4 Jahren zum Direktor ' des Rothschildschen Spitals ernannt wurde. Aus Aleppo kommt die Nachricht, daß sich die Bevölkerung, wütend infolge der Teuerung, der Regenfall D. Red. *) Spätere Berichte teilen mit, daß noch ungenügend war. **) Das ist bekanntlich inzwischen geschehen. D. Red.