Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1907)
- Date
- 1907-12-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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V« wie die Erzählungen des Barons v. Münchhausen seligen Angedenkens, und mit Wissenschaft soviel gemeinsam, wie etwa ein Hochzeitscärmen mit Poesie. Zunächst die Wahrheit. Man sucht bekanntlich niemand hinter dem Busch, wenn man nicht selbst dahinter fitzt. Wer den traurigen Mut hat, den orthodoxen Rabbinern so unverblümt, wie es jenes Pamphlet (S. 10) wagt, die allerniedrigste Heuchelei und Unwahrhaftiakeit zu unterstellen/ wer so kaltblütig mit den Tatsachen der Geschichte umzuspringen weiß, daß er aus ihnen sogar die Erkenntnis herleitet, die Orthodoxie habe, lediglich aus Rancüne gegen die Reform, jede Neuerung, mochte sie sogar nach dem jüdischen Schrifttum geboten erscheinen, als unjüdisch bezeichnet und be- Üimpft/ wer sich zu einem Machwerk bekennt, das so der Wahrheit ins Gesicht schlägt, wie fast Satz für Satz dieser Epistel, der hat das Recht verwirkt, überhaupt noch das Wort Wahrheit in seinem Munde zu führen und gar als ihr Verkünder vor die Oeffentlichkeit zu treten. „Nach der Wahrheit streben, das ist die Aufgabe des rechten religiösen Liberalismus". Nun, wenn daS Wahrheitsftreben des Liberalismus sich auch fürder in der Richtung bewegen sollte, die er sich hier vorgezeichnet hat, dann dürfte er sein' Ziel sehr bald erreicht haben / denn was hieranEntstttlung der Tatsachen und der gegnerischen Meinung geleistet wird, kann schwerlich noch allzusehr überboten werden. Und nun zur liberalen Wissenschaft. Hier hat der „Liberale Verein" eine epochale Entdeckung zu verzeichnen. Mit der holden Unberührtheit von Sachkunde, die ihn auszeichnet, konstatiert er nämlich, daß „die Wissenschaft des Judentums, die größte Schöpfung des jüdischen Geistes seit mehreren Jahrhunderten, (vor etwa 90 Jahren) noch nicht entstanden war." Man faßt sich unwillkürlich an den Kopf. Daß die Herren von dem Talmud und seinen H?roen nichts wissen, folgt aus ihrer Existenz als „liberales Judentum" / wer von dem Talmud auch nur des Geistes einen Hauch je verspürte, der kann diesem blutlosen Schemen, der sich „liberales Judentum" benennt, unmöglich ein Verständnis gewähren ei vice versa. Aber von Maimonides — um aus der unübersehbaren Reihe nur einen herauszuziehen —, diesem als Talmudist sowohl wie als exakter Forscher auf der Höhe des Wissens stehenden Riesengeiste, sollte man wenig-' stens die Kentnis des Namens doch auch bei dem „liberalen Judentum" eigentlich verlangen und voraussetzen dürfen, sogar die Kenntnis verlangen dürfen, daß er vor mehr als etwa 90 Jahren lebte, allda nach '„liberaler" Geschichtsauffassung die Wissenschaft des Judentums noch nicht existierte! Und doch haben die „liberalen" Herren vollkommen Recht. Was s i e Wissenschaft des Judentums nennen, das ist in der Tat nicht von 90 Jahren, das ist noch nicht einmal von gestern oder ehegestern, und es ist geradezu eine Beleidigung konservativer Männer, wenn, einige Zeilen weiter, ihnen gütigst attestiert wird, daß „manche Männer konservativer Anschauung an dem Aufbau dieser Wissenschaft sich betheiligt haben." Diese Entdeckung ist übrigens nicht die einzige, die den Ruhm des „Liberalen Vereins zu künden B'gnet scheint. Womöglich wertvoller noch ist ende: „In unserer Liturgie gibt es kein etstück, mag es noch so alt sein, bei dem wir nicht genau Nachweisen können, daß das Judentum noch älter ist!" Höre, Mitwelt, und staune! Die Gelehrten des „Liberalen Vereins" sind vermöge ihrer „wissenschaftlichen Erforschung des Judentums" imstande dir nachzuweisen, daß es eher Juden gab, als einen spanischen, aschkenasischen und polnischen Ritus, und sogar, daß unser Siddur jünger ist als die Gesetzgebung am Berge Sinai! Wie unsäglich niedrig muß der „Liberale Verein" seine Gefolgschaft, den Geisteszustand der Leser seiner „Werke" einschätzen, wenn er derartig platte, öde Oberflächlichkeiten ihnen als Kost zu reichen sich getraut! Aber eines hätten die Herren, die auf das Urteil nichtjüdischer Kreise über jüdische Dinge einigen Wert zu legen gewohnt sind, zu überlegen doch gut getan: wehe ihrer „Wissenschaft", wenn ein christlicher, alttestamentlicher Theologe, ein Orientalist oder Historiker darüber kommt! Fast möchte man's wünschen/ denn der Much der Lächerlichkeit, der dann vor breitester Oeffentlichkeit diese Afterwissenschaft träfe, würde sie töten oder wenigstens für einige Zeit unschädlich machen. Aber das Schlimme ist, daß, wie alle anderen Ausschreitungen des Reformjudentums ebenfalls, so auch diese nicht nur ihm, sondern der ganzen Religionsgemeinschaft zu Lasten gelegt würde, und wir die Kosten des Handels zu bezahlen hätten, den Unberufene angerichtet haben. Und nun noch einige Einzelproben liberaler Gelehrsamkeit. Die Festsetzung des Ritus hat erst der Buchdruck bewirkt, „solange die Gebetbücher nur handschriftlich verbreitet waren, gab es fast in jeder Gemeinde eine besondere Liturgie" / so wörtlich S. 6! Weiter: „Im 14. Jahrhundert kam der Brauch auf, in den Tagen zwischen Pessach und Schabuoth keine Trauungen zu vollziehen . . . Der Talmud weiß von diesem Brauch nichts, ebensowenig wissen es die Geonim" usw. (S. 9). Dazu vergleiche — eine gewiß unverdächtige Quelle — Landsberger, „Heidnischer Ursprung des Brauches zwischen Pessach und Wochenfest nicht zu heiraten" (S. 4), wo das bezügliche Gutachten des R. Natronai Gaon wörtlich mitgeteilt wird! Weiter: „Ein Gebet, das für Sabbatai Zwi in die Liturgie eingeschoben worden sei, habe sich bis heute darin erhalten. Es ist 1. nicht. wahr, daß das betreffende Gebet für S. Z. eingerichtet wurde, sondern seine Anhänger haben ein altes Gebetstück zu seinen Ehren verstümmelt / 2. diese Verstümmelung hat natürlich keinen Eingang in die Liturgie gefunden, ist also nicht „in unserer Liturgie geblieben " — Den Vogel aber schießt die liberale Gelehrsamkeit mit dem Gallimathias ab, den sie in Sachen des Kol nidre-Gebets anrichtet, an dessen Bekämpfung nicht weniger als zwei Seiten des schönen'Opus gewendet werden. „Es tauchte zuerst im 9. Jahrhundert unter den babylonischen Juden auf", so behauptet schlankweg der „Liberale Verein", der natürlich von Talmud Nedarim .23b keine Ahnung zu haben braucht. „Der Brauch, es herzusagen, schwankte zwischen dem Nüsttage des Neujahrs und dem Vorabend des Versöhnungsfestes": diese Behauptung ist zu köstlich, um glossiert zu werden. „Der. Gaon R. Amram nahm es in seine Gebetordnung nicht auf"/ einfach unwahr, wie jedermann sich überzeugen kann. „Die größte Autorität des gaonäischen Zeitalters, R. Hai Gaon war über diesen irrigen und albernen Brauch empört"/ wiederum unwahr, R. Hai Gaon hat vielmehr die Formel des Gebetes festgestellt usw. usw. Diese Proben dürften genügen, um die wissenschaftliche Fides des „Liberalen Vereins" zu charakterisieren, sie könnten noch reichlich vermehrt werden. Es gibt für den wissenschaftlich denkenden Menschen kaum etwas Abstoßenderes und das bessere Empfinden Verletzenderes als dilettantenhafte Stümperei, die ihre Ignoranz hinter großsprecherischenRedensartenverbirgtund damitdie zur Nachprüfung Unbefähigten gröblich täuscht. Damit ist der Wissenschaft des „Liberalen Vereins" ihr Urteil gesprochen. Von unserem Parteistandpunkte aus könnten wir uns nichts Besseres wünschen, als wenn, wozu in dem Pamphlet am Schluffe aufgefordert wird, in gleichem Sinne auch nach den Wahlen liberale Wahrheit erstrebt und liberale Wissenschaft gepflegt werden würde. Denn dann würde aus den Ergebnissen dieses Strebens und Pflegens sehr bald auch dem blödesten Auge klär, daß Wahrheit und Wissenschaft des liberalen Judentums so, wie sie find, beschaffen sein müffen, weil Unwahrhaftigkeit und Unwissenheit der Untergrund find, auf dem das Reformjudentum im Ganzen beruht. Trotzdem drängen wir diesen Wunsch zurück, well wir die Unwahrheit auch dann nicht paradieren sehen mögen, wenn sie unseren Hassern zum Fallstricke dient. Unsere Hassern — wir sprechen das Wort mit Vorbedacht aus. Wäre nicht auch heute noch so glühend der Haß des .Reformjudentums gegen das glaubenstreue, wie nur je seit den Tagen der Geiger, Holdheim und Genossen, so wäre dieser blindwütende Ausfall, der alle Grenzen übersteigt, und schließlich seine Spitze gegen die Urheber wendet, nicht zu verstehen und zu erklären. Und diese Erkenntnis ist das einzige Gute an diesem schlechten Schriftwerk. Mögen unsere Freunde sie im Gedächtnisse bewahren; sie kann sie vor manchem Uebel schützen. Meminisse juvat! Berlin, 30. Nov. Dem Hilfsverein der Deutschen Juden gehen folgende Nachrichten über die neuesten Untaten der Schwarzen Hundert inOdessa zu: Am Mittwoch, den 27.November,versuchte eine Räuberbande das Kontor eines Arbeitervereines in Odessa zu überfallen. Als sie von der Polizei überrascht wurden, warfen sie Bomben und verwundeten mehrere Polizisten, Der Vorfall brachte große Erregung in die Stadt und diese Erregung wurde von den Mitgliedern des Verbandes des russischen Volkes benutzt, um von neuem über die Juden in Odessa herzufallen. Gruppen der Schwarzen Hundert begaben sich in die Hauptstraßen der Stadt, überfielen mit Messern und Gummiknüppeln bewaffnet alle Juden, die ihnen begegneten. Eine große Anzahl wurde mißhandelt und verwundet. Zehn lebensgefährlich verletzte Juden wurden in das Jüdische Krankenhaus eingeliefert. Am Abend widerholten sich diese Ausschreitungen. In der Dunkelheit drangen die Excedenten in die jüdischen Läden und Werkstätten ein, vernichteten Waren und Mobiliar, mißhandelten die Besitzer in der schwersten Weise und raubten unbelästigt von der Polizei Waren und Wertsachen, deren sie habhaft werden konnten. Am Tage darauf, am 28. November fand das Begräbnis des so plötzlich verstorbenen Generalgouverneurs Nowitzki in Odessa statt, der erst vor kurzem nach den letzten schweren Ausschreitungen im September nach Odessa berufen worden war, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Die Banden des Schwarzen Hunderts nahmen das Begräbnis zum Anlaß, sich aufs neue auf die Juden zu stürzen. Zahl reiche Juden wurden auch an diesem Tage mißhandelt und verwundet und die rohen Gesellen kühlten ihr Mütchen selbst an Frauen und Kindern. Wie am Abend vorher drangen die Exzedenten gruppenweise in jüdische Läden und Werkstätten ein und verübten dort ihre Untaten, ohne daß die Polizei Gelegenheit nahm, irgend einen der Uebeltäter zu verhaften. Die neuerlichen furchtbaren Vorgänge in Odessa sipd eine Fortsetzung der Schreckensherrschaft, die das schwarze Hundert nun seit geraumer Zeit über diese Stadt ausübt. In frischer Erinnernng sind rioch die schweren gegen die Juden gerichteten Unruhen, die im August uno September in Odessa stattfanden. Von ihrem Umfang gewinnt man ein Bild, wenn man erfährt, daß in der Zeit vom 8. August bis zum 27. September mehr als 300 durch die schwarzen Hundert Verwundete das jüdische Krankenhaus haben aufj suchen müssen, darunter eine Anzahl Christen. 45 Personen hatten sich außerdem einer längeren Krankenhausbehandlung zu unterziehen. Noch sind die alten Wunden kaum vernarbt und schon wieder hat die jüdische Bevölkerung die Schrecken und Qualen eines Pogroms durchzumachen, der neue Opftr schafft, neues Elend und neue Hoffnungslosigkeit. , . FM E. B. Berlin, 1. Dezbr. Der heutige Tag brachte der Adaß Jisroel ein bedeutungsvolles Ereignis/ nach eingehender Berechnung und Debatte hat die Repräsentanten-Versammlung den Ankauf des Grundstückes Elsafferstraße 84 durchgehend nach Linienstraße 86 (ehemalige Professor Martin'sche Klinik) für den Preis vdn 300/100. Mark seitens der Chewrah Kadischa genehmigt'. Es ist erst an letzter Stelle die finanzielle Seite