Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1907)
- Date
- 1907-12-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5. Speicher 1907. auch zu einer feindlichen Begegnung, endlich stellt er im Gebete die Sache Gott anheim. Nun brach die Nacht herein, jene Nacht, da der bedeutungsschwere Augenblick des Zusammentreffens mit Esau herannahte. Schon hat Jakob sein ganzes Lager kriegsmäßig vorbereitet und abgeteilter führt es über einen Bach und bleibt selbst auf dem anderen Ufer zurück. Da tritt ein Mann zu ihm. Jakob kennt ihn nicht. Er faßt Jakob an, und bald entsteht ein Ringen und Kämpfen. Der Ringkampf dauert lange, wird immer wieder erneuert, doch ohne Entscheidung. Keiner von beiden fällt. So geht die.Nacht dahin, und der Morgen bricht an. Da der Mann Jakob nicht bezwingen kann, versucht er es mit einem Kunstgriff : er berührt des Stammvaters Hüftballen und verrenkt ihn. Der eigentümliche Kampf nimmt bei Tagesanbruch ein ebenso eigentümliches Ende. Der Fremde bittet um die Erlaubnis, fort zu dürfen, Jakob aber verlangt vor dem Abschied einen Segen. Der wird ihm auch gegebendabei bemerkt der Segnende: „Nicht Jakob soll fortan dein Name heißen, sondern Witt", denn du wurdest groß bei Gott und Menschen und hast obgesiegt!" — Es wird Tagohne seinen Namen zu nennen entschwindet der Ringkämpfer. Jakob aber hinkte an seiner Hüfte, wesyalb seine Nachkommen die Spannader an der Hüjte nicht genießen dürfen. Was soll dieser nächtliche Kampf bedeuten, in dem der Name „Israel" geboren ward? Wer war der Ringkämpfer und warum erschien er gerade jetzt? Die Antwort erteilt uns die Tradition: Es war der Genius Es aus, ltty?tt itt, welcher vor dem Zusammentreffen der beiden Brüder mit Jakob rang. Und dieser nächtliche Kampf istdas Borbild der mannigfachen Leiden und Kämpfe unseres Volkes gewesen und — geblieben bis auf den heutigen Tag! Wie oft hat uns der alte Esauhaß im Laufe der Jahrtausende heimgesucht, wie oft war es Nacht um Jakob und er mußte kämpfen! Nicht, daß e r der Angreifer war - der haßerfüllte Esausgeist stellte. sich ihm stets ohne Anlaß hindernd in den Weg. Und er verrenkt ihm die Stütze d es Körpers: Juda verliert seine nationale Selbständigkeit, der Tempel fällt in Asche und Trümmer, nach allen Richtungen der Windrose zerstreut uns das Schicksal, doch Jakob fällt nicht! Jakob wird „Israel," ein Sieger vor Gott, unüberwindlich gegenüber feindlichen Geistern und menschlicher Macht, Djn O'pW oy n"itt "3 Wim D"tt2K! Und kämpfen muß Jakob bis der Morgen an bricht, bis das Frührot der Freiheit und Gotteserkenntnis leuchtet weithin über die Erde, dann nimmt das Ringen ein Ende und der Name "Witt"" wird als Siegesfanfare in die Menschheit hinein klingen!- Gerade Jakob ist das Prototyp des leidenden, -von Prüfungen heimgesuchten jüdischen Volkes, „vn "2tt r»n ü"2m vyv", „wenige und leidvolle Tage brachte mir das Leben," dieses Wort des dritten Patriarchen ist das Fazit seiner Erdenlaufbahn. Das Leben des Stammvaters Jakob spielt sich in seinen Hauptmomenten auf dem Wege ab, es ist im vollsten Sinne des Wortes ein mW*) So ist er für.'das zerstreute, r a st l o s e Gottesvolk das eigentliche Urbild, als „Israel" aber die frohe Bürgschaft endlichen Sieges. Der Name „Witt"" machte uns zu unverbesserlichen Optimisten, mit ihm durchschritten wir die dunkelsten Leidensnächte. Darum sprachen die Feinde stets: (Ps 83) iw "Witt" Dtt// ~dp rHi "ud DTra:! rDb, Kommt, wir wollen sie als Volk vernichten, damit nicht mehr der Name „Israel" gedacht werde". „Die Erscheinung Israels als "13, als Volk unter den Völkern, entblößt von alledem, worauf die Völker ihr Dasein gründen, ist ein solcher Protest gegen das ganze soziale und politische System der übrigen Welt, daß dieser nichts so sehr am Herzen liegt, als Israel aus der Mitte der Völker zu streichen, damit nicht schon sein bloßer Name W~Kitt" wie sein ausdauerndes Volksdasein die allem obsiegende Gottesherrschaft verkünde." (Hirsch's Psalmenkomment, z. St.) Wenn „Sem" und „Jbri"uns den Lehrberuf, Jakob den Leidensberuf darstellen/ so will „Israel" uns mit felsenfesten: Sieges vertrauen und Sieges bewußtfein erfüllen. -pDD "D Ijott" "pittK Heil dir, Witt", wer ist dir gleich, ein Volk, dem vom Ewigen geholfen wird! Sei darum stark und mutig! Zeige jenen edlen, von hohen Idealen getragenen und geläuterten Mut, dem die altjüdischen Weisen unvergleichlich schön im Morgengebet Ausdruck verliehen. Aus dem letzten Dorfjuden wird ein Philosoph, wenn er sich vom Schlafe erhebt und in der Welt die Menschheit, in der Menschheit Israel, und in Israel seinen eigenen Platz sucht: Vergänglich ist alles? 121 I2""n no i:m« no, Was sind wir, was ist unser Leben, unsere Frömmigkeit, unsere Kraft und Stärke? Sind nicht ]"K3 D"ii32n bj, alle Helden wie nichts, berühmte und weise Männer -- M - *) Merkwürdigerweise macht kein ttiöD auf diese Eigentümlichkeit aufmerksam. Nur der b""D vom 1. Tag Schowuaus spricht sich irr darüber aus: Jakobs unstätes Leben war nicht zur Thora-Nebergabe an ihn geeignet u. s. f. — Sollte mit dieser Tatsache auch vielleicht der Umstand in Verbindung stehen, daß die 2"p1OO nach “Jlin nWn mit Vorliebe aus Jakobs Lebensgeschichte gewählt wurden? ,-frn 3py"1 ,-jnyitt"^ etc. fahren, um was es sich handle — unangenehm. Und so zog sich Chawe nach kurzer Ueberlegung ins Gebüsch zurück, und unter dessen Schutz begann sie vorsichtig den Aufstieg. Bei jedem Schritte erkannte sie deutlicher die Ursache des Auftrittes. „Ich werde dich in Ketten legen lassen," schrie Chrzanstkiewiez jemanden an. „Du Gauner, wo hast du die zwei Briefe hingetan? Warum ist dieser ausgeschnitten? Wo warst du bis zum Morgen? Glaubst du gemeiner Lump, ich werde für dich aufkommen? Du wirst im Kriminal faulen und die Welt nicht sehen, ja Hund, du wirst faulen. . Nach diesen Worten folgten Schläge, ein furchtbares Brüllen, ein Zerren und schließlich ein Sprung irgend eines Körpers, der das Gebüsch durchbrach und gegen die darin verborgene Chawe fiel. Es war dies Franek, der vor der Verfolgung des Posthalters flüchtete.. Die Jüdin schrie auf uno einem natürlichen Trieb folgend, lief sie dem Verfolgenden entgegen. „Der Dieb," rief Chrzanstkiewiez keuchend, und sie erblickend, blieb er aus dem Flecke stehen. „Was hat er gestohlen?" fragte Chawe ängstlich. „Die Post, er hat Briefe ausgeschnitten, verloren oder vernichtet. O, das werde ich ihm nicht schenken," schrie Chrzanstkiewiez mit dem Stocke auf den Boden schlagend. Jendrzej! Geh nach der Stadt und bringe mir ein Buch Papier, ich werde gleich einen Rapport schreiben." Währerkd Jendrzej eilte das Papier zu holen, und sein Herr sich in die Kanzlei zurüötzbg, uni den zu verfassenden Rapport zu überlegen, ging Chawe nach der Küche. Die von dem Vorfall bekümmerte Frau Posrhalterin vermochte anfangs von nichts anderem ,u reden, allmählich aber begann sie sich für den tör zu interessieren. »Ich möchte kaufen," sagte sie, „wenn mein Mann mir Geld gäbe. Ich zweifel aber; dieser Schurke hat die Post geplündert, vielleicht war dort auch was für uns, es ist ein großer Verlust." „Er hat gestohlen," ttöstete Chawe, „und wird ins Gefängnis kommen. Nun, es ist ein Verdruß, aber was kann die Herrschaft dafür?" „Wieviel Pfund sind an diesem Stück?" „Fünfundzwanzig, oder noch mehr. Ich werde nicht teuer verkaufen." Die Türe wurde jäh aufgerifsen und Chrzanftkicwiez kam hereingestürzt. „Simchowa, Haft du Zeit?" fragte er. „Wozu denn?" „Herr Kops aus Uscionz hat mir gestern geschrieben, daß ich ihm einen etwa einlaufenden Brief sofort schicke. Dieser Schuft ist erst heute mit der Post zurückgekommen, ihn habe ich schon davongejagt. Könntest du nicht den Brief zu Kopf hintragen? Er wird dich belohnen." „Wenn Sie befehlen, gehe ich gleich," entgegnete Chawe, und den Stör in der Küche zurücklassend, eilte sie davon. Offenbar hatte das Schicksal im Buch ihrer Bestimmung ein neues Blatt umgewendet. Gestern träumte Chawe von Franeks Glück, und heute ging sie schon mit einem Brief nach Uscionz. Zwar nur nach Uscionz, welches Franek gering schätzte, wo man für den Weg nur mit Grütze zahlte, aber erstens war Grütze für Chawe keine verachtenswerte Belohnung und zweitens, wer konnte dafür bürgen, daß der Posthalter sie morgen nicht nach Polanowka schicken würde, wo man einen Rubel bekam? Hatte Franek doch aufgehört, der Austräger zu sein und somit galt es nur, sich in die Gunst des Herrn Chrzanstkiewiez eiuzuschmeicheln. (Fottsetzung folgt.) «K.4S Sette L wie ohne Verstand und Vernunft? Was bedeutet im Weltall und im Vergleich zur Allmacht ein Hannibal, Cicero, Cäsar, ein Alexander, Napoleon, ein Demosthenes, Fichte oder Kant? Ja, der Grübler auf dem Königsthron hatte recht, wenn er ausrief: Wn Wn "□ rw nomn p Dian H11V1 „des Menschen Vorzug vor dem Tiere ist nichts, denn alles ist eitel! Bei diesen pessimistischen Betrachtungen bleibt aber der Jude nicht stehen. Ein Blick auf seine geschichtliche Vergangenheit, auf seinen adeligen Stamm, und er setzt den deprimierenden Gedanken ein kräftiges „Wg" entgegen. „Aber" fährt er weiter, „wir sind Deine Bundeskinder, -pmit Dni3K "23, Abrahams Sproffen, den du Deinen Freund genannt, (Jes. 40) die Nachkommen Jsaks, der gebunden lag auf des Altares Rücken, 3py my, die Gemeinde Jakobs, Deines erstgeborenen Sohnes, dem Du aus Liebe und Freude die Namen „Witt"" und ]iitt" beigelegt!' Ein Hochgefühl lösen diese Namen in der jüdischen Brust aus, und es steigert sich, es reißt zur B e ge i siern ng hin, nnir£ D"3"n 12N2K "p"Db. zum herzinnigen Danke an den Allvaterda bleibt kein Raun: für den Weltschmerz übrig, glücklich, ja überglücklich fühlt sich der Jude mit mit seiner Bestimmung und er ruft begeistert aus: „12^112 O"V2 HD) 12pW 31» HD >2"lttK, Heil uns, wie gut ist unser Anteil, wie lieblich unser Los, wie schön unser Erbe- Heil uns, die wir täglich zweimal — morgens und abends — das Bekenntnis ablegen: „Wltt"y»tt Höre, Israel, der Ewige, unser Gott ist das einzige ewige Wesen!"- Das sind Gedanken, die dem Ehrennamen „Witt"" entquellen, die täglich jeden Juden mit lebensftoher und lebensfrischer Kraft ausrüsten, die allem Herben siegreich trotzt. Was bedeuten äußere Ehren im Vergleich mit den Jahrtausende alten Nationalerinnerungen, welche jene Namen ausfüllen? Mag man euch Semiten, Hebräer oder Israeliten nennen, wenn nur Gesinnuug und Tat den alten Glanz wiederspiegeln, der historisch diesen Namen inne wohnt! Sem-Jbri- Jsrael : in steigender Linie bilden sie den Maßstab für unser Erdenwirken, einen Wegweiser zum fernen Zeitenziel, wo auch die Allmenschheit sie als Ehrennamen begreift. uv*. orrespondenzen und Eachrichten. Deutsches Frankfurt a. M., 4. Dezember. Es wird uns ein Telegramm sorgenden Inhalts aus dem heiligen Lande vom 3. Dezember zur^Verfügung gestellt: &*** *$$8 Es herrschen Epidemien und große Teuerung. Die israelitische Gemeinde ist in größter Not. Tausende von Armen bitten um Brot. AppÄliert an die Brüder um Hilfe. Sonst find wir verloren. — Das „Hilfskomite für die notleidenden Brüder im Ausland" hat diese Woche einen Doppelwaggon Mehl nach dem helligen Lande abgehen lassen. löberoles Judentum von heute. II. (Bon unserem Correspondenten). E. B., Berlin 1. Dezember. Um es kurz zu sagen: mit Wahrheit hat das Elaborat des „Liberalen Vereins" soviel Kr