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Der Israelit · 1907-12-05 · Heft 49 (5.12.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 49 (5.12.1907)
Date
1907-12-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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bem t der antisenMfchen Aeußerum llung geforscht werden. So würden sich zuweilen ganz neue Gesichtspunkte für den Kampf gegen oen politischen Antisemitismus ergeben und in vielen Fällen werden wir nach der Aufdeckung des wahren Tatbestandes gar nicht nötig haben, mit Kanonen nach — Masken zu schießen. 8. v »re Me namenlos traurigen La wch -er e enthielt, in -er sich unsere unglücklichen Brüder dort seit Monaten befinden. Kein Tag vergeht, an dem nicht harmlose Paffanten, jüdische Frauen und Kinder von Messerhelden belästigt, mehr oder minder lebensgefährlich verwundet und oft in grauenerregender Weise mißhandelt werden, ohne daß anscheinend die Polizei von allen diesen Vorgängen Kenntnis nimmt. nimmt, der ben Nenner der Ver Grauen erfüllen muß. — — — Wächter, wie weit ist's in der Nacht? — — Ein ««geamMer Sntacdten Rabbiner Samson Rapbael Rirscb’s Ok-ch«mm5schav. Die nof im heiligen Lande. An anderer Stelle veröffentlichen wir den Bericht unseres Korrespondenten und andere, telegraphische Mittellunaen über die Hungersnot im helligen Lande. Man weiß, daß unsere Brüder dort niemals auf Rosen gebettet sind. Nun ist aber in diesem Jahre infolge des Regenmangels im vorigen Winter die Ernte sehr schlecht ausgefallen, und so kommt es, daß die Nahrungsmittelpreise jetzt außerordentlich in die Höhe geschnellt sind, sodaß es der großen Masse unmöglich ist, auch nur für die dringendsten täglichen Bedürfnisse die Mittel aufzubringen. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung sieht sich tatsächlich der Gefahr des Verhungerns gegenüber, wenn ihnen nicht aus den Ländern der Diaspora rasche und reichliche Hilfe wird. Es find erschütternde Rufe um Beistand, die uns aus den von Jerusalem kommenden Schilderungen entgegentönen. Und wie in allen solchen Fällen auch hier der Hunger nicht hxr einzige Feind, in Hand mit ihm gehen epidemische Krankdie unter den von den Entbehrungen entkräfteten Menschenmaffen doppelt verheerend wirken. Der Größe der Not muß nun auch unsere Hilfsbereitschaft entsprechen. Die flehentlichen Bitten unsrer Brüder im helligen Lande dürfen nicht ungehört verhallen. Es muß durch ausgiebige Spenden aller Glaubensgenossen da- Ar gesorgt werden, daß die Brüder, deren sehn- Achtige Blicke auf uns gerichtet find, vor dem urchtvarsten Unglück bewahrt bleiben. Sehe ein eder zu, daß er hier seine Pflicht nicht versäume! Die Borgänge in Odessa■ Wir haben in der vorigen Nummer unseres Mattes eine Korrespondenz aus Odessa veremaege ist auä Hand Inzwischen war dieser chronische Pogrom nach Berichten des „Hilfsvereines der deutschen Juden" in der vorigen Woche in einen regelrechten Ausbruch der Pogromleidenschaft übergegangen, sodaß die jüdischen Hospitäler und die Rettungsstationen alle Hände voll zu tun hatten. Daß diese Meldungen, die unsere Leser an anderer Stelle finden, keine Uebertreibungen sind, erhellt schon aus der Tatsache, daß der Generalgouverneur von Odessa seine „Unzufriedenheit" mit der Odessaer Lokalpresse bekundet und den Wunsch nach harmloserer Berichterstattung geäußert hat! Die Machthaber scheinen also selber ein gelindes Grauen vor der öffentlichen Meinung zu empfinden. Um so erstaunlicher ist es, daß entgegen den Meldungen des „Hülfsvereines" das Bureau der „Alliance JsraelUe" in den letzten' Tagen mit deutlicher Spitze gegen jenen eine Nachricht verbreitet, wonach in Odessa „nur ganz unbedeutende Straßenkrawalle vorgekommen seien, die schnell vorübergingen und kaum beachtet wurden." Wir begreifen nicht, welchen Zweck dieses Beruhigungsbulletin eigentlich haben soll. Daß die vom „Hülssverein" gemeldeten Tatsachen unwahr seien, scheint auch der Berichterstatter der Alliance nicht behaupten zu wollen. Er spricht von „ganz unbedeutenden Straßenkrawallen"/ welcher Art diese Straßenkrawalle aber sind, erhellt aus den Mitteilungen des Odessaer Blattes „Odeffki No wosti", die uns in deutscher Uebersetzuna vom Herrn Dr. Schemarja Lew in zur Verfilzung gestellt werden und die eine ellenlange Liste von rohen Ueberfällen der schwarzen Rotten aus ihre jüdischen Opfer aufzählen. Wenn dort immer von „jungen Leuten" die Rede ist, die offenbar im jugendlichen Uebermut die Judenhetze als einen berechtigten Sport des jungrussischen Nachwuchses betrachten, so ist diese liebliche Ausdrucksweise wohl auf die erzieherischen Einflüsse des Odessaer Generalgouverneurs zurückzuführen. Im übrigen ist es ein herzbrechender Gedanke, daß die jüdische Volksseele in den letzten drei Jahren geradezu abgehärtet worden ist gegen die endlosen Qualen unserer russischen Brüder, daß der jüdische Durchschnittsleser die Berichte aus dem Zarenreiche mit einem Gleichmute hin- (Fortsetzung.) Nur hinsichtlich eines Teils unseres bestehenden Rituals wäre noch nachzuweisen, daß er pp'Hl anav sei und nicht in die Kategorie der iD'tt oro w D'anatt gehöre, deren Sanktion in Frage gestellt werden dürfte.^Ms find dies unsere Festtagsliturgien, PiutimWW Jozerbth, von denen man wohl in neuerer-Zeit hie und da die Behauptung hört, daß sie die geachtetsten und maßgebendsten Autoritäten der Synagoge gegen sich haben und überall nur als „widergesetzlich" eingedrungen zu betrachten wären. Erwägt man aber, daß als erster und oberster Grundsatz, der unsere ganze religionsgesetzliche Praxis des öffentlichen und privaten Lebens regelt, der Kanon des Majoritäts-Ausschlages gilt: nivn? '"»HK, und nach diesem Kanon für die Praxis d.ie Ansicht der Mehrzahl der Gesetzautoritäten den Ausschlag giebt, wogegen die Minoritätsansicht verschwindet und nicht zur Geltung gebracht werden kann- (Choschen Mischpat 25, 2.) Erwägt man, daß, wo das Nebergewicht schwankend ist, sich aber bereis in der Praxis durch Usus, Minhag, die eine der beiden sich gegenüberstehenden Ansichten Geltung erworben, der Usus den Ausschlag gibt und eine Entscheidung nach der anderen Ansicht als niytt, irrig bezeichnet wird, woher die Sätze: wo die Halacha dir schwankend ist, -an Köy nü 'M pis, siehe dich nach dem herrschend gewordenen Brauch um, ro^n anao KiTtP -iy nyapa, die Halacha setzt sich erst durch den herrschend gewordenen Brauch feft; (T. Sanhedrin 6a, Soferim XIV. Choschen Mischp. 25, 2. Sifthe Kohen das.) Erwägt man ferner, daß in dem Kreise unserer religionsgesetzlichen Kodizes gegen diese Festgebete an sich, die nun bereits fast ein Jahrtausend das Festritual mindestens der halben Judenheit bilden, deren ältesten Teile wenigstens aus dem 10., und deren jüngsten Teile aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts der üblichen Zeitrechnung datieren, eigentlich n ie sich eine Sttmme erhoben — Autoritäten, die ihrer Einführung entgegen waren, nur gegen ihre Einschaltung an Stellen des Rituals, die sonst keine Unterbrechung leiden, den Kleines Feuilleton. EI« ßbannKawnnder. Bon NudSuS. (Fortsetzung.) ,Mir haben früher in einem großen Dorf nicht weit von hier gewohnt, in dem außer uns keine jüdische Seele lebte. Cs durften dort eigentlich keine Juden Wohne». Wie ich »nt den Behörden, dem Pristaw und der Einwohnerschaft es fertig gebracht habe, daß ich dort doch mein Paruoso (Auskommen) haben konnte, ist eigentlich «ne Geschichte für sich, die ich aber nicht erzählen will. Wir hatte eine Kretschme a«S), die einzige im Dorf, handelten dabei ch, LandeSprchmtte», besonders Hanf und Hotz, kurz mit allem, waS uns unter die Hände kam und brachten eS mit den Jahren zu einem gewissen Wohlstand. Der Körper war gut versorgt, aber die Neschomo (Seele) mußte darben und leiden. Was das heißt, m einem Dorfe ohne jeden Berkehr mit unseren Leutm sein Leben zu verbringen, das wißt Ihr nicht. DrS muß man mitgemacht haben, um es begreifen {*u können Wenn man in der Jugend nichts von Thauro u Jiroh (Gottesfurchtsich angeeignet hat, o verbauert man. Hat man aber das Glück gehabt, n der Jugend etwas zu lernen, dann nagt und zehrt Tag und Nacht, Sommer und Winter die Sehnsucht nach Genossen einem an Herz und Seele. Wir hatten einen Melamed (Lehrer) für unsere Kinder genommen, wft kamen, so oft es ging, in die nächste Khillo (Gemeinde), die heiligen Festtage verbrachten wir zumeist hier in Wilna. Aber wenn wir wieder heimkamen, fühtten wir den Abstand zwischen unserer Verbannung auf dem Dorfe Und dem jüdischen Leben und Treiben in einer Khillo tiefer als je, uttb meine Frau hat immer gedrängt, wir sollten alles verkaufen und hierher nach Wilna ziehen. Ich war auch damit einverstanden, aber mern Herz hing zu sehr an Geld und Gut, als daß ich mich so leicht v on meinem guten Geschäft hätte trennen können. Ich suchte zwar immer nach einem Käufer fiir mein Geschäft, aber ich fand keinen, der die Summe hätte zahlen wollen, die ich mir dafür einmal festgesetzt hatte. So verschob sich die Sache von Jahr zu Jahr, ich fing schon an, gran zu werden, aber gescheiter war ich noch nicht geworden. Mein Herz hing noch zu sehr am Geschäft und am Geld, als daß ich mich hätte losreißen können. Vielleicht wäre ich heute noch dort, wenn nicht der Himmel durch folgendes Erlebnis uns aufgerüttett hätte und wenn er mir nicht in meiner Frau, die jetzt so ruhig dasitzt, die richtige Esches Chajil (Biederweib) gegeben hätte, die mir zu allem Guten jederzeit mit ihrem Beispiel voran ging und nicht ruhte und rastete, bis ich nachfolgte." Bei diesen Worten legte die Wirtin ihre große Stahlbrille ab, legte den Strickstrumpf aus der Hano, an dem sie bisher, ohne sich von ihrem Gast stören zu lassen, weiter gestttckt hatte und griff in die Unterhaltung ein: „Bei deinem Husten ist dir das anhaltende Sprechen nicht gut, für mich ist es aber noch ungesünder, wenn du mir weiter mit solchen Kibbuoim (Komplimenten) kommst; du könntest mich in meinen alten Tagen noch eitel machen. Weu» du f« fort redest, könnte unser lieber Gast am Ende wirklich glauben, du wärest der grob- Bauer, als der du dich dahin stellst, erhole dich ein wenig vom Sprechen und wenn du erlaubst, will ich Äe Geschichte weiter erzählen, wenn ich waS nicht recht mache, kannst du mich ja verbessern." Ohne ein« Antwort abzuwarten, griff sie die Erzählung auf, wo sie ihren Mann unterbrochen hatte, und fuhr kort: „Gerade gegenüber unserem Hause wohnte der Bürgermeister des Dorfes, Iwan Petrowitsch, je'mach Schema (sein Name möge ausgetilgt werden). Es gibt unter den Christen viele brave und schlechte Menschen, wie auch bei uns. Wir haben in den langen Jahren, die wir in dem Dorfe lebten, viele Bewerfe von aufrichtiger Bravheit der Einwohnerschaft gehabt. Aber der Bürgermeister war ein Roscho (böser Wicht), den ich zu jeder Schlechtigkeit fäbighielt. Das Schlimme war, daß er das Aussehen uno Benehmen eines braven Mannes hatte, wodurch er viele täuschte, auch meinen Mann. Daß wir ihm viel Geld Jahr unr Jahr geben mußten, damit er keine Anzeige bei der Behörde machte, die keinen Juden im Ott geduldet Hätte, das haben wir in Ordnung gefunden. Er war darin nicht besser, und nicht schlechter als es auch andere Beamten find. Aber der folgende Stteich, den er uns gespielt hat, hat mit seiner Bestechlichkeit als Beamter nichts zu tun; das war eine Schurkerei für sich, die selbst bei unfern verrotteten Zuständen und Beichättmffe« einzig dasteht." Die Erinnerung regte die Frau so ungewöhnlich auf, daß sie einen Augenblick inne halte» mußte. „Iwan Petrowitsch hatte einen ziemlich bedeutenden Biehstand. Er kaufte und verkaufte, handelte und tauschte gern mit uns, wir aber nicht mit ihm. Weil er als Bürgermeister unser Geschick in Händen hatte, meinte er, wir müßten ihm alles halb oder gm» geschenkt überlassen. Er war neidisch auf jeden Rubels

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