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Der Israelit · 1907-12-05 · Heft 49 (5.12.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 49 (5.12.1907)
Date
1907-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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48. Jahrgang. ssi Sranhfurfa.nl., Sen 5. Dezember 1907. 29. Kislem 5668. M*** Der gAraelit erscheint leben Donnerstag. Avom»eme«tSr fSewöhnllche Ausgabe Mk. ILO vrerteljLhMch, HestauSgabe auf SunW»ruch»apier Mk. 8.— viertrüihrlich. (AsSlapdSpMe f«r. t;ewöhrMhe AnSgabe: Oestrrreich-Unga s Ar.» RuUand 1 Rnv^ Englands slu» Amerika SO et».. Niederlande 1,20 L) AbonmsaerUS bei allen Postanstalta^ Bnchhandlmfgen,sowie dttm bek^M", WüE-HrftanSgade nur direkt. ^famMa^NMenMurW .WidMgchxrltene Eolonel-Leiler Rabatt noch Tarif. Merat«iaÄ»ad«e nur durch iuHaase^sfteLR ». bogler Mfer-V '■ «**t» Bei dar ft. ft. GaMchE- MWrMhGEGA. Frankfurt o. SW. unb deren Filialen. «a»t< bet der «r«a-r Usnttner-daur i» «Md r% Lachte bei de« ft. Poftsparkaffenamt Bu-chdatz Sto. 184!M. und deren Filialen in DwmSk, Siban, Bialystok» SKval wü» - mir bitten um umgehende Einfendung der noch rüchffändigenRbonnemenfsbefräge für das 3. u- 4. Quartal- Die am S Dezember noch offen hebenden Beträge werden ohne weitere Benachrichtigung unter öufchiag der Hoffen durch Nachnahme erhöben. liniere Abonnenten in Oefferreich-Ungarn bitten wir sich unterer bei der K. K Pofffparhaffe [Dien (Cfo.-Ro 79605) und bei dem K. Pofffparhaffenamf Budapeff (Cto.-no. 18424) errichteten Conti bedienen zu wollen. dahlffelien in Ruüiand bei der Rigaer Commerzdanh in Riga, und deren Filialen in Droinsh, bibau. Bialyffoh, Renal und Lodz. Verlag des „Israelit", 6 m b. 6. vet -intisemitismus als politische MasKe. Man schreibt uns: Dr. Lueger, der Bürgermeister von Wien, Hat Meder einmal seinem Herzen Luft gemacht. Auf dem österreichischen Katholikentage hielt er eine Rede über „die Verjudung oer Universitäten". — Das wäre an sich keine Neuigkeit und kaum des Mitteilens wert. Herr Dr. Lueger ist es seit Jahr und Tag gewöhnt, für alle seine Reden, Borträge und Ansprachen die Quoten als Thema zu wählen. Warum sollte er es nicht auch bei der Begrüßung der Katholiken tun dürfen? Widerspruch oder Verletzung irgend welcher Empfindungen brauchte er bei seinen Zuhörern leider nicht zu befürchten. Wenn aber trotzdem die Rede dieses Mal so viel Staub aufgewirbelt und einen Sturm hervorgerufen hat, der sich im Blätterwalde der gesamten freisinnigen Preffe Oesterreichs und Deutschlands noch nicht gelegt hat und sich noch immer in Protesten und Verwahrungen interessierter Kreise neu erhebt, so haben daran die. Juden eigentlich den allergeringsten Teil. Dr. Lueger hatte das Malheur, mit den Juden die Integrität der Universität anzugreifen. „Die Volksschule," [sagte er mit behaglichem Schmunzeln, „ist bereits in den Händen der Priester, die Universität^wäre noch zu erobern, zu erobern und 7— denLändsn der Juden zu entrei die.. s* en." Diese nun, wchH und den die Universität, ist Eingriff in Hr unveräußerliches Recht, in ihre durch Tradition und Gesetz verbürgte akademische Lehrfteiheit mit Entrüstung zurückweist. Die Universitäten im jüdischen Geiste geleitet? Wieviele Profefforen jüdischer Abstammung wirken an den österreichischen Hochschulen? Wieviel von ihnen gehören noch der jüdischen Konfeffion an und wieviel sind es der letzteren, bei denen Erziehung, Bildungsgang und Milieu den Gedanken an eine jüdische Beeinflussung ihrer Lehrtätigkeit überhaupt aufkommen lassen? Dr. Lueger hat sie nicht gezählt. Wir auch nicht. Herr Dr. Lueger brauchte es auch nicht. Es wäre geradezu lächerlich mit statistischen Beweismitteln zu operieren, da, wo man auf die Gläubigkeit fanatisierter Massen rechnen darf. Wollten wir jedoch statistische Erhebungen nach dieser Richtung aufnehmen, so wäre das ein mühsames, wenn nicht gar völlig erfolgloses Unternehmen. Denn die jüdischen Hochschullehrer gehören auch in Oesterreich wie anderswo zu derjenigen Klasse, die gerade keinen übermäßigen Staat mit ihrem Judentum treibt. Wo der Name etwas wie jüdische Herkunft verrät, da wird dieser Verdacht durch Leben und W i r k e n seines Trägers so gründlich widerlegt, daß der wahrheitsgetreue Statistiker wieder unsicher werden muß. An eine Hilfe der Universitätsbehörden ist aber nicht zu denken, solange die Universität vom Katholikentage nochnrcht erobert ist/Wange sie noch nicht Dr. Lueger zum Protektor hat und solange die bisherigen zuständigen akademischen Behörden in ihrer heidnischen Umnachtung noch nicht gelernt haben, die konfessionelle Musterung bis auf Herz und Nieren ihrer Professoren vorzunehmen. Aber wie gesagt, es war dem Herrn Bürgermeister keineswegs darum zu tun, etwas Bestimmtes und wissenschaftlich Unanfechtbares festzustellen. Die Psychologie des ganzen Tatbestandes ist ungemein klar und einfach. Herr Dr. Lueger, der Antisemit von Profession, soll eine Rede halten, in einer Versammlung, die die Bekämpfung der in der Tat oft stark mit Vorurteilen gesättigten „voraussetzungslofen" Wissenschaft auf ihr Programm gesetzt hat. Was also einfacher als akademische Lehrfreiheit mit dem Judentum zu vermengen, — eine Paarung, die beiden Teilen, sowohl dem illustren Redner als den begeisterten Zuhörern konveniert — und auf die Verjudung der Universitäten zu schimpfen? Daß man aber dabei nicht über den geäußerten Antisemitismus sich ärgert, sondern einzig und allein den Angriff auf die Freistatt der Hochschule ab^uwehren sucht, das beweist nur, wie sehr Meinung die LckgeHche Taktik durchschaut hat. Der politische Antisemitismus war, soweit von seiner Entstehung bis zur Gegenwart all seinen Entwicklungsphasen verfolgen mögen, nie Selbstzweck, sondern imm«o nur Mittel zu vielen anderen politischeste Zwecken. Die antisemischen Hetzreden waren' ' giftige Pfeile, das Ziel war ein anderer em Höheres. Man führte gewöhnlich etwas anderes im Schilde als die bloße Judenhetzedie; man nicht ernst Fa nehmen brauchte. Der allzeit. wirkende Antisemitismus erwies sichvielmehr als eine nicht zu unterschätzende Kraft, durch Me man so manches erreichen konnte und die auch von denen, welche ohne moralische Scheu auf tüe - dunkelsten Volksinstinkte spekulieren, reichlich zu; ihren Zwecken ausgenutzt wrn-e. Das ist es - auch, was wir jetzt in Oesterreich erleben, watz wir aus den ellenlangen Abwehrartikeln iy' der liberalen Presse und aus den flammenden Protesten in den Lehrsälen und MafsenversamMlungen als Quintessenz lerney. Dr. Areger h<ch,; wenn er auch in gewohnter Weise von Juden sprach, nicht die Juden angegriffen, sondern das Prinzip der akademischen Lehrfreiheit. Die Juden waren nur zur Verzierung der Schüssel und zur Würzung der etwas Heiken Kost herangezogen, damit das Ganze besser munde und bekomme. Gemeint war tatsächÜch die Universität und ihre Eroberung durch dir - LueWkrianer, daran werden alle die nachträAichSk^ Verwahrungen Luegers und seiner christlich-sozialen Freunde nichts ändern. Er hat es ausgesprochen und es hat ein mächtiges Echo gesunden. Die Saat ist auf sehr fruchtbaren Boden gefallen und sie müßte unfehlbar Früchte tragen, wenn sie nicht rechtzeitig im Keime vernichtet würde. Diese Arbeit hat nun die Gegenpartei mit aller Energie unternommen und, Me es scheint, nicht ohne Erfolg. SonM hätten wir als Juden eigenAch gar kein unmittelbares Interesse an der ganzen Affäre. Aber lernen könnten wir daraus, Me schon angedeutet, immerhin so manches. Es kann uns gewiß nicht zum Tröste dienen, konstatieren zu müssen, daß die Antisemiten den Antisemitismus nicht ernst nehmen, sondern ihn nur als ein schon bestehendes und im Bolksinstinkte begründetes Faktum ausnützen. Da es aber doch unleugbar einmal so ist und für unabsehbare jeit bleiben wird, so sollte dem auch gebührend Rechnung getragen werden. Die Abwehrvereins rn Oesterreich wie im Deutschen Reiche, die jede» Angriff auf Juden mit Eiftr und Energie pürieren, sollten angesichts der bei der Luegeraffäre itage getretenen Erscheinungen sich nicht immer an Kleinigkeiten klammern und nicht ihre Verteidigungskraft an Lappalien rein äußerlicher Natur vergeuden. Es sollte vielmehr immer auf den

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