Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-11-28 · Heft 48 (28.11.1907) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 48 (28.11.1907)
Date
1907-11-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449293--63981-2506551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zeit älter Hillels läßt uns die wunderbare Tatsache erkennen, Die wir einzig und allein in der Geschichte des jüdischen Volkes finden, -aß die geistige Blüte unserer Nation unabhängig ist von äußeren Erfolgen und materiellen Errungenschaften. Wie so oft in der jüdischen Geschichte zeigte sich auch im Zeitalter Hillels, daß die Quelle unserer Kraft eben unsere Thora ist und ihre Pflege gleichbedeutend mit der Pflege unseres nationalen Wohles. Man möchte sagen, daß ein ehernes Naturgesetz uns allenthalben in der jüdischen Geschichte entgegentritt, ein Gesetz, das uns lehrt, daß nur dasjenige Israel im Kampf der Völker und der Rassen ungeschwächt erhalten blieb, das treu fest hielt an dem Erbgute der Gemeinde Jakobs, daß aber unrettbar verloren gingen alle diejenigen, Einzel ne und nicht minder mächtige Parteien und rinflußreiche Sekten, die dem Judentum untreu wurden, das der Schöpfer feinem Volke am Sinai als Lebensaufgabe und als Lebensquelle für alle Zeiten.anvertraut hat. Hillel verwendete die herrlichen Gaben, mit denen die Vorsehung ihn ausgestattet hatte, im Dienste seines Volkes, seine weise Ueberlegung, seine wunderbare Seelenruhe, die seiner tiefen, umfassenden Thorakenntnis förderlich zur Seite standen, verbreiteten Licht und frohe Zuversicht in Israels Häusern und Herzen. Seine unerschütterliche Lebensweisheit war sprichwörtlich geworden, wie uns jene köstliche Erzählung zeigt, die uns der Talmud von der Seelenruhe Hillels aufbewahrt. Wer hätte noch nicht von jener Wette gehört, bei welcher einer der Wettenden es unternahm, den Fürsten Hillel am Rüsttage des Sabbats mit gleichgültigen Fragen im Bade .zu stören, und wer hätte sich nicht am Ausgang der Wette ergötzt, wenn der Verlierende zu Hillel spricht: Bist Du Hillel, den man den Fürsten Israels nennt,- wie Du möge es nicht viele in Israel geben, denn durch Dich habe ich vierhundert Sus verloren! Hillel aber erwidert: S6i das nächste Mal vorsichtiger,- Hillel ist wert daß Du seinetwegen vierhundert Sus und noch vierhundert Sus verlierst, und Hillel wird doch nicht zürnen. — Bekannt ist auch die nächste Erzählung von den drei angehenden Proselyten, die mit. ihren unmöglichen Zumutungen erst Schamai, und von diesem abgewiesen, Hillel aufsuchten, der sie von der Unsinnigkeit ihrer Forderungen überzeugte und sie zu ewigem Danke verpflichtete. — Dem ersten prägte er die Wahrheit ein, daß unsere Thora nicht auf den Buchstaben des Gesetzes beschränkt ist, daß ihr das ganze Leben umfassende Inhalt auf der lebendigen, lückenlosen Ueberlieferuna Israels beruht und erst diese und nur erst diese uns den Schlüssel giebt, das Schriftwort zu erfassen, sie ist in Wahrheit der Geist des Gesetzes^ — Dem zweiten zeigte er, daß die Thora zu wahrer Menschlichkeit erzieht, zu jener edlen Rücksichtnahme auf das Wohl des Nebenmenschen, die sich nicht mit einer anerzogenen Höflichkeit und der Beobachtung der äußeren Formen der Wohltätigkeit begnügt, sondern die ihren Sitz tief im jüdischen Herzen hat und ihren Ausgangspunkt in dem Gefühl der Verantwortung vor dem Herrn des Alls. Das bedeutet der Satz: Was dir verhaßt ist, tue nicht deinem Nächsten, darauf beruht die ganze Thora, das andere ist ihr Kommentar, gehe hin und lerne! — Den ^dritten, der mit dem Ansinnen kam, Hohepriester zu werden, wies er darauf hin, daß die Gesetze der Thora, gleich Naturgesetzen von Menschen, nicht nach Willkür verändert werden können, und so kann selbst der Vornehmste in Israel, der nicht von Aharon. abstammt, niemcus zur Priesterwürde gelangen. Drei 5kronen, heißt es an anderer Stelle, wurden Israel verliehen, hie. Krone der Priesterwürde «AMenAharonundseine Söhne, die Krone der Königsherrschast ward David und seinem Hause gegeben, die Kröne der Thora aber, die vorzüglichste von allen, die kannjeder in Israel erlangen, der mit unverdrossenem Fleiß und Genügsamkeit nach ihrem Besitze strebt. Doch nicht nur die unzähligen Schüler und Gefährten Hillels erkannten voll Bewunderung ftine überragende Größe und seine unsterbliche Bedeutung für die Hebung des Thorastudiums, nicht nur das Volk sah zu ihm als zu feinem treuesten Berater und selbstlosen, weisen Beschützer empor, selbst Herodes konnte sich dem mächtigen Einflüsse Hillels nicht entziehen, an den Pforten der Lehrhäuser Beth Schamais und Beth Hillels machte seine skrupellose Tyrannei Halt. Der argwöhnische Herodes, der infolge seines grauenhaften Wütens von Jahr zu Jahr mißtrauischer wurde und allenthalben Spione aufstellte, um die geheimen Gespräche des Volkes zu belauschen, verlangte plötzlich, daß ihm alle seine Untertanen den Treueid leisten sollten. Die meisten fügten sich, und. wer Widerstand leistete, war seines Lebens nicht mehr sicher. Nur auf die Lehrhäuser Beth Schamai und Beth Hillel scheute er sich, mit Rücksicht auf Hillel, diesen Gewissenszwang auszuübenobschon sie sich aus Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Schwures weigerten, dem Verlangen des Tyrannen nachzukommen, schritt er nicht gegen sie ein. Vor der hehren Lichtgestalt Hilles beugte sich selbst ein Herodes, und sein Verhalten ist eine glänzende Anerkennung der siegreichen Kraft eines vom Geiste der Thora getragenen Lebens. (Schluß folgt.) Die ltte$$ia$idee im Judentum. Es war auf dem " Verbandstag deutscher Juden am 13. Oktober 1907. Wir sagen mit Absicht „Verbandstag deutscher Juden", denn wir müssen es ablehnen „der deutschen Juden" zu sagen. Ein recht ernst zu nehmender Teil deutscher Juden, ein großer Teil derjenigen Juden, welche im Leben Träger des Judentums sind, verhalten sich diesem Verbände und ähnlichen Verbänden gegenüber durchaus ablehnend. Also es war auf diesem Verbandstage. Gegen 1905 hatte das Bild sich etwas geändert. Der Segen spendende Geistliche im Ornat war nicht mehr auf der Bildfläche. An seiner Stelle doziere ein Professor ex cathedra. Der Glaube war ins Wissen umgewandelt. Der Judentag sollte kein religiöses Bedürfnis mehr sein: er sollte eine philosophische Forderung darstellen. Als zwingende Notwendigkeit sollte sein Dasein bewiesen werden. So sollten sich die drei Referate, die gehalten wurden, in logischem Zusammenhang wie folgt an einander reihen: „Die Philosophie begründet, die Geschichte erklärt, das Recht fordert." Die Quintessenz der phllosophischen Begründung für den Anspruch der Juden auf alle Rechte und Aemter besteht nach den Ausführungen des Redners, des Herrn Geheimrat Cohen in Marburg, darin, daß die Juden in der Zerstreuung dazu berufen sind in die Völker, in deren Mitte sie weilen, dann aufzugehen, wenn sie ihre Mission, die sittliche Lehre vom einzigen Gott zu verbreiten, erfüllt haben. Es wäre mit diesem Worte, also vom persönlichen Standpunkte des Herrn Geheimrat Cohen aus, klipp und klar ausgesprochen, daß der Judentag dazu da fei, dem bereits tot geglaubten Assimilationswahn wieder auf die Beine zu helfen. Der Name Judentag wäre also eine Art luvus a non lucendo. Der Verband deutscher Juden wäre dazu da, alles vorzubereiten, daß die Judenheit als etwas Gesondertes innerhalb des Staates zu bestehen aufh ör e. Es gllt uns nun völlig gleich, ob das nur den persönlichen Standpunkt des ersten offiziellen Redners des diesjährigen Berbandstages ausmacht oder ob durch den lebhaften Beifall, den die Versammlung den von ihrktzMtverstandenen philosophischen Aiäführungen spendete, sie sich diesen anfchloß: uns kommt nur darauf an, der Verflüchtigung des Meffiasgedankens entgegenzutreten uno ihn für uns unversälscht in ganz konkretem Sinne zu erhalten. Wir möchten versuchen, uns die Notwendigkeit eines persönlichen Messias mit den Mitteln des Referenten zu erklären und nachzuweisen, und zwar möchten wir die Erörterungen auf die Auseinandersetzungen gründen, die sich darüber in dem Werke des Referenten, des Herrn Geheimrat Cohen finden, in seiner „Ethik des reinen Willens". Das Buch ist 1904 in Berlin erschienen. Seitdem dürfte sich wohl der Standpunkt des Herrn Geheimrat Cohen in philosophischen Fragen kaum geändert haben, und was er in Frankfurt gesagt hat, läßt sich, wenn auch die Zeitungsberichte ungenau sein könnten, aus seinem Buche am sichersten feststellen. Dem Verfasser der Ethik des reinen Willens ist der ganze Messianismus eine Dichtung der Propheten. Wohl verstanden! Ererkennt eine Bessergestaltung der Zukunft! an. Ja ihm ist der Begriff der Zukunft ein wesentliches Merkmal der Religion, wodurch sie sich vom Mythus unterscheidet. Der Mythus hat nur ein goldenes Zeitalter der Vergangenheit gekannt. Die Religion blickt auf das Einst kommender Tage. Aber was die Propheten über sie sagen ist iM poetisches B iwerk. Dtß Cohen nicht im einzelnen darauf eingeht, sondern sich nur in allgemeinen Aeußerungen ergeht, daß er nochmals die längst abgetanen Phrasen vom Partikularismus des Judengottes und dem Universalismus des Gottes der Propheten ausgräbt, daß der ganze Zukunftsgedanke der Weltgeschichte erst prophetischen Ursprunges sei, das entspricht der Bedeutung eines Mannes nicht, wie sie der Verfasser besitzt. Die Oberflächlichkeit dieser Behauptungen ist so häufig und gründlich dargetan, daß ein Werk wie die Ethik des reinen Äillens wohl die Ethik des reinen Willens hätte beweisen dürfen, objektiv das Schrifttum des Judentums zn würdigen, das in diesen Kapiteln, die den Messianismus behandeln, zur Beurteilung gelangt. Wohl kennt Cohen das Wesen des Messia* nismus. Er sagt: „Der ethische Wert des Messianismus besteht in seiner politischen, man möchte sagen, geschichtsphilo ophischen Bedeutung. Die Geschichte des Volkes als die Geschichte der Menschheit, das ist das Problem des prophetischen Messianismus. Hier auf Erden soll Friede werden unter den Menschen, unter den Völkern, die Schwerter sollen umgeschmiedet werden in Winzermesser. _ Dieser unversöhnliche Gegensatz zu dem, was die Historie Weltpolitik nennt, liegt im prophetischen Messianismus. Und darum liegt in ihm eine sittliche Urkraft,- die gewaltigste Idee, welche die Ethik aus einem der philost^ phischen Methodik fremden Gebiete zu entlehnen und aufzunehmen hat. Das lehrreichste Beispiel für den unlöslichen historischen Zusammenhang zwischen Ethik und Religion." Cohen, versteht vollkommen, was die Propheten wollen. Ja, er zuerst will die Messiasidee als integrierenden Bestandteil der schulmäßigen Ethik einverleiben— und doch fragt er: „wie können die Propheten das Einst der Weltgeschichte darstellen und beschreiben?" Also den Begriff des Messianismus erkennt Cohen an, feine Wirklichkeit bezweifelt er. Und das ist System, die begreifliche Schwäche und der verständliche Fehler der Philosophie und vor allem des Philosophieren-. Man wird zu leicht der Wirklichkeit entzogen. Man lebt in der Welt der abstrakten Ideen. Ueberall Licht, nur nicht in der Welt, über die wir denken, für die wir geschaffen sind. Gott und Mensch sind nichts anderes als Begriffe. Und das kann nicht sein. Mag das Sein be8 Menschen einen philosophischen Begriff darstellen können, das Leben ist eine Handlung, eine Kraftäußerung, kein bloßer Begriff. Mag das Wesen Gottcs mit Begriffen — welchen auch immer — bezeichnet werden können, das Wirke« Gottes ist kein bloßer Begriff. Dem Herr» Profeffor geht doch neben dem „Begriff" Mensth noch ein konkreter Mensch einher und dem „Begriff" Gott soll bloß darum die Form des Seins fehlen, weil diese Form

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.