Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1907)
- Date
- 1907-11-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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M November 1007 i Der JSranit. Gelte 33. Nr. 48? Jetzt ging die Tür drüben auf, der Sanitäts Tat ward suhtbar, mit ausgestreckten Händen eilte er den beiden Herren entgegen und sprach ihnen seinen herzlichsten Glückwunsch aus zur Geburt eines gesunden kräftigen Sohnes und Enkels. „Und meine Frau?" — fragte Theodor gepreßt. — „Sie können ganz unbesorgt sein, alles ist gut gegangen und alles wird weiter gut gehen." „Darf ich hinein?" In dem geisterbleichen doch freudestrahlendem Angesicht des jungen Mannes zuckte.es unabläsiig. Der Sanitätsrat blickte ihn prüfend an. „Wenn Sie recht vernünftig sein wollen, hätte ich nichts dagegen, Sie für einen Augenblick zu der Wöchnerin zu lassen — aber nur für einen Augenblick! und ohne jegliche Unterhaltung! — Dafür gestatte ich Ihnen dann den Zutritt zu der anstoßenden Nursery, dort können Sie Ihren Kronprinzen begrüßen und sich mit ihm unterhalten, so lange Sie wollen", fügte er lachend hinzu- //Aber nun kommen Sie." Leise öffnete er die Tür eines gegenüber liegenden Zimmers und trat ein, Theodor folgte und eilte zu dem Bette seiner Frau, die glückstrahlend zu ihm empor blickte. Er nickte ihr liebevoll zu und mit dem Finger die Lippen berührend, winkte er ihr zu schweigen. «Kommen Sie", sagte der Sanitätsrat. Theodor winkte der Wöchnerin nochmals zu, dann folgte er dem Hausarzt in das anstoßende Zimmer, das Kinderzimmer, wo sein Kind zum erstenmal in seinem Bettchen schlief. Theodor nur auf einen Augenblick hinüber gehen, meinem Bater die Freudenbotschaft bringen. Sie werden mich entschuldigen,nicht wahr?" „Aber gewiß, Herr Gotthold, gehen sie ohne Sorgen, ich bleibe bis Sie zurückkommen — Dürfte ich Sie bitten, auch meinerseits Ihrem Herrn Vater die herzlichsten Glückwünsche zu übermitteln?" „Besten Dank und auf Wiedersehn! in höchstens zehn Minuten bin ich wieder hier." „Schön, schön, übereilen Sie sich nicht, ich bleibe mindestens noch eine halbe' Stunde, um mich zu vergewissern, daß die Nacht ruhig verlaufen wird." Der Sanitätsrat begab sich wieder zu der Wöchnerin, Theodor entfernte sich durch eine .;. ■ **sir** 'Zf Jüdische Farmer (ihre Produkte a» die kkoaserdenfodrik liesrrad). Norm«. Sk. I. neigte sich über den holden Schläfer, es war ein zartes, liebliches Wesen. „Ein frischer, kräftiger Junge, Sie können zufrieden sein." Theodor nickte zustimmend, er brachte kein Wort hervor, das Herz war ihm so voll, übervoll — bis hoch hinauf in den Hals fühlte er das Klopfen desselben. Er neigte sich tief hernieder über das Keine Bett und berührte mit seinen Lippen die rosige Wange des Kindes, seines Kindes! — Ihm war, als könne sein Herz die Wonne dieses Gedankens nicht fassen, als müsse es bersten vor lauter Glückseligkeit. Sein Sohn! — sein Sohn! — sein erstgeborener Sohn! — Wie wollte er ihn hegen und pflegen und anleiten zu allem Guten und Hehren. — Und wie er versunken in wonnigem Schauen hernieder blickte auf seinen Sohn, auf seinen erstgeborenen Sohn, da überkam es ihn plötzlich wie eine Vision. Er sah seinen Bater am Grabe seines Bruders verzweifiungsvoll die Hände ringen, ihm war, gls höre er noch das laute Schluchzen. — Uno dann war es ihm, als hörte er die Stimme seines Vaters sprechen: Theodor Du siehst, wie schwer es mir auf dem Gewissen lastet, euch nicht mit gutem Beispiel vorangegangen zu sein, durch meinen Frevel habe ich es verschuldet, daß ich das frühe Hinscheiden meines Sohnes als Glück betrachten muß. Wie ein Schauer durchrieselte es ihn, jetzt erst glaubte er zu verstehe», wie furchtbar sein Bater gelitten haben mußte, und in seinem Herzen gelobte er sich, seinem Sohne ein leuchandere Tür. Hastig, doch lautlosen Schrittes eilte er die Stiege hinunter, dann hinüber über die Straße in das Haus seines Vaters und dann stürmte er dort die Stiege aufwärts, mit jedem Satz drei Stufen auf einmal überschreitend. Vollständig atemlos gelangte er vor die Tür de- Zimmers, in dem sein Vater mit dem Talmudgelehrten seinen Studien oblag. Ohne anzuklopfen riß er die Tür auf und stürzte in's Zimmer. Gotthold, der am Tisch saß, sprang auf und eilte dem Sohne entgegen. „Masseltow!" rief er, „masseltow! — ich sehe Dir's an, es ist schon Alles gut.!" Theodor warf sich an des Vaters Brust. „Masseltow!" stammelte er, mehr brachte er nicht hervor. //Junge, Junge, wie das Herz Dir pocht — Du bist ja ganz außer Atem —. rennst herüber, um mir Dein — ich meine unser Glück zu verkünden und hast mir noch nicht einmal gesagt, was es ist." „Ein Sohn," flüsterte der Glückliche, „ein Sohn", wiederholte er lauter, „ein gesunder kräft'ger Junge", jubelte er. ,Hch habe ihn schon gesehen, Papa, er ist gang, ganz klein — ich habe noch nie ein so kleines Kind gesehen. — Aber er wird schon wachsen, mit Gottes Hilfe, und wird groß und kräftig und lieb und gut und fromm werden. — Ach, was habe ich mir nicht schon alles für ihn vorgenommen!" J Gotthold blickte lächelnd auf den Ueberglücklichen, vorhin vor Wonne Sprachlosen und jetzt sich Uebersprudemden. „Du scheinst schon an seine Erziehung gedacht zu haben." „Na gewiß, damit kann man nicht zu früh anfangen." (Fortsetzung folgt.) tendes Borblld zu werden in Allem, was Gott geboten hat.^' Er neigte sich nochmals ttef herunter über, das kleine Bett,streichelte die kleinen winzigen Händchen, die zu Fäustchen geballt das runde Gefichtchen zu stützen schienen und drückte sie leise an seine Lippen. I z?,Herr Sanitätsrat bleiben noch eine Zeit kang hier? —Wh qßüß »ei« Wwifche «aftedlm»« lUMattce. Sk. I t* inderecke. klm Spielfisdi, dem Ein Chanukahmärchen- Nun ist es ganz still und dunkel in großen Zimmer, in dem noch vor kaum einer Stunde eine lustige Kinderschar getollt hatte. Aber nein, es ist ja gar nicht dunkel, denn dort am Fenster steht der große Chanukahleuchter, und das erste Lichtlein strahlt noch gerade so hell, als wie es der Vater anaezündet hatte. Still ists aber auch nicht, man braucht bloß auf den Tisch zu blicken, wo eine große Gesellschaft versammelt ist. Wir wollen gar. gern hören, was es eigentlich dort gibt. „Es wäre schade, wenn wir die herrliche Mondscheinveleuchtung nicht zu einem Spaziergang benutzen wollten", sagte der Hammer zur" Glocke und bot ihr den Arm. Sie waren heute erstins Haus gekommen und hielten das Chanukah« licht Hür den Mondschein. Der Schammes lächelte verächtlich, als er das hörte und drehte sich halb zu dem Lichtchen herum, aber das Lichtchen träumte von vergangenen Zeiten und hatte nichts gemerkt. „Ich möchte wissen", dachte der Schammes, „ob es sich lohnt, solch ungebildete Leute auszu- Kären, es ist wohl besser zu schweigen, in acht Tagen werden sie schon begreifen, was hier im Hause vorgeht". Der Hammer und die Glocke wußten nicht, wie gering man von ihnen dachte, im Gegenteil sie dünkten sich ganz etwas Besonderes, weil sie gestern noch in einem großen Spielwarengeschäft gestanden hatten, und deshalb hielten sie sich entfernt von der übrigen Gesellschaft. — Am unteren Ende des Tisches ging es her, wie im Wirtshaus. Das Trendeichen tanzte wie besessen auf einem Bein, die Lottosteinchen überschrieen sich alle miteinander, und der alte Würftlbecher lachte dermaßen, daß die Würfel in seinem Bauche klapperten. Nur die Lottokarten, die alten Tanten, blieben ruhig, und die hatten sogar auch Grund genug, Skandal zu machen. „Ich hab's zuerst gesehen, wie er geweint, hat," sagte das Lottosteinchen Nr. 25, „ich hatte die Zahl, die ihm fehlte, denn beinahe hätte der kleine Markus gewonnen, aber die andern ließen mich nicht durch, und so bekam sein Schwesterchen die schöne Chokoladetafel." „Es war ganz unerhört, wie er dann anfing m schreien," sagte ein anderes Steinchen, „mich ,at er in die Ecke geworfen." „Und auf mir hat er herumgetrampelt," ließ sich ein drittes vernehmen. „In mein neues Kleid hat er einen Riß gemacht," stöhnte eine alte Lottokarte. „Es ist wirklich unerhört, wir dürfen uns das nicht gefallen lassen," schallt es im Chor. „Ja, wir wollen uns rächen." „Das schönste," überlegte der Würfelbecher, „das war doch, wie die Mama den Taugenichts packte und gehörig durchprügelte." „Und nachher bekam er auch keinen Gutenachtkuß," sagte das Trendelchen. „Gewiß, es ist ihm recht geschehen," rief nun wieder ein vorlautes Lottosteinchen. Die Karten tuschelten untereinander. „Wahrhaftig," sagten sie, „von unseren Kindern wäre keinS so unartig gewesen." „Gewiß", erwiderte der Würfelbecher der daS gehört hatte, „gewiß Sie haben Ihren Kindern sie besten BoMlder gegeben." Die so Gelobten nickten geschmeichelt. „Ich weiß, was ich tue," rief plötzlich mtt dürmvm Stimmchen eine kleine Glasscheibe, die 1 -§ •i ■3