Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1907)
- Date
- 1907-11-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Üllustrierfc Deili Jüdische llnsiedlungen in den vereinigten Staaten. (Biit fünf Abbildungen.) Die Liga für die Einwanderung in Amerika hat jüngst ein Werk „The Immigrant Jew in America“ erscheinen lassen, das für die Kenntnis der Lebens- und Erwerbsverhältnisse der nach der neuen Welt ausgewanderten jüdischen Massen des Ostens viel wertvolles Material darbietet, und daher allen, die sich über die einschlägigen Fragen unterrichten wollen, ein willkommenes Hilfsmittel sein wird*) Das Buch giebt zunächst eine Schilderung der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen und geht dabei besonders auf die Hauptansiedlungspunkte New-Aork, Philadelphia und Chicago ein. Dann folgen ausführliche Darstellungen der philanthropischen Einrichtungen, der ökonomischen Lage, der religiösen Verhältnisse dieser Bevölkerung, ihres Erziehungswesens und ihres sozialen Lebens, ihrer politischen Betätigung, ihres gesundheitlichen und ihres kriminellen Standes. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß die Sterblichkeit unter den amerikanischen Juden trotz der überaus schwierigen Lebensbedingungen geringer als die jeder anderen Nationalität in Amerika ist, eine Tatsache, die Präsident Elliot auf die Uebung des Religionsgesetzes und die Reinheit und Innigkeit des Familienlebens zurückgeführt hat. -Es wird als ein Charakteristikum der jüdischen Einwanderer erwähnt, daß sie, wenn irgend möglich, vermeiden, eine der Wohltätigkeitsinstitutionen in Anspruch zu nehmen/ daß die in Amerika geborene Generation noch Unterstützung empfängt, kommt nur selten vor. Auch die Kriminalstatistik ergibt ein für die Juden günstiges Resultat; sie liefern ein geringeres Kontingent strafrechtlich Verurteilter, als ihrem Anteil an der Bevölkerungsziffer entsprechen würde. Der weitere Dell des Buches ist der überaus wichtigen Frage, wie die Ansammlung der Einwanderer in den großen Zentren möglichst vermieden und verringert werden kann, und einer höchst informativen Schilderung der ländlichen Anstedlungen gewidmet. Auf diese Ansteckungen, aus deren Leben unsere Abbildungen entnommen find, soll hier näher eingegangen werden. Die bedeutendsten jüdischen KoloEien der nordamerikanischen Union Iteoöi im Staate New- Jersey in einem von den Seewinden bestrichenen Klima, dessen Milde nur durch die Moskitoplage beeinträchtigt wird. Alliance, Carmel, Rosenhayn und Woodbine sind die NhWwn der vier Kdkonien in New-Jersey/ die drej ersten wurden in *) Verfaßt O das SäMtüon' dem Prästdekt«i der WweMittvonWlt«M Edmund J.Z«neS,urUer Müden Jahren 1882 und 1883 von der Hebrew Emigrant Society, die letztere 1891 von der Baron-Hirsch-Stiftung gegründet. Die Entwicklung der vier Ansiedlungen nahm anfangs keinen günstigen Verlauf. Die dünne Ackerkrume des Bodens lieferte nur sehr mäßigen Ertrag. Für die künstliche Düngung, deren dieser Boden bedurfte, hatten die Kolonisten nicht das nötige Verständnis. Es fehlen auch die für einen nutzbringenden Absatz der Bodenprodukte erforderlichen lokalen Märkte/ der Transport nach New-Aork und PhiladÄphia war nicht lohnend. Unter diesen Umständen konnten sich die Ansiedlungen nur Dank der industriellen Betriebe, die dort eingerichtet wurden, erhalten; in diesen Betrieben konnten auch die durch die Landwirtschaft nichts in Anspruch genommenen Arbeitskräfte Beschäftigung finden. Die Leute, die sich in diesen Gebieten New- Jerseys an siedelten, kamen alle aus Rußland, die meisten aus den südrussischen Gouvernements Beffarabien, Podolien, Wolhynien und Kiew. Einige von ihnen hatten auch in der alten Heimat Landwirtschaft betrieben, andere, die aus Dörfern gelebt hatten, waren wenigstens mit dem Landleben vertraut/ die übrigen waren Handwerker und kleine Händler gewesen / unter den Jüngeren war eine Anzahl, die eine bessere Bildung genossen hatten und von dem Wunsch, an der Zurückführung der Juden zum Ackerbau zu ihrem Teil beizutragen, nach den Kolonien geführt wurden. Trotz ähnlicher Ansiedlungsbedingungen nahm die Entwickelung auf den drei ersten Kolonien doch insofern eine verschiedene Richtung, als Alliance mehr eine Ackerbau-Ansiedlung wurde, während in Carmel und Rosenhayn die Industrie allmählich die Vorherrschaft gewann. Im allgemeinen kann man sagen, daß es jetzt in den Kolonien, wenn auch keine reichen, so doch auch keine armen Leute giebt, arm in dem Sinne, wie wir es in dem Ghetto vonNew-Aork finden. Auch ist dort das Arbeiten in den Fabriken, die luftig und hell und nach den sanitären Forderungen eingerichtet find, bei weitem nicht so aufreibend wie in den Großen Städten. , Die wichtigsten Bodenerzeugniffe der Kolonien sind Trauben und Beerenfrüchte verschiedener Art, Tomaten, süße Kartoffeln und Baumobst. Die Pfirsiche von Süd-Jersey sind berühmt wegen Wes Wohlgeruchs / die Pfirsiche von Bineland (einem Bezirk von New-Jersey) finden immer Liebhaber, und die von Wowbyne stehen jenen an ÄBe nicht nach. Beerenfrüchte, besonders Erdbeeren, werden in großen Massen gezogen/ ein Teil derselben wird zu einem gern getrunkenen W«ne verarbeitet. Die Traubenweiaproduktion steht vornchmlich in Alliance in Blüte/ viele Gallonen davon werden in New- Aork und Philadelphia verkauft, mit dem größeren Teil wird der^Bedars von.^, Peffachweiy^auftden Kolonien gedeckt. Sachkenner stellen einige Weine von Süd-Jersey über den kalifornischen. gjp. Im Frühling 1900 wurde in Alliance eine Fruchtkonservensabrik gegründet. In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat sie die an sie geknüpften Erwartungen vollauf gerechtfertigt. Dort werden Erdbeeren, Heidelbeeren, Birnen, Aepfel, Pfirsiche, Pflaumen, Bohnen, Erbsen, Rüben, Tomaten, süße Kartoffeln, und in kleineren Quantitäten Trauben, Citronen, Preißelbeeren und Stachelbeeren eingemacht. Die Allivine Company, hie Eigentümerin der Fabrik, läßt auf ihrer Farm auch landwirtschaftlichen Unterricht erteilen.. Die Milchwirtschaft wird aus den Kolonien mit besonderem Eifer betrieben. Die in den landwirtschaftlichen Betrieben produzierte ZMilch wird aus dem heimischen Markt zu befriedigenden Preisen verkauft. Die Baron Hirsch'sche Agrikulturschule in Woodbyne machte eine Zeit lang den Versuch, eine Milchsuhre nach Ocean City gehen zu lassen/ man entschloß sich jedoch am Ende in Anbetracht der zu großen Entftrnung, die Milch vorläufig in Woodbyne selbst an den Mann zu bringen. Es werden jetzt ungefähr 4000 Acres Land in den Kolonien bebaut. In den drei älteren werden auf ungefähr 1100 Acres Feldfrüchte, auf 600 Acres Gemüse, auf 550 Beerensrüchte und auf 250 Wein gezogen. Alliance ist die bestentwickelte und agrikulturell bedeutendste dieser drei Ansiedlungen. . Der Wert der Farmen in Alliance beläuft sich auf etwa 135,000 Dollar, und der Wert der von diesen Farmen zum Verkauf gebrachten Produkte ist' größer als der von Carmel und Rosenhayn zusammen erzielte Erlös. Alliance wurde von 25 Familien begründe/ es hat jetzt mehr als 500 Einwohner. Carmel zählte ursprünglich nur 16 Familien und hat heute etwa 600 Einwohner. Die Bevölkeruug von Rosenhayn, wo sich 1883 6 Famllien niederließen, war 1889 auf 294 Einwohner gewachsen/ die Bevölkerungsziffer ist aber seidem dort nicht wesentlich gestiegen. Woodbine war, als die wenigen Einwanderer im Jahre 1891 auf der Station dieses Namens mit der West-Jersey-Bahn ankamen, noch first völlige Wildnis. Heute schaut man von der neuen Eisenbahnstation aus auf Hunderte kleiner Häuser, zahlreiche Fabriken, und von Pappeln und Ahornbäumen eingefaßte gerade Straße» herab. Das ist das industrielle Woodbyne, das den Kern der ringsum liegenden Farmen etwa 50 an der Zahl — bildet. Unter deck? öffentlichen Gebäuden ragen vor allen dieZentrcklschule, die auch sozialen und munizipalen Zweckm dient, und die Synagoge hervor. Nahe btöet steht die Talmud - Thora. Woodbyne ge ~ den Vorzug den ersten Kindergarten fce3 Bez genießt