Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1907)
- Date
- 1907-11-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Israelit. Nr <8. Sette 8. ichweil er Llkst am Morden und noch größeres Vergnügen am Plündern hat und, als wohldisziplinierter Mensch es doch am liebsten da tut, wo er am wenigsten Gefahr läuft, von irgend einem Ordnungshüter dabei gestört zu werden. Und auch die Ermunterung von oben, die keineswegs nur xmmer passiver Natur ist, ist - wohl kaum dazu angetan, einen Klassenunterschied in der praktischen Verfolgung seitens der „ e ch t e n M ä n n e r " zuzulassen. Das Wintersemester unserer Universität weist 273 Zurückweisungen jüdischer Studenten auf. Und dieses trotz persönlicher Vorstellung des Professorenkollegiums beim Kultusminister und trotz der ausdrücklichen Erklärung des Rektorates, daß von Platzmangel keine Rede sein kann. Was werden diese 273 wissensdurstigen jungen Leute, unter denen viele das Gymnasium mit Diplom Absolviert haben, denen nun die Alma Mater in der Heimat die geistige Nahrung vörenthalten, anfangen? Sie werden, sofern sie die Mittel besitzen, ins Ausland gehen, wo sie tausende ihrer Leidensgenossen antreffen, oder werden auf halbem Bildungswege stehend, sich dem heimischen Proletariate anschließen, wo sie bald kraft ihrer Intelligenz eine führende Rolle eimtehmen. So oder so werden sie gewaltsam in die Arme der Revolution getrieben, um so dem „schwärzen Verband" willkommene Gele- "gercheit zu neuen Gewaltakten gegen die Juden zu bieten und den Machthabern Grund, uns, wenn wir.bei ihnen Schutz suchen, eine Standrede zu halten, über unsere revolutionäre Jugend. h UaLSMrra. -. öeifungsroefen, KulfurheOen unö Arbeiter.“ ^Jerusalem, 3.KNovbr.M Die hiesige jüdische. Presse besteht aus zwei hebräischen Zeitungen: „Hachawazeles" und „Haschkafah" (früher „Hazwi"), welche extreme Richtungen vertreten. Daß die erstere, die weit davon entfernt, auf der Höhe moderner Zeitungstechnik zu stehen, doch seit Jahr und Tag für das traditionelle Judentum mutig kämpft und als einziges Organ für alle Angelegenheiten der rmajn nvn der jüdischen Sache im heiligen Lande gute Dienste tut, haben ihr die Gegner aller Mischen Lehre und alles jüdischen Lebens, diese mro o^ano o^op , von denen es auf unserem heiligen Boden geradezu wimmelt, nie verzeihen können. Für die Westeuropäer muß zum besseren Verständnis vorausgeschickt werden, das unsere Neologen und Reformer sich nicht unter Chorgesängen und Orgelklängen deutsche oder französische Gebete aus abgekürzten - Gebetbüchern vortragen lasten, Mischehen eingehen - und nach Staatsämtern streben. Nein, es ist eine ganz neue Gattung, die dem Westeuropäer völlig unbekannt, dem Osteuropäer nicht fremd ist und hier seit zwei Jahrzehnten unter dem Namen Vinn aw» sich heimisch festgesetzt hat. Unsere Neueren beten zwar nicht hebräisch, well das Beten überhaupt als kulturelle Rückständigkeit aus ihrem Programm weichen mußte. Dafür sprechen und schreiben sie hebräisch und die heilige Sprache der Väter, die sie, nebenbei bemerkt, in Schrift und Wort meisterhaft beherrschen, ist es, in der täglich so viel WDl nvDD gepredigt wird, so viel Haß und Verachtung gegen alles Religiöse und Altjüdische in die Reihen der Jugend hineintragen werden, daß bei dem wahrhaften Juden Freude an diesem Aufblühen der hebräischen Sprache und Literatur auf Kosten des echtjüdischen Geistes gar nicht aufzwkommen vermag. Diese Neu Hebräer (?) pflegten von je her im Haschkafah ihren Sammelpunkt und Tummelplatz zu finden und in deren Herausgeber Ben Jehudah, dem Generalkulturträger der palästinischen Juden, ihren Spiritus reefor zu sehen. Nun scheint es doch auf einmal anders werzu wollen. Diejenige Partei, auf? welche wie neue Bewegung, so auch diese es am meisten scheu, die Arbeiterpartei hat Ben Jehudah die Gefolgschaft gekündigt. Der jüdische Arbiter in Palästina, dieses geduldige Versuchskaninchen für all die neuen Kulturprobleme, wie sie täglich im heiligen Lande auftauchen, macht nicht mehr mit, sagt sich von seinen Vormündern und geistigen Protektoren los und beschreitet seinen eigenen Weg, den er von heute ab wandeln will. — Und so wurden wir hier seit einiger Zeit mit einer neuen Zeitschrift gesegnet, die unter dem Namen „Der Anfang" in jüdischdeutscher Mundart als eignes und offizielles Organ der Arbeiterorganisation „Poale Zion" wöchentlich erscheinen soll. Ueber das Programm dieses Wochenblattes läßt der Leitartikel der ersten Nummer keinen im Unklaren, der mit hiesigen Verhältnissen vertraut ist, und die hinter all den verworrenen und betäubenden Schlagwörtern verborgene wahre Tendenz herauszufinden vermag. „Das neue Leben", sagt der fanrose Anfang, „modern formieren und gestalten, unserer Gesellschaft neue Richtung geben. Das lebendige Element in unserer Mitte organisieren. Das schwere Joch, die Tyrannei unserer Gesellschaft abwerfen, die Standesunterschiede verschwinden lassen." Fast wüßten wir nicht, gegen wen und gegen was all die Tiraden gerichtet wären. Doch da fand der Leitartikler auch den Mann, der all die Gebrechen, die dieses Kampforgan auszurotten sich zur heiligen Aufgabe gemacht, auch personifiziert — es ist Ben Jehuda, der Herausgeber der „Haschkafah". Selbstredend ist der „Anfang" auch mit dem Chawzeles nicht zufrieden, aber dieses ist mit einem Worte abgemacht. „Er ist schwarz und steht im Dienste der Orthodoxie". Das ist für den „Anfang" genug gesagt. Aber da er von dem Haschkafah und seinem Redakteur schrieb, hat er seine Feder in Galle getaucht. Was da alles Benjehudah vorgehalten und vorgeworfen wird, ist weder stilgerecht noch salonfähig, aber es ist, wenn auch unklar ausgedrückt, doch aufrichtig empfunden. Es sind angesammelte und aufgehäufte Enttäuschungen des von einer gewissen Gruppe Jahrzehnte hindurch an der Nase herumgeführten jüdischen Arbeiterstandes in Palästina, die sich nun in ihrer Weise, alles dahinreißend, Bahn brechen. Ob „Der Anfang " seine Fortsetzung findet ,oder das Loos jener Kikajonblätter teilen wird, die hier oft über Nacht kommen, und verschwinden, vermögen wir heute noch nicht zu sagen. Für die literarische Welt und die jüdische Journalistik wird, nach der ersten Musterprobe zu urteilen, auch der zweite Fall keinen sonderlichen Verlust bedeuten. Aber einen anderen Anfang erblicken wir in dieser Erscheinung, den Anfang klarer Besinnung in den jüdischen Arbeiterkreisen Palästinas. Die Einsicht, daß diejenigen, die es am meisten versprachen, ihnen am wenigsten Heil brachten, und ihnen überhaupt solches aus dem Geiste der Verneinung nie erstehen kann, ist schon an und für sich in der Tat ein guter Anfang, der auch, allerdings nicht auf dem Wege, den die neue Zeitung einschlägt, auch zu einem gutenEnde führen muß. Amerika. Newyork 5. Nov. Eine sensationelle Nachricht bringt die letzte Nummer des Newyorker „Tagblatt". Das genannte Blatt will von einer hohen und verläßlichen Persönlichkeit, dessen freundschaftliche Beziehungen zum Präsidenten Roosevelt bekannt sind, erfahren haben, daß Minister Taft den Auftrag habe, in seiner Audienz beim Kaiser von Rußland auch die Jut^nfr^e^ur S^ra^zu^b^^^und den Zaren Taft^mit äußerst geschickter Diplomat allt und «uh in de» lrüMfchen Regierungskreifen sich der gr-ßten Be- Ukebtheit erfreue. Besonders ^sei Taft beauftragt, Pie russischen Regierungskreise und den Bcherr- Ucher RUMnds darüber uutzuWttrn, dich die 88. Novemöer 190?. Juden in Amerika zu hohen Staatsstellen gelangt sind und auf die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten einen segensreichen Einfluß geübt haben. Die Erfahrungen mit den Juden Amerikas, die zum großen Teile aus Rußland eingewandert seien, ließen es den Präsidenten Roosevelt tief bedauern, daß die Juden in Rußland nicht die volle Gleichberechtigung mit den übrigen Siaatsträgern genießen. Diesen Gefühlen der Amerikaner entspräche auch die jedesmalige Entrüstung, so oft Nachrichten über neuerliche Pogroms in Rußland jenseits des Ozeans bekannt werden. In Amerika gibt man sich der Zuversicht hin, daß diese von Taft sicherlich in taktvoller Form vorgebrachten Hinweise auf die amerikanische Stimmung, große Wirkung haben werden. Das Blatt hebt schließlich hervor, daß obwohl Taft schon vor seiner Abreise die Aufträge bezüglich seiner inoffiziösen Intervention in Rußland empfangen hatte, nach Bekanntwerden der Wahlresultate und der jüngsten Entwicklung der politischen Verhältnisse in Rußland zwischen Taft und Roosevelt ein reger Depeschenwechsel in dieser Angelegenheit stattgefunden habe. Diese Depeschen hätten viel weitergehende Instruktionen als ursprünglich gedacht war, enthalten, da man in den maßgebenden politischen Kreisen Amerikas die Befürchtung hege, daß eine reaktionäre Dumamajorität leicht neue große Ausschreitungen gegen die Juden im Gefolge haben könne. vermischter. Hohenlimburg, 19. Nov. Nach Anhörung der Beteiligten hat die kgl. Regierung angeordnet, daß die jüdischen Eingesessenen der Landgemeinden Ergste und Hennen aus dem Shnagogenverbande Limburg ausscheiden und fortan eine selbständige Sunagogengemein de „Hennen" bilden. Als Zeitpunkt, zu dem diese neue Synaaogengemeinde inS Leben tritt, insbesondere auch die Bcitragspflicht der jüdischen Eingesessenen von Ergste und Hennen zur Synagogrngemetnoe Limburg aufhören soll, ist der 1. April 1908 bestimmt. Mit dieser Abtrennung der Gemeinden. Ergste und Hennen von dem Svnagogenbezirk Limburg werden auch die Untergemeinden Letmathe und Oestrich aufgehoben, und es wirb eine selbständige Synagogengemeinoe Hohenlimburg, bestehend aus den jüdischen Emwohnern der Stac tgemeinoe Hohenlimburg und der Landgemeinden Letmathe, Oestrich und Berchum ge ildet. Lauterbach (Hessen), 2l. Nov. Eine Zierde ist unserem Städtchen in dem stattlichen Neubau der Synagoge entstanden. Sie wirb vorausfichtlich im Mai k. I. ihrer Bestimmung übergeben werden. Die Kosten werden fich auf nahezu 6V 00V Mk. belaufen, die teils aus dem Erlös der alten Synagoge, teils durch Kapitalaufnahme und freiwillige Gaben gedeckt werden. Wien, 10. Novbr. Muß ein jüdischer Ko mnrts am jüdischen Neujahrstage ins Geschäft kommen? Mit dieser Frage batte sich vor einigen Tagen das Wiener Gewerbegericht beschäftigt. Der Verhandlung lag die Klage des jüdischen Komptoiristen S. gegen den jüdischen Besitzer einer Pfandleihanstalt F. auf Zahlung emes vollen Monatsgehaltes zugrunde, da ihn sein Chef ohne Kündigung entlassen habe, weil er am Neujahrsfeste, nicht ins Geschäft kam. Der Vorsitzende ermahnte den Chef, freiwillig die Klagesumme zu zahlen, „da sein Vorgehen als eines Inden eurem Glaubensgenossen gegenüber doppelt inhuman erscheine". Der beklagte Chef erklärte, daß er selbst am Versöhnungstage das Geschäft geschlossen halte, doch müsse er xs an den Neujahrstagen offen halten, weil die Bedingungen der KoMefsion dies vorschreiben. (?) Er mußte auch deÄMo mit der Entlassung Vorgehen, weil sonst die Disziplin unter seinen zahlreichen Angestellten, von denen fünf Juden sind, gelockert würde. Sollte das Gericht ihn verurteüen, so müßte ihn das veranlassen, in Zukunft prinzipiell keinen Juden mehr anzustellen. Der Kläger deponiert, daß sein Chef von ihm am 1. Neujahrstage ein Entschuldigungsschreiben erhalten habe. Er fei zunächst aus religiöser Ueverzeugung und auf ausdrücklichen Wunsch seines greisen Vaters vom Geschäfte ferngeblieben. Ru« kam das von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eingehotte Gutachten zur Verlesung, welches dahin lautete, daß nach mosaischem Gesetze wohl der Sabbath als Hauptfest- und Ruhetag gelte, doch komme dem Neujahrs- und Versöhnungsfeste gleichfalls eine eminente Bedeutung zu, so sehr, daß der Volksglaube diese Feste über den Sabbat und die übrigen Festtage stelle. DaS Gericht erkannte schließlich, der Beklagte fei verpflichtet, dem llttäger einen vollen Monatsgehalt auszüzahlen. In der Sicherst interessanten UrteWbesründnng heißt es: Das HandeW- Vtz v^angt für die ptofflidje Auflösung des 8er- «3 fchchettviegende (fofinbe., Zwar anerkennt bic das Gericht HaSe «i§O^ können, daß Kläger S Mihl sew konnte '