Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1907)
- Date
- 1907-11-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWWWWWW^ M. November 1907. WM Der JSmeltt. Rr. 48 Sette 7 U«S«rr«. Die Sitzung der orfh. 3enfralhqmmission. (Bon unserem Korrespondenten.') Budapeft, November. In Ergänzung meines Berichtes über die jüngste Konferenz wäre noch folgendes mitzuteilen. Vorsitzender hat an der Hand von Tatsachen aus der jüngsten Vergangenheit nachgewiesen, daß die neologen Führer, die jetzt für die Abhaltunc eines Judentagcs agitieren, die wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung nur als Vorwand benützen, um mit Hilfe solch verlockender Schlagworte für die „Unification" Stimmunc zu machen. Die nämlichen Herren standen be den früheren Regierungen in großem Ansehen, saßen auch am grünen Tisch als man die Sonntagsruhe eingesührt und die Gründung von Konsumgenossenschaften, die viele jüdische Existenzen ruinierten, beichloffen wurde,- aber kein einziger von diesen Paradejuden hat für eine ausgesprochen jüdische Angelegenheit jemals einen Finger gerührt. Bloß einmal hat sich das Unglaubliche ereignet, daß ein jüdischer Abgeordneter im Namen tausender jüdischer Trafikanten beim Minister intervenierte, daß gesetzestreue jüdische Inhaber von Trafiken am Sabbath und Jomtov ihre Geschäftslokale nicht offen halten müssen. Der Erfolg war bekanntlich ein sehr problematischer. Man konnte das jüdische Sprichwort anwenden: "p oDrmajb* Die neologe Presse hat diese Aktion nur insofern unterstützt, als sie den Anlaß dazu benutzte um sich folgende demonstrative Sentenz zu leisten: Die Intervention eines neologen Abgeordneten für eine eminent orthodoxe Religionssache beweise, daß das orthodoxe Judeutum keine separate Ko fession bilde. Die Ausführungen des Präsidenten fanden allgemeine Zustimmung und die von demselben gegen die Veranstaltung des Judentages vorgelegten, an die orthodoxen Gemeindevorstände zu richtenden Zirkulare wurden einhellig genehmigt. Dem Vernehmen nach soll der „Judentag" am 25. Dezember in Szene gesetzt werden. Die Konferenz erteilte daher dem Präsidenten die Ermächtigung, die hundertgliederrge orthodoxe Landes-Repräsentanz in Angelegenheit des Judentages wann immer einzuberufen. Sollten die Unternehmer des Judentages sich anschicken, auch als Anwälte des orthodoxen Judentums auf dem Plan zu erscheinen, dann wird zu gleicher Zeit das kompetenteste Forum, die orthodoxe Landes- Repräsentanz ein solches Unterfangen nach Gebühr kennzeichnen. In Angelegenheit der „Sonntagsruhe" wird der Handelsminister demnächst eine Enquete veranstalten, zu der auch zwei orthodoxe Mitglieder entsendet werden. Die Konferenz hat jene Wünsche festgestellt, welche die Delegierten bei den einschlägigen Beratungen irn Handelsministerium zu vertreten haben werden. In den nächsten Tagen werden es vierzig Jahre, seitdem der ungarische Reichstag mit einhelliger Begeisterung die bürgerliche Gleichberechtigung der ungarischen Juden ausgesprochen. Nach dem Staatsgrundgesetze' vom Jahre 1867 war die Magna Charta der jüdischen Emanzipation das erste Gesetz welches der König Franz Josef I. noch im Krönung§jahre sanktionierte. Aus diesem Anlasse hat die Konferenz beschlossen, Namens der orthodoxen Judenschaft eine Dank- und Huldigungsadreffe an die Stufen des Thrones gelangen zu lassen: Das schwungvoll gehaltene Huldigunsichreiben enthält folgenden Schlußpaffus: „Geruhen Ew. Majestät uns auch fernerhin in der bisher bekundeten väterlichen Liebe zu behalten und in der uns durch allerhöchste und allergnädigste Verfügung gesicherten separaten Organisation und Autonomie uns auch weiter zu beschützen." Nur wenn man die in den letzten 40 Jahren auf neologer Seite gegen das gesetzestreue Judentum verübten Attentate sich gegenwärtig hält, kann man den tiefen Sender, der sich aus dieser Bitte der Orthodoxen emporringt, nachempfinden. Unzähligemal mußten die gesetzestreuen Rabbiner vor dem Antlitz des gütigen Königs erscheinen. Nicht um Gewährung von Privilegien und Vorrechten und materielle Vergünstigungen handelte es sich bei diesen thoratreuen Männern, sondern um Schutz und Schirm für die unbehinderte freie Betätigung der alten gottgebotenen jüdischen Vätersatzung in Gemeinde, Schule und Haus, die durch den neologen Fanatismus der eigenen Stammesbrüder immer auf's Neue bedroht war. Und dieser edle Fürst hat die Erfüllung solcher Wünsche der gesetzestreuen Führer niemals verweigert. Die Herzensgüte und Leutseligkeit des Herrschers gegenüber dem gesetzestreuen Judentum und dessen Führern ist überhaupt beispiellos in der Geschichte der Könige unserer Zeit. Die ergreifenden Worte des Huldigungsschreibens sind der treue Dolmetsch jedes religiös empfindenden jüdischen Patrioten Ungarns. Budapest, 24. Nov. Hierzulande giebt es noch einige größere orthodoxe Gemeinden, die unter orthodoxer Flagge segeln, d. h. auf Basis der orthodoxen Landesverfassung konstituiert sind, durch den Einfluß reformfüchtiger Gewalthaber wird aber von Zeit zu Zeit neologe Contrebande eingeschmuggelt. In letzter Linie wird in diesen einheitlichen, de jure aber doch orthodoxen Gemeinden der Rechtszustand nur durch Intervention der konfessionellen Schiedsgerichte hergestellt. In Miskolcz haben es vor mehreren Jahren die neologen Elemente durchgesetzt, daß ein neologer Rabbiner als ungarischer Prediger angestellt wurde. Die Gemeinde hat einen greisen Oberrabbiner, der auch ungarische Predigten hielt, hatte tüchtige Rabbinatsassessoren, die gefetzestreuen Gemeindemitglieder protestierten gegen einen solchen Eingriff in die orthodoxe Gemeindeautonomie, der sei. Präsident Lipschitz hat dem Kultusvorstande eine Liste der orthodoxen Kandidaten vorgeleat,- es half alles nichts. Die damaligen GewaUhaber wollten durch eilt Exempel demonstrieren, daß neologe Rabbiner auch in einer orthodoxen Gemeinde amtieren können. Eine Monstredeputation fuhr mit einem Separatzug nach Budapest und bestürmte die Minister, daß das Vaterland in Gefahr fei, wenn die Mrskolezer orthodoxe Gemeinde nicht den neologen Kandidaten als ungarischen Prediger bekomme. In der Meinung, daß es sich tatsächlich nur um die Anerkennung der ungarischen Sprache in der Synagoge handle, hat der frühere Kultusminister Wlassics die erzwungene Wahl bestätigt. Dem neuen Prediger wurde ein größeres Gehalt als dem Oberrabbiner zugesprochen, aber zum Mitglied des Rabbinats wurde er nicht erhoben. Seitdem hat es der Prediger zu wiederholten Malen versucht, diese Würde gegen den" Willen des Rabbinats zu erlangen, es wollte aber nicht gelingen. In seiner Selbstüberschätzung hat er sich auch — allerdings über Entscheidung des Kultusministers — vor einem orthodoxen Kollegium einer Rabbinerprüfung unterzogen, die aber kläglich ausgefallen ist. Nun glaubt der schwergeprüfte Mann doch zum Ziele gelangen zu können und urgiert wieder die offizielle Anerkennung seines Rabbinertums. Ein konfessionelles Schiedsgericht wird demnächst entscheiden, ob diesem Manne geholfen werden kann oder nicht. In der orthodoxen Gemeinde zu Balaffa- Gyarmat haben bei den jüngsten Vorstandswahlen die neologen Balebatim einen kleinen Staatsstreich ausgeführt. Durch allerlei Wahlmanöver ist es ihnen gelungen die Gemeinde- Herrschaft an sich zu reißen. Die orthodoxe Mehrheit hat gegen diesen Putsch energisch protestirt. Die Voruntersuchung hat auch schon erzeben, daß von den 150 abgegebenen Stimmen 78 ganz zweifellos den orthodoxen Kandidaten zufielen. Das Schiedsgericht, welches in dieser Angelegenheit tagte, hat noch verschiedene Gesetzwidrigkeiten des neologen Wahlkomitees auftedeckt und die Wahl für ungültig erklärt. Binnen 14 Tagen muß eine Neuwahl stattsinden. Ruftlanv. Stille Pogrome. Odessa, 19. November. In der Geschichte der Judenverfolgungen unserer Zeit wird unsere Stadt den ersten Platz behaupten, nicht einmal Kischinew wird ihr den Rang ablausen können. Denn bei uns handelte, es sich nie so recht um vulkanische Ausbrüche wilder Leidenschaften, welche toben und sich schließlich auch austoben. Wir hatten hier vom ersten Tage der Versolgungsausbrüche in Süd-? rußland an sozusagen den Guerillakrieg, der ohne viel Aussehens zu machen, täglich in irgend einer jüdischen Straßenecke seine Opfer fordert, gegen den auszukommen wir nicht im stände sind, und den zu unterdrücken die Behörden nicht den leisesten Willen zeigen. Ter Odessaer H o l i g a n, zumeist ein aus Rumänien oder aus der tartarischen Krim zugewanderter „echt russischer Man n", arbeitet ruhigen Blutes und ist nie um einen geeigneten Anlaß in Verlegenheit. Die echten R us s e n haben eine Niederlage erlitten — flugs rächt er sich an den Juden, sie haben einen Sieg zu verzeichnen es wird mit jüd. Blute gefeiert. Da mögen sie draußen, im Taurischen Palaste und in den anderen Palästen reden und beschließen, was sie auch immer wollen, der Odessaer Pöbel nimmt keine Notiz davon. Die Duma wird gewählt, tritt zusammen, wird auf-? gelöst, wird wieder gewählt, Minister gehen und kommen, Kommisionen werden gebildet, Gesetze werden geprüft und neu gegeben das Straßenbild in Odessa bleibt das gleiche. Das rohe mordlustige Gesindel in der südrussischen Metropole kennt nur eine Politik — den Knüttel und den Gummischlauch. Der Kleinpogrom ist hier, und das ist dashimmelschreiende, einfach in Permanenz, erklärt, eine Tatsache, von der nur die Behörden offiziell nichts wissen, die sonst von Jedem in seiner Art gebührend gewürdigt wird, und mit der selbst eine gewisse Gruppe unserer Juden sich in einer Weise abzufinden weiß, die, so symptomatisch traurig sie auch ist, doch auch der Komik nicht entbehrt. Daß es im Altertum zur Zeit des Antiochos eine Gruppe unter den Juden Jerusalems gab, die, um der Gefahr zu entrinnen, ohne Bedenken zum Hellenismus überging, wird keinen verwundern, der die heutigen Zustände in Odessa kennt und auch jenes Grüppchen der sog. obersten jüdischen Aristokratie, das von jeher jenseits aller Religionsgesetze stehend, sich, dem Zuge der Zeit gehorchend, nicht zu den Freunden des He ll e n i s m u s, jedoch zu den Pöbeleien des Holiganismus gar zu gern bekennen möchte. Da geht — wie bit Zeitungen berichten — eine würdige Matrone in Samt und Seide gehüllt von einer Buchhandlung zur anderen, um ein schwarzes Abzeichen der echt russischen Männer, das die Brust ihres einzigen Söhnchens schmücken sollte, zu kaufen. Vergebens, alles ausverkauft. Die liebevolle Mutter ist untröstlich und entschließt sich endlich, die Kanzlei des Verbandes, wo solche Ehrenzeichen stets vorrätig sind, zu besuchen. Dort wird sie als Jüdin erkannt und sehr unsanft, wohl auch mit. einigen diversen blauen Abzeichen an die Luft befördert. Es wäre, dies eine köstliche Anekdote, wenn sie nicht als Symptom für unsere Zustände und die durch dieselben entstandene innere Verwirrung gar zu traurig wäre. Und das muß 'man dem Odessaer Holigan lassen, Ueberläufer imponieren ihm nicht im geringsten. Er ist kein Antiochos, der auf Seelenfang bedacht ist, er ist mehr von dem Genre Hamans, der aufs Vertilgen und Plündern ausgeht. Nicht der jüd. Geist ist es, auf den ers abgesehen, sondern der jüdische Körper und noch mehr das jüdische Geld. Der russische und be-» sonders der Odessaer Mordgeselle bekämpft den Juden nicht wegen seiner Religion, nicht einmal der Taufschein kann als sicherer Geleitbrief durch . unsere Straßen gelten. Er mordet und raubt. 14 'M