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Der Israelit · 1907-11-28 · Heft 48 (28.11.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 48 (28.11.1907)
Date
1907-11-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit. ' 38. Novemöer 1907 Seite 6 Nr. 48_ unterstellt, deren Vorhandensein ihn verächtlich zu machen geeignet wäre? Eine kleine Blütenilese aus diesem duftigen Strauß jüdisch-liberalen l Religionslebens und -Empfindens! „Das Hamburger und Altonaer Rabbinat konnte den ’k kindlich-naiven Ausspruch in die k Welt schicken: Alles in unserer Liturgie von \< Adon Olam bis Alenu ist Mose am Berge Sinai § offenbart worden": „ wir müssen sagen, daß dem hartnäckigen Widerstreben gegen jede f ' Neuerung auf diesem Gebiete im besten Falle ' unwissende Anmaßung zugrunde liegt"; „an sich aber ist dieses sogen. Gebet- F Mck (gemeintist das Kol-nidro-Gebet) sinnlos und verletzt zum Teil das sittliche f Empfinden"; „es gibt leider unter uns Männer, die bei oberflächlicher Kenntnis ein Urteil in solchen Dingen anmaßen": und schließ- * lich das Tollste des Tollen: „Die Bekehrten, von denen Zunz hier spricht, waren eine y eigene Art von Beschützern der Or- ' thodoxie, deren sich das liberale Judentum . damals zu erwehren hatte: getaufte Juden I u.s.w " Haben wir zuviel gesagt, wenn wir dieses Machwerk eine Pamphlet benannten, zu hart F gerichtet, wenn wir dieser Verwendung vergif- £ teter Pfeile im Kampf des Geistes als verwerflrch bemaßen? Kann etwa die Siedehitze des F Kampfgewühls zur Entschuldigung der Herren F und ihrer Kampfesart herangezogen werden, hat, die Provokation des Gegners ihnen die, auch I dann noch nicht zu billigende Waffe in die Hand I gedrückt? Nichts von alledem! Mitten aus der l Ruhe des vollen Friedens heraus, „unabhängig f davon, ob sich diesmal ein lebhafter Wahlkampf f; entspinnen wird oder nicht", ja, trotzdem, als i der Artikel erschien, das Kompromiß bereits fertig und besiegelt, die konservativ-liberale Paaz rung bereits vollendete Tatsache war, hielt das l liberale Berliner Judentum den Moment für t den geeigneten, mit einer Kampfesweise den t Krieg zu eröffnen, die ihre Rüstung dem Arsenal I der schlimmsten Zeiten des Streites zwischen I Orthodoxie und Neologie entlehnt hat, und nach l alter Barbarensittc den Gegner durch Verhöhl nung aus seiner Ruhestellung zu locken. „Borne ft nickt er, hinten pickt er." Borne lesen rohr: „ger rade, weil wir liberal sind, wünschen wir auch die F Mitarbeit derjenigen Männer im Repräftntan- |F ten-Kollegium, denen das Festhalten an l alten, durch Ueberlieferung ehrwür- Ldi gen Einrichtungen Bedürfnis ist"; jh so vorne, hinten aber wird diesen selben Männern § die schöne Zensur erteilt, daß sie „bei oberfläch- I sicher Kenntnis ein Urteil in solchen Dingen sich F anmaßen", und werden „getaufte Juden" ihnen F als „Beschützer" oktroiert. So sieht die Toless ranz des liberalen Berliner Judentums aus; hier im Hauptbahnhof. der Handel in der Börse, die Kunst in den mächtigen Bauten der beiden Theater, das Jahrhundert des Kindes Jtt den glanzvollen Schulgebäuden, der historische «sinn in den Mauern des Rathauses und der vorwärtsstrebende Geschäftsgeist in dem bald erstehenden Osthafen seine künstlerischen Symbole und Wahrzeichen geschaffen". Der Verfasser fährt dann fort: „Und so sind es zuletzt zwei Werke, welche Erinnerungen aus uralten Zeiten der Nachwelt hier mit der Ueberzeugungskrast jugendlich starker Formen übermitteln werden. Als die Juden in die soziale Gemeiiischaft ausgenommen wurden, entstand unter ihnen eine Bewegung, ihrem Volk den innerlichen Anschluß an das Land zu erleichtern, dem sie so lange als Fremdlinge angehört hatten. Creizenach war der Vorkämpfer dieser Richtung, sein Wirken in Frankfurt, heftig angefochten, gleichwohl von Erfolg begleitet. Aber das Ideal, die Juden in der allgemeinen deutschen Kultur aufgehen zu lassen und ihrer Religion, ähnlich der protestantischen Entwickelung, die alten Härten und Fremdartigkeiten zu nehmen, mußten bei dieser zähen Nation mit Notwendigkeit eine Reaktion auslösen. Gerade in Frankfurt, am Hauptsitze der „Neologen", erfolgte darum unter Samson Raphael Hirsch die Rückkehr zur strengsten Rechtaläubigkeit, zu einer von Geist erfüllten und mit ethischen Inhalt erhöhten Erfüllung des alten Gesetzes, die einer sich rein erhaltenden Rasse wohl anpeht, so unverständlich sie einer aufgeklärten und rnatenalistischen Zeit auch Vorkommen mag. Diese „Israeli litische Religionsgefellschast" hat sich nun in der Friedg. berger Anlage eine neue Synagoge bauen lassen. Es ft ist ein Werk, das bei weitem das wertvollste aller Gotteshäuser in Frankfurt bedeutet; im Aeußeren südfranrösischen Kirchen des IS. Jahrhunderts verwandt. hat sie einmal wieder ihr wahres Antlitz uns enthüllt. Nicht als ob dieser Anblick für uns des Ueberraschenden etwas böte! Uns haben, um nicht zu weit zurückgreifen, unlängst die Münchener Vorgänge, wo rnan den Orthodoxen ihre Synagoge zu schließen drohte, die Lehre schon eindringlich genug gepredigt, daß wir Orthodoxen uns von dem „liberalen" Judentum des Schlimmsten zu versehen haben, daß es dieser neuen Bestätigung wahrlich nicht erst bedurfte. Aber den nur allzu zahlreichen Kreisen in unserer Mitte, deren Vertrauensseligkeit schier nimmer zu erschüttern scheint, die unseren Kampf gegen die Organisationsminierarbeit der Berliner „Liberalen" nicht gutheißen oder mitmachen wollten, ihnen sei dieses Selbstportrait des Berliner liberalen Judentums zum eingehenden Studium Zug für Zug empfohlen. So sieht die Toleranz des liberalen Judentums in Wahrheit aus; das isl's, was diese Partei „in die Tiefe des religiösen Lebens eindringen" nennt, in diese m Sinne bedeutet i h r „liberales Judentum Wissenschaft, Wahrheit und Leben". Nun, was an diesem „Leben" dran ist, glauben wir genügend gekennzeichnet zu haben; über ihre „Wissenschaft und Wahrheit" das nächste Mal noch ein kräftiges Wörtlein! Oesterreich. Kolomea, 19. Nov. In Kolomea wurde dieser Tage ein „H ilfsverein für galizische Juden" ins Leben gerufen. Die Statuten des Vereines sind von der Statthalterei bereits genehmigt worden. Die Gründer des Vereines gingen von dem Standpunkte aus, daß den Juden Galiziens nur in Galizien selbst geholfen werden könne und daß ein Hilfsverein, der den galizischen Juden Nutzen bringen soll, in Galizien selbst seinen Sitz haben und von galizischen Juden, denen die Verhältnisse des Landes genau bekannt sind, geleitet werden müsse. Auch sind die Proponenten der Ansicht, daß die ersten Fonds in Galizien selbst aufgebracht werden müssen, und es sei kein Zweifel, daß wenn der Verein ernste Arbeit leisten werde, für konkrete Vorschläge auch die reichen; Juden des Auslandes sich zugänglich zeigen werden. 1. Sammlung genauer statistischer Daten über jeden einzelnen Juden in Galizien. Es soll die Lage jeder einzelnen jüdischen Familie, besonders aber die Arbeitsfähigkeit und Fertigkeit jedes einzelnen Familienmitgliedes, sowie deren Gesundheitszustand genau sestgestellt werden. Die Kenntnis dieser Einzelheiten erscheint unerläßlich, bevor man überhaupt zu einer positiven Arbeit schreitet. Auf Grund dieser Statistik hoffen die Gründer sowohl Ursache und Grad der jüdischen Armut genau kennen zu lernen, als aber von einem selbständigen Geiste bis in das geringste Glied mit neuem Leben erfüllt; das Innere von einer erhabenen Naumschönheit, von einer riesenhaften Wölbung überspannt und in eine Einheit zusan'mengefaßt, in der die herrliche graue Grundfarbe ihren Variationen wie Akkorde einer Orgel beherrscht, das schön gedämpfte Licht in dem hohen Gewölbe und den Emporen vibriert und verhaucht: eine ganz und gar ernsthafte und bei aller Anlehnung an romanische Motive modern empfundene Architektur. Diese Raumgröße, die bei mäßigen Abmessungen durch eine souverän beherrschte Kunst erreicht ist, spricht deutlicher, als alle anderen Symbole es vermögen, von der Macht der reinen Idee; die Synagoge ist mehr als eine künstlerische Leistung: sie ist ein Wahrzeichen, daß unsere Zeit den starken, einseitigen, darum über auch wirkungskräftigen Ideen gehorcht, mögen sie altersgrau sein oder vom letzten Tage stammen." (Die Geburtsziffer der französischen Bevölkerung) weist, wie der bekannte Statistiker Dr. Bertillon, Direktor des statistischen Amtes von Paris, mitteilt, für das Jahr 1906 die Zahl von 806,847 Geburten auf. Da für den Zeitraum von 1895 bis 1905 die mittlere Geburtsziffer 839 843 ist, so bedeutet das Jahr 1906 einen Rückgang von 32 996 Geburten» Nach dem Kriege betrug die Durchschnittszahl noch 960 Geburten im Jahre. Seitdem ist sie unaufhörlich bergab gegangen,' und jetzt auf diesem noch nicht dagewesenen Tiefstand angelangt. Seine volle Bedeutung, ermißt man aber erst im Vergleich mit der 'Bterblichkeitsauch in der Lage zu sein, die zweckdienlichsten Mittel zur Behebung derselben anzugeben. 2. Organisierung der jüdischen Arbeitsvermittlung im ganzen Lande. Bisher pflegte der Jude einer kleinen Stadt, der arbeitslos war, auszuziehen und planlos zu wandern, bis er Arbeit fand. Glückte es ihm, die Arbeit irgendwo zu ' finden, so lange der kleine Barvorrat, den er vom Hause mitnahm, nicht erschöpft war, so war das Uebel noch nicht so groß. Gingen aber die geringen Barmittel aus, ehe er Arbeit fand, so begann er unter dem Vorwände, auf der Arbeitsuche zu sein, seine Glaubensgenossen um Unterstützung anzugehen und allmählich ward er dann zum Professionsbettler, der für eine Arbeit nicht mehr zu haben war. Hunderte solcher Bettler leben jetzt in Galizien, die niemals so tief gefallen wären, wenn sie seinerzeit, als sie auszogen, Arbeit zu suchen, ein bestimmtes Ziel gehabt hätten, wo sie auch wirklich hätten ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit finden können. Ueberall bestehen bereits solche Arbeitsvermittlungen für Juden, nur nicht in Galizien. Der Verein will auch die Hausindustrie fördern und den Absatz der fertigen Ware erleichtern. 3. Die Errichtung von Gewerbeschulen für alle Handwerke, in denen die Zöglinge einen dem Leben der galizischen Juden angepaßten Unterricht genießen sollen. (Besonders soll auf das religiöse Leben der Schüler Rücksicht genommen werden.) .Den Schülern soll morgens und abends . soviel Zeit übrig bleiben, um dem Thorastudium obliegen zu können. 4. Die Errichtung von Wohlfahrtsanstalten in jeder galizischen Stadt, dämit das körper- und seelenverderbende Schnorrerwesen im Lande allmählich ein Ende nehme. Der Verein soll wenigstens einmal jährlich eine Generalversammlung abhalten und den Rechenschaftsbericht der Vereinsleitung entgegennehmen. Der Sitz des Vereines ist vorläufig Kolomea, da die Anregung zur Gründung des Vereines von hier ausgegangen ist. Die Jahresbeiträge der ordentlichen Mitglieder betragen vier Kronen. Die Unterzeichner des Aufrufes betonen ausdrücklich, daß der Verein nicht im Dienste irgend einer Partei stehe, er sei weder national, noch chassidisch und auch nicht anderer Parteirichtung, es kann also jedermann beitreten. Der Verein hat bereits seine Tätigkeit begonnen und besorgt schon jetzt Arbeitsvermittlungen, die sich vorläufig nur auf Galizien beschränken, es ist jedoch eine. Kooperation mit auswärtigen Arbeitsnachweisen ins Auge, gefaßt. Arbeitsnachweise werden auch an Nichtmitglieder aus eine schriftliche Anfrage hin erteilt. Als Gründer des Vereines haben den Aufruf folgende Herren aus Kolomea unterzeichnet: Mendl Bredler, Moses Breuer, Elias Kriß, Dr. Flecker, Dr. Landau und Jsak Weber. Die Adresse des Vereines lautet: „Hilfsverein für Galizische Juden" in Kolomea (Galizien). Ziffer. Das Jahr 1906 weist 780196 Todesfälle auf. sodaß also der Ueberschuß der Geburten nur 26 651 beträgt. Deutschland hatte im Jahre 1905 h?i einer Geburtsziffer von 1987153 einen Ueberschuß von 792 839 Geburten über die Todesfälle, Oesterreich-Ungarn einen solchen von nahezu einer halben Million. Berttllon schließt seine Feststellungen und Klagen.Mber diese „jährliche Niederlage" Frankreichs mit dem Warnrufe: „Wenn die Geburtszifser sich nicht hebt, ist unser Land verloren", aber er muß gleichzeitig eiwgesteh-n, daß alle Propaganda, um dem Volke den Ernst der Frage mit praktischem Erfolge begreiflich zu machen, bisher vergeblich gewesen ist. Die Wurzel des Nebels liegt in Frankreich eben darin, daß der Malthusianismus nicht allein in den Großstädten und den höheren, Klassen der Gesellschaft, sondern auch auf dem Lande, selbst unter der bäuerlichen Bevölkerungeingewurzelt ist. Hier aber ist er nicht nur eine Folge des individuellen Egoismus, der die Sorten, Lasten und Unbequemlichkeiten eines reicheren Kindersegens Meut, sondern im wesentlichen der Gesetzgebung, des Erbrechts nämlich, das auch den bäuerlichen Grundbesitzer zwingt, sein Hab und Gut unter seine Kinder zu teilen, d. h. bei einer zahlreicheren Kinderychar entweder seinen Grundbesitz mit Schulden zu belasten, um ihre Abfindung zu ermöglichen, oder ihn zu zerstückeln. Nur Unter den bretonischen und normannischen Fischern herrscht größerer Kindersegen. Sie haben aber auch nichts zu teilen, und sind meistens arm wie die Kirchenmäuse.

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