Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1907)
- Date
- 1907-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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men Sitten einen Schatz erkannten, der ihnen mehr als Leben, der ihnen Ewigkeit galt." Ja, der Väter Glaube, die göttliche .min war es, die den Makkabäern mehr als Leben, die ihnen Ewigkeit galt. In dieser Auffassung der Gotteslehre unter dem Gesichtspunkte der Ewigkeit gelang es ihnen, das Judentum vor dem Untergang zu retten. p'D ms# nros Was dem Judentum unserer Tage not tut, ist nicht Reform seiner Lehre, Modernisierung seiner Gebete, und was all die Versuche, den Kindern unserer Zeit das Judentum zu erhalten, sein mögen. Nicht soll und darf der Inhalt der göttlichen Lehre dem stets wachsenden Strome der Ansichten der Menschen angepaßt werden. Nicht sollen und dürfen wir das Judentum nach der Menschen unbeständigen, dem Gesetze des Wechsels unterworfenen Denken formen. An uns ist es vielmehr, unsere Gedankenwelt der keinem Wechsel und keinem Entwickelungsprinzip unterworfenen Gotteslehre anzupassen, wodurch wir zur Anerkennung der in ihr liegenden ewigen Wahrheit gelangen werden. »orrespondenzen und Eachrichten. Deutsches Kelch. kinMotsltirei aus Jerusalem. Frankfurt a. M, 24. Nov. Wir empfingen heute die nachfolgende Depesche: „Die Teuerung der Lebensmittel ist entsetzlich, die Lage der Armen sehr kritisch, die Aussichten für die* Zukunft überaus traurig, rasche Geldhilfe unerläßlich. Getreide und Mehl jedoch vorzuziehen. —" Aehnliche Mitteilungen sind brieflich an^die Pekidim und Amarkalim des heiligen Landes gelangt. Wir glauben zu diesem Notschrei nichts weiter bemerken zu müffen und erhoffen für die Armen des heil. Landes rasche und reichliche Unterstützung. Spenden nehmen das Hilfskomitv für die notleidenden Brüder im Ausland (z. H. des Herrn Dr. Israel Roos, Frankfurt a. M., Schöne Aussicht 5) und die Pekidim und Amarkalim in Amsterdam entgegen. Auch die Expedition des Israelit ist gerne bereit, Gaben weiterzubefördern. Liberales Judentum von heute. (Bon unserem Correspondenten). E. B., Berlin, 18. November. Friedfertiger als seit vielen Jahren werden sich heuer die Wahlen zur Repräsentanten- Bersammlung der hiesigen jüdischen Gemeinde im nächsten Monate abspielen. Der „Central-Verein" hat, wie an anderer Stelle näher berichtet, mit dem ,,Liberalen Verein" seinen offiziellen Frieden gemacht; die Zionisten erklären. Besseres zu tun zu haben als unfruchtbare Wahlagitation zu betreiben, und von dem „Verein zur Wahrung der religiösen Interessen" hört und sieht man schon lange nichts mehr. Somit entfällt für die sieghafte Partei, und das ist auf der ganzen Linie unbestritten, die liberale, der Zwang und Anlaß zu einer förmlichen Wahlarbeit, wie sie z. B. in außerordentlichen Maßen das Jahr 1904 gesehen. Dafür hat es ihr Verein für geboten erachtet, mit einer Enunciation*) vor die Oeffentlichkeit zu treten, die weniger der Tagespolitik zu dienen und die Wahlinteressen zu fördern bestimmt scheint, als vielmehr dazu, gleichsam von höherer Warte aus die Entwickelung der Geschehnisse zu betrachten und ihre Ergebnisse zu bewerten. Der lokale und aktuelle Anlaß zu dieser Kundgebung soll hinter einer weitschauenden religionsgeschichtlichen Betrachtungsart zurücktreten, die die historischen Zusammenhänge in der Flucht der Erscheinungen sucht und darum Anspruch auf wissenschaftliche Dignität, nicht bloß auf Tagesbedeutung erhebt. „Unabhängig davon, ob sich diesmal zwischen den Parteien ein lebhafter Wahlkampf entspinnen wird oder nicht", so heißt es im Eingangswort jenes Artikels, „erscheint es nützlich und notwendig, daß einmal präzise die Bedeutung des liberalen Judentums, sein Wesen und seine Ziele erörtert werden"; hält man diese Worte neben unsere Deutung, so wird man ihre Uebereinstimmung nicht bestreiten wollen. Und einige Zeilen weiter attestiert der ungenannte Verfasser sich vorweg, daß er dieser Aufgabe „richtig und objektiv" in der dann folgenden acht Seiten langen Darstellung Genüge getan. Bei dem Ansehen, das, wie wir annehmen, der „Liberale Verein" (trotz des fehlerhaften *) Was ist liberales Judentum? Mitteilungen des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Nr. 25. Deutsch , in seinem Namen!) in seinen Kreisen genießt, wird man nicht umhin können, dieser hochoffiziellen Kundgebung seines Wesens und seiner Ziele gebührende Aufmerksamkeit zu schenken und zu ihr seine Stellung zu nehmen. Sie ignorieren hieße, der Partei, die z. Zt. am Ruder des größten, deutsch-jüdischen Gemeindeschiffes sitzt, mit unhöflicher Achtlosigkeit begegnen; es würde und müßte aber auch als ein Akt feigster Würdelosigkeit, die selbst ihre heiligsten Güter ungestraft beschimpfen läßt, erscheinen, wollte man das Pamphlet — denn das und nichts anderes ist der Artikel — ohne Wort der Kritik in die Welt hinausgehen lassen. Und diesmal wird man einer Kritik von unserer Seite auch nicht mit einer Ausrede begegnen können, daß uns, die „Ausgetretenen" die inneren An-? gelegenheiten der Gemeinde, der wir den Rücken gekehrt, ja gar nichts mehr anzugehen brauchten. Die Ausrede wäre an sich schon schlecht genug; denn von den Spritzern eines Bösen pflegen gemeinhin auch diejenigen nicht verschont zu bleiben, welche die Sache gar nichts angeht, imb Beschimpfungen der Orthodoxie durch den Berliner „Liberalismus" richten, wie männiglich bekannt, ihre Spitze nicht nur gegen die Gemeinde-? orthodoxie, sondern weit mehr und intensiver gegen die, welche seinem Machtbereich sich ent-? zogen. Ueberdies aber, wie wir sahen, handelt es sich ja diesmal gar nicht um eine Angelegen-? heit der hiesigen oder überhaupt einer partikularen jüdischen Gemeinde, sondern um den „großen", liberalen Religionsbegriff an sich, und zu ihm unser Sprüchlein zu sagen, das Recht dürfte wohl niemand uns beschränken zu wollen wagen, dieses Recht würden wir uns auch um keinen Preis der Welt von irgend jemand rauben lassen. ' _ :.. t Wie sieht nun eigentlich dieser liberale Religionsbegriff aus, oder um in dem Jargon des Artikelschreibers zu sprechen: „was heißt das — liberales Judentum?" Müßte man dem Herrn und seiner Behauptung glauben, daß man in seinen Ausführungen „am besten eine rich? tige und objektive Antwort auf diese Frage finden wird", dann würde dieser Religionsbegriff einen-Tiefstand sittlichen Empfindens ergeben, der kaum noch zu übertreffen wäre. Oder könnte man ein milderes Urteil über eine Geistesrich-? tung fällen, die vorgibt, nicht etwa nur religiös, sondern sogar mit religionsbildnerischer Kraft begabt zu sein, die aber trotzdem im Stande ist, auch nur einen einzigen positiven — im weitherzigsten Sinne des Wortes — religiösen Gedanken zu produzieren, dafür jedoch den Gegner mit den ärgsten Beleidigungen bedenkt, und ihm geflissentlich auch noch Motive und Antriebe „In diesem muß welches sein," entgegenete der Genosse. „Soll man es herausziehen?" „Ru:" Chawe, mit ihren Gedanken beschäftigt, chatte diese Szene nicht recht beobachtet, und zwei Plätzchen kaufend, ging sie zum Wirtshaus hinaus, fetzte sich auf einen Holzklotz und begann zu essen. Durchs offene Fenster drang an ihr Ohr lautes Lachen, und einmal sogar eine für sie unverständliche Drohung Franeks: „Ich würde sie zeichnen!" Bald dcpcauf kam Franek betrunken aus dem Wirtshaus und torkelte zu seinem Wägelchen, auf welches er sick nur mit schwerer Not setzte. „Heb, Jüdin, fährst du mit?" rief er. „Nein," erwiderte Chawe. Franek lachte hell auf, versetzte ihr mit der Peitsche einen Hieb über den Rücken, dann schlug er aufs Pferd los und davonfahrend ries er: „Du, Bettel, glaubst, ich würde dir den Hof ntachen?" Chawe schrie vor Schmerz auf, schleuderte ihm einige Flüche nach und weinte ein Weilchen; schließlich vor Gram den Appetit vergessend, streckte sie den Rest des Plätzchens in die Tasche und machte sich auf den Weg. Woran sie während des Gehens nicht dachte, wäre schwer zu sagen. An den halben Stör daheu», an die zwei verkauften, an die Reisekosten, an die hungrigen Kinder, an ein luxuriöses Nachtessen für ste, anS Austragen von Briefen an Franek und an ferne Peitsche. Möglich, daß nur der Mann sie nicht beschäftigte. Aus Chawe's Gesicht war ersichtlich, daß fl}* Hirn unaufhörlich arbeite und ihren Lippen entströmten abgerissene Ziffern eurer Grofchenrechnung. Wir, die wir ihr Geheimnis vom Fischgeschäfte innert, werden uns darüber nicht wundern. Denn ohne das Grrthaben bei der Kassierin zu rechnen, hatte Chawe an diesem Tage mehr als drei Rubel verdient. Drei Rubel Reingewinn! Man muß eine ausgehungerte Wölfin sein, um die Freude ob der Erinnerung einer Rindskeule für die Jungen zu begreifen. Es dämmerte bereits, als Chawe ein ans Städtchen grenzendes Dorf erreichte. Längs des Straßengrabens dahinschreitend, vernahm sie ein lautes Schnarchen und unweit bemerkte sie ein Pferd, das ein umgekipptes Wägelchen auf der Wiese nachschleifte. Vermutend, der betrunkene Franek beschleunige auf diese Weise den brieflichen Austausch von Gedanken und sich an die Wirksamkeit seiner Peitsche erinnernd, begann sie inr Trab davonzulaufen . . . Als sie das Lichtlein im Fenster ihres Häuschens erblickte, empfand sie einen ihren Körper angenehm durchrieselnden Schauer. Lange schon war sie "Nicht mit einem solch reichlichen Verdienst heimgekehrt, schon lange hatte sie nicht ein solch luxuriöses Nachtmahl wie heute stiften Wunen. Am meisten freute es sie, daß der zehn Monate zählende Jzek, den sie während des ganzer! Tages mit Kartoffeln beschwichtigte, endlich eine seinem Alter entsprechende Leckerei würde essen können. Um keine Zeit zu verlieren, lief sie zuerst nach hem Marktplatz, kaufte ein Quart Mehl, für drei Groschen Butter, etwas Milch und eine Feige. Schon von weitem vernahm sie das verzweifelte Weinen der Kinder. Eine Mutter aus einer anderen Gesellschaftssphäre hätte sich davon sicherlich entsetzt und geglaubt, in ihrer Familie sei ragend ein Unglück passiert. Chawe aber wußte, daß diesnur der Chor vieler hungriger Mägen war. „Nu, still, still, meine Kleinen," rief sie, in die Stube stürmendin welcher die zwei Jungen in den Winkeln heftig weinten und daS Mädchen sich Mühe gab, den am lautesten schreienden Jzek zu beruhigen. Chawe küßte ihn und drückte die Feige in seine« Mund, unter die übrigen drei verteilte sie das unt«- wegs nickt zu Ende gegessene Plätzchen und auf diese Weife beschwichtigte sie bald das ganze Rest. „Wo ist der Vater?" fragte sie die Tochter. „Er ging zu einer Trauung, er wird auf die Hochzeit sein." „Er hat nicht gekocht?" „Er hat nicht gegessen." Es war noch keine Stunde verstrichen, und die emsige Chawe nahm schon mit den Kindern Mich, um ein seltenes Nachtessen zu verzehren. — Klöße mit Kartoffeln, die nrit Butter angemacht und für Jzek mit Milch begossen waren. Die Klöße waren die Hauptleckerbrssen dieses Schmauses, denn das Budget für Lebensmittel, das sich pro Tag auf fünfzehn Groschen beschränkte, gestattete sonst nicht einen ähnlichen Luxus. Holzige Erdäpfel, Gerstengrütze, daS waren die gewöhnlichen Nahrungsmittel in der Familie Rubin. (Fortsetzung folgt.) (Die neue Frankfurter Synagoge als Wahr» -eiche« des gefetzeStrene» Judentums.) In einer von Dr. Georg Biermann herausgrgebenen, im Verlage der jungen Firma Klinkhardt & Bierm a nn erscheinenden Sammlung von Städte Monographien äußert sich im zwetten Bande, der Franko furt a. M. behandelt, der Verfasser Paul Ferdinand Schmidt am Schlüsse über die neuere künstlerische, insbesondere architektonische Entwicklung Frankfur«. Er meint, daß „alle Bestrebungen von umfasseicher Bedeutung in Frankfurt a. M. sich in Monumentalwerken verkörpert haben. So have sich der Verkehr