Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1907)
- Date
- 1907-11-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«die 4. Mt 48 tmns um so bestimmter und unabweislicher Die frühere Opposition gegen das traditionelle Judentum, der Sadduzäismus und der Karäismus, kämpften mit offenem Visiers sie erklärten, daß es für sie nur ein Schriftjudentum, nicht aber ein Traditionsjudentum gäbe. (Die neuesten Ergebnisse der Forschung auf dem Gebiete dieses ersten, großen Schisma's innerhalb des Judentums haben zwar ergeben, daß die Sadduzäer nicht bloß Gegner der mündlichen, sondern auch der schriftlichen Lehre gewesen sind. Sie wollten nur nicht als Gegner des Gesetzes überhaupt auftreten, weil sie mit Recht fürchteten, sich hierdurch jeden Einflusses auf das Volk zu begeben. Dieses Moment kommt hier jedoch nicht in Betracht, da die Sadduzäer nach der einen Seite gegen die Tradition offen Stellung genommen und ihr jede Autorität, wie auch jede Berechtigung abgesprochen haben.) Man wußte daher, wessen man sich von ihnen zu versehen habe. Man war sich in den traditionstreuen Kreisen voll und ganz der Kluft bewußt, die sie von den Sektierern trennte, und auch diese wußten es sehr gut, daß ihre Anschauungen sich Ukit den Ansichten und Ueberzeugungen Jener uümöglich unter einen Hut bringen lassen. So trat denn eine klare Scheidung und Begrenzung der Begriffe ein; jede Partei wußte genau, was sie von der anderen absonderte. Die Geschichte hüt dann gezeigt, auf welcher Seite die Wahrheit war. Der Sadduzäismus, bezw. dessen Anhänger sind mit der Zeit zum Teil im Pharisäismus, und zum Teil auch in dem altjüdischen Bekenntnisse vollkommen aufgegangen, während heute nur noch kümmerliche Ueberreste von Karäismus die Unwahrheit dessen bezeugen, was dieserlals sein Prinzip hingestellt hat. Hier haben wir das untrügliche Urteil der Geschichte, die die Wahrheit der Tradition bestätigt hat. Weit gefährlicher für das wahre Judentum ist die Opposition, die ihm in der Neuzeit in der Gestalt der Reform erstanden ist. Diese Reform, die nicht nur die mündliche Lehre, sondern auch einen großen Teil oder auch die ganze schriftliche Lehre als nicht göttlich hinstellt, gibt nicht etwa zu, nicht auf dem Boden des Gesetzes zu stehen. Sie behauptet vielmehr, das Judentum zu sein, das historische Judentum der . „sich stets neugestaltenden und weiterentwickelnden Tradition." Indem sie das wahre Judentum für sich in Anspruch nimmt, ahnt sie nicht, — oder vielleicht ahnt und weiß sie es wohl — daß sie dieses hierdurch zu einer elenden Farce, zu einer sich an die jeweiligen Ideen und Verhältnisse der Außenwelt accomodierenden, manteldreherischen Pseudo-Ueberzeugung herabwürdigt. Der Israelit. , Wohin dieses Spiel mit den heiligsten Gütern führen mußte, und auch geführt hat, können wir in unserer Zeit an einigen recht erbaulichen, aber für den von der Wahrheit der Gotteslehre überzeugten Juden recht -traurigen Beispielen ersehen. Nichts anderes als eine Folge dieser in Reformkreisen zum Dogma gewordenen Annahme des Entwickelungsprinzips der jüdischen Lehre ist es, wenn sich Reformrabbiner unserer Zeit als die Göistesnachfolger der n^VUn HD2D ’Wüi betrachten und vorgeben, daß es im Sinne der D'ißon gehandelt sei, die alten l mton in ihren Hauptbestandteilen zu verstümmeln, sie zum Teil gänzlich zu streichen oder durch eine verwässerte Neuauflage nichtssagender Gefühlsduseleien zu ersetzen. Es ist ein solches Vorgehen nur die richtige und unausbleibliche Konsequenz des Entwickelungsdogmas. Dieses besagt, daß unsere Ahnen wohl um i'na beten konnten und durften, weil dies ihren Hoffnungen, ihrem Sehnen und ihrem Glauben entsprochen hat. Nicht so aber die Kinder unserer Zeit. Anders ist ihre religiöse Ueberzeugung, anders ihre Ansicht über die Zukunft Israels, also müssen sich auch die Gebete nach ihnen richten, also muß ein modernes Synhedrion erstehen, als Nachfolgerin der „Großen Synode" eine neue „Synode", wie ihre Vorgängerin mit dem rrn erfüllt, drangehen, eine diesen modernen Anschauungen angepaßte Gebetsordnung abzufassen. Nur einen Schritt weiter gegangen, aber in demselben Gedankenkreise sich bewegend, ist der gleichfalls auf der Basis des Entwickelungsprinzips ruhende Versuch eines Teiles der französischen Judenheit, noch weiter und radikaler zu reformieren. Auch diese Reform, die Sabbath, Beschneidung, einen Teil der Ehegesetze u. A. außer Kurs setzen will, gibt vor, das wahre, echte Judentum zu sein. Auch diese Juden sind nach ihrer Anschauung Anhänger des traditionellen Judentums. Nur daß der Inhalt der Tradition ein anderer geworden ist, und der bisherige als veraltet einfach über Bord geworfen wird. Dies ist auch nur eine Folge des Entwickelungsdogmas, das die Thora zu einer leeren Kapsel macht, die stets mit den zeitgenössischen Ideen gefüllt werden soll. (Nnen recht drolligen Eindruck jedoch muß. eine weitere Konsequenz dieses Dogmas einer „sich immer umgestaltenden Tradition" machen. Diese äußert sich darin, daß zuweilen — nicht immer — von Seiten der Reform dem gesetzestreuen Judentum als einer „Partei" im Judentum auch eine gewisse Berechtigung zugesprochen wird. Gegen frühere Zeiten nur scheinbar ein Fortschritt;denn diese Konzession wird ja nur gemacht, um ,auf ihrer Grundlage, die 38. November 1907 Gleichberechtigung des Reformjudentums d. h. die Gleichberechtigung des Abfalls mit der Treue zu deduzieren. Muß es nicht wie eine begriffsverwirrende Blasphemie erscheinen, wenn die Reform auf Grund des i D*n den Anspruch erhebt, auch ihr Prinzip als auf der Tradition beruhend anerkannt zu wissen! Und auch dieser Widersinn ist nichts weiter als eine Frucht des Entwickelungsdogmas, durch welches selbst derjenige, den nichts mehr mit dem Judentum verbindet, meinen zu Dürfen glaubt, der eigentliche Vertreter des Judentums zu sein. Und doch müßten diese Vertreter des Entwickelungsprinzips wohl einsehen, daß, wenn die Entwickelung des Judentums in diesen Bahnen fortschritte, von dem eigentlichen wahren Judentum nichts übrig bleiben würde. Sie müßten doch auch erkennen, daß ein solch „entwickeltes Judentum" nicht dem leisesten Anstürme, wie er in Gestalt der verschiedensten Versuchungen an das wahre Judentum so oft herankam, widerstehen könnte. Es seien hier einige Sätze aus einem Aufsatze (betitelt: „Die Wissenschaft, das einzige Regenerationsmittel des Judentums" kn der Z. G. W. I., Jahrgang 1852, die doch gewiß nicht in dem Gerüche der Orthodoxie steht), aus einer Zeit, in welcher die Wogen der Reformbestrebungen hoch gingen, zitiert, die auch dieser Ansicht Ausdruck verleihen. Es ist nur schade, daß der Verfasser aus seiner Betrachtung, die in den jetzigen Tagen einige Aktualität erhält, nicht auch den richtigen Schluß zieht. Es heißt da: „Woher kam der Heldenmut in Schlachten, die Todesverachtung in Niederlagen, die heroische Ausdauer in den fürchterlichen Leiden und Bedrückungen, durch welche die Makkabäische Epoche nicht nur ein Glanzpunkt der jüdischen, sondern der Weltgeschichte wurde? Etwa von den weichlichen, der.Genußsucht ergebenen, reichen Griechlingen, die dem Ju den turne mit Leugnung der Tradition den-Lebensfaden ab schneiden, sich oberflächlich dem herrschenden Griechentume ergaben, weil Ehre und Besitz davon zu erwarten war? Wahrlich, der Verrat und die Nol kam von ihnen, aber Hülse ebensowenig, wie sie das heutige Judentum von denen erwarten könnte, die, nur geleitet vom Streben nach eitler Ehre und Besitz, gegängelt von fremdem Geschmacke, Sklaven der Mode, ihrer armen Kinder Geist und Körper nach den verschiedensten Seiten hin zerren u.s.w." „Die Hülfe, der Ruhm und der Glanz der Makkab. Epoche kam, wie bekannt, von denen, die von dem immer lebendig sprudelnden Quell der jüdischen Wissenschaft getränkt, von ihr begeistert und erwärmt, in ihrer Religion Md ihrer Väter fromgeht? Awrohom und Jizchak sind zur Akedo gegangen, mebri Ihr alles ohne Hütel? Unser Vater Jakob i ist von Beer-Scheba fortgegangen und ist nach Choron gekommen, alles Begilui Rosch (entblößten Hauptes)? Das glaubt doch kem sinniger Mensch." Da hat der Chozef Jtzel Perlmutter.ganz laut dltzwischen gerufen: „Mer es steht in der Thora doch täte (in Wirklichkeit) nix von einem Hütel?" Hat der Rabbi ihn angesehen und hat gesagt: „Nun will ich Dich ä Kaschje fragen: Meinst Du, daß unsere Owaus (Väter), wenn sie gegangen sind, ihre Füß' bei sich gehabt haben oder nicht? Sag' ja oder nein!" „Gttviß haben Sie Ihre Füß' mitgenommen, sonf hätten sie doch nicht gehen können." „Mehr brauch ich nit, um Euch zu zeigen, wie ge recht die Wörter von unseren Chachomim (Weisen) sind wenn sre sagen, daß überall, wo die Minim (Freigeister etwas auszusetzen haben, die Antwort gleich dabe steht. Also die Füß' haben sie mitgenommen,, und ei steht doch, nix von den Füß' in der Thora, so gewis haben sie auch ihr Streimel mitgenommen, wenn aud «ix darin steht. Eher wären sie ohne Fuß', als ohn< Streimel gegangen!" " „Der Rebbe," bemerkte Mendel, „gesund und star! soll er fern bis hundert, und zwanzig Jahre, ist eil großer Chochom nit nur in der Thora, sondern aud m allen Weltsachen. Das weiß keiner so gut, wii ich. Jetzt besinnt Euch, vielleicht fällt Euch noch eil gutes Wort vom Rabbi ein, Ihr kriegt für jedes nocl ein Glas Tee extra." 'Dabei füllte der Wirt seinem Gast das Glas zun, zetten Male, aber dieser schien nicht zu einer Fortsetzung geneigt. L. ,,Jetzt Hab' ich Euch genug erzählt, mm ist du -Reih' an Euch. Wo habt Ihr eigentlich Euern Stall?' „Einen Stall haben wir nit, was sollen , wir mit einem Stall?" .„Ich meine, ivo Euere zwei Küh' stehen." „Wo denkt Ihr hin! Die stehen in keinem Stall, die stehen in Tillim, dort findet Ihr sie im Mismor (Psalm) 136 gleich vorn att: Haudu 'l'Haschem k i tauf, k i leaulom Chasdo. (Danket Gott, denn er ist gut, denn ewig währt seine Liebe). Das erhält uns, mich und meine Frau, bis 120 Jahr'." „Wie kann man nur auf so einen Einfall kommen und eine Kuh und sogar gleich zwei, statt in den Stall, wohin sie doch gehören, in einen Posuk (Vers) von Tillim stellen?" entgegnete lächelnd Joel Spinner. Spinner. „Das wird Euch nicht so merkwürdig Vorkommen, wenn ich Euch sage, daß ich's eigentlich einer Kuh verdanke, daß ich überhaupt in Wilna bin und die Bekanntschaft von Reb Aberle gemacht habe. Deswegen gehe ich immer in Euer Bet Hamidrasch, nicht wegen der Schneider, die.gewiß alle fromme, brave Baale Battim (Hausväter) sein mögen, sondern nur von wegen Eures Rabbi. Ihr wißt alle nur, wie groß er in der Thora ist. ich aber Hab's an mir selber erfahren, wie er auch in Mille de Almo (weltlichen Angelegenheiten) nit seines Gleichen hat." Man kann sich denken, mit welcher Aufmerksamkeit Joel Spinner an den Lippen seines Wirtes hing. Sollte er doch ein Problem, das ihn und sämtliche Berufsgenossen schon seit Jahren beschäftigte, aus dem eigenen Munde dessen erfahren, den es zunächst anging. Eine Kuh hat ihn nach Wilna gebracht? Wie ist das zu verstehen? Aus Tillim konnte es keine sein, denn sein Wirt und die Wirtin schauten, so ernst darein, daß es sich hier sicher um keinen Scherz handelte. Und wie kommt Reb Werke zu der Ec brauchte jedoch nicht lange über diese schwierigen Lebensrätsel nachzugrübeln, denn sein Wirt nahm eine, Schluck Tee und begann seine Erzählung (Frts. folgt ) Cbawe Rubin. Bon Alexander Swientochowski. Uebertragung aus dem Polnischen von S. HöroWitz. (Fortsetzung.) Wenn Chawe Lot gewesen wäre und ein Schwefelregen auf Pulawy hätte niedergehen sollen, so hätte sie den Verkauf nicht schneller abgewickelt und wäre nicht schneller davongelaufen. Es gibt Wesen, denen einige Rubel Verdienst Flügel an die Schultern heften. Nach Haufe eilend, lachte Chawe, klatschte in die Hände, erzählte sich was angenehmes und offenbarte eine Freude, als sollte sie zu Ehren der erworbenen paar Rubel verrückt werden. Der Körper aber fordert, obwohl ein momentaner Rausch seine Bedürfnisse einschläfert, doch seine Rechte. Außer einigen vom gestrigen Tage zurückgebliebenen Erdäpfeln hatte die Jüdin seit dem Morgen nichts im Munde gehabt und der Tag begann zur Neige zu gehen. Vom Hunger erschöpft, von der Lauferei ermüdet, sühlte sie, als der Freudentaumel schwand, eine heftige Schwäche in den Beinen. Nachdem sie sich ins nächste Dorf geschleppt hatte, wandte sie sich zum Wirtshaus. Am Tisch saß Franek neben einem jungen, unbekannten Menschen, mit dem er ein Postpaket durchstöberte, und traktierte sich mit Branntwem. 'Der nebenan stehende jüdische Schankwirt betrachtete neugierig die lustigen Kumpanen. „Manche Leute im Postdienst," sagte der etwas angeheiterte Franek zu seinem Gefährtes, „haben in den Fingern ein solch Tastgefühl, daß sie W»rt erkennen, ob im Brief Geld ist."