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Der Israelit · 1907-11-28 · Heft 48 (28.11.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 48 (28.11.1907)
Date
1907-11-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der JSraeltt. Eehebung aus dem Herzen des Volkes geschwunden. In jeder Bolksgeschichte gibt es nationale Gedenktage von der Bedeutung der Makkabäerkämpfe und Makkabäerfiege. Einige Jahrzehnte hindurch werden sie feierlich begangen und dann ersterben sie in der Seele des Volkes und leben nur noch in den Annalen der Geschichte oder — in^den Fahnen auf den Dächern staatlicher Gebäude. Man denke an die Völkerschlacht bei Leipzig. Bon welcher ungeheuren Bedeutung ist sie für die ganze Entwicklung, ja für die (Lcistenz Preußen-Deutschlands gewesen! Wo ist ore Gedenkfeier geblieben? Oder, was uns noch näher liegt, die Schlacht bei Sedan. Nach drei Jahrzehnten hat sie sich aus den Häusern der Bürger in, die Schulen und Kasernen geflüchtet und fristet dort ein kümmerliches Dasein. Juda dem Makkabäer hat die dankbare Mit- und Nachwelt keine Denkfeier gestiftet und kein Denkmal errichtet aus Erz oder Mamor oder Granit. Denn patriotische Gefühle schwächen sich ab und verblüffen, auch Erz kann vergehen, auch der Marmor trotzt nicht den Stürmen der Zeit, auch der härteste Granit verwittert. Alles verweht uzrd vergeht, üViyS Dip' 13'p^K nati nur -ms Wort unseres Gottes, das besteht ewiglich, das Wort des Gottes iJtnp ivtt roan bv 13 p'VinV 12121 vnisoh der uns geheiligt durch seine Gebote und in unserer Weisen Anordnung uns befohlen hat, alljährlich das Chanuckalicht zu entzünden. Ja, dies Gottesgebot, das aus der nationalen Feier ein religiöses Fest geschaffen, war dauernder als Em, Marmor und Granit, es hat das Gedächtnis dieser wunderbaren Zeit in die Herzen unseres Volkes eingegraben für die Ewigkeit. Nicht in die Synagogen und nicht in die Festsäle hat es diese Feier gebannt, '33 S^Sl □mntmm TlK rrn an den Fenstern eines jeden jüdischen Hauses leuchten die Feuerzeichen auf und künden uns des Psalmisten weisheitsvolles und trostreiches Wort: .12V rmter 'n 'b)b Kochenrvnöschav. Der Dumapräfföenf über Sie Judenfrage. Den Präsidentensitz dÄc dritten russischen ReichSduma hat Herr Nikolaus Chomjakow, ein Mitglied der Oktobristenpartei, inne. Die Oktobristen find die Partei des gemäßigten Konstitutionalismus, der aber leider so stark gemäßigt ist, daß sie sich aus einem nichtigen Grund weigerten, in der Adresse an den Zaren jenen politischen Terminus auch nur zu erwähnen. Gemäßigt ist auch der Antisemitismus dieser jetzt in der Duma dominierenddn Partei,' denn Herr Chomjakow hat in einer Unterredung mit dem Parlamentsberichterstatter des „Hasman" sich darauf beschränk zu sagen, er werde sich sehr freuen, eines schönen Morgens Rußland juoenrein zu sehen,' diese löbliche Gesinnung durch Taten zu bekräftigen, überlaffen die Oktobristen jedoch den weniger gemäßigten Freunden vom echtruffischen Verband. In der erwähnten Unterredung hat der'Dumaprästdent recht erbauliche Ansichten über die Behandlung der Judenfrage zum Besten gegeben. Es sei jetzt nicht die Zeit, daß die Duma sich mit einer Lappalie, wie es die Judenfrage ist, beschäftigen dürfe- Das hieße nach seiner Ansicht, die Interessen des russischen Volkes denen der Juden subordinieren. Die Jntitution des Ansiedlungsrayon hält allerdings Herr Chomjakow für einen Widersinn, aber er. erklärt, die Judenfrage werde so bald nicht auf die Tagesordnung der Duma kommen. Es entbehrt nicht eines gewissen grimmigen Humors, wenn man gleichzeitig oie Meldung der ruffischen Preffe liest, die Regierung werde in der Judenfrage nicht aus eigenem Antrieb Vorgehen, sondern sie der Initiative der Reichsduma überlassen. Ein israelififdi - fheologifdies Institut für Salinen. Bor kurzem hat der galizische Landesausschuß die ihm vom Landtag übertragene Aufgabe, das Statut eines israelitisch-theologischen Instituts auszuarbeiten, beendet und das Resultat seiner Beratungen dem Landtag unterbreitet. Dieses Institut soll vom Staat und den jüdischen Kultusgemeinden gemeinsam unterhalten werden und die Ausbildung jüdischer Religionslehrer für Volks- und Mittelschulen besorgen. Es zerfällt in ein Proseminar und ein Seminar,' an das letztere will man noch eine höhere Abteilung, die vorzüglich talmudtschen Studien dienen soll, angliedern. An und für sich könnte eine solche Anstalt recht segensreiche Arbeit leisten. Im vorliegenden Fall verhält sich jedoch die Sache so, daß die Verwaltung unter dem überwiegenden Einfluß neologer Kultusvorsteher stehen würde,' und selbst wenn diese auch jetzt die besten Absichten an den Tag legten, nichts könnte verhindern, daß dieAnstalt über kurz oder lang eineBrutstätte neologen Geistes werden müßte, der durch die Zöglinge im ganzen Land mit Intensität vereines Feuilleton. Ei* ßbanukawunder. Von Jndärrs. In Wilna haben die verschiedenen jüdischen Handwerker und Profeffionisten, die Zimmerleute, Schlosser, Schreiner, Schneider und wie sie. alle heißen ihre besonderen Synagogen und Lehrhäuser (Bote Midrasch), in welchen die Zeit des Gebets und der gemeinsamen Belehrung je nach der Geschäftstätigkeit ihrer Besucher eingerichtet ist. Zn ern solches Bet Hamidrasch und zwar in dasjenige der Schneider führt uns unsere Erzählung, die sich vor einstigen und zwanzig Jahren ereignete. Kops an Kopf saßen dichtgedrängt die Zuhörer, die sich aus Verheirateten um» Unverheirateten, aus Alten und Jungen zusammensetzten und mit gespannter Aufmerksamkeit an den Lippen des Vortragende» Rabbi hingen. Dieser mochte ein angehender Bietziger sein und trug sein Pensum mit so zündender Beredtsamkeit Und glühender Begeisterung vor, daß es alle Zuhörer ergriff. Mochten es die Anforderungen des täglichen jüdischen Pflichtlebens sein, wie sie das Buch Chaje Oodom enthält, mochte e3 sich um ein Kapitel aus der Ethik eines Mussar- Buches oder um Erklärung des allwöchentlichen Wochenabschnitts handeln, immer war es dieselbe Verve, wttche die Zuhörer mit fortriß und sie nie zur Abspannung und Unaufmerksamkett kommen ließ, obwohl sie doch alle ihr gerütteltes Maß von des Tages Last um» Mühe hatten. Das Geheimnis dieses rednerischen Erfolges lag zu allernächst in der Fähigdes Vortragenden, alle Wahrheiten der Thora, des Talmud und der Midraschim dem Auffassungsvermögen seiner Zuhörer anzupassen. Seine Argumente und Beweise hätten vor den Anforderungen der Logik wohl oftmals keine Gnade gefunden, um so sicherer war sie ihxer seitens der Zuhörer. Dem nüchternen Beobachter möchte es wohl Vorkommen, als ob diese ganze Vortragsweise das Höhere, Himmlische, Göttliche zu tief in den Dunstkreis menschlicher Befangenheit ziehe. In Wirklichkeit zog der Rabbi den Himmel nur so tief hinab um die Zuhörer zu ihm zu erheben, war dies erreicht, so schnellte er wieder zur früheren Höhe empor und nahm seine Schneider ohne Ausnahme mit. Und nicht nur seine Schneider. Hie und da verirrte sich auch einmal ein nicht zur Zunft gehöriger, der fern zuständiges Bet Hamidrasch aus irgend einem Grunde heute nicht besuchen konnte, in das Bet Hamidrasch der Schneider. Das kam jedoch nur ausnahmsweise vor. Einen Gast hatten aber die Schneider, der sicher nicht zu ihrer Zunft zählte und dennoch zahlendes Mitgliä» und regelmäßiger Besucher ihres Bet Hamidrasch war. Das war Mendel Eisenstein. Viel mehr als seinen Namen wußte keiner von diesem Gast, der feit etwa 6 Jahren mit pünktlicher.Regelmäßigkeit dort verkehrte. Daß er kein Schneider von Profession war, darüber waren alle Kar: denn dann hätten die Berufsgenossen auch was über ihn gewußt. So aber kam und grng er jahrein .-Yb -aus ins Bet Hamidrasch, ohne daß er sich üjgit. die andern und die andern um ihn gekümmert hätten. Wenn der Vortragende Reb Merle gar zu schöne'Gleichnisse und treffende Pointen hervorspruoelte, konnte Mendel es nicht unterlassen, fernem Nachbar Joel Spinner einige Worte beifälliger Zustimmung und Verwunderung zuzuraunen, eine Gepflogenheit,die übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte um» im Lcmfe der Jahre ein zrätes breitet würde. Es erscheint überhaupt unmöglich, für Orthodoxe und Reformer eine gemeinsame religiöse Lehranstalt einzurichten, denn es gibt keine Möglichkeit für eine Vermittlung auf religiösem Gebiet. Der Orthodoxie müßte aus einer solchen Zwittergeburt unberechenbarer Schaden erwachsen. Und wir glauben daher nicht, daß der orthodoxe Rabbiner von Lemberg, wie es im Statut vorgesehen ist, gemeinsam mit dem „fortschrittlichen" Rabbiner der galizischen Hauptstadt als Mitglied des Kuratoriums wird fungieren wollen. Die Errichtung einer Lehrerbildungsanstalt ist eine wichtige Aufgabe der galizischen Judenheit, aber diese Aufgabe kann wie viele andere ähnliche Probleme für die Orthodoxie nur durch die Organisation aller ihrer Anhänger /gelöst werden. Ein ungedrucktes Gutachten Rabbiner Samson Rapbael Rirscb’s y's? *) Sie wünschen, Ehrwürdiger Herr, meine gutachtliche Aeußerung über gottesdienstliche Veränderungen, die der Vorstand Ihrer Gemeinde mit der bestehenden Liturgie derselben vorzunehmen beabsichtigt. Sie haben mir die Abänderungen bezeichnet, die teils schon jetzt in Angriff genommen, teils noch einem späteren Stadium Vorbehalten bleiben und nur durch die jetzt projektirten Veränderungen angebahnt werden sollen. Diese Abänderungen bestehen in Streichung ganzer Gebetsstücke, die bis jetzt integrierende Bestandteile der Liturgie bilden, als: einen Teil der ->ntpn nma, pipo inrw, ni33ipn '£,Dim Kim, i^3'i, ni3» po, einen Teil der O'i2i''i D'Bi's, mösnn N1333 Dipv in Unterlassungen wie VN^3 mtÄty 713I2W n*?Sn; — Umwandlungen, wie Ersetzung der lllivSN im im Urtext durch erläuternde, subjektive Paraphrasen mit begleitender Vor- und Nach-Beracha in deutscher Sprache) — Textveränderung, wie '2LPV; — Einführung deutscher Gebete und Lieder) — Einführung der Orgel u. a. m. Sie wünschen meine gutachtliche Aeußerung über die Zuläffigkeit dieser Veränderungen und Einführungen nach den Grundsätzen unserer religionsgesetzlichen Vorschriften, insbesondere die Beantwortung der Fragen: a) Ist eine Ausscheidung oder irgend eine Abänderung der bestehenden Liturgie in Inhalt oder Sprache erlaubt? b) Ist bei völliger Belastung unserer Ge- *) Gefunden in der von der Firma Sänger u. Friedberg, Frankfurt a. M>, angekauften Bibliothek des Herrn Mannheimer, Worms. Band vertraulicher Annäherung zwischen beiden Männern wob. Einmal, es war just um die Chanukazeit, sprach Reb Werke mit gewohnter Meisterschaft über die teuptmomente der Sidra und kam auch über das egegnis zwischen Joseph und der Frau Potiphar IjU sprechen. Er meinte, es sei gar nicht zu vertehen, was alle Welt für Aufhebens damit macht, »aß Joseph siegreich aus dem Kampf mit der Sünde hervorgegangen fei. Auch der pristeste (gewöhnlichste) Am Hoorez (Ungebildeter) würde eine solche Sünde nicht begeben und sich entsetzt und voll Abscheu von ihr abwenden und nun gar Joseph Hazadik! Die Antwott auf diese' Frage ist eigentlich gleichgiltig. Die Pointe liegt in der Frage. Denn mtt ihr hatte Reb Werke seinem Publikum ein Zeugnis lauteren Sittenadels ausgestellt, das allein genügt hätte, das hohe Vertrauen zu rechtfertigen, das der Lehrer so selbstredend in alle seine Zuhörer setzte. Sie verdienten auch dieses Berttauen. Aber wenn selbst ein Unwürdiger mrt lockeren sittlichen Grundsätzen darunter gewesen wäre, er hätte sich geschämt, gegebenen Falles dem Reiz einer Sünde zu unterliegen, von der Reb Werle sagte, daß sie auch der Niedrigste nicht begeht. Wer es folgte nun eine Antwort, deren Tiefe kein anderes Gemüt so in ihrer vollen Wahrheit zu würdigen wußte, als das eines Publikums von lauter Schneidern. „Die Sache liegt einfach so," lehtte Reb Werle weiter: „Bekanntlich hat sich bre ganze Mäase (Geschichte) von Joseph und Pvnphars Frau im ttessten Winter zugetragen, so in der Gegend von Parschas Wajeschef,M»as ja auch der Grund ist, daß sie gerade in dieser Sidra erzählt wird. Da sagt nun die Thora, daß Joseph Hazadjk feinen Rock zurückkieß und ohne allen Dchutz auf die Straße ging, das Rabbausai,

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