Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1907)
- Date
- 1907-11-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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ittft der orthodoxen Zenttul-Kommlffion gefunden. Der Vorsitzende begrüßte die Mit- Mever in längerer Rede, in der er über den Wand vieler wichtiger Angelegenheiten, die das gesetzestreue Judentum interessieren, Bericht erstattete. Hauptgegenstand der Beratungen bildete die von neologer Seite projektierte Abhaltung einer Landesversammlung, eines sogenannten Judentages-. Bezeichnend für den Geist, der in btx Konferenz herrschte, ist wohl die Tatsache,. daß sich auch nicht ein Mann gefunden, der für eine Beteiligung an dieser großen Versammlung, die mit soviel Lärm vorbereitet wird, Plaidiert hätte. Präsident Frankl teilte auch den Wortlaut eines an die orthodoxen Gememdevorzu richtenden Zirkulars mit, in welchem die GMude dargelegt werden, aus denen die Teilnä$*te am Judentag abgelehnt werden müsse. Die Ausführungen dieses Zirkulars deckten sich Vollkommen mit der bezüglichen Argumentation Ihres Korrespondenten. An die orthodoxen Rabbiner hat der Vorsitzende bereits vorige Woche ein offizielles Rundschreiben versendet, in welchem Mnächst darauf hingewiesen wird, daß die Motivwruug der Notwendigkeit einer gemeinsamen Landesversammlung mit den wirtschaftlichen Jntereffen der jüdischen Bevölkerung nur einen Borwand bilde. Der wahre Zweck sei die Ein- Sacherei. Die Interessen des gesetzestreuen tums erfordern es gebieterisch diesem markteischen Treiben fern zu bleiben. Die neologen Führer wiffen es selbst, daß sie auf diesem Wege zu Gunsten der jüdischen Kaufleute nichts ecftelen werden. Sie hoffen aber durch die beaHrchtigte Demonstration die zwischen Orthodoxen urw Neologen bestehende Scheidewand niederzu können. Wer an der orthodoxen Vertrug festhält und ein gesetzestreuer Jude im Dienste der Thora bleiben will, kann und an diesem onJD "itfp nicht teilnehmen. Im Geiste jüdischer Weisheit und politischer Besonnenheit wird in dem Rundschreiben dann Fügendes ausgeführt: Einzelne hervorragende nesloge Politiker wollen die Gelegenheit benutzen um gegen die Regierung stürmisch loszuziehen. Dieser Weg kann nicht zum Ziele führen. Es ist nicht jüdische Art, Aufregungen und BerwiMMgen im Lande heraufzubeschwören, in einer /Zeit, in der die Feinde des Landes schon so viel Schaden gestiftet haben. Wir hoffen auf den ewigen Lenker der Geschicke, auf den Hüter Israels und sind im Vertrauen auf die Gerechtigkeit und das Wohlwollen der Regierung, der Zuversicht, daß, was zur Hebung des Handels und der jüdischen Existenzen im Rahmen der Gefamtintereffen des Landes möglich ist, mit Gottes Hilfe sicherlich auch geschehen wird. Die Kommiffionsmitglieder teilten durchaus -te Ansicht des Vorsitzenden, dessen Anträge zum Beschluß erhoben wurden. .j 47 Im weiteren Verlaufe der Konferenz machte der Präsident auch vertrauliche Mitteilungen darüber, daß die orthodoxe Landesverfassung immerfort, täglich und stündlich, von den neologen / Gewalthabern bedroht ist. Die rabulistischen GMachten der neolo«n Landeskanzlei gehen geradezu auf die Vernichtung der Gewissenfreiheit aus. In diesen Gutachten wird nach einem 7nahtzU vtettigjährigem Religionskrieg konsequent die kühne Behauptung verfochten, daß es über- ‘ Haupt kein orhodoxes Judentum gebe. Mit raffi- > vierter Spitzfindigkeit will man der Kultusregtkttitg suggerieren, daß die vom König sanktionierte orthodoxe Organisation niemals gesetzliche GÜlttgkeit hatte. Zum Glücke steht an der Spitze-deS Kultusrefforts ein trefflicher Staatsmann, der die Existenz eines gesetzestreuen Juden- 1AMs nicht nur nicht leugnet, sondern in einem konkreten Falle auch das Geständnis abgelegt hat, daß es nicht zur Aufgabe und zur Kompetenz / einer Kultusregrerung in einem Staate, der auf /.Basis der Gewissensfreiheit aufgebaut ist, gehöre die Frage zu entscheiden, ob von Staatswegen orthodoxe oder das moderne neologe t als die Fortsetzung der historischen ubMsgenoffenschafMuAbetrachten sei. Ueber die erwähnten Gutachten, wie über den weiteren Verlauf der Beratungen, die von Liebe und Eifer für die heiligen Interessen des gesetz streuen Judentums getragen waren, wollen wir demnächst referieren. Frankreich. Paris, 15. Nov. Am 10.November haben in Frankl eich die Wahlen für das jüdische Zentralkonsistorium stattgefunden) damit war gleichzeitig die Wahl für das lokale Konsistorium in Paris verbunden. Die Konsistorien entbehren natürlich jetzt nach der Trennung von Kirche und Staat aller staatlichen Befugnis, sie sind lediglich eine vrivate Einrichtung der auf Grund des Trennungsgesetzes gebildeten jüdischen Kultusvereine. Die große Mehrheit der Kultusvereine hat sich dem Zentralkonsistorium untergeordnet, es ist ihnen jedoch unbenommen, zu jeder Zeit dieses Verhältnis wieder zu lösen. Die Wahlen vollzogen sich auf Grund eines Statuts, wonach je 200 Wähler einen Delegierten zum Zentralkonsistorium zu wählen haben. In Paris darf jedoch die Zahl der Delegierten nicht mehr als zehn betragen. Und zwar wurden dort zunächst zwanzig Mitglieder des lokalen Konsistoriums gewählt, die zehn Höchstbestimmten darunter sind dann ohne weiteres Mitglieder des Zentralkonsistoriums. Zu einem Wahlkampf ist es in Paris nicht gekommen; es war nur ein e Kandidatenliste a.ifgestellt worden. Unter den für die Hauptstadt Gewählten befinden sich Baron Gustave von Rothschild und Nareisse Leven, der Präsident der Alliance Jsraelite und der I. C. A. Baron Edmund von Rothschild ist in Bordeaux gewählt. — Algerien, wo das Trennunasgesetz erst nächstes Jahr in Kraft tritt, hat sich die Wahl bis dahin Vorbehalten.. Rumänien. Jassy, 10. Novbr. Das gegen den Drohoier Obersten Marasescu wegen Mißhandlung jüdischer Soldaten eingeleitete kriegsgerichtliche Verfahren hat, wie nicht anders zu erwarten war, mit der Freisprechung des Obersten geendet. Derselbe mußte zwar zugeben, daß er die jüdischen Soldaten körperlich gezüchtigt, also sich gegen das Militärstrafgesetzbuch vergangen habe. Dennoch beantragte der Vertreter der Anklage mit Erfolg die Freisprechung, indem er die Richter mahnte, kein Verdikt zu fällen, das jenen Leuten, die dem Lande gar keinen Nutzen brächten, gar noch Satisfaktion verschaffe. — Der ganze Prozeß war also nur. eine Komödie, inszeniert, um die Welt an rumänische Gerechtigkeit glauben zu machen. HoUand Vas holläitfifdte Rabbiner-Seminar. (Bon unserem Korrespondenten.) Amsterdam, 10 Novbr. -In meinem vorletzten Brief habe ich ganz kurz die Geschichte des Amsterdamer Seminars bis zu dem Jahre 1862 mitgeteilt. In diesem Jahre erlebte es einen radikalen Umsturz. Wie es dazu kam, ist bald erzählt. Schon seit 1837 hatte man danach gestrebt, eine Reorganisation ins Werk zu setzen. Das Verhältnis zwischen den Lehrern war nicht immer ganz gut) öfters kamen kleinliche Streitigkeiten vor. Die Studenten waren nicht stets so Wisch-fÜhlend, wie ste sich zeigtensie wagten nicht mit der Sprache herauszurücken, wenn es sich um Zweiselfragen handelte, wie sie wohl jedermann einnml in feinem Leben auftauchen, wozu noch kam, daß sie im allgemeinen unter starkem. Zwäng zur Frömmigkeit standen. Man fürchtete sich sedoch Neuerungen einzuführen, hatte Angstt daß Dinge gelehrt werden würden, die sich' mit oer Religion nicht vertragen. Als nach und nach aber das Bttckrfnis nach Aenderungen sich mehr und mehr fühlbar machte, kam endluh im Referat der: Kuratorien fürs Ministerium deS Gottesdienstes der vielsagende Satz vor: „Es herrscht rmr eine Meinung im ganzen Lande, daß der jetzige Zustand mehr als mangelhaft ist und für Religio» und Bildung je länger desto schädlicher wirkt." Da kam der Streit: die eine Partei wollte ganz radikal mit einem Schlag alles revolutionieren, die andere wollte mich und nach, evolutiv die Arbeit vollführen. Der Rabbtnatsaffeffor R. Abraham Susan war im Oktober 1661 gestorben) damit hatte das Seminar seinen eigentlichen Hauptlehrer in den rabbinischen Fächern verloren, diese Kraft mußte ersetzt werden. Da kam bei den Kuratoren der Gedanke, jetzt die Reorganisation durchzuführen Und zu diesem Behufe einen Mann zu wählen, der genügende Begabung, Energie und Wissenschaft zur Durchführung des Werkes besäße.' Es mußte ein Mann von hohen Qualitäten, von sicherer^ Takt und unanfechtbarer Treue zum traditionellen Judentum sein. Diese Kraft fand mau — wozu Akiba Lehren viel beigetragen hat — in der Person Dr. I. H. Dünners. Und nun kam die große Reorganisation. Es. war eine Riesenarbeit, die der neue Rektor zu bewältigen hatte. Aber er war der Aufgabe gewachsen, und was nicht gut war, an den Zuständen, ja sogar am Schülermaterial, ward fortgefegt. Natürlich geschah das nicht in einem Tag,, aber es geschah. Es ward eine Einteiluug in Rabbinerktaffen. und Lehrerklaffen geschaffen, da ja doch Rabbiner Lin gAnz.anderes Quantum Wiffen bedürfen als Lehrer. Es wurde für eine gehörige Ausbildung in Humanioribus, Griechisch und Lateinisch, Mathematik usw., später auch iU modernen Sprachen gesorgt, kurz alles, was dazu gehörte, um die Seminaristen für die Universität genügend vorzubilden. Alle Humaniora wurden und werden auf dem Seminar selbst gelehrt, von deck Semin arlehrern, und die Schüler treten schon - zu 12 bis 14 Jahren in das Seminar ein. Die Zulassung zum Examen für — die jüdischen Prüfungen finden in Holland ganz unabhängig vom Seminar statt — setzt u.a. das Diplom eines „Kandidaten" in klassischer Philologie, orientalischen Wissenschaften ot>g$ Philosophie voraus. Fast immer wird klassische Philologie gewählt und studieren die Seminaristen an der Universität in Amsterdam. Auf düs Programm dieser Examina kommen wir noch zurück. England. Londoner Brief. London, 15. November. Der jüdische Board of Guardians hat in einer jüngst abgehaltenen Generalversammlung sich mit der Frage zu befassen gehabt, wie die Me Situation seiner Finanzen, die schon wiederholt Gegenstand der öffentlichen Erörterung war, gebessert werden konnte. Dieser bedeutende Hilfsverein der englischen .Juden arbeitet schon längere Zeit mit einem hohttlNimd inime4 steigenden Defizit. Dasselbe betrug am Anfang dieses Jahres 11800 Pfd. (237 000 Mk.), und obwohl zum Ausgleich eigentlich zur Vergrößerung des Grundkapitals bestimmte Legate in Anspriüh genommen wurden, steht der Verein jetzt schon wieder einem Fehlbetrag von 9000 Pfd. gegenüber. Dabei haben sich die Einnahmen im laufenden " ahr um 4000 Pfd. vermindert. Der Präsident klärte, daß die Herstellung des Gleichgewichts in den finanziellen Verhältnissen des Vereins eine Jahres-Emnahme von etwa 25000 Pfd. notwendig mache, während dieselbe in den letzten Jahren durchschnittlich nur 16000 Wh. ausgemacht habe. Man ist trotz der ungünstige Lage der Dinge entschlossen, den Aufgabeuüeis deS Board nicht einzuschränken) Lord Rothschild. hat das in seiner Ansprache entschieden zum Ausdruck gebracht. Man geht dabei von der Erwägung aus, daß man von der alten Tradition, die jüdischen Hilfsbedürftigen der Inanspruchnahme >er öffentlichen Armenpflege zu encheben,, am o weniger abgehen dürfe, da ein solches Bewahren die in gewissen Kreisen eingewurzelte AL-