Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1907)
- Date
- 1907-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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frei Oiefett geizigen Kewegüngen mit praktischen HmDpienze«: die Theone witd dort Tag zu Tag unhaltbarer, aber die Praxis hat schon so -weite Kreise ergriffen, daß es bei dieser Massensugestion nicht mehr zum Nachdenken über die theoretische Basis kommt. Die Grundlagen unserer Thora sind aber die Begriffe Gott, Seelein ihre r Gesondercheit vom Körper, Unsterblichkeit der Seele, W-Üensfreiheit und von Gott be- Mnrnte zielstrebige Weltentwicklung. / Versuchen wir es nunmehr, wenn auch nur im Umriß, zu zeigen, wie es Fechner verstanden hat, die Waffen des Materialismus gegen diesen selbst zu kehren, um bei „einem Gang durch die sichtbare Welt die unsichtbare zu finden." Wir beginnen zunächst mit der rein physischen. Unterlage seines Gedankengebäudes. Die Voraussetzung für jegliche Naturwissenschaft ist das Grundgesetz der Erkenntnis, daß dieselben Ursachen -auch immer dieselben Folgen haben, bei Veränderung der vorausgehenden Umstände aber verschiedene Wirkungen eintreten»). Der ausnahmslosen Geltung dieses Gesetzes in der materiellen Welt hat die Naturwissenschaft in der Form Ausdruck gegeben, daß jeder Veränderung ein materieller Vorgang im Raume, d. h. eine Bewegung . vorangehen muß. Der Zustand eines materiellen Systems beruht auf zweierlei Bestimmungsmomenten: Zunächst den von Fechner r. nn ere Um st L n d e genannten, Verhältnissen des Systems, die in ihm fliegen, wie die Beschaffenheit, Lage und Einzelbewegung seiner Teile. Dann aber ist der Zustand eines solchen Systems abhängig von äußeren Umständen, d. h. von seinen Beziehungen zu seiner Umgebung, zu anderen Systemen, indem sich jedes Einzelsystem als eine ElNzelfunktion dem ganzen Weltenzusammenhang einreihtt). Die i n der Materie wirkenden Kräfte, die inneren Umstände, werden nunmehr von Fechner ebenfalls als bedingt dargestellt, durch hie'gesetzlich gegenseitige Einwirkung im Raume sich bewegender Atorne^). Wir können auf eine Erörterung seiner geistreichen Begründung dieser Ansicht, (die die inneren Umstände gleichfalls zu äußeren macht) hier umso eher verzichten, als die moderne Energetik auch hier bereits auf dem Standpunkte Fechners steht und den Gegensatz von Kraft und Stoff durch das allgemeine Gesetz der Bewegung überbrückt hat. Für uns kommt vor allem die philo- *) Fechner, Ueber die physikalische und philosophische Atomensihee. S. 125. Fechner,'Pie Tagesanficht der Kachtanftcht. S. 188 f. Bergl. M m bas nämliche ctrizip insbesondere in selnerlvegrünbirng durch Hirsch " rew 8 M.) *) TageSanficht, S. 186 f. s) Atomenlehre, S. 151 ff. fvphische Fruchtbärkett dieses Gedankens in Be tracht. Dre Gesetzmäßigkeft der Körperwelt — Kausalität — steht nicht mehr im Gegensätze zu einem vernünftigen Endzweck alles Seins — zur Finalität. Ein rein mechanisches Kausalgesetz leidet Schiffbruch an seiner Einseitigkeit, weif es den Zusammenhang mit dem Weltgattzen unberücksichtigt läßt. Nach Fechner wird dagegen der von vornherein bestimmte Endzweck des Ganzen erreicht durch die Rückwirkung des Ganzen auf die einzelnen Teile. Diese Harmonie des Kausal- und'Final-Prinzipes nennt er Gesetzlichkeit des Systems. In der Frage nach dem Begriffe des Bewußtseins, der Seele und alles dessen, was man mit Geisteswelt bezeichnet,, sagt Fechner zunächst: Es sei verkehrt die Frage zu stellen, was Bewußtsein ist? wie es in die Welt hineingekommen? denn das Gewisseste, das es gibt, ist für jeden Einzelnen sein Bewußtsein. Ohne es wüßten wir nichts von der Außenwelt.. Wir müssen uns daher fragen: Gibt es etwas, das uns so unähnlich ist, daß es kein Bewußtsein hätte? Wir wissen von uns, daß jede unserer Handlungen mit einem Bewußtseinsakt verbunden ist. Gibt es auch Objekte, die nur Objekte sind für Andere und nicht Subjekt für sich selbst? Die Tatsache, daß wir das Innenleben eines Nebenmenschen nicht zw sehen vermögen, hindert mich nicht, dasselbe trotzdem als vorhanden anzunehmen, weil ich einen Rückschluß von mir ziehe. Wir schließen also von uns auf „die Beseelung eines körperlichen Systems, das unserem nach dieser oder jener Hinsicht ähnlich ist"«). Wir beschränken aber das Reich des Beseelten auf das Menschenu»d.Tierleben. Warum sollte es aber nicht auch eine Pflanzenseele geben? Etwa weil die Physiologie den Nachweis erbracht hat, daß es Zur Empfindung der Nerven bedarf, den Pflanzen aber die Nerven fehlen? Mit demselben Recht könnte man schließen: „Die Violinen brauchen Saiten zum Tönen, also werden auch die Flöten Saiten zum Tönen brauchen; sie haben aber keine, können also nicht tönen; die Kerzen und Dochtlampen brauchen Dochte zum brennen, also werden auch die Gaslampen Dochte zum brennen brauchen, haben aber keine und können also nicht brennen. Doch tönen die Flöten ohne Saiten und brennen die Gaslampen ohne Dochte"7). Sowie es ein Atmen ohne Lungen mit Kiemen, mit der Haut, mit dem Darm gibt, kann es auch ein Empfinden ohne Nerven geben. Weil A etwas nur mit Hülfe von a erreichen kann, so kann B dasselbe doch immerhin mit b tun. Doch sind dies nur Gegen- °) 8. Seite 22. T) S. Seite 27, 28. __ gründe, die nicht die Wirllichkeit des Behauptete» beweisen, sondern lediglich demEinwande derNnmöglichkeit begegnen wollen/Fechner hat auch positive Gründe für die Pflanzenfeele. Die mamgfachen Beobachtungen, die man von Reaktionen der Pflanzen auf Reize gemacht hat, verraten uns deutlich ihr inneres Empfindungsleben.«) Zahlreiche Erscheinungen heim Wachstum, das Winden der Stengel, däs Suchen nach dem Licht, das Strecken der Wurzeln nach Wasser und fruchtbarem Erdreich gelten ihm als sichtbarer Ausdruck des Trieblebens der Pflanzenseelen.') Wir finden eine sehr interessante Analogie zu dieser Anschauung, die insbesondere im Pflanzenwachstum Seelenäußerungen erblickt, in den Ä rten unserer Weisen s. A.: rbynbn njiDD jw dbdVd DVjn iwp bo -p p#~ *6 vn» roDi vn» iom S. E: (Fortsetzung folgt.) Sem — Tbri — Israel. Bon A. Mannheimer in Dettelbach. Nomen est omen! Wäre das Wort nicht von anderer Seite geprägt worden, das Judentum hätte vor allem ein Anrecht darauf! Nirgends sonst als bei uns ist dem Name», der Benennung eines Gegenstandes so große Bedeutung beigemeffen worden. Schon die ersten Blätter der Bibel bieten bemerkenswerte Belege dafür. Gott schafft nicht nur seine Werke, er gibt ihnen auch Namen: Licht, Finsternis, Erde> Meer u.s.f. die erste Tätigkeit des ersten Menschen war, den ihm zugeführten Geschöpfen Namen zu geben. In diesen Namen verkörpert sich die Summe der Eindrücke, welche die ihn umgebende Welt auf seinen Geist gemacht, und mit den Namen tritt immer wieder der Borstellungsinhalt lebendig in der Seele auf. Unsere Kleinen bestürmen uns heute noch mit Fragen nach den Namen der Dinge und Erscheinunnungen: „Wie beißt das? Was ist das?" So kommt's tausendfach aus ihrem Munde. — Mit den biblischen Namen verbinden sich häufig bedeutungsvolle geschichtliche Erinnerungen. „Abraham" ist „Vater der Menge", Jsak hat vom „Lachen" Sarahs seinen Namen, Jakob bedeutet Fersenhalter", Mosche der „aus dem Wasser Gezogene", Samuel der „von Gott Er- «) di. Kap. IX. °) di. Kap. VIII. I0) '"d rrn rnwro »"rp möbOTia Tir (an letzter Stelle mit geringfügiger Veränderung). Stetten,' dttim obigtn Text davon sprechen, daß er, der Gesandte, dem ungezogenen Landsmann Prügel verschafft bade, wurde gestrichen. Ferner ist u. a. diewitzelnde Gegenüberstellung des großen .Schutzmanns und des k l e i n e u Juden, vermieden, dre beiden Adjektivesiüd bHeftigtt Rach den Worten „körperlich gemißhandelt" hat Bismarck statt des ursprünglichen Schlusses folgerches eingesetzt: „Ich sprach ihm mein Bedauern ans und fragte, ob er sich beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe nicht nriebet hon ihm gehört." Es scheint, daß das Verfahren des Petersburger Gesandten Bismarck und der Tön,mdem die Erzählung beim Mahle im Jahre 1871 gichalten war, dem Reichskanzler BiSmarck acht Jahre später nicht mehr ganz gefallen haben. fQtin «Sohltätigfeitsatt des Sultans.) Bon einem neuen Beweis des Wohlwollens des Sultans gegenüber seinen jüdischen Untertanen wird aus Konsran- Nnoptt berichtet. Ein ehemaliger Lehrer einer Schule 6er Alliance Jsraölite, Vater von zehn Kindern, war in -tiefste Armut geraten. Um sein Unglück voll zu machon, wurde eine der Töchter lebensgefährlich krank. Aerztliche Behandlung und Medikamente konnten infolge Mangels aller Mittel nicht besorgt werden. In ihrer Verzweiflung wandte sich die Mutter, gleichfalls eine Lehrerin einer Alljan-ee-Schule telegraphisch an den Sultan und bat um Beistand. Gegen Mitternacht desselben Tages trafen zwei Ordonnanzoffiziere des Sultans ein und händigten dem Bater eine größere WrMio E Zugleich ließen sie die Erkrankte in vaS Kaiserliche Hamrdieh-Hospital überführen, wo sie v" kostenfrei verpflegt wird. er Sultan. esneü andern üdev die Lage per KrMilie dieser Jrfformation bee drei Kinder unter. Kosten terrichtsminister sofort, daß drei Kinder in höheren Schulen untergebracht würden, zwei sollen zur Bervollkommnung ihrer Studien ins Ausland gesandt werden, und die übrigen fünf werden in Elementarschulen in Konstanttnopel erzogen werden. Die Freude der Eltern und ihre Dankbarkeit gegen ihren Herrscher vermag man sich nach dem Obengesagten wohl voznstellen. (Der Großvater der Juden.) Bor einiger Zeit Starb in Jassy eine der interessantesten Gestalten unter »en rumänischen Juden im Aller von 115 Jahren. Er hieß Samuel Herschku. Dieser Jude, dem ein so hohes Alter beschicken war und der mehr als drei Generationen überlebt hat, wurde in Rumänien allgemein „der Großvater der Juden" genannt. Er war ein Enkel des bekannten jüdischen Witzlings Herschel Ostropoler, dessen Bonmots und Witze noch heute Gemeingut der Judengafse von Polen und Rumänien sind. Merkwürdig wie er selbst, war auch sein Lebensgang. Er beherrschte neun Sprachen und hat in seinen jüngeren Jahren ganz Atropa und Amerika bererst. Er kam Mit fast allen größeren Kaufleuten der beiden Saaten und auch mit Herrschern Md Staatsmännern seiner Zeit in Berührung. Herschku war mehreremale bei Zar Nikolaus I. in Audienz und sprach mtt Alexander II. und dem Kadi Von Aegypten. Er machte den Krim-Feldzug mtt und überstand die Cholerakrankheit. Aus seinen hinterlassenen Schriften und Briefschaften ist ersichtlich, daß Herschku Kie Türkei, Bulgarien, Serbien, Palästina, Oesterreich-Ungarn und die übrigen Länder Europas bereist hatte, zu dem Kadi von Aegypten, der seinen' scharfen Witz bewunderte, in fast freundschaftlichen Beziehungen stand. In früheren Jahren war Herschku ein bedeutender Geschäftsmann und als' solcher Vertrauensmann des Hauses Ephrussi im Orient. Noch bÄ vor 6 Zähren war er geschäftlich tättg. $ ‘rjr A war nicht nur von Juden, sondern auch von Er hochgeehrt. Die Bauern verehrten ihn wie einen Heftigen und nannten ihn einen Propheten. Diese Berehmmg gingso weit, daß sie glaubten, es genüge, daß Herschkn über ein Ackerfeld schreite, um es vor Hageüväter zu schützen. Die Bauern, die ihn kannten, pflegten mft jeder zweifelhaften Sache zum „Großvater der Juden" zu kommen, um sich bei ihm Rat zu holen. Und sie befolgten auch seine uneigennützig erteilten Ratschläge aufs Pünklichste. Herschku behielt seine geistige Frische fall bis zum letzten Atemzuge. Einige Minuten vor seinem Tode ftug er eines ferner Enkelkinder, was für Neuigkeiten aus Rußland kämen und ob der Pogrom in Odessa noch anhalte. Sein Leichenbegängnis fand unter außerordentlich großer Anteilnahme aller Bevölkerungsschichten der Stadt und Umgebung statt. Besonders viele rumänische Bauern waren gekommen, um ihren „Propheten" und Berater zu beweinen. (Der „Ewige Jude" nicht von Eugene Sne!) Das ist die neueste Sensation, die der „Gil Blas" seinen Lesern und der ganzen gebildeten Welt Btetet Bor wenigen Wochen wurde der 50. Todestag des Schriftstellers feierlich begangen, und heute behauptet das genannte Blatt, sein Hauptwerk, das in alle lebenden Sprachen übersetzt ist, sei Nichtsein geistiges Eigentum, sondern er habe nur seinen Namen dazu hergegeben. Ueber die angebliche Entstehung des berühmten Romans äußert sich der „Gil Blas" wie folgt: Im Sommer 1844 sei täglich ein alter polnischer Jude auf der Place d' Armes erschienen, habe auf einer Art Staffelei seine Papiere, Federn und Tinte ausgestellt, und habe von morgens bis abends unermüdlich geschrieben. Der Arde soll Jolenski geheißen haben und Eugene Sue foll an dem Roman nichts weiter geschrieben haben, wie seinen eigenen Namen. — Die Sache klingt einstweilen noch ein wenig unwahrscheinlich!