Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1907)
- Date
- 1907-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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und nichts ist so starr, seine schrittweise ung aufhalten zu können. Die jetzige Duma, das Produkt eines schlechten Wahl- 'ches, wird, wie wir es auch.in Oesterreich ert> nicht umhin können, früher oder später ein anderes, besseres Wahlgesetz zu schaffendieses wird wiederum eine andere Duma zustande bringen und zwar eine solche, die sich über Menschenrechte, worunter auch Judenrechte verstanden werden müssen, nicht wird hinwegsetzen Können. Was den Juden Rußlands bis dahin am meisten not tut, ist hier des öftern und besonders im Leitartikel der Nr. 45 hervorgehoben und bis zur Ebidepz erläutert worden — ein enger Zummmenschluß aller gesetzestreuen und gut gesinnten Elemente, die, einmal konzentriert, eine ganz enorme Macht darstellen würden. Angesichts der neuesten Gestaltung der Dinge ist diese Frage einer Lebensfrage für das Gros der russischen iden geworden, an deren Lösung nun unab- "g gearbeitet werden muß. Es ist wahr- , die höchste Zeit, die wahre Gesinnung des weitaus größten Teiles der russischen Judenheit zu zeigen und das Gefasel von einer jüdischen Revolution einmal für allemal ad absurdum zu führen. «eklige Sttö««lgeil Ser «egexvatt in ihrer Seriednng zum Judentum. (Fortsetzung). I. Fechner. „.Wenn ich die Bedeutung Fechners für das Gesamtleben der Gegenwart mit einem Worte zusammenfassend bezeichnen darf, so würde ich sie, abgesehen von dem Vorbildlichen seiner wunderbar ausgereiften Persönlichkeit darin setzen: daß bei ihm der ganze Ernst exakt wissenschaftlicher Forschung mit der Gabe und dem Trieb zu poetisch-phantasievoller Weltdeutnng die innigste Verbindung eingegangen ist, und daß er hierdurch zwischen der naturwissenschaftlichen Auffassung der Wirklichkeit und her religiösen Weltanschauung eine Vermittlung geschaffen hat, die berufen ist, den größten Schaden unserer Zeit zu heilen: den klaffenden Spalt zwischen unserer Wissenschaft und unserem geltenden Glauben'zu schließen. Der Widerspruch zwischen beiden geht vor allem verwüstend durch das Leben unserer Jugend, er läßt sie nicht zu festen Ueber- Wugungen kommen, sodaß die meisten lange Zeit und Biele ihr Leben lang an den Klip- 1 „Was, ich soll zu deinem Gott in Bezahlung gehen? Einen Gulden her!" r «granef, du bist verrückt geworden. Für.ein Stückchen Weg einen Gulden!" „Wenn du nicht zehn Kopeken hergibst, schneide ich «ir ein Stück Fisch ab." Dies sagend, holte er ein Messer hervor, bereit, die Drohung in die Tat umzusetzen. „Schelm du, was machst du?"-schrie die Jüdin vetzweifel, „Bandit, du, hier hast du." Nachdem Franek den Stör vom Wagen geworfen Und die Bezahlung eingestrichen hatte, fuhr er pfeifend weiter.Thawe mit ihrer Ladung auf dem Rucken eille desselben Weges und wandte sich nach der Alleee zum Institut. Dort hoffte sie am ehesten zu derkcusen. Wer schon am Eingang erlebte sie eine Enttäuschung. Denn die Wirtschafterin erklärte ihr, daß sie alle Lebensmittel nur in großen Partien kaufe und daß sie mehrere Störe gerne genommen hätte, «tu Stück aber für sie ohne Wert sei. "AE Ehawe das Institut verlassen, brach sie in Weinen aus. Und wenn man überall absagen wird? dachte sie. Ein Fisch kann nicht lange warten. Sie schleppte sich weiter mit dem Stör aufdem Rücken, hoffend, einer der Passanten werde sie rufen. Es sammelten sich viele Gaffer an, aber niemand wollte «Ulfen. Schließlich blieb ein älterer Herr stehen und fragte: „Für wen ist das?" „Zum Verkaufen," entgegnete Chawe. _ „Ist er frisch?" tßx, ist eben erst gefangen worden." Er besichtigte den Fisch. „Wieviel wollt Ihr für den ganzen?" „Wink RubÄ." „Wachet Ihr vier nehmen?". Pen nichtiger Negationen hängen bleiben" (Paul- 'sen). Nicht ohne Absicht wählten wir bei Betrachtung der Vertreter einer'idealistischen Weltansicht, die dem denkenden Juden des zwanzigsten Jahrhunderts bis zu einem gewissen Grad Genüge leisten kann, als ersten derselben Gustav Thepdor Fechners. Soll unser apologetisches Material in der Tat sich wertvoll erweisen, so muß es solches sein, welchem auch der Gegner die Anerkennung nicht wird versagen können. Und dieses ist bei Fechner der Fall. Er war nämlich nicht nur auch Naturwissenschaftler, es verdanken ihm vielmehr die Erfahrungswissenschaften die Eröffnung eines Gebietes, dessen Weite noch unübersehbar ist. Mit der Entdeckung dieser neuen Wissenschaft, der experimentellen Psychologie (oder Psychophysik, wie er sie nannte), hat er sich einen Platz unter den ersten Führern der modernen Naturwissenschaft'erworben. Wenn uns diese Seite seines Denkens auch hier nicht näher beschäftigen kann, so ist sie doch für unseren Zweck ungemein bedeutungsvoll, denn mit dieser Legitimitation als scharfer Beobachterkleinster Wirklichkeiten ist Fechner vor dem Vorwurf weltabgewandter Träumerei gesichert. Er fußt auf dem festen Boden des Realen und wird doch zum Pfadeweiser in ein Land des Idealismus. Er kennt die bloß physische Weltanschauung sehr genau und ringt sich trotzdem'zur metaphysischen hindurch. Diese Verbindung 'des Naturwissenschaftlers mit dem Philosophen ist es, die Fechner zum Führer für unsere Zeit geradezu prädestiniert. Es ist daher ganz natürlich, daß er, wenngleich bei Lebzeiten — was seine Philosophie anbetrifft — fast allein dastehend, heute, zwanzig Jahre nach seinem Tode, immer größere Anerkennung findet. Vor zwei Jahrzehnten noch stand der Materialismus in seiner Sünden Maienblüte; heute ist bereits die Reaktion eingetreten. Eine unermeßliche religiöse Sehnsucht, ein verzehrendes Gottesheimweh zieht durch unsere Zeit, und da findet sie einen, der schon l) Geb. 1801, gest. 1887. Die für uns hauptsächlich in Bettacht kommenden Werke Fechners sind (Abkürzungen wie in LaßwitzenS Biographie): (B) Das Büchlein vom Leben nach dem Tode. 6.Aufl. 1906. (N) Nana, oder über das Seelenleben der Pflanzen. 3. Aufl. 1993. (Z) Zendavesta, oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits. 3. Aufl. 1906. (8) Ueber die Seelenfrageein Gang durch die sichtbare Welt um die unsichtbare zu finden, 2. Aufl. J907. Sämtliche angeführten Werke find ly dem um die Berbretmng Fechne s verdienten Verlag von Leopold Boß, Hamburg und Leipzig, erschienen. 8 mit einem Geleitwort von Paulsen (zuerst gedruckt in ddr Interna ionaien Wochenschr. für Wtsiensch. 1. u. 2.), dem obiges Zitat entnommen ist. Eine trefflich- Biographie Fechners ist die von Kurt Laßwitz besorgte im I. Bd. von Frbmanns ,-Kiasstker der Philosophie." länge auf solche Menschen gewartet Hat und imf chr endliches Kommen sicher hoffte. Er — Fechner — war als echtes Genie seiner Zeit vorausgeeilt. Bevor wir uns näher mit den Grundzügen seiner Weltanschauung befassen, möchten wir in Kürze den Gegensatz unseres jüdischen und des materialistisch-monistischen Weltbildes auseinandersetzen»). Dreimal in der Geschichte der Philosophie — das erste Mal in ihrer Kindheit in einigen griechischen Philosophen, den Atomisten des 4* und 5. Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, welchen dann in späterer Zeit die epikuräische Schule als Anhängerschaft folgte; das zweite Mal in einer Verfallzeit der Kultur in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert, endlich das dritte Mal in Deutschland, in einer Zeit, welche man mit Strauß als eine Mauserzeit der Philosophie betrachten kann, vom Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart hinein, — finden wir Vertreter der Lehre, daß alles Seiende körperlich, alles Geschehene Bewegung materieller Teile, der Geist nichts von der Materie wesentlich Verschiedenes sei. Den Geist betrachten die Materialisten entweder selbst als einen Körper (Gehirn) oder eine besondere Art körperlicher Vorgänge oder als ein Resultat von solchen, als Eigenschaft oder Wirkung der organisierten Materie. Bewußtsein, Empfinden, Denken ist ihnen ein Nervenprozeß, eine Gehirnbewegung. Dieselben Gesetze, die die anorganische Natur regeln, find es auch, die das Sein der organischen Wesen, also auch der Menschen bestimmen. Willensfteiheit, Verantwortlichkeit, Pflichtgefühl sind demnach Illusionen. Durch den deszendenztheoretischen Einschlag gestaltet sich diese Auffassung des Weltgeschehens noch unabhängiger von jedem Zweck. Nicht die Erstrebung irgend eines Ziels, sondern die Entwicklungsmodalitäten der verschiedenen Organismen sind es, die allem Gesehen.ihren ^Stempel aufdrückten. Nicht eine Löttliche .Jntellegenz, sondern das Selektionspriyzitz — das Heute .ziemlich Schiffbruch gelitten hat — „reßelj den Verlauf des .Lebens. Dieser theoretische Materialismus fand insbesondere wegen seiner praktischen Konsequenzen — einer Art der Lebensführung, die in sinnlichen Genüssen den Daseinszweck erblickt — zahlreiche Anhänger, und noch heute ist es hier wie *) Den Gegensatz zwischen dem Schöpfungsbericht der Thora und der Deszendenztheorie, soweit er ein rein äuß erlich er ist, laffen wir hier unervttert, da eS hier u einer gesonderten Darstellung bedürfte. Es ist ja übrigens auf diesen Gegenstand bei Gelegenheit der Pater WaSmannfchen Borträge in diesen Blättern von Dr. Wohlgemut näher etngegangen worden. Eine freudige Rührung bemächttgte sich Chawes. „Ach, gnädiger Herr," flehte sie, „das ist zu wenig." „Wollt Ihr?" „Wohin soll ich ihn tragen?" „In dieses Haus, zum Doktor Pryski. Dort wird man bezahlen." Er schrieb einige Worte auf ein Billet, behändigte es der Jüdin und ging weiter. (Fortsetzung folgt.) (Bismarck «US Zensor) führt uns der von Georg Bötticher (Verlag von Fr. Wilh. Grunow, Leipzig) herausgegebene Faksimiledruck der eigenen Randbemerkungen des ersten Reichskanzlers zu Moritz Busch's Werk „Graf Bismarck und seine Leute" vor. Bismarck hat das Werk Busch's vor dem Druck im Abzug durchgesehen und seine Korrekturen darin angebracht. Die Schrift „Bismarck als Zensor" gibt 25 Seiten des mit den Bemerkungen und Aenderungen des Kanzlers versehenen Abzugs wieder, eine Veröffentlichung von eigenartigem Reiz, die mancherlei Beitrage zum Charatterbild des Fürsten liefern mag. Auch eine Episode, die uns Juden, intereffant ist hat Bismarck umgestaltet. Der ursprüngliche Text findet sich vollständig in den „Tagebuchblattern", die Moritz Busch nach Bismarcks Tod veröffentlicht hat. Es handelt sich um einen Vorgang aus der Petersburger Gesandtenzeit, den Bismarck 1871 vor Paris bei Tisch folgendermaßen erzählte: „Eines Tages kam in unsere Kanzlei ein Jude, der als mittellos nach Preußen zurückbefördert sein wollte. Er war sehr abae-rissen und hatte besonders Stiefel an, aus denen allerdings die nackten Zehen heraussahen. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber er wollte vorher andere Sttefel haben, es wäre so kaü, und beanspruchte das als ein Recht und trat so dreist und unverschämt aus, schrie und schimpfte, oaß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten. Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen. Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden, ich zu körperlicher Hilfe herbeigerufen. - Ich sagte ihm, er solle ruhig sein, sonst würde ich ihn . einsperren lassen. Er erwiderte: „Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht." — „Das wollen wir sehen," sagte ich. „Ich muß Sie allerdings nach Hause schaffen, aber Sttefel brauche ich Ihnen nicht zu geben, wenn ichs auch vielleicht getan hätte, und vorher, weil Sie sich ungebührlich aufgeführl haben, werden Sie Ihre Strafe bekommen." Er sagte wieder, das könne ich hier gar nicht. Da machte ich das Fenster auf und winkte einem Gorodowoy, entern russischen Polizeimanne, der ein Stück davon seine Statron chatte. Mein Jude fuhr fort zu schreien und zu schelten, bis der Poltzeimann, ein großer starker Mettsch, hereinkam. Zu dem sagte ich (rusftsche Worte): „Nimm ihn mit — einstecken bis morgen — und fünfundzwanzig." Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und steckte ihn ein. Den andern Vormittag, aber kam der Jude wieder an, ganz unwewandelt, sehr demütig, und erklärte sich zur Abreise ohne Stiefel bereit. §cb ftagte, wie es ihm gegangen wäre inzwischen. — chlecht wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan hatten? — Ja, sie hätten ihn — nun sie hätten ihn — körperlich gemchhandelt. — Ich dachte turn, er würde mich zu Hause verllagen oder in die Zeitungen bringen — in die Volkszeitung oder ein anderes Organ für jedermann. Die Inden verstehen sich ja daranft Lärm zu schlagen. Aber er muß sich's anders Sbmckegt haben — er hatnichts inähr von sich chöo» laffen." — Hier hat nun Bismarck mit dem Kohlestift stark gemildert,