Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1907)
- Date
- 1907-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ab ge lehn t wurdet Für eine ebenso unerhörte Zumutunng erachten wir es, daß die Nürnberger Gemeindeverwaltung die Frage einer friedlichen Verständigung mit ihren orthodoxen Gemeindemitgliedern davon abhängig macht, daß letztere sich verpflichten sollen, in aller Zukunft „keine Aenderung der bezügl. Gesetzgebung mehr anzustreben oder eine solche seitens Dritter angestrebte Aenderung direkt oder indirekt zu unter.stützen."!! Eine solche entwürdigende Klausel wagt eine „liberale"Kultusverwaltung ihren orthodoxen Gemeindemitglieder zur Unterschrift vorzulegen und eine solche Maulkorbpolitik, die also den jetzigen-Zustand der Gewissensnot verringern soll, nennt sich „liberal" und „aufgeklärt." Unserer Meinung nach wird es die bayerische Orthodoxie noch schwer zu bereuen haben, wenn sie sich jetzt durch Wortgespenster und juristische Dogmen davon zurückhalten läßt, sich die Bewegungsfreiheit zu erkämpfen, die ihr nur eine gesetzliche Regelung in Verbindung mit einem Austrittsgesetz bringen kann. Und es sollte von den bayerischen Ra b binern vor allem erwartet werden, daß sie unter Beiseitesetzung aller opportunistischen Erwägungen der hohen Aufgabe sich bewußt bleiben, die ihrer als Vertreter eines religiösen Prinzipes harrt. Die Orthodoxie ist tot, bei aller scheinbaren Blüte, wenn sie sich in ein neologes Gesamjudentum einkapseln und sich die Brosamen reichen läßt, die vom Tische der Gemeindegewaltigen herunterfallen. In dem scheinbar lokalen Kampfe, der jetzt in den Konferenzzimmern zu München und Nürnberg geführt wird, handelt es sich ja für den Tieferblickenden doch um die Entscheidung derselben großen Frage, die heute allüberall unsre innere Politik bewegt, um die Frage, ob das gesetzestreue Judentum seine durch die Geschichte legitimierte Stellung als das eigentliche Judentum aller Zeiten preisgeben und sich zu einer Partei, zu einer Richtung Herabdrücken lassen darf oder nicht. Mögen unsere Gesinnungsgenossen in Bayern sich darum der Schwere der Verantwortung bewußt sein, die sie bei ihrer Entscheidung vor der Geschichte, vor ihrem Gewissen, vor der Gesamcheit ihrer Brüder auf dem Erdenrund tragen. Der zufriedene „mifPonar“. Wenn uns die Weisheit unsrer Väter den als reich zu preisen lehrt, der zufrieden ist mit seinem Teil, dann darf man Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt zu Offenbach am Main die Krone des Reichtums zuerkennen: erhält seinen Versuch zur Bekehrung des «hyperorthodoxen Israelit" für gelungen und konstatiert mit der zufriedenen Miene eines Leberecht Hühnchen, daß „wir einig seien." Wie weiland Leberecht Hühnchen, der glückliche Lebenskünstlet, so gelangt auch sein rabbinischer Schüler allerdings nur dadurch zu seiner neidenswerten Zufriedenheit, daß. er die Dinge nicht so sieht wie sie sind, sondern wie sie sich in seiner rosenrot dekorierten Phantasie male«. Aber der Effekt für die persönliche Stimmung ist dieselbe, und es fällt uns wirklich schwer die gute Laune unseres verehrten Gegners zu stören. Er hat nur die eine Kleinigkeit vergessen, daß ja die ganze Tendenz seines Artikels nicht war, die Demonstrationen des Judentags an sich psychologisch zu erklären, sondern vielmehr die O r t h o d o x i e davon zu überzeugen, daß sieauch vonihremreligiösen Standpunkte aus alle Ursache habe, in jene Demonstration mit einzustimmen. Wenn Herr Dr. Goldschmidt jetzt, nur um zufrieden fein zu dürfen, diese Grundlage seiner Ausführungen preisgiebt, wenn er sich sogar treuherzig damit freut, daß wir aus dem Mangel lebendiger religiöser Ideale im Kreise der Neologie die Aufbauschung der Gleichberechtigungs- Postulate zu sittlichen Forderungen erklärt und entschuldigt haben, ja wenn er endlich sogar zugiebt, daß die Verwirklichung jener Postulate dem Judentum ebensoviel schaden als nützen würden — nun, so können wir ebenfalls für das Amt eines Krösus kandidieren, denn auch wir sind mit Herrn Dr. Goldschmidt jetzt sehr zufriede n! Nur hätte er nicht so undankbar gegen seine Redaktion sein sollen, zu verraten, daß der Kosename „hyperorthodox" Hamburger Fabrikat und von der Schriftleitung des Hamburger „liberal-konservativen" Blattes, das manchmal auch gern orthodox ist, in den sonst so liebevollen Goldschmidtschen Artikel hineingeschmuggelt worden ist. Wenn Herr Dr. Goldschmidt nicht merkt, daß diese „Korrektur", die „nicht bös gemeint" sein soll, lediglich die Tendenz hat, den Standpunkt des überlieferten Judentums als hyperorthodox, das heißt als übertrieben und unwahr, den Standpunkt des modernen just« milisu-Judentums aber als orthodox auszugeben — dann — ja dann wird er noch mancherlei Enttäuschungen erleben, bis es ihm gelingen wird, seiner gewiß redlich gemeinten Lebensaufgabe, „versöhnlich zwischen Orthodoxen und Freisinnigen" zu wirken, zu genügen. Wo so Gewaltiges auf dem Spiele steht wie in dem Kampfe zwischen dem überlieferten Judentum und seiner Negation, da sind Kleister, Wolkenschleier und ähnliche Requisiten moderner Versöhnungskunst ein schlechter Ersatz für die blanken ^Waffen des um Wahrheit ringenden Die dritte Duma. Die Resultate der Dumawahlen liegen nun abgeschlossen vor. Sie sind so ausgefallen wie man es bei den Chikanen des neuen Wahlgesetzes und den Wahlmachenschaften der schwarzen Rotten nicht anders erwarten konnte. Denn die dritte Duma ist nicht nur fast judenrein, sondern sie bedeutet zugleich einen heftigen Schlag ins Gesicht der ganzen Intelligenz, aller fortschrittlich und freiheitlich gesinnten Elemente im Zarenreiche. Dieser Schlag wird nicht verfehlen, alle diejenigen aufzurütteln, die sich bereits in den schönsten Träumen gewiegt, die schon von einer Agonie des büreaukratischen Regims gefaselt und den nahenden Umsturz verkündet haben. Nein, so weit war es noch nicht. Die dunklen Mächte sind doch stärker und zahlreicher als man glaubte. Sie mußten sich nur erst einmal sammeln. Und als sie das mit möglichster Unterstützung der leitenden Kreise taten, da entstand diese neue, die dritte Duma. Noch hat diese „Volksvertretung" ihre Tätigkeit nicht begonnen; doch können nach ihrer Entstehungsgeschichte und der ganzen Art ihrer Zusammensetzung irgend welche Zweifel oder unklare Vorstellungen über ihre Wirksamkeit nicht aufkommen. Sie wird ein Werk sein, das feinen Meister lobt. Ihre Aufgabe wird darin bestehen, Gesetzen, die der Willkür entsprangen und als solche in aller Welt Augen bis oahin galten, nun eine scheinbar legislative Autorität zu verleihen, und durch Uebernahme einiger Mitverantwortung das Gewissen der Machthaber, wo noch das Restchen eines solchen vorhanden, zu erleichtern. So sehr wir als Menschen und besonders als Juden diesen reaktionären Umschwung bedauern müssen, das Fiasko der Revolution in Rußland allein vermag unsere Hoffnungen für die entrechteten Brüder nicht zu zerstören, da wir, wie schon oft hier ausgesprochen wurde, niemals an ein Heil Israels, das auf blutigem Boden entstanden wäre, so recht glauben konnten. Sowohl der Geist unserer Lehre als die Erfahrungen der Geschichte verweisen uns auf den entgegengesetzten Weg, lehren uns, unsere Hoffnungen auf die positive Staatsform und ihre Verbesserung in konstitutionellem Sinne zu setzen und nicht auf die alles negierende, extreme Opposition, die aufs Niederreißen und Umstürzen bedacht, die denkbar schlechteste Gewähr auch für den Aufbau der Judenrechte bietet. Daä gegenwärtige Prinzip der Reaktion kann uns die Hoffnung auf den endlichen Sieg der Menschlichkeit nicht rauben. Das Prinzip der Konstitution Chawe alle ihre Geschäftoperationen machte, und deren Intaktheit sie mit großer Sorgfalt behütete. Die günstigsten Profite in naher Zukunft vermochten sie nicht vor einer Unruhe zu bewahren, die sie empfarw, so oft jene zauberischen drei Rubel, wenn auch immerhin eine Weile und wenn auch nur teilweise, ihren Händen entglitten. Dann empfand sie einen unbeschreiblichen Schrecken und sah sich über einem - Agrund, in welchen sie mitsamt der Familie stürzen würde. Dieser Furcht entsprang auch der heftige Wunsch, die Störe sofort zu verkaufen. Zu den drei Rubeln fehlten ihr noch fünf (polnische) Gulden. Ein charakteristisches Merkmal in den Beziehungen Chawes zur Großmutter Wlostoricka war die Aufrichtigkeit der Jüdin. Sie, die es damit beim Verkauf der den kleinstädtischen Damen in ihrer Not manchmal nicht sehr genau nahm, sagte dieser Einem gewissenhaft die Wahrheit. „Wie teuer Haft Du die Störe gekauft?" fragte die Alte. „Das Pfund zu fünf Groschen," entgegnete Chawe. „So hast Du doch verdient!" „Bei der Frau Rrchterin, denn die Kassierin hat noch kein Geld gegeben." Nun, geh', meine Liebe, ich weiß nicht, wer jetzt in Pulawy wohnt, aber es sollen viele Herrschaften dort eingetroffen sein." Chawe küßte der Greisin die Hand und eilte davon. Bon Kasimierz nach Pulawy sind zehn Werst, eS war als ) nicht leicht, diesen Weg mit einer fünfzigpfündigen Last auf den Schultern zurückzulegen. Und der auf der Schulter der Jüdin quer überhängende Stör schien -ob dieses kecken Unterfangens den Kopf zu schütteln. Sie aber schritt, obwohl sie hungrig und müde war, wacker aus.. Rach der ersten Werst rastete sie. Irgend ein vorüberfahrender Gutsbesitzer ließ, einen Fisch erblickend, den Wagen halten. „Was habt Ihr da?" fragte er. „Einen Stör," entgegnete Chawe pochenden Herzens. „Ach, ein Stör," brummte er geringschätzig und fuhr werter. Vielleicht wird auch in Pulawy jeder so das Haupt schütteln? Chawe raffte sich empor und machte sich wieder auf den Weg. Nach weiteren zwei Werst ruhte sie wieder aus. Ueber ihren Kummer nachdenkend, erblickte sie ein in der Richtung nach ihrem Ziel herankommendes Wägelchen, auf welchem neben dem Kutscher ein unterwegs mitgenommener Jude saß. Ein in Kasimierz bekannter Briefaustrager, ein entlassener Soldat, der ob seiner Trunksucht von der Kanzel in die Acht gelegt und von der Polizei oft durchgeprügelt worden war, fuhr die Post. Den Passagier hatte er auf eigene Rechnung mitgenommen. „Franek, Franek," rief sie, „wartet." „Was?" erwiderte der Fuhrmann, das Pferd zum Stehen bringend. „Nimm mich nach Pulawy mit!" „Nur wenn du deinen Fisch zuspannst, denn meine Schindmähre wird uns nicht ziehen können." „Ist es denn so weit? Drei Hasensprünge." „So springt." „Rede nicht, rede nicht!" „Wer wo werdet ihr euch niedersetzen, etwa auf des Pferdes Rücken?" „Es wird sich für mich schon ein Platz finden." Eine Erlaubnis nicht abwartend, begann sie emporzuklettern. „Gebt mir zuvor einen polnischen Gulden," rief FranÄ. „Narr du, ich werde dir kein Unrecht,tun." Der Wagen setzte sich in Bewegung. „Warum fährst du heute die Post?" fragte sie» „Dem Jenderzey ist ein Kind gestorben," antwortete Franek, „da hat der Herr mich geschickt. Das ist ein Teuselsspuk, keine Arbeit." „Ist es besser Briefe in der Stadt auszutragen und zu Fuß in die Dörfer zu laufen?" „Laufe ich depn? Ein Hund möchte die Stiefel zerreißen. Wenn man irgend einen Brief nach irgend einem Gutshof tragen muß, so suche ich ein Fuhrwerk. Ist erns da — gut, wenn nicht — so warte ich. Ein Papier ist keine Blume, es wird nicht eintrocknen." „Und wenn es dringend ist?" „Mir ist's nicht dringend." „Habt Ihr viel Briefe fürs Land?" „Ter Teufel hat sie gezählt. Alle bestelle ich ja nicht, nur solche, worauf geschrieben steht: „durch einen Boten", und solches die die Herren sich von der Post nach Haus gegen Rezepisse zustellen lassen." „Zahlt man dir gut für den Weg?" „Mer wo! Manchmal einige Kopeken, und manchmal etwas Grütze. Vorigen Sonntag habe ich dem aus Uscions gesagt, ich sei kein Spatz, daß er mir Grütze hinschütte. Der in Polanowka ist ein guter Edeunann: gestern hat er mir für einen Brief eine» Rubel hingeworfen." „Einen Rubel!" rief Chawe gerührt aus. „Ist doch nach Polanowka keine ganze Meile!" „Sechs Werst. Man hat ein paar Schnäpse hinter die Halsbinde gegossen und dann mtt dem Posthalter Krakehl gehabt. Er drohte mich zu entlassen . . Nu, die Post schon in der Nähe, Inden anssteigen!" Chawe sprang vom Wägelchen» „Bergeli's Gott," sagte sie.